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Pixars Inside Out im Dolby Cinema: Was blenden soll, blendet auch

Beeindruckende Schwarzwerte, kräftige Farben und Dolby Atmos : Das zweite Dolby Cinema in Europa ist in Hilversum eröffnet worden. Wir haben uns Pixars neuen Animationsfilm Inside Out (Alles steht Kopf) unter Idealbedingungen in einem beeindruckenden Kino angesehen.
/ Andreas Sebayang
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Nur zwei Dolby Cinemas gibt es in Europa. Eines davon steht nahe Amsterdam in Hilversum, Niederlande. (Bild: Andreas Sebayang/Golem.de)
Nur zwei Dolby Cinemas gibt es in Europa. Eines davon steht nahe Amsterdam in Hilversum, Niederlande. Bild: Andreas Sebayang/Golem.de

Die nächste Generation des Kinos steht an und Dolby will mit aller Marktmacht diese Generation bestimmen. Dolby Cinema(öffnet im neuen Fenster) heißt das Projekt. Es besteht aus den Komponenten Dolby Vision(öffnet im neuen Fenster) für hohe Kontraste, Dynamikumfänge und starke Farben, dem objektbasierten Soundsystem Dolby Atmos, das es seit einigen Jahren in zahlreichen Kinosälen und deutlich abgespeckt auch als Heimvariante gibt , sowie einigen baulichen Vorgaben. Es ist ein neuer Ansatz, denn Dolby bestimmt in Teilen selbst, wie das Kino auszusehen hat. Die Einzelkomponenten sind teils nur für Kinos verfügbar, die sich darauf einlassen. Wir konnten uns in Hilversum in den Niederlanden in einem von zwei Referenzkinos in Europa von den Fähigkeiten des Systems überzeugen und haben einige Besonderheiten entdeckt.

Dieses besondere Kinoformat kommt zu Zeiten, in denen die Technik nur noch einzeln im Vordergrund steht. Die Kinos setzen auf 3D-Vorstellungen und versuchen so, gut Kasse zu machen, mitunter mit viel zu dunklen Projektoren. Das Soundsystem hat ein wenig an Bedeutung verloren, da sich bis zur Vorstellung von Dolby Atmos lange kaum etwas in dem Bereich getan hat. Die digitale Projektion ist bei großen Kinos zudem mittlerweile Standard, sei es als 2K- oder 4K-Projektion in großen Sälen. Da ist also viel Raum für die Kinos, an der einen oder anderen Stelle Kompromisse zu machen. Genau die soll es mit Dolby Cinema aber nicht geben.

Dolby arbeitet mit der Kinokette JT Bioscoop(öffnet im neuen Fenster) zusammen, die zwei Säle nach Dolbys Vorgaben umgebaut hat. Seit 2014 gibt es das Dolby Cinema im niederländischen Eindhoven, seit kurzem nun auch das in Hilversum. Das Kino in Eindhoven wurde kürzlich noch einmal modernisiert. Es wurden Dolby-Vision-Projektoren von Christie eingebaut.

Ausgestattet ist jeweils ein Topsaal des Kinos. Es gibt also in Europa nur zwei öffentlich zugängliche Dolby-Cinema-Kinosäle - und beide stehen in den Niederlanden. Aus einigen Verlautbarungen ging hervor, dass Dolby sehr eng mit JT zusammenarbeitet. Finanzielle und vertragliche Details nannten beide Partner nicht, aber für Dolby dürfte es sehr interessant sein, in Europa schon einige Vorzeigeinstallationen zu haben. In den USA gibt es aufgrund der Zusammenarbeit mit der Kinokette AMC zusätzlich noch fünf Säle.

Hohe Anforderungen an Kinobetreiber und schmerzhafte Preise

Mit Dolby Cinema versucht Dolby, seine Marke zu stärken. Von den Kinos, die einen Dolby-Saal haben wollen, verlangt das Unternehmen einiges. Fast die gesamte Ausrüstung und selbst bauliche Beschaffenheiten bestimmt mindestens in Grundzügen Dolby. Sowohl der Kinobetreiber JT als auch Dolby deuteten an, dass der Aufwand enorm sei.

Das Kinoerlebnis soll schon am Eingang beginnen. Dort befindet sich ein großes Dolby-Cinema-Schild, im Tunnel zum Saal wird der Besucher mit einer speziellen Wand-Projektion auf den zu erwartenden Kinofilm eingestimmt, und der Saal fällt durch Dolby-blaue Treppenbeleuchtung und viel Schwarz auf.

Hier deutet sich bereits an, dass die Grundanforderungen für das Dolby-Cinema-Logo hoch sind. Höher als noch zu Zeiten, als Kinobetreiber aktiv mit dem THX-Logo geworben haben. Die Möglichkeit eines Umbaus ist für einen Kinobetreiber wegen der Grundanforderungen an den Saal eingeschränkt. Eine gewisse Mindesthöhe, die von der Zahl der Sitzplätze abhängt, ist notwendig, um steil ansteigende Sitzreihen zu ermöglichen. Viele alte Säle bieten diese Möglichkeit schon rein baulich nicht. Dennoch: Einen Neubau hat es bisher nicht gegeben, alle sieben Dolby-Cinema-Säle sind Retrofit-Umbauten. Zudem muss das Kino schon aus wirtschaftlichen Gründen eine gewisse Größe haben. Sogenannte PLF-Screens (Premium Large Format) sollen mit der Technik in Abstimmung mit Dolby ausgestattet werden.

Bis 2024 verspricht Dolby immerhin 100 Säle. Das klingt nach viel. Bedenkt man aber, wie viele Länder infrage kommen, wird die Wahrscheinlichkeit, einen Dolby-Cinema-Saal in seiner Umgebung zu finden, auf absehbare Zeit immer noch sehr gering bleiben.

Ein Dolby-Cinema-Saal beeindruckt mit einer sehr breiten Leinwand im Verhältnis zur Raumgröße und viel Dunkelheit. Laut Dolby wird baulich nicht nur darauf geachtet, dass der Ton sich optimal im Saal verteilt, sondern auch darauf, dass das Licht möglichst wenig reflektiert wird. Das gelingt sehr gut. Die Wände bleiben sehr dunkel und Reflexionen von Sitzen und anderem Interieur sind kaum auszumachen. Auch die Lautsprecher sind versteckt; normalerweise ist eine Dolby-Atmos-Anlage ziemlich gut sichtbar.

Uns verwundert, dass nicht einmal die Notausgangsschilder in Hilversum beleuchtet sind. Sie dienen der Sicherheit und sind bei einem Notfall unverzichtbar. Aber sie sorgen auch für optische Störungen, selbst in Kinosälen mit viel Reflexionen des Umgebungslichts. Ob ein derartig abgedunkelter Saal in jedem Land möglich ist, wissen wir allerdings nicht. Auf Nachfragen reagierte Dolby ausweichend. Natürlich würden die örtlichen Sicherheitsbestimmungen eingehalten, hieß es.

Lichtspielhaus oder schwarzes Kino?

Wir sind nicht sicher, was uns besser gefällt. Ein technisch sehr gut ausgestattetes Dolby Cinema oder ein Saal, der eher den Charme eines alten aber modernisierten Lichtspielhauses wiedergibt. Das Dolby Cinema wirkt damit sehr technisch und steht in einem starken Kontrast zu aufwendig modernisierten Traditionskinos wie etwa Berlins Zoo Palast, dessen Eröffnung uns mit einer gelungenen Kombination aus Nostalgie und Technik begeistert hat . Dolby Cinema und der Charme eines alten Kinos passen nicht zusammen - insbesondere, da in einem Dolby Cinema vermutlich nicht einfach die Digitalprojektoren für ein Kinowerk eines Christopher Nolan abgeschaltet werden . Uns gefällt allerdings beides auf seine Weise, und wir würden es vom Filmmaterial abhängig machen, welches Kino wir eher besuchen würden - wenn wir die Wahl hätten. Ein Film aus dem Marvel-Universum oder ein Pixar-Animationsfilm dürften für ein Dolby Cinema ideal sein. Das sollte auch für düstere Horrorfilme gelten, die mit den extremen Schwarzwerten für stärkere Schockeffekte sorgen könnten.

Preislich ist zumindest der Kinobesuch in den Niederlanden schmerzlich. Stolze 5 Euro Aufpreis verlangt JT für den zugegebenermaßen komfortablen Sitz in einem Dolby Cinema bei einem Grundpreis von 10 Euro. Das ist mehr, als so manche 3D-Vorstellung in Überlänge kostet - etwa so viel, wie in den in Deutschland häufiger werdenden Luxus-Kinosälen mit Platzbedienung in wenigen Reihen, wie etwa dem Zoo Palast.

Der Aufwand lohnt sich

Ein Dolby Cinema kann auch ein normales Kinobild darstellen. Während der Pressevorführung fiel uns anfangs nichts Besonderes auf. Typischerweise gibt es im Kino keine Schwarzwerte, sondern projektionsbedingt Grauwerte. Und genau dieses Grau war deutlich als Versuch eines Schwarz im Kino zu sehen. Offenbar aus Absicht. Das Herzstück des Kinos, zwei 4K-Laserprojektoren von Christie, können aber auch anders, wenn das Material dafür produziert wurde. Denn ein Filmemacher weiß natürlich, was technisch in einem Kino möglich ist, und absolutes Schwarz schwer darstellbar ist. Mit den Laser-Projektoren ist dies allerdings möglich, was selbst moderne LED-Fernseher nur mit Local Dimming erreichen. Die kommende Generation der HDR-Fernseher soll das zwar mit feinerer Abstimmung verbessern und mitunter ein Dolby-Vision-Logo besitzen, doch bisher sahen wir nur dicke Prototypen und Vorseriengeräte . Das Kino ist hingegen eher auf dem Niveau von OLED-Fernsehern, wenn die Inhalte an die Ausgabe mit High Dynamic Range, hier über Dolby Vision, angepasst wurden.

Und das Ergebnis ist sehr gut. In einem Demobild zeigt Dolby mit JT einen weißen, sehr hellen Kreis auf komplett schwarzem Grund. Die Reflexionen des weißen Punkts sind natürlich sichtbar. Da hilft auch die schwarze Umgebung nicht. Doch das Bild um den weißen Punkt bleibt schwarz, und zwar auch in unmittelbarer Nähe. Den Kontrast gibt Dolby mit 1:1.000.000 an. Die Lichtstärke für Dolby Vision gibt Dolby irritierenderweise auf seiner Webseite mit stolzen 4.000 Candela pro Quadratmeter (21 Blendenstufen), an, was sich allerdings auf Dolby-Vision-Fernseher bezieht und derzeit unrealistisch ist, da die TV-Hersteller sich vorerst unterhalb der 1.000 cd/qm bewegen werden.

Tatsächlich schaffen die Laser-Projektoren laut Dolby(öffnet im neuen Fenster) im 2D-Modus 31 foot-lambert. Im 3D-Modus sinkt die maximale Helligkeit technisch bedingt auf 14 foot-lambert. Umgerechnet sind das etwa 106 beziehungsweise 48 cd/qm. In einem dunklen Kinosaal ist das ausreichend. Verglichen mit regulären Kinos ist das Dolby Cinema schon im 3D-Modus ungefähr so hell wie die Konkurrenz im 2D-Modus. Die Ergebnisse zwischen den Kinos variieren allerdings typischerweise(öffnet im neuen Fenster) . Zudem hängt die Lichtstärke auch von dem Alter der Beleuchtung ab. Mit den neuen Laser-Projektoren soll dieses Wartungsproblem drastisch reduziert werden(öffnet im neuen Fenster) .

Das Ergebnis beeindruckt: Der weiße Punkt blendet und die Schwarzwerte sind so dunkel, dass ein anderer Journalist aus den hinteren Reihen, der versuchte ein Foto zu schießen, mit seinem orangen Autofokuslicht mehr optische Störungen verursachte als die Reflexionen, die zwangsläufig auch von den lichtabsorbierenden Wänden kommen. Falls sich jemand wundert, warum wir keine HDR-Fotos von der Leinwand präsentieren können: Die entsprechende Technik hatten wir nicht mit und auch ein Großteil unserer Leser dürfte keinen echten HDR-Monitor am PC haben.

Dass auch rund 100 cd/qm im Kinosaal, verglichen mit der Realität, eigentlich ziemlich wenig sind merkten wir immer dann, wenn jemand über den seitlichen Notausgang helles Sonnenlicht in den Saal fallen lässt: Es blendet noch einmal deutlich mehr, und wir sind froh, dass das Kinobild diese realistische Blendung nicht beherrscht. Für die Realität gibt es Sonnenbrillen, für das Kino braucht man sie zum Glück nicht.

Leuchtende Farben - der Bildeindruck ist in einem Dolby Cinema sehr gut

Dolby beließ es nicht nur bei reinen Testbildern. Es war auch genügend unterschiedliches Material vorhanden, um sich allgemein einen Eindruck zu verschaffen. Teils mit extra produzierten Trailern und kurzen Ausschnitten, teils auch mit tatsächlich für Dolby Cinema produziertem Material. In den folgenden Trailern wurde teils recht gut gezeigt, dass, wenn der Filmemacher es denn will, der Zuschauer immer wieder geblendet werden kann. Einige dieser Blendsituationen sollten so sein, andere sind eher der Art geschuldet, wie die Filmemacher ihr Material aufarbeiten. Nervig sind etwa die Schwarzblenden zwischen Szenen einiger Trailer: Sie sind lang genug, um die Iris des Auges zu öffnen - und in der folgenden Szene werden wir folglich kurzzeitig geblendet, bis die Iris sich wieder anpasst. Wir hoffen, dass Filmemacher bei Dolby-Vision-Material dieses Stilmittel sehr gezielt einsetzen und dort zumindest abschwächen. In einem normalen Kino stören Schwarzblenden nicht, in einem Dolby-Vision-Kino nerven sie erheblich.

Gezieltes Blenden hingegen sieht toll aus. Dolby zeigte einen Trailer von How to Train Your Dragon 2(öffnet im neuen Fenster) (Drachenzähmen leicht gemacht 2). Insbesondere Drachenfeuer hebt sich sehr stark von der dunklen Umgebung ab, auch wenn es nur dezent eingesetzt wird. Die Demonstration wird mit einer Dolby-Cinema-3D-Brille gezeigt und die Helligkeit ist immer noch recht gut. Es handelt sich um eine spezielle Anpassung für Dolby. In voller Länge wird man den Film im Kino wohl nicht als Dolby-Cinema-Material sehen können.

Offiziell gibt es derzeit nur drei Dolby-Vision-Filme mit entsprechendem Dynamikumfang nach Dolbys Vorgaben: Tomorrowland(öffnet im neuen Fenster) (Disney) von Regisseur Brad Bird, der vor allem durch seine Pixar-Filme bekannt wurde, den Katastrophenfilm San Andreas(öffnet im neuen Fenster) (Warner) mit Dwayne "the Rock" Johnson und den in zahlreichen Ländern bereits angelaufenen Animationsfilm Inside Out (Pixar). Von Tomorrowland und San Andreas sehen wir einen Trailer beziehungsweise eine volle Szene.

Disneys Tomorrowland - Trailer
Disneys Tomorrowland - Trailer (02:27)

Bei Tomorrowland gefallen uns die teils düsteren und dezent beleuchteten Szenen in der Realität und die peppigen Farben. Den starken Kontrast und sinnvollen Einsatz von Dolby Vision finden wir gut - zumindest im Trailer -, sie unterstreichen die Stimmung des Films. Die Szene von San Andreas zeigt uns hingegen, dass Dolby Cinema auch brachial sein kann: Der Dolby-Atmos-Soundtrack kracht in großer Lautstärke aus allen Ecken, das ist nichts für empfindliche Naturen. Dazu stürzen effektgeladen Gebäude zusammen. Interessanterweise ist hier Dolby Vision fast gar nicht erkennbar; zu viele Effekte lenken vom Einsatz des hohen Dynamikumfangs ab. Der Atmos-Soundtrack fällt sehr viel stärker auf, die restlichen Besonderheiten des Kinos rücken durch die Reizüberflutung in den Hintergrund. Anders gesagt: San Andreas zeigt eindrucksvoll, dass man es auch übertreiben kann.

Dolby hat auch einen eigenen Trailer für HDR-Inhalte erstellt, einen Demofilm, der vor allem beeindruckende Farben zeigt. Ein Sprayer malt für Dolby eine Hauswand in knalligen Farben an, das zeigt Wirkung: Vor allem das Rot beeindruckt, wirkt aber fast schon übertrieben. Als Stilmittel ist so etwas durchaus legitim. Uns erinnerte das Bild gerade bei diesem Demofilm an die farblichen und oft übertrieben wirkenden Fähigkeiten von OLED-Fernsehern.

In voller Länge konnten wir Pixars Inside Out(öffnet im neuen Fenster) ansehen, bei dem es um die Seele und Gefühlswelt eines kleinen Mädchens geht. Hierzulande läuft der Film voraussichtlich im Oktober 2015 in einer deutschen Synchronfassung an und hat den Titel Alles steht Kopf. Das Interessante an dem Film ist der Aufbau. Das Innere der Seele wird durch Charaktere mit sehr kräftigen Farben dargestellt. Hier zeigt das Dolby Cinema über die gesamte Länge, was es kann. Gleichzeitig wurde die Außenwelt aber realistisch bedrückend gerendert. Es herrschen Grautöne vor.

Inside Out Trailer
Inside Out Trailer (02:10)

Wie bei Tomorrowland haben sich auch hier die Macher entschieden, zwei Welten mit unterschiedlichen Farbschemata darzustellen, und der optische Abstand dieser Welten steigt dank Dolby Cinema noch einmal deutlich. Über die gesamte Filmlänge gefallen uns der hohe Dynamikumfang, der dezente Einsatz sehr dunkler Szenen mit entsprechend hervorstechenden leuchtenden Effekten in der Umgebung und der räumliche Klang über das Dolby-Atmos-System sehr gut. So sollte Technik eingesetzt werden und ein Animationsfilm ist natürlich ideal dafür.

Der Film wird in Dolby Cinemas nur in der 2D-Fassung gezeigt. Laut Dolby ist das eine Entscheidung von Pixar. Andere Kinos zeigen den Film auch in 3D.

Einen Nachteil hatte das Laser-Projektionssystem jedoch. Wir hörten aus dem Projektvorraum in leisen Momenten häufig ein Lüftergeräusch, obwohl wir in der Mitte des Saales saßen. Als nach der Vorstellung die Tür zum Vorführraum offen stand beeilte sich ein Dolby-Mitarbeiter, diese zu schließen. Der Kühlaufwand ist anscheinend sehr hoch. Eine entsprechende Nachfrage beantwortete Dolby vor Ort nicht. Während der Vorführungen fiel das allerdings nicht mehr auf.

Inhalte sollen kein Problem sein, doch wir haben unsere Zweifel

Komplette Dolby-Vision-Filme sind noch selten. Der Betreiber der Kinokette JT versicherte aber, dass es keine Probleme mit Inhalten geben werde. Dolby ergänzte das mit einigen Marketingaussagen, dass natürlich alle Filme in einem Dolby Cinema ideal vorgeführt werden könnten und vermutlich auch vorgeführt würden. Doch was JT und Dolby als ausreichenden Inhalt verkünden konnten, waren ganze vier Filme: Tomorrowland, Inside Out, San Andreas und Disneys Dschungelbuch für das Jahr 2016. Nur diese Filme nutzen bisher das komplette Funktionsspektrum für Dolby Cinemas.

Andere Titel nutzen nur das Soundsystem Dolby Atmos - immerhin gibt es schon sehr viele Filme und Kinos, die den Standard unterstützen. Die Gefahr einer Verwässerung von Dolby Cinemas ist jedoch gegeben: Wer einen Film nur mit Dolby Atmos in einem Dolby Cinema sieht, wird vermutlich den Unterschied zu anderen mit Dolby Atmos ausgestatteten Kinos kaum merken. Die größere Leinwand und das optimierte Interieur rechtfertigen unserer Meinung nach bei normalem Material den Aufpreis des Kinos nicht.

Hierzulande gibt es noch ein anderes Problem. So mancher deutsche Verleiher spart sich eine deutsche Dolby-Atmos-Spur. Wir haben in Kinos erlebt, dass ein Dolby-Atmos-Film in der deutschen Sprachfassung keinen Atmos-Sound bot. In solchen Fällen empfiehlt sich bei entsprechenden Sprachkenntnissen der Besuch eines technisch gut ausgestatteten Kinos mit Filmen im Original. Doch auch das ist nicht so einfach. Situationen wie in Berlin, wo ein großes Acht-Saal-Kino (Cinestar Original am Potsdamer Platz) erfolgreich komplett auf Originalton ohne Untertitel setzt und mehrere Säle mit Atmos ausgestattet hat, sind europaweit eine Seltenheit.

Ohne Zweifel werden mehr Filme in Dolby-Cinema-Qualität produziert werden, auch wenn bisher noch keine weiteren angekündigt wurden. Vermutlich wird die Industrie die Situation erst einmal beobachten. In den USA und Europa gibt es nun Referenzkinos, die weitere Kinobetreiber ermuntern könnten, Investitionen zu tätigen und sich auf das Regelwerk von Dolby einzulassen. Auch Kinofilm-Produzenten und technikbegeisterte Regisseure können sich nun auf zwei Kontinenten davon überzeugen, wie Dolby Cinema in der Realität aussieht - und nicht nur in Testvorführungen.

Fazit

Momentan ist noch nicht absehbar, ob und wann im deutschsprachigen Raum ein Dolby Cinema aufgebaut wird. Der Umbau ist aufwendig, die Kosten sind offensichtlich hoch und nicht jedes Kino ist für den Umbau geeignet. Wenn ein Kino umgebaut wird, bleibt es zudem vorerst nur bei der Ausstattung eines einzigen Saales. Schon der Komplettumbau auf Dolby Atmos ist selbst bei großen Kinos nicht üblich.

Wir haben das Kino in Hilversum mit dem Wunsch nach einem weiteren Besuch verlassen. Der Animationsfilm Inside Out ist der ideale Inhalt für das neue Kinosystem Dolby Cinema. Wie niemand sonst verstehen es die Animationskünstler von Pixar, die Techniken dezent und wirkungsvoll einzusetzen. Auf eine knallbunte Szene folgt eine mit einem bedrückenden Grauschleier, die auch ein Uralt-Projektor noch darstellen könnte. Pixar hat es also vermieden, die Technik als Dauerbombardement auf den Zuschauer loszulassen. Ähnliches gilt für die dezente Nutzung von Dolby Atmos. Das dürfte aber nicht immer der Fall sein.

Von San Andreas haben wir nur einen Trailer gesehen, da kracht es in allen Ecken in für empfindliche Kinogänger störender Lautstärke. Andererseits gehört es zu dieser Art von Film, den Zuschauer mit Reizen zu überfluten und teils zu überfordern. Die Story gerät bei solchen Effektkinowerken ohnehin in den Hintergrund. Dolby Vision und Atmos zeigen in San Andreas also eher, dass ein Studio es auch übertreiben kann. Zum Glück war der San-Andreas-Regisseur kein Fan von Lens Flares. Es gibt also Bereiche, bei denen die neue Technik eher stört.

Was uns zudem bei mehreren Trailern auffiel, war der unangenehme Effekt von Schwarzblenden zwischen hellen Szenen. Es ist ein Stilmittel, das in einem Dolby-Vision-Film sehr dezent eingesetzt werden sollte, da die Iris des Zuschauers mit der Anpassung zu kämpfen hat.

Der zweite Dolby-Vision-Referenzfilm Tomorrowland dürfte in einem Dolby Cinema - zumindest dem Trailer nach zu urteilen - eine Augenweide sein. Die Chancen, diesen Film in einem Dolby Cinema zu sehen, sind aber gering. Weil der Film noch in kaum einem Kino gezeigt wird, und weil es weltweit nur sieben Säle gibt, die den Film in seinem vollen Potenzial zeigen können. Davon stehen immerhin zwei in den Niederlanden bei JT.

Für Inside Out in seiner vollen Farbenpracht besteht im deutschsprachigen Raum immerhin noch eine Chance. Denn der Film erscheint erst im November 2015 in einer Synchronfassung. Möglicherweise schafft es ein Kinobetreiber bis dahin, einen High-End-Kinosaal fertigzustellen. Dolby-Vertreter haben noch keine Ankündigungen gemacht und reagieren ausweichend auf Nachfragen. Man kann wohl davon ausgehen, dass schon irgendwo irgendein Kinobetreiber mindestens darüber nachdenkt, einen Saal zu einem Dolby Cinema umzurüsten. Kinogänger sollten einfach nach verdächtigen Bauarbeiten schauen, denn der Umbau ist aufwendig.

Lohnen würde es sich. Wer einmal ein Dolby Cinema gesehen hat, möchte eigentlich nicht mehr zurück zum Kino der Grauwerte und geringen Kontraste.

Nachtrag vom 22. Juli 2015, 10:37Uhr

Wie Dolby uns soeben mitteilte, wird es noch 2015 zwei weitere Säle mit Dolby-Cinema-Technik in Europa geben. Als Partner wurde der österreichische Kinobetreiber Cineplexx (Constantin Film Holding GmbH) gefunden. Der erste Saal soll in Linz entstehen, einem großen Kino mit zehn Sälen. Wo der zweite Saal entsteht, verraten die Partner noch nicht. Weitere Kinos sollen in Österreich in den kommenden Jahren eröffnet werden.


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