Deutschland vernachlässigt die schwächsten Schüler
Deutschland ist seit Jahren bekannt für seine hohe Bildungsungerechtigkeit. In kaum einem Land ist die Leistungsdifferenz zwischen sozioökonomisch oberem und unterem Viertel der Schüler so groß wie in Deutschland. Und während diese Ungleichheit international tendenziell sinkt, steigt sie in Deutschland. Deutschland kümmert sich besonders um seine schwächsten Schüler viel zu wenig.
Deren Eltern können das meist nicht kompensieren und sich auch nur wenig Gehör bei der Politik verschaffen. Eltern mit hohem sozioökonomischem Hintergrund hingegen stellen Bürgerinitiativen wie Wir wollen Lernen(öffnet im neuen Fenster) auf die Beine, die 2010 in Hamburg die Einführung einer sechsjährigen Grundschule verhinderte. Dabei kann eine längere gemeinsame Schulzeit helfen, Bildungsungleichheiten zu kompensieren, auch wenn sie keine Patentlösung ist.
Aber zurück zu Pisa 2025, denn die Studie zeigt ein noch schlimmeres Ergebnis: Der Anteil an Schülern, die bei Lese- oder mathematischen Fähigkeiten nicht einmal grundlegende Kompetenzen aufweisen, ist in Deutschland deutlich gestiegen. Fast ein Drittel der Schüler erreicht in mindestens einem Bereich nicht einmal mehr die grundlegende Kompetenzstufe. Das ist ein riesiges Problem, denn diese Schüler haben nicht nur im Alltag Probleme. Sie sind auch für den Arbeitsmarkt praktisch verloren.
Und das, so Soziologe El-Mafaalani(öffnet im neuen Fenster), könne sich Deutschland angesichts einer alternden Bevölkerung schlicht nicht leisten.
"Schule muss geil sein"
Er plädiert für ein anderes Konzept von Schule. Im Interview mit Tilo Jung(öffnet im neuen Fenster) sagte El-Mafaalani einmal: Schule muss richtig geil sein. Das scheint sie heute für viele nicht zu sein, wie eine weitere alarmierende Zahl zeigt. Im Mittel hält knapp ein Drittel der Schüler Schule für Zeitverschwendung. Nur in Polen, Ruanda und Zypern ist der Wert noch höher.
Interessanterweise macht hier der sozioökonomische Hintergrund kaum einen Unterschied. Es scheint sich also um ein gesellschaftliches Phänomen zu handeln. Schule hat in Deutschland oft keinen guten Ruf. Kleine Anekdote dazu: Ein Bekannter war neulich total überrascht, dass mein Sohn auch nach einem Jahr Schule noch total begeistert ist. Eltern geben ihren Kindern diese Erwartungshaltung mit, und Schulen fehlt oft das Potenzial, es besser zu machen.
Social Media als Gefahr für die Schulleistung
Im Mittel halten dabei deutlich mehr Jungen Schule für Zeitverschwendung: Fast 40 Prozent sehen dies so, bei den Mädchen sind es nur knapp über 25 Prozent. Zudem schneiden die 10 Prozent der leistungsschwächsten Jungen in zwei von drei Disziplinen schlechter ab als ihre Altersgenossinnen, obwohl dieses Verhältnis beim Mittelwert umgekehrt ist. Ich habe ja bereits geschrieben: Man könnte aus den Daten auch lesen, dass Jungen das Problem sind.
Das ist aber ebenso wenig hilfreich, wie irgendeine andere Gruppe anzuprangern. Auch hier gibt es keine einfache Antwort. Als andere einfache Antwort könnte man den Einfluss von Social Media abtun. Doch hier sehen die Forscher durchaus Hinweise auf Einflüsse.
In 57 Prozent der untersuchten Länder und Regionen stellten die Forscher einen signifikanten Rückgang der Lesefähigkeiten im Vergleich zum Jahr 2022 fest. Hier ist zumindest eine Korrelation mit steigender Smartphone-Nutzung und dem Aufkommen von Tiktok und Co. erkennbar: International ist ein Abwärtstrend seit der Untersuchung 2015 zu erkennen, Tiktok startete 2016. Seit 2022 erfassen die Pisa-Forscher daher auch die Nutzung digitaler Inhalte. Im Vergleich zur ersten Erfassung nahm der Konsum digitaler Inhalte zu, während die kreative Beschäftigung und die Informationssuche abnahmen.
Pisa-Koordinator Schleicher weist darauf hin, dass umfangreiche Smartphone-Nutzung mit niedrigerer Lesekompetenz korreliere. Ein mögliches neues Problem könnte die zunehmende KI-Nutzung werden. Bei der Ausdauer und beim Lösen von Problemen sind bereits Rückgänge erkennbar. Aber obwohl die aktuelle Lage düster aussieht, ist nicht alles verloren.