Pokémon: Die Magie ist weg
Ein Zugfahrt in die Kalos-Region und schon fühle ich mich für einen Moment wieder 10 Jahre alt. Pokémon-Legenden: Z-A beginnt und plötzlich ist die Erinnerung an die rote und blaue Pokémon-Edition vom Nintendo Game Boy wieder da: dieses Staunen, diese kindliche Aufregung. Für einen Augenblick fühlt es sich an, als wäre die alte Magie zurückgekehrt.
Pokémon-Legenden: Z-A versucht, die goldene Ära der ersten Pokémon-Spiele zu beschwören. Als ich in den ersten Minuten mein Starter-Pokémon wähle, fühlt sich das auch tatsächlich so an. Doch schnell dringt die Realität durch die rosarote Brille: Heute kenne ich die Mechaniken – was einst magisch wirkte, erscheint jetzt banal.
Die Erwartung ist riesig, doch die Realität bleibt ernüchternd blass. Nach kurzer Zeit ist klar, dass vom alten Zauber nur eine nostalgische Hülle und nüchterner Gameplay-Alltag bleiben, aber kaum nachhaltige Faszination entsteht.
Offene Welt ohne offene Atmosphäre
Die prachtvolle Großstadt Illumina City, leider der einzige Schauplatz von Pokémon-Legenden: Z-A, wirkt zunächst beeindruckend. Hochhäuser, Boulevards und Terrassen versprechen urbanes Leben.
Allerdings bleibt die Metropole leblos. Viele Fassaden dienen nur als Kulisse, Türen lassen sich nicht öffnen und es gibt nur eine Art Auto: das Taxi, das sich nie bewegt. NPCs stehen starr an Ort und Stelle und wiederholen stets dieselben Sätze, Interaktion findet kaum statt.
Das Ergebnis ist eine Spielwelt ohne Eigenleben, ohne Überraschungen oder Entdeckungen abseits geskripteter Pfade. Verglichen mit dem 13 Jahre alten Skyrim wirkt Pokémon-Legenden: Z-A wie ein Indiegame eines Solo-Developers.
Immerhin technisch solide
Technisch läuft das Abenteuer immerhin solide: Auf der Switch 1 bleibt es bei 30 fps und dynamischem 1080p, während die neue Switch 2 sogar 60 fps in 4K ermöglicht(öffnet im neuen Fenster) .
Was online besonders schlecht ankommt, sind die lieblosen und monotonen Texturen: Fast alle Häuser wirken flach und besitzen keinerlei Tiefe, selbst Balkone sind nur aufgemalt. Besonders bitter: Der zwölf Jahre alte indirekte Vorgänger Pokémon X/Y auf dem Nintendo 3DS bot bereits "echte" Balkone. Hinzu kommt die extreme Wiederholung der Architektur, nahezu jede Ecke von Illumina City sieht gleich aus.
Weder höhere Auflösung noch stabile Bildraten können über die inhaltliche Leere hinwegtäuschen. Wer in dieser Welt nichts erlebt, hofft wenigstens auf Spannung im Kampf.
Spannung auf Sparflamme
Das Kampfsystem von Pokémon-Legenden: Z-A orientiert sich klar an Legenden: Arceus, ist also nicht mehr streng rundenbasiert, sondern fließender und direkter. Dadurch wirkt es zunächst zugänglicher und dynamischer.
Doch wo früher unerwartete Volltreffer oder plötzlich auftauchende wilde Pokémon zu Nervenkitzel führten, fragt das Spiel heute vorsichtshalber, ob man wirklich kämpfen möchte.
Selbst in der Hauptstory wird nach einem Dialog kein Kampf automatisch gestartet, man muss zunächst bestätigen, dass man kämpfen will. Und das, obwohl das komplette Pokémon-Team an nahezu jeder Stelle immer wieder geheilt wird.
Das nimmt der Erfahrung jede Immersion und jedes Risiko. Eine Ausnahme bildet lediglich die Kampfzone, in der klassische Regeln gelten und Kämpfe ohne Vorwarnung beginnen. Dort zeigt das Spiel kurz, welches Spannungspotenzial eigentlich möglich wäre – bevor es im restlichen Abenteuer wieder in Sicherheitspolster und Komfortmechaniken zurückfällt.
Auch Niederlagen haben kaum Konsequenzen: Verliert man einen Kampf gegen ein Mega-Pokémon, kann man ihn einfach mit vollständig geheiltem Team wiederholen, der Gegner behält sogar den zuvor erlittenen Schaden. Das ist zwar eine optionale Entscheidung, doch das Gefühl, ein Kampf könnte verloren gehen, existiert praktisch nicht mehr.
Sanft zum Sieg geschubst
Stattdessen schützt das Spiel die Spieler vor jeder Schwierigkeit und schubst sie sanft zum Sieg. Die daraus resultierende Langeweile lenkt den Blick auf die Nebenbeschäftigungen.
So wird das Vervollständigen des Pokédex bald spannender als die eigentlichen Kämpfe. Vielleicht können wenigstens Sammeltrieb und Nebenaufgaben noch für Motivation sorgen.
Sammeln statt Abenteuer
Tatsächlich entpuppt sich das Füllen des Pokédex als eine der wenigen verbleibenden Motivationsquellen. Wie beim Vorgänger belohnt das Spiel das Fangen und Dokumentieren jeder Spezies mit kleinen Erfolgen und Boni. Vor allem durch das Abschließen von Einträgen erhält man hier die besten TMs, Items, mit denen sich den Pokémon neue Attacken beibringen lassen.
Wenig erfreulich ist hingegen die DLC-Politik: Schon im Februar soll ein Zusatzpaket für rund 30 Euro erscheinen, was bei vielen Fans Unmut erregt.
Auch eine fragwürdige Designentscheidung führt zu Kopfschütteln: Die Story wirft die Spielfigur abrupt von Rang V auf Rang F und bürdet ihr Schulden beim zwielichtigen Corrosio-Clan auf – eine Wendung, die eher an einen Steuerberater-Simulator als an ein Abenteuer erinnert. Bleibt also nur noch die Story als letzte Hoffnung.
Wenn das Wunder fehlt
Die Handlung von Pokémon-Legenden: Z-A ist eine Ansammlung von Aufgaben, aber kein fesselndes Epos. Früher retteten wir Raum und Zeit vor Dialga und Palkia oder enttarnten ein dimensionenerschütterndes Komplott, diesmal drehen sich viele Kapitel um Kleinkram in Illumina City.
Zwar gibt es Antagonisten und eine neue Bedrohung durch unkontrollierte Mega-Entwicklungen, doch echte Spannung oder emotionale Höhepunkte bleiben aus. Zu viele wiederkehrende Aufgaben unterbrechen den Spielfluss: Rangkämpfe, Mega-Pokémon und Routinequests wiederholen sich, erst gegen Ende entfaltet sich eine wirkliche Handlung.
Wie in allen bisherigen Hauptspielen der Reihe gibt es auch in Pokémon-Legenden: Z-A keine Sprachausgabe. Das mag Tradition haben, doch im Jahr 2025 wirkt es eher wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten.
Ironischerweise war es ausgerechnet Pokémon Stadium von 2000, ein Spin-off der Hauptreihe, das als eines der ersten Spiele der Serie kommentierte Kämpfe bot, also vor über 25 Jahren. In den Haupttiteln herrscht seit jeher Stille.
Während moderne Rollenspiele längst auf professionelle Vertonung setzen, bleiben Dialoge in Z-A stumm. Figuren bewegen die Lippen, doch kein Ton erklingt.
Dabei wäre das Potenzial da: Der Pokémon-Anime verfügt seit Jahrzehnten über erfahrene deutsche Synchronsprecher, die den Charakteren auch im Spiel endlich Leben einhauchen könnten.

Auch die Spielwelt trägt wenig zur Immersion bei: Für ein Open-World-Spiel ist sie überraschend kompakt. Von einem Ende der Karte zum anderen läuft man kaum zwei Minuten. Was als weitläufiges Abenteuer inszeniert wird, entpuppt sich als Kulisse, die größer wirkt, als sie ist.
So entsteht kein Gefühl von Entdeckung oder Weite, sondern von Begrenzung. Das erzählerische Vakuum prägt das Spielerlebnis und so bleibt am Ende die Frage: Was ist vom einstigen Zauber eigentlich übrig?
Wenn Game Freak endlich zuhört
So schwach manche Systeme und Designentscheidungen wirken, ganz ohne Lichtblicke ist Pokémon-Legenden: Z-A nicht. Zwischen flachen Dialogen, leeren Straßen und vorhersehbaren Kämpfen finden sich auch Momente, in denen das Spiel zeigt, dass es die Wünsche der Community verstanden hat. Gerade dort, wo Fans seit Jahren nach Verbesserungen verlangten, liefert Game Freak diesmal spürbar mehr Substanz.
Besonders die Rückkehr der Mega-Entwicklungen kann als echter Höhepunkt gelten. Nie zuvor gab es so viele verschiedene Mega-Pokémon in einem Spiel, mehr als in jeder vorherigen Generation. Viele Fanlieblinge feiern ihr Comeback, mit überarbeiteten Animationen und verbesserten Movesets.
Dadurch entstehen zumindest punktuell spannendere und taktischere Kämpfe, die Erinnerungen an die Ära von Pokémon X und Y wecken. Durch diese Vielfalt erzeugen selbst Routinegefechte wieder ein gewisses Kribbeln.
Das System ist nicht perfekt ausbalanciert, aber es zeigt, dass die Entwickler verstanden haben, was ihre Community vermisst hat, und an dieser Stelle liefert Pokémon-Legenden: Z-A tatsächlich ab.
Für viele eingefleischte Fans mag das schon reichen, um den Funken Nostalgie neu zu entfachen. Doch wer mehr Tiefe oder aktuelle Grafik erwartet, wird enttäuscht zurückgelassen.
Fazit
Dass Pokémon trotz alledem wirtschaftlich erfolgreich ist, wirkt paradox. Als Marke steht das Franchise so stark da wie nie: Über 113 Milliarden US-Dollar Gesamtumsatz machen Pokémon zum erfolgreichsten Medienfranchise der Welt(öffnet im neuen Fenster) – ein Großteil davon entfällt auf Lizenzartikel von Sammelkarten bis zu Stofftieren.
Auch das neue Legends Z-A verkauft sich blendend: 5,8 Millionen Spiele wurden in der ersten Woche abgesetzt(öffnet im neuen Fenster) . Doch kreativer Stillstand ist der Preis dieses Erfolgs. Das Entwicklerstudio Game Freak scheint sich auf der Nostalgie und etablierten Formeln auszuruhen, statt mutig Neuerungen zu wagen.
Die emotionale Verbindung geht dabei verloren. Pokémon funktioniert kommerziell hervorragend, aber es berührt nicht mehr wie einst. Solange jeder Serienteil ein Hit bleibt, fehlt der Anreiz für Experimente, das Abenteuer verkommt zur Routine. Die größte Herausforderung für die Serie ist daher kein übermächtiges Taschenmonster im Spiel, sondern die Selbstzufriedenheit des eigenen Erfolgs.
IMHO ist der Kommentar von Golem. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).
Oliver Jessner(öffnet im neuen Fenster) bringt 15 Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung und Unternehmertum mit und schreibt über Wirtschaft, New Work, Startups und KI.
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