Peter Sunde: Flattr kooperiert für Bezahlmodell mit Adblock Plus

Der Social-Payment-Dienst Flattr will sein Konzept um eine neue Zahlungsfunktion erweitern. Der schwedische Flattr- und Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde kooperiert zu dem diesem Zweck mit dem Kölner Adblocker-Anbieter Eyeo. Das am Dienstag auf der Re:publica in Berlin vorgestellte Flattr Plus(öffnet im neuen Fenster) soll das Bezahlen von digitalen Inhalten "radikal vereinfachen" . Es werde "genau die integrierte Bezahlfunktion bieten, die dem Internet seit seiner Entwicklung vor 27 Jahren fehlt" , hieß es in einer vorab verbreiteten Mitteilung. Sunde stellte das Konzept zusammen mit der früheren Piratenpolitikerin Laura Dornheim vor, die seit April dieses Jahres in Berlin Lobbyarbeit für Eyeo macht.
Der 2010 gegründete Dienst Flattr hat die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Nach einem anfänglichen Hype stagnierten die Benutzerzahlen(öffnet im neuen Fenster) . Für Medien sind die Einnahmen durch Flattr inzwischen nicht mehr relevant. Während die Taz im November 2010 noch mehr als 1.800 Euro einnahm, waren es im Februar 2016 nur noch 197,38 Euro(öffnet im neuen Fenster) . Flattr-Chef Linus Olsson räumte 2013 ein(öffnet im neuen Fenster) , dass die technischen Anforderungen zu hoch seien. Vor allem mit dem Einbau eines Flattr-Buttons in ihre Seiten seien viele Blogger überfordert.
Bezahlung nur bei richtigem Lesen
Mit dem neuen Konzept erübrigt sich ein solcher Button. Die Leser können mit Flattr Plus nicht mehr einen einzelnen Artikel "flattern". Stattdessen misst ein Plugin die Interaktion des Nutzers mit den Seiten. Es werde nicht nur registriert, ob ein Medium über die Homepage aufgerufen werde, erläuterte Dornheim im Gespräch mit Golem.de. Entscheidend sei vielmehr, ob ein Artikel tatsächlich gelesen und nicht unbeachtet in irgendeinem Tab geöffnet werde. "Es wird erst dann ein Flattr getriggert, wenn eine bestimmte Hürde an Interaktion überschritten wurde" , sagte Dornheim. Der Algorithmus dafür funktioniere schon "ziemlich gut" .
Das Konzept ist mit "extrem ambitioniert" fast noch zurückhaltend beschrieben. Denn Flattr Plus will der Tendenz entgegenwirken, mit Clickbaiting möglichst viele Seitenaufrufe zu generieren, um Lesern möglichst viel nervige Werbung unterschieben zu können. "Die Idee von großartigen Inhalten ist untergegangen in Clickbait-Schlagzeilen und Artikeln in Form von Slide-Shows. Wenn wir diesen Trend umkehren wollen, brauchen wir ein Finanzierungsmodell, welches auf Interaktion und echtem Interesse basiert, nicht nur Seitenaufrufen" , sagte Olsson. Sunde will mit Flattr Plus "das Web endlich zu dem zu entwickeln, was es schon immer sein sollte; ein Ort an dem alle Arten von Autoren und Kreativen ihre Zielgruppe treffen und gleichzeitig ein Mechanismus für diese Zielgruppen, um Content-Ersteller direkt und nachhaltig zu unterstützen" .
Keine Paywall für Nutzer von Flattr Plus?
Die Kooperation mit Adblock Plus stellt für Flattr einen großen Vorteil dar. Denn auf diese Weise könnten mit einem Schlag die rund 500 Millionen Nutzer des Werbeblockers erreicht werden. "Unsere große Nutzerbasis bietet die einzigartige Chance, eine komplett neue Monetarisierungsmöglichkeit zu etablieren, die guten Inhalt belohnt und gleichzeitig die Interessen der User respektiert" , sagte Eyeo-Chef Till Faida. Vor diesem Hintergrund erscheint es unverständlich, dass Flattr Plus in den kommenden Wochen zunächst als eigenständiges Plugin gestartet werden soll. Erst "mittelfristig" sei geplant, Flattr Plus in Adblock Plus zu integrieren, sagte Dornheim.
Wie bisher können die Nutzer einen bestimmten monatlichen Beitrag freigeben, der geflattert werden soll. Die teilnehmenden Inhalteanbieter müssen sich bei Flattr Plus anmelden, große Nachrichtenseiten werden automatisch in den Geldverteiler aufgenommen. Laut Dornheim soll es auch eine "Graylist" von Seiten geben, die nicht geflattert werden können, beispielsweise Seiten für Online-Banking oder Webmail. Die Nutzerdaten sollen dabei lokal auf dem Rechner verbleiben und nicht von Flattr gesammelt werden. Am Ende des Monats werde das Plugin dann seine Auswertung an die Server schicken.
Gebührenmodell geplant
Eyeo könnte mit der Kooperation nicht nur sein schlechtes Image in der Verlagsbranche aufpolieren, indem den Medien eine neue Einnahmequelle aufgetan wird. Langfristig ist nach Angaben von Dornheim ein Gebührenmodell geplant. Dieses könnte ebenso wie bei der Acceptable-Ads-Initiative gestaffelt sein. Seiten, die viele Einnahmen über Flattr Plus erzielen, müssten dann einen bestimmten Anteil abgeben.
Ein weiterer Aspekt könnte für die Verlage ebenfalls interessant sein. Eyeo führt bereits erste Gespräche mit Medien, um Flattr-Nutzern den Zugang zu Inhalten zu verschaffen, die per Bezahlschranke geschützt sind. Eine sinnvolle Überlegung, denn es stellt für Nutzer in der Regel eine große Hürde, für alle möglichen Dienste ein eigenes Abo abzuschließen. Zudem sind die Kosten für einzelne Texte oft unverhältnismäßig hoch. Denkbar ist zudem, dass Seiten, die Adblocker blocken, zahlende Flattr-Nutzer mit Adblocker wiederum zulassen. Ein solches Vorgehen wäre europarechtlich allerdings nur mit vorheriger Zustimmung der Nutzer möglich.
Noch keine Lösung für Smartphones
So interessant das Konzept auch sein mag: Es steht und fällt am Ende doch mit der Bereitschaft möglichst vieler Nutzer, Geld für Inhalte im Netz auszugeben. Eyeo scheint sich jedoch viel davon zu versprechen und investiert nach eigenen Angaben viel in die Entwicklung des Plugins. Ob diese eigenständige Lösung ein Erfolg wird, ist aber eher fraglich. Zumal dies für mobile Endgeräte ohnehin keine Lösung ist. Auch da wäre es sinnvoll, das Konzept in ein Produkt wie den Adblock-Plus-Browser zu integrieren.
Ob Flattr Plus tatsächlich einen "Geburtsfehler des Internets" behebt, darf bezweifelt werden. Schließlich geht es vielen Anbietern von Inhalten im Netz gar nicht darum, daran zu verdienen. Die Etablierung eines freiwilligen Bezahlmodells, von dem Verlage wirklich profitieren, ist auf jeden Fall eine schwere Geburt.



