Pluribus auf Apple TV: Die nächste großartige Vince-Gilligan-Serie
Bei dem Namen Vince Gilligan denken heute viele an Breaking Bad und Better Call Saul. Der Autor und Regisseur begann seine Karriere jedoch bei Akte X, er hat über 30 Drehbücher für die Sci-Fi-Serie geschrieben. Die hoben sich in der Regel von den Geschichten anderer Autoren ab, weil sie ungewöhnlicher, schräger, eigentümlicher, auch absurder waren – oft mit einer Form von Humor, die man in der Serie sonst eher nicht antraf.
Mit seiner neuen Sci-Fi-Serie Pluribus hat Gilligan wieder etwas Eigentümliches – und wahrscheinlich Grandioses – geschaffen.
Die ersten beiden Folgen der Apple-TV-Serie, von der direkt zwei Staffeln bestellt wurden, debütierten am 7. November. In ihnen entwickelt sich eine hochgradig ungewöhnliche und vor allem phantasievolle Geschichte, die nicht erahnen lässt, wie sie sich weiter entwickelt.
Endlich glücklich
Carol (gespielt von Rhea Seehorn, der Kim aus Better Call Saul) ist eine erfolgreiche Schriftstellerin und kommt mit ihrer Freundin und Agentin Helen von einer Lesereise zurück, als ein weltweites Phänomen zu greifen beginnt. Alle Menschen beginnen zu zittern – nur Carol ist davon nicht betroffen.
Sie versucht, Hilfe für Helen zu finden, aber auch dem Krankenhauspersonal geht es schlecht – bis sich plötzlich wieder alle bewegen, als wäre nichts geschehen. Helen jedoch stirbt, woraufhin sich Menschen um Carol versammeln. Auf ihre Frage, was denn los sei, antworten sie im Chor: "Wir wollen dir nur helfen, Carol."
Carol flieht nach Hause, im Fernsehen gibt es eine Nachricht speziell für sie, und dann ein Gespräch mit einem Minister. Alle auf der Welt sind nun eins, sind glücklich, sind mit sich im Reinen. Es gibt keine Gewalt, keinen Krieg, keinen Hunger, kein Leid mehr.
Nur einer Handvoll Menschen geht das nicht so, unter anderem Carol. Wieso das so ist, weiß niemand – und Carol will sich damit nicht abfinden. Sie hat genug Invasionsfilme gesehen, um zu wissen, dass das nicht gut enden kann. Aber was kann sie tun?
Ein Countdown für die Menschheit
Tatsächlich erinnert die Grundgeschichte an Invasionsfilme gängiger Art – schon am Anfang, als Wissenschaftler ein außerirdisches Signal orten, gegen das das Wow!-Signal(öffnet im neuen Fenster) harmlos ist.
Hier beginnt ein Countdown von 439 Tagen und damit die Veränderung der Menschheit. Man kennt das aus Filmen wie Die Körperfresser kommen.
Was spricht gegen allumfassende Glückseligkeit?
Die Individualität geht flöten, alle sind eins. Das ist in "Die Körperfresser kommen" eine Vision des Grauens, bei Pluribus steht zumindest ein Fragezeichen: Ist die Welt denn nun besser, führen ein bisschen weniger Individualität und das absolute Wir-Gefühl zu Harmonie?
Carol sieht das anders: Sie sieht darin das Ende der Menschheit gekommen. Zum Teil möchte man ihr beipflichten, weil wir alle diese Filme kennen, in denen es auch so kommt.
Damit rechnet Vince Gilligan. Er baut sogar darauf, dass man sofort Körperfresser vor sich sieht, die jegliche Individualität töten. Doch bei den Menschen hier scheint es anders zu sein: Sie sind unterscheidbar, handeln aber im Dienste eines Kollektivs. Es könnte das Beste beider Welten sein.
Diese neuen Menschen wertschätzen das Leben: Sie töten nicht, sie verletzen nicht, weder Mensch noch Tier. Sind diese Menschen das Ideal dessen, was unsere Spezies sein könnte? Vielleicht.
Das ist das Geniale an Pluribus: Die Serie lullt das Publikum ein und bietet gute Gründe, warum man nicht unbedingt mit Carol sympathisiert. In den ersten zwei Folgen, die beide von Gilligan selbst geschrieben und inszeniert wurden, gibt es auch keinerlei Hinweis darauf, dass es anders ist, als es scheint. Und doch hat man als Zuschauer Zweifel.
Nicht nur, weil bei der Übernahme weltweit Hunderte Millionen starben, durch Unfälle und Ähnliches. Wo gehobelt wird, fallen Späne, sagt Carol an einer Stelle. Und das Publikum kann sich fragen, ob das eben der Preis ist, der für den Weltfrieden bezahlt werden muss.
Pluribus ist faszinierend. Es ist, als habe Gilligan eine Idee genommen, die früher für eine Folge Akte X gereicht hätte, die er nun aber in all ihren Konsequenzen ausloten kann. Dass die Zuschauer dabei keine Ahnung haben, wohin sich das Ganze entwickeln könnte, ist eine Rarität im heutigen Film- und Seriengeschäft.
Kann Gilligan das Niveau halten?
Sicher: Bei erfahrenen Serienguckern stellt sich sofort das nagende Gefühl der Ungewissheit ein, ob Gilligan das über mindestens zwei Staffeln und 18 Folgen aufrechterhalten kann. Nimmt man die ersten zwei Folgen als Indiz, wird er das können.
Gilligan denkt weit außerhalb bekannter Parameter und zieht seine Geschichte so, dass man ständig hin- und hergerissen ist und sich fragt: Würde man wie Carol reagieren? Würde man in den Widerstand gehen – oder sich eher danach sehnen, sich dieser Einigkeit anschließen zu können?
Die Antworten auf diese Fragen werden sich – vielleicht – in den nächsten sieben Wochen ergeben. Die neuen Folgen erscheinen jeweils wöchentlich. Eines ist aber klar: Der Schöpfer von Breaking Bad und Better Call Saul hat erneut eine ganz große Serie entwickelt, die das ohnehin schon eindrucksvolle Sci-Fi-Portfolio von Apple TV noch weiter stärkt.
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