'Wir haben eine Menge Scheiß geglaubt'

Eigentlich wäre jetzt die Zeit, das Internet als einen Ausweg zu preisen. Doch Ethan Zuckerman zeigt zunächst, dass auch hier längst nicht alle Versprechen gehalten wurden. Das Internet der neunziger Jahre sollte alte Monopole auflösen, die Privatsphäre schützen und Zensur umgehen. Stattdessen bekamen wir neue Megakonzerne, globale Überwachungsprogramme und personalisierte Werbung als Geschäftsmodell. "Wir haben eine Menge richtig dummen Scheiß geglaubt", sagt Zuckerman unter dem Applaus der Teilnehmer.

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Auch der Autor und Aktivist Micah Sifry fragte im vergangenen Jahr in seinem Buch The Big Disconnect, wieso das Internet bis heute nicht die gewünschten politischen Veränderungen hervorgebracht hat. Sifrys Einschätzung: Auch nach 26 Jahren World Wide Web fehlen noch immer die richtigen Werkzeuge. Aber es gibt Ansätze, die Hoffnung machen.

Das Misstrauen ist der Antrieb für Veränderung

Das glaubt auch Zuckerman und kommt wieder zum Misstrauen zurück. Die Bürger dürften dieses nicht als Anlass zur Resignation nehmen, sondern als Antrieb zur Veränderung. Der Wissenschaftler erwähnt zum einen Initiativen, die Überwachung mit Code entgegnen. Seit den Snowden-Enthüllungen arbeiten mehr Unternehmen und Aktivisten denn je daran, sichere Kommunikation voranzutreiben. Dass es wirkt, zeigen die Reaktionen von Behörden wie dem FBI.

Eine zweite Möglichkeit sind neue Märkte und Normen. Unternehmen wie Tesla und ihre Ideen sind ambitioniert, manche sagen größenwahnsinnig, aber könnten nachhaltig für Veränderung im Energiesektor sorgen. Gleichzeitig sei es die Aufgabe der Medien, neue Normen zu schaffen, etwa in der Berichterstattung über die Polizeigewalt in den USA.

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Eine dritte Möglichkeit, dem Misstrauen entgegenzuwirken ist eine Form des Monitorial Citizenship, eines kontrollierenden Bürgers. Zuckerman verweist auf Open Data-Initiativen wie das italienische Projekt Monithon, das der Verwendung öffentlicher Fördermittel nachgeht. Unter jungen Menschen sei das inzwischen "ein Freizeitspaß", sagt Zuckerman. Er selbst arbeitet am MIT an einem Promise Tracker, der den Versprechen der Politiker nachgeht.

Nicht zuletzt bestehe auch in neuen digitalen Technologien eine Chance auf echte Veränderung: Bitcoin als dezentralisierte Alternative zur Finanzwirtschaft, die sogenannten Mesh-Netzwerke als unabhängiges Internet für immer mehr Menschen.

Neue Plattformen, neue Techniken, neue Souveränität auf dem Weg zu neuem Vertrauen: Natürlich klingt in der Keynote von Ethan Zuckerman einmal mehr der Glaube in die transformative Kraft des Internets durch. Einige seiner Ausführungen bleiben, wie viele andere Präsentationen und Vorträge auf der re:publica, wohl vor allem Wunschdenken.

Doch sie enthalten eine Erkenntnis, die den Großteil der 6.000 Besucher noch bis zum Donnerstag und hoffentlich darüber hinaus antreibt: Im Misstrauen in das System steckt eine Chance. Und Günther Oettinger ist eben nicht das Ende, sondern der Anfang für Veränderung.

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 Politik: Wie wir das Misstrauen lieben lernen
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