Pentiment im Test: Das beste Spiel von Microsoft im Jahr 2022 ist ein Buch

Microsoft investiert seit Jahren massiv in Gaming - aber 2022 bringt die Firma gerade mal zwei echte Neuerscheinungen auf den Markt. Das eine war der interaktive Film As Dusk Falls ( Test auf Golem.de ).
Das andere - das wir insgesamt gelungener finden - ist ein von Obsidian Entertainment(öffnet im neuen Fenster) (The Outer Worlds) entwickeltes Adventure namens Pentiment, das wie ein interaktives Buch aufbereitet ist.
Pentiment spielt im 16. Jahrhundert in Franken und Bayern, konkret in der fiktiven Abtei Kiersau nahe des ebenfalls fiktiven Ortes Tassing. Die Handlung dreht sich um eine Mordserie, die sich über 25 Jahre erstreckt. Hauptfigur ist der hoffnungsvolle Nachwuchskünstler Andreas Maler.
Das Spiel hat zwar viele erfundene Elemente, orientiert sich in wesentlichen Elementen aber an der Geschichte und der echten Welt. So werden mehrfach Martin Luther und die Reformation thematisiert, es gibt Referenzen auf zeitgenössische Künstler wie Albrecht Dürer und auf reale Orte wie Nürnberg und Freising.
Das Gameplay orientiert sich an Point-and-Click-Adventures. Als Andreas ermitteln wir vor allem im Dialog mit Mönchen, Nonnen, Adligen, Dieben und Bauern.
Ab und zu suchen und transportieren wir Gegenstände - die sich fast immer in der Nähe befinden. Überhaupt ist das Spiel unkompliziert gehalten, ein Inventar oder Kombinationsmöglichkeiten für die Objekte gibt es nicht.
Die eigentlichen Herausforderungen sind andere: So müssen wir Entscheidungen treffen und etwa im Dialog mit einer Nonne auf einen bestimmten Umgang mit einem bestimmten Buch bestehen, auch wenn sie das nicht will - alternativ können wir versuchen, sie mit Charme auf unsere Seite zu ziehen. Oder eine von zwei Einladungen zum Abendessen wählen, was einen der Gastgeber brüskiert.







Minimal kniffliger ist die Orientierung in Siedlung und Abtei. Nicht immer ist klar, wie Detektiv Andreas über den Kreuzgang von der Sakristei in die Kirche und dann in die Küche gelangt.
Aber auch das ist machbar: Auf Tastendruck gibt es eine gute einblendbare Übersichtskarte, und nach einer gewissen Eingewöhnung haben wir uns schon irgendwie zurechtgefunden.
Eine Besonderheit ist die liebevolle Aufmachung. Das Spiel zeigt die Figuren und Umgebungen wie ein klassisches Adventure von der Seite, allerdings ist die Optik an alte Bibelzeichnungen angelehnt.
Pentiment: Verfügbarkeit und Fazit
Überhaupt befinden wir uns eigentlich, wie schon angesprochen, in einem Buch: Bei speziell markierten Wörtern können wir auf Tastendruck zusätzliche Informationen anfordern.
Dann wird das Bild mit einer schicken Animation weggedreht und wir sehen auf dem pergamentenen Seitenrand weitere Details oder ein Porträt der jeweiligen Person.
Die Dialoge gibt es nur in Textform mit unterschiedlichen Schriften, die teils witzig animiert sind. So kommt es gelegentlich beim Aufbau der Buchstaben (absichtlich) zu Fehlern, die dann von einem unsichtbaren Autor korrigiert werden.
Wer das Lesen von Fraktur und anderen Fonts zu anstrengend findet, kann im Optionsmenü eine einfache Standardschrift auswählen. Die Textgröße lässt sich einstellen, auch auf TV-Geräten sollte man unter den üblichen Bedingungen alles lesen können.
Die rund 15 bis 20 Stunden lange Kampagne hat einen gewissen Wiederspielwert, weil wir anfangs bestimmte Startbedingungen für Andreas Maler auswählen und ihn etwa zum Bücherwurm oder Tunichtgut machen können, was unterschiedliche Dialogoptionen eröffnet.
Pentiment erscheint am 15. November 2022 für Xbox One und Series X/S und für Windows-PC (Microsoft Store, Steam). Der Preis liegt bei rund 20 Euro, vom ersten Tag an ist das Abenteuer auch im Spieleabo Xbox/PC Game Pass enthalten.

In dem Abenteuer gibt es keine Sprachausgabe; allerdings kann man sich alles mehr schlecht als recht von einer Computerstimme vorlesen lassen. Die Bildschirmtexte sind vorbildlich ins Deutsche übersetzt. Das Programm enthält weder Multiplayer noch Mikrotransaktionen. Von der USK hat es eine Freigabe ab 12 Jahre erhalten.
Fazit
Die Ledercouch im Kaminzimmer, davor ein kleines Orchester mit Kammermusik von Bach und im Hintergrund Butler Charles, der alle halbe Stunde das Glas mit dem alkoholfreien Bordeaux auffüllt: Wer kann, sollte Pentiment im gehobenen Rahmen genießen, damit sich die klerikal-historische Handlung und die wertige Aufbereitung voll entfalten.
Aber auch, wer einfach auf dem Arbeitsrechner in Sachen Kirchenmord ermittelt, macht nichts falsch. Die Mischung aus interessantem Szenario, Krimihandlung, den gut geschriebenen Dialogen und den schönen Grafiken hat uns viel Spaß gemacht.
Pentiment wird selten richtig dramatisch, aber nach dem überlangen Einstieg entfaltet es Thriller-Qualitäten - wie ein guter Kriminalroman. Die Puzzles sind einfach, die größte intellektuelle Herausforderung ist das Orientieren in Dorf und Abtei. Aber auch das klappt irgendwie.
Den Kauf würden wir nur Spielern ans Herz legen, bei denen schon historische Romane in der Bibliothek stehen. Über den Xbox Game Pass kann man diesem Kleinod aber auch einfach so aus Neugier eine Chance geben.



