Playstation Classic im Test: Sony schlampt, aber Rettung naht

Golem retro_ nimmt Spieleklassiker ernst. Wir untersuchen einflussreiche, wichtige oder einfach immer noch sehr gute Retrospiele. Die Nähe zu gigantischen Pixeln und quiekigen Midiklängen ist uns dabei genauso wichtig wie eine Auseinandersetzung mit den Spielmechaniken.

Wie immer wollen wir auf Wünsche aus der Community eingehen und die Spielepixel zeigen, die unsere Leser am liebsten sehen würden. Dafür bitten wir um reichlich Feedback in den Kommentaren, in denen auch ausdrücklich Spielevorschläge erwünscht sind. Natürlich lesen wir auch gerne Erlebnisse, die unseren Lesern mit dem jeweils besprochenen Titel in Erinnerung geblieben sind.
Übersicht von Golem retro_ Staffel 5 (2018)
Folge 1 Spezial: Analogue Super Nt im Test
Folge 2: Need for Speed 3: Hot Pursuit (1998)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3 Spezial: Playstation Classic im Vergleichstest
Folge 4: 3. Advent
Folge 5: 4. Advent
Übersicht von Golem retro_ Staffel 4 (2017)
Folge 1: The Legend of Zelda (1986 und 1995)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2 Spezial: SNES Classic Mini im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Blade Runner (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: King's Field 1 (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: Age of Empires (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 6 Spezial: xRGB Mini alias Framemeister(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 3 (2016)
Folge 1 Spezial: NES Classic Mini im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Quake (1996)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Super Mario Bros. (1985)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: Syndicate (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: (Jack) Alone in the Dark (1992)(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 2 (2015)
Folge 1: Super Metroid (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Anno 1602 (1998)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Star Wars Jedi Knight (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: The Secret of Monkey Island (1990)(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 1 (2014)
Folge 1: Star Wars: X-Wing (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Sid Meier's Colonization (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Ultima Underworld (1992)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: Rock n' Roll Racing (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: Day of the Tentacle (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 6: Speedball 2 Brutal Deluxe (1990)(öffnet im neuen Fenster)
Sprechtext des Videos als Fließtext

Prolog
Sony revolutionierte 1994 mit der Playstation den Konsolenmarkt. Polygonale 3D-Grafik bei bis zu 60 Bildern pro Sekunde, vertraute Helden aus bis dato ungesehenen Winkeln, gerenderte Videos als Intros und Zwischensequenzen im Überfluss und zahlreiche innovative Spiele, die die Hardware ausreizten. Im Vergleich mit der Konkurrenz glänzte Sony mit moderner Technik.
2018 schafft das Unternehmen kein solches Kunststück, ganz im Gegenteil: Die Playstation Classic ist auf derart vielen Ebenen inadäquat, dass sich Retrospieler die Haare raufen.
Schöne Hülle
Die Minikonsole startet mit dem satten Sound aus den Neunzigern. Darauf erscheint die von Sony getroffene Auswahl an Spielen, 20 an der Zahl, darunter Klassiker wie Metal Gear Solid, Tekken 3 oder Final Fantasy 7. Warum sich auch Rainbow Six oder Cool Boarders in der Kollektion befinden, ist kaum nachvollziehbar. Sony hat vermutlich aus Lizenzgründen auf einige große Spiele wie Tomb Raider und Gran Turismo verzichten müssen und hat sie durch günstigere Titel ersetzt.
Die Hardware der Playstation Classic basiert auf zeitgemäßen Komponenten: einem Mediatek SoC, das auf einem ARM-Cortex-A35-Quad-Core und integrierter PowerVR-GPU basiert. An deren Seite verrichten 1 GByte Arbeitsspeicher und 16 GByte Flashspeicher ihren Dienst.













Das alles ist verbaut in einem durchaus optisch ansprechenden kleinen Plastikgehäuse mit drei Knöpfen und zwei USB-Buchsen an der Front für die zwei mitgelieferten Controller. Die Eingabegeräte basieren auf Sonys erstem Design, bieten also weder Rumble-Funktion noch Analogsticks. Die Kabel sind mit einer Länge von etwas über einem Meter recht kurz.
Immerhin hat das simple Controllerdesign einen entscheidenden Vorteil: die Zugänglichkeit. Gelegenheitsspieler lassen sich von der alten Form ohne Analogsticks nicht abschrecken. Natürlich steuern sich Ridge Racer, Metal Gear Solid und vor allem Shooter wie Rainbow Six deutlich besser mit Analogsticks. Einige entscheidende Spielmomente in Metal Gear Solid setzen sogar die Rumble-Funktion voraus. Das simple Design hat aber auch einen einladenden Charme, der ideal für die Knobel- und Kampfspiele auf der Playstation Classic ist.
Strom gelangt über ein mitgeliefertes Micro-USB-Kabel an die Playstation Classic, sie begnügt sich mit knapp über 2 Watt. Ein passendes Netzteil ist nicht beigelegt. Bild und Ton werden über HDMI ohne HDCP-Verschlüsselung übertragen. Haptik und Verarbeitung überzeugen uns im Test, hier liefert Sony das niedliche, ikonische Gerät, das wir erwartet haben.
Bei der Emulation geschludert

Das Hauptproblem liegt also nicht bei der Hardware, sondern auf Seiten der Software. Sony setzt auf Open-Source-Emulation, um genau zu sein: eine Version von PCSX ReARMed. Die spielt zwar alle vorinstallierten Titel ab, tut dies allerdings nicht originalgetreu.
Für unseren Vergleichstest nutzen wir eine Original-Playstation mit Modchip, angeschlossen über RGB an dem XRGB Mini alias Framemeister.
So finden wir im Vergleich mit der Originalhardware häufig Grafik- und Soundfehler. In Ridge Racer 4 ist der Hall-Effekt beim Driften oder Überholen von Gegnern übersteuert. Farbübergänge zeigen starkes Banding und die Bildrate stockt und stottert noch häufiger als in den sowieso nicht immer flüssig laufenden Originalen. Komplette Aussetzer beim Soundmodul und je nach Spiel mehr oder weniger Eingabeverzögerung komplettieren das insgesamt ungenügende Gesamtbild der Emulationsqualität.
Dass das 2018 nicht so sein muss, beweisen die modernen Emulatoren am PC oder Raspberry Pi. Der aktuelle Retro Pi stellt selbst Problemfälle wie Ridge Racer 4 oder Battle Arena Toshinden entweder nahezu identisch mit der Originalversion oder sogar besser dar. Der Hardware-Core von Beetle PSX ermöglicht bei vielen Titeln die Videoausgabe in 16:9 mit skalierten Texturen ohne Warp-Effekt.
Die maximale Bildauflösung der Playstation Classic liegt bei 720p, also der dreifachen nativen Auflösung der meisten Playstation-Spiele mit 240p. Das Bild hat eine ausreichend gute Schärfe, kann aber auch in diesem Punkt nicht mit der Originalhardware angeschlossen über RGB am externen Scaler mithalten. Zudem bietet die Konsole keinerlei Konfigurationsmöglichkeiten. Sony hat nicht einmal an einen simplen Scanline-Filter gedacht, der den Look eines Röhrenfernsehers nachahmt.
Ein weiteres großes Ärgernis ist die Integration von neun PAL-Versionen. Der PAL-TV-Standard hat Spielern schon in den Neunzigern einigen Spielspaß genommen, sofern die Entwickler keine aufwendigen Anpassungen vornahmen: Spiele liefen 17 Prozent langsamer, häufig war auch der Bildaspekt negativ beeinflusst. Tekken 3 oder Battle Arena Toshinden sind zum Beispiel zwei der neun PAL-Fassungen auf der Classic. Beide laufen spürbar langsamer als die Originalversionen, wie man an der Ohrfeigen-Animation hier gut sehen kann.













Puristen könnten zwar argumentieren: "Tja, so war das eben in den Neunzigern, da gab es diese schlechteren PAL-Versionen." Wir finden die schlampige Auswahl aber frech.
Kein Grund für Farbbänder
Insgesamt gut gelungen ist das Speichersystem. Jeder Titel hat eine dedizierte virtuelle Speicherkarte. Hier können Spieler klassisch sichern. Um zwischen den Spielen zu wechseln, ist nur ein Druck auf die Reset-Taste erforderlich. Darauf wird der Zwischenspeicher ausgelesen und als weiterer Snapshot-Save gesichert. Jeweils ein solcher Speichervorgang ist für jedes Spiel verfügbar. Besonders nützlich ist das zum Beispiel für Resident Evil, sobald die Farbbänder rar werden oder bei Rollenspielen wie Wild Arms 3 oder Final Fantasy 7, wenn ein manueller Speicherpunkt weit entfernt liegt.
Leider hat auch Sony wie Nintendo nicht an eine Kombination aus Knöpfen gedacht, um ohne den Druck auf die Reset-Taste ins Hauptmenü der Konsolen zu gelangen.
Escape zur Rettung
An sich lässt auch der verwendete Open-Source-Emulator PCSX ReARMed einige Konfigurationen zu. Sony nutzt sie schlicht nicht. Rettung naht erneut aus der Hobby-Programmierer-Szene. Das Menü des Emulators wurde bereits kurz nach dem Verkaufsstart ausfindig gemacht. Ein paar wenige Tastaturen öffnen wegen ihres Strombedarfs, angeschlossen an die Playstation Mini, über den Druck auf die Escape-Taste erweiterte Optionen.
Wir konnten das im Test mit einer K70 von Corsair ausprobieren und bestätigen: Scanlines, weitere Speicherstände oder die Beeinflussung der Bildrate sind über dieses Menü bequem einstellbar. Die Scanlines werden bei 720p leider nicht korrekt ausgegeben, aber alle PAL-Versionen laufen im NTSC-Standard mit der korrekten Geschwindigkeit. Bei GTA erhöht sich dadurch zum Beispiel auch die Bildrate von unspielbaren 17 auf zumindest originalgetreue 20 Bilder pro Sekunde.
Mit viel externer Arbeit könnte so aus der kleinen Playstation künftig doch noch das Retroprodukt werden, das sich Spieler eigentlich direkt von Sony gewünscht haben.



