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Playstation VR im Test: Echtes Kabelchaos und sehr viel virtueller Spaß

Das Virtual-Reality-Headset wird gesellschaftsfähig: Ab sofort können Konsolenspieler mit Playstation VR in künstliche Welten eintauchen. Das fertige System macht viel Spaß – nur über eine Sache haben wir uns geärgert.
/ Peter Steinlechner
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Playstation VR im Einsatz (Bild: Katja Höhne/Golem.de)
Playstation VR im Einsatz Bild: Katja Höhne/Golem.de

Wir tauchen in die Tiefsee hinab – mitten in unserem Wohnzimmer. Immer tiefer geht es hinein ins Dunkle. Irgendwann schwimmen wunderschöne Leuchtquallen um uns herum, und dann greift ein Hai an. Klar: Das passiert nicht in echt, sondern in der virtuellen Realität. Die Tauchszene ist eine Art Demo, die Sony seinem Virtual-Reality-Headset Playstation VR beilegt. Zum Beeindrucken der Nachbarn und der Verwandtschaft ist Deep Dive bestens geeignet, und wir könnten noch zahlreiche ähnlich imposante VR-Erfahrungen auflisten.

Playstation VR ausprobiert
Playstation VR ausprobiert (02:24)

Bevor die virtuelle Realität in den Wohnzimmern dieser Welt beginnt, ist allerdings erst die Installation von Playstation VR nötig. So komplex wie bei Oculus Rift und HTC Vive ist das nicht, aber auch erfahrene Konsoleros dürften sich ohne das Handbuch mit der korrekten Verkabelung und dem Anschluss an die Playstation 4 schwertun. Die Datenströme müssen schließlich von der Konsole über die Set-Top-Box und von dort zum Monitor und gleichzeitig zum VR-Headset geleitet werden.

Die Set-Top-Box sieht aus wie eine Mini-Playstation, die zudem über ein (kleines) externes Netzteil verfügt. An ihr befinden sich gleich vier Anschlüsse: ein dicker Strang mit zwei proprietären Steckern, der zum eigentlichen Headset führt, und zwei HDMI-Anschlüsse, die mit der Konsole und zum Monitor verbunden sind. Wer das grundsätzlich verstanden hat, kann nicht mehr viel falsch machen. Die korrekten Verbindungen werden lustigerweise durch die vier kleinen Playstation-Symbole gekennzeichnet.


Außerdem muss eine Playstation-Kamera an das Gesamtsystem angeschlossen werden. Sie sollte sich idealerweise in einem Abstand von 1,5 bis 3,5 Metern vom Anwender befinden. Mit ihr wird die Position des Headsets über die markanten blauen Leuchtdioden erfasst und somit auch das Tracking, und auch die Position des Gamepads erkennt sie. Um das Gesamtsystem neu zu kalibrieren, muss der Spieler übrigens bei den meisten Titeln die "Optionen"-Taste am Gamepad drücken. Je nach Spiel dauert die Zentrierung dann nur Sekunden, manchmal sind ein paar Menüs zu bestätigen, schnell geht es aber immer.

Sony weist selbst darauf hin, dass spiegelnde Oberflächen oder andere Lichter das System verwirren können. Außerdem ist der Sichtbereich der Kamera natürlich etwas beschränkt. Uns ist es ein paarmal passiert, dass wir im Eifer des Gefechts aus ihrem Sichtbereich geraten sind, was das System mit der Forderung nach einer Neupositionierung und Kalibrierung verbindet. Sobald man das aber erst einmal kapiert hat, stört es nicht weiter – wir finden die simple, aber alltagstaugliche Lösung mit der Kamera gut, allerdings funktioniert sie vor allem beim Sitzen, wofür allerdings fast alle Spiele für SP VR ausgelegt sind.

Etwas gestört fühlen wir uns durch die vielen Kabel. Je nach Zählweise (gebündelt/ungebündelt) hängen rund zehn Strippen an dem System, das längste ist der dicke Kabelstrang zum Headset selbst, an dem sich außerdem ein kleiner weißer Ein-, Aus- und Lautstärkeschalter befindet. Beim Ab- und Aufbau des Systems muss man immerhin die Splitterbox mit ihren Kabeln nicht jedesmal wieder an- und abstöpseln. Sie kann angeschlossen bleiben, weil sie das TV-Signal durchschleift und sich selbsttätig ein- und ausschaltet.

Gute Grafik und viel Komfort

Besonders neugierig waren wir vor dem Test, wie sich Playstation VR bei der Grafik im Vergleich zu den Konkurrenten Oculus Rift und HTC Vive schlagen wird. Um es kurz zu sagen: sehr gut! Zwar verwendet das System von Sony eine etwas geringere Auflösung, nämlich insgesamt 1.920 x 1.080 Pixel, während bei den Konkurrenten 2.160 x 1.200 Pixel zum Einsatz kommen. Dafür verwendet PS VR eine Bildwiederholfrequenz von (hochskalierten) 120 Hz, während es bei den PC-Geräten "nur" 90 Hz sind. Die Sichtweite von Vive liegt bei 110 Grad, die von Rift und PS VR bei 100 Grad – praktisch macht das aber kaum einen Unterschied.

Playstation VR – Trailer (Spiele)
Playstation VR – Trailer (Spiele) (01:43)

Viel entscheidender finden wir, dass bei PS VR die einzelnen Pixel weniger sichtbar sind als bei Oculus Rift und Vive. Beim Spielen ist das zwar bei allen drei Geräten schnell vergessen, aber wer eine Pause macht und den Blick auf das Display fokussiert, sieht den Unterschied recht deutlich.

Dann ist gut zu erkennen, dass die Pentile-Matrix des Rifts etwa aus lauter kleinen Bildpunkten besteht, während Playstation VR eher eine etwas grobe, aber eben nahezu durchgehende Fläche hat – fast wie Mattlack sieht das aus. Grund: Bei dem Sony-Gerät besteht jedes Pixel aus drei gleichmäßig verteilten Subpixeln, also einer klassischen RGB-Matrix.

Noch ein anderer Punkt ist für den Gebrauch im Alltag entscheidend: der Tragekomfort. Der Aufbau der drei Geräte unterscheidet sich deutlich, bei Playstation 4 verteilt sich das Gewicht über die fast ringförmige Halterung sehr gut über den gesamten Kopf. Das OLED-Display ist hängend ausgeführt und kommt mit dem Gesicht kaum richtig in Kontakt. Im Ergebnis trägt sich PS VR sehr viel angenehmer als die beiden Konkurrenten – und das, obwohl es mit 610 Gramm rund 10 Gramm schwerer als Vive und sogar 140 Gramm schwerer als das Rift ist.

Trotzdem haben wir bei Playstation VR eben nicht die typischen VR-Druckstellen im Gesicht, wenn wir mal länger als ein paar Minuten daddeln. Noch angenehmer finden wir, dass es nicht zum Hitzestau wie beim Oculus Rift kommt – gerade im Sommer dürfte das ein richtig großer Vorteil sein, aber auch so ist der Unterschied spürbar.

Playstation VR hat keine integrierten Lautsprecher oder Kopfhörer. Stattdessen liefert Sony zwei eher billig wirkende Minikopfhörer mit, die über einen gewöhnlichen Klinkenstecker am Ein-/Aus-Schalter mit dem System verbunden sind. Wer Wert auf Klang legt, hat hier ein Problem: Dicke Kopfhörer lassen sich mit dem Headset zusammen kaum tragen. Wir haben beim Test ehrlich gesagt die Kopfhörer nach einer halben Stunde in die Ecke gepfeffert und nur die im TV verbauten Lautsprecher verwendet. VR-Puristen mögen das doof finden, uns hat dieses Maß an Immersion gefallen und vermutlich werden wir das auch künftig so handhaben – zumal wir so etwas besser mitbekommen, was um uns herum noch so in der Wohnung geschieht.

Verfügbarkeit und Fazit

Playstation VR kostet rund 400 Euro, außerdem ist zwingend eine Playstation-Kamera für rund 60 Euro nötig – hier kann es aber auch das etwas ältere, eckige Modell sein. Derzeit ist die Liefersituation von PS VR extrem angespannt, im regulären Handel ist das Gerät zum normalen Preis nur mit sehr viel Glück zu bekommen.

Playstation VR – Trailer (technische Details)
Playstation VR – Trailer (technische Details) (01:07)

Nur der Vollständigkeit halber erwähnen wir hier, dass natürlich auch eine Playstation 4 für 300 Euro benötigt wird – womit der Endpreis bei ziemlich genau 760 Euro insgesamt liegt. Die Move-Controller für 80 Euro sind nur bei einigen Spielen nötig, und selbst die lassen sich auch mit dem normalen Gamepad bedienen. Abzuwarten bleibt auch, was die ab dem 10. November 2016 erhältliche schnellere Playstation 4 Pro bei VR-Games an Vorteilen bringt.


Bei unserem Test konnten wir Playstation VR mit fast allen derzeit erhältlichen Spielen ausprobieren. In den nächsten Tagen werden wir die interessantesten in einem separaten Artikel noch ausführlich vorstellen.

Fazit

Mit Playstation VR dürfte die virtuelle Realität nun tatsächlich ins Wohnzimmer einziehen. Sony hat mit seinem Headset sehr viel richtig gemacht. Grafik und Tracking sind zwar ein kleines bisschen weniger gut als bei Oculus Rift und HTC Vive, aber im Spielealltag sind diese Unterschiede nicht zu spüren. Schon nach kurzer Zeit ist das angenehme Tragegefühl wichtiger, ebenso wie die unkomplizierte Handhabung – beim Start von Spielen, aber auch beim Auf- und Absetzen des Geräts. Auch Druckstellen und Hitzestau gibt es bei Playstation VR so gut wie gar nicht.

Nur über den Kabelsalat im Spielezimmer fluchen wir ganz schön, wobei es ja zumindest sinnvoll ist, dass die Kabel eher zu lang als zu kurz sind. Wer allerdings PS VR nicht im Dauerbetrieb an seiner Playstation 4 zu hängen hat, sondern immer wieder abbaut, wird sich über das viele Herumgestöpsel ärgern.

Was jetzt noch fehlt, sind langfristig motivierende AAA-Spiele. Die verfügbaren Demos und Games sind nett bis richtig gut, eine Killerapplikation ist bislang aber noch nicht in Sicht. Falls Playstation VR die erwartete Verbreitung findet, dürften aber immerhin die Chancen steigen, dass es früher oder später echte Blockbuster für die virtuelle Realität gibt.


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