Pininfarina PF0: Der schnellste italienische Sportwagen

Die Werte des ersten Fahrzeugs von Pininfarina sind beeindruckend: 1.900 PS, 2.300 Nm Drehmoment, unter zwei Sekunden auf 100 km/h und in zwölf Sekunden auf 300 km/h. Erst bei 350 km/h ist Schluss. Genauso beeindruckend ist der Preis: 1,9 Millionen Euro. Das Beeindruckendste aber ist die Antriebsart: Pininfarina hat in 88 Jahren Firmengeschichte 1.600 Automodelle gestaltet und unzählige Konzeptautos entworfen. Sie alle hatten einen leistungsstarken Verbrennungsmotor. Der PF0 hingegen wird ein Sportwagen mit vier Elektromotoren.
"Wir können die Form des Wagens deutlicher sprechen lassen" , sagt Luca Borgogno, der Design Director von Automobili Pininfarina(öffnet im neuen Fenster) . "Wir haben weniger Ein- und Auslässe als bei einem Verbrenner" , begründet er die Gestaltungsfreiheit. Die Aussage überrascht, doch als das blaue Tuch vom Showcar verschwindet, wird klar, was er meint. Die Seitenlinie wirkt wie mit einem durchgängigen Bleistiftstrich gezeichnet. Die Einlässe zum Kühlen der Bremsen sind gut verborgen. Lediglich die Einbuchtung vor dem hinteren Radkasten unterbricht das stimmige Bild. "Das sind sexy Hüften" , sagt der Designer und grinst. Was wie eine Delle in der Karosserie wirkt, hat keine aerodynamischen, sondern optische Gründe. Hier brechen sich Lichtreflexionen, so dass die Seite interessanter wirkt.

Fotos darf man von dem Sportwagen nicht schießen. Mein Smartphone verschwindet beim Betreten des Design-Studios in Cambiano bei Turin in einer blickdichten Hülle. Der PF0, so der Arbeitstitel, wird erst im März 2019 auf dem Genfer Autosalon der Öffentlichkeit präsentiert. Bislang durften nur potenzielle Käufer in Turin und beim Oldtimer-Treffen im kalifornischen Pebble Beach einen Blick auf das Showcar werfen.
"Wir wissen nicht, wie sehr wir in Zukunft autonom fahren. Doch eins ist klar: Die Zukunft ist elektrisch" , sagt Paolo Pininfarina im Gespräch. Der 60-Jährige ist der Enkel des Gründers Battista Farina und Aufsichtsrat der Pininfarina SpA(öffnet im neuen Fenster) . Im Frühjahr 2018 investierten die Italiener 20 Millionen Euro und gründeten in München Automobili Pininfarina. "Wir wären eine Me-too-Company geworden, hätten wir auf einen Verbrenner gesetzt" , sagt Automobili-Pininfarina-Chef Michael Perschke.









Perschke war etliche Jahre bei VW. Sein Führungsteam hat er um erfahrene Automanager mit Stationen bei Porsche, BMW und Volvo erweitert. Perschke hat zuletzt den Vertrieb für Audi in Indien geleitet. Aus dieser Zeit kennt er Anand Mahindra. Der Inder ist Chairman der Mahindra Group(öffnet im neuen Fenster) . Das Industrie-Konglomerat verfügt auch über eine Autosparte. Mahindra hält seit 2015 als strategischer Investor die Mehrheit an Pininfarina SpA mit seinen 650 Mitarbeitern. Mit Unterzeichnung der Verträge versprach Anand Mahindra beim Handschlag mit Paolo Pininfarina, den Traum des Gründers zu realisieren: ein eigenes Auto mit dem Pininfarina-Logo auf der Motorhaube.
Battista "Pinin" Farina gründete das Unternehmen 1930 in Turin. Sein Spitzname Pinin, Der Kleine, wurde 1961 offiziell Teil des Nachnamens als auch der Firmierung. Doch als Logo blieb bis heute ein F für Farina. Das Unternehmen entwarf unzählige Modelle für Hersteller wie Ferrari und Maserati, Bentley und BMW. Doch bauten die Turiner nie ein eigenes Auto. Das übernehmen jetzt die Münchner.
Italienisches Design, kroatischer Antrieb
Sie liefern Ende 2020, zum 90. Firmenjubiläum, den Sportwagen mit einem modernisierten F-Logo über dem LED-Lichtband auf der Fronthaube aus. Gebaut werden die 150 Exemplare mit einer Kohlenfaser-Karosserie in Cambiano. Jeweils 50 Fahrzeuge sind für den Verkauf in Nordamerika, Europa sowie Naher Osten und Asien vorgesehen. "Nach Pebble Beach haben wir in den USA bereits für 60 Prozent Vorbesteller" , sagt Perschke.
Doch werden die Auto-Manager und Ingenieure nicht alles selbst entwickeln. Die Antriebseinheit kaufen sie bei Rimac. Auch die Batterieentwicklung wird in Kooperation mit der kleinen kroatischen Manufaktur erfolgen. Wirft man einen Blick auf den Batterie-Block für den Rimac Concept Two , wird deutlich, dass den Designern doch nicht so viel Freiraum bei der Gestaltung der äußeren Form als auch beim Platz für Fahrer und Beifahrer bleiben.
Design-Chef Borgogno antwortet auf die Frage nach dem Stauraum mit: "Maximal ein Cabin Trolley." Er hat sich gegen Kamera-Außenspiegel entschieden, weil innen kein Platz für weitere Displays ist. Mit einer VR-Brille vor den Augen und in einem Holzmodell sitzend, erhalte ich einen Eindruck vom zukünftigen Innenraum. Der Fahrer blickt durchs Lenkrad auf die Tempoanzeige. Links und rechts vom Lenkrad zeigen Touch-Displays Fahrzeuginfo als auch Infotainment-Angaben. Mit einem Drehrad unterhalb der Displays wählt der Fahrer auf der linken Seite den Fahrmodus: Straße oder Rennstrecke. Auf der rechten Seite setzt man das Automatikgetriebe in den Vorwärts- oder Rückwärtsgang.









Das Konzept des PF0 ist mit "Pura" überschrieben. Gemeint sind damit Reinheit, Seltenheit und Schönheit (Purity, Rarity, Beauty). "Mit Reinheit meinen wir nicht nur die Form, sondern auch das abgasfreie Fahren" , sagt Borgogno. Durch die Limitierung wird man ihn selten auf der Straße sehen.
Mitarbeit von Nick Heidfeld
Schön ist der Wagen, wenn auch bis zur offiziellen Vorstellung noch einiges verändert wird. So ist der CCS-Ladeanschluss noch an der Seite - er wird ans Heck verlegt. Mit welcher Leistung der PF0 Energie aufnimmt, verrät niemand. Es fällt der Name des Ladenetzbetreibers Ionity . An dessen Säulen kann man mit bis zu 350 kW laden. Mit einer Batterieladung soll der Fahrer knapp 500 Kilometer schaffen.
Noch besteht der Heckflügel aus zwei Teilen. Die werden in der finalen Version verbunden, um mehr Steifigkeit zu erhalten. Bei hohem Tempo fährt der Flügel nach oben aus und kippt ab, um den Wagen auf die Straße zu drücken. Zwei Motoren mit 450 kW Leistung an den Fronträdern und zwei mit 550 kW arbeiten an den Hinterrädern. Über Torque Vectoring wird das Drehmoment präzise auf jedes einzelne Rad verteilt. Nur so können normale Autofahrer das elektrische Geschoss überhaupt auf der Straße halten. 1.900 PS sind das Doppelte eines aktuellen Formel 1-Rennwagens.

Hier kommt Nick Heidfeld ins Spiel. Der Rennfahrer hat zwölf Jahre Erfahrung in der Formel 1 und fünf Jahre in der Formel E. Dort fuhr er zuletzt für das Mahindra-Team. Doch der 41-jährige Mönchengladbacher wird den PF0 nicht nur für normale Menschen "fahrbar" machen, sondern hat sich in allen Entwicklungsbereichen ein Mitspracherecht erbeten: "Ich interessiere mich neben Autos auch für Kunst und schöne Dinge. Da macht es mir extrem viel Spaß in diesem Team zu arbeiten und von Anfang an meine Vorstellungen mit einzubringen." Bis er erste Testfahren absolvieren kann, dauert es noch bis zum zweiten Quartal 2019. Automobili Pininfarina kooperiert in der Entwicklungsphase auch mit dem Mahindra Rennteam aus der Formel E.
Für Design-Chef Borgogno ist der PF0 eine einmalige Herausforderung: Ein elektrischer Sportwagen ist ein weißes Blatt für Pininfarina. Gleichzeitig hat das Design-Studio mit dem Cisitalia(öffnet im neuen Fenster) (1947), dem Lancia Florida II(öffnet im neuen Fenster) (1957), dem Ferrari Modulo(öffnet im neuen Fenster) (1970) als auch dem Maserati Quattroporte(öffnet im neuen Fenster) (2003) automobile Denkmäler geschaffen. Gefragt, ob ihm der Druck manchmal schlaflose Nächte bereite, nickt Borgogno und lacht: "Ja, schon. Es ist keine leichte Aufgabe. Aber wir sind in der glücklichen Lage, dass wir alle Inspirationen vor unserem geistigen Auge haben. Wir müssen die jetzt nur noch in der richtigen Reihenfolge zusammensetzen."
Nachtrag vom 5 März 2019, 11:45 Uhr
Pininfarina hat zum Genfer Autosalon Bilder des Autos veröffentlicht. Wir haben sie in den Artikel eingefügt.



