Künstlich, surreal, zauberhaft

Denn Bella Baxter entdeckt ihre Sexualität und lebt sie auch aus – Szenen, die man nicht prüde inszenieren konnte. Also sprach Lanthimos mit Stone und erklärte ihr, was vonnöten war. Sie schreckte aber nicht zurück.

Der Film beginnt farbig, schwenkt dann aber zu Schwarzweiß über. Das bleibt er auch eine ganze Weile, bis er mit dem Beginn von Bellas Emanzipation schließlich vollends Farbe annimmt.

Künstlich wirkt Poor Things da immer noch; der Film ist fast ausschließlich im Studio entstanden und spielt in einer märchenhaften Welt, mit theaterhafter Anmutung. Die Gebäude und Straßenzüge haben etwas Unwirkliches, Künstliches, Surreales. Das korreliert auch wunderbar mit der Hauptfigur, auf die all diese Attribute ebenfalls zutreffen.

Technisch war der Film herausfordernd, nicht nur wegen des Farbwechsels, sondern auch, weil Lanthimos immer wieder Linsen einsetzt, die das Bild verzerren und verkleinern. Auch das macht Poor Things zu einem kunstvollen Film. Er präsentiert Bilder, an denen man sich nicht sattsehen kann, im Exterieur, aber auch den schmuckhaften Interieurs.

Wundervoll sind zudem die Kapiteleinblendungen, die einen neuen erzählerischen Abschnitt einleiten und Bella in fantastischem Umfeld zeigen – beim ersten Mal etwa auf einem monströsen Fisch reitend.

Der Film nutzt Frankenstein als Inspiration, ist aber mehr als das. Es ist eine Geschichte über eine Emanzipation, wie sie im späten 19. Jahrhundert wohl nicht vorkam, hier dafür aber umso freigeistiger zelebriert wird.

Bella frönt ihrer Lust, ohne sich zu schämen

Weil Bella eine Frau ist, die sagt, was sie denkt, damit aneckt und nie Teil der Gesellschaft ist. Aber auch, weil sie ihrer Lust frönt, ohne sich zu schämen. Sie ist eine selbstbestimmte Frau, die letztlich jeden Mann, der sie beherrschen will, hinter sich zurücklässt.

Das macht Poor Things zu einer sehr modernen Geschichte, deren Schlagkraft verborgen ist hinter einer Fassade aus bizarrer und faszinierender schwarzer Komödie, die mit grimmig-philosophischem Unterton erzählt wird. Poor Things ist ein cineastischer Traum, mit dem das Filmjahr 2024 gleich in die Vollen geht.

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 Poor Things: Ein fiebriger Bildersturm
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