• IT-Karriere:
  • Services:

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Golem.de: Ab wann wurde Pegasus Mail zur Vollzeitbeschäftigung und wie fühlte sich das an?

Stellenmarkt
  1. operational services GmbH & Co. KG, Nürnberg
  2. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, Berlin

Harris: Das muss so um 1992 gewesen sein. Ich steckte sov iel Zeit in das Projekt, dass ich praktisch kein Leben mehr hatte. Also musste ich mich zwischen meinem Job und Pegasus Mail entscheiden. Dieser Beschluss wurde mir dadurch erleichtert, dass Novell eine Lizenz für das Programm kaufte - es wurde eine Zeit lang im Red-Box-Paket vertrieben, bis sie eine eigene Lösung fertig hatten.

Habe ich mich dabei wohlgefühlt? Naja, es war definitiv ein Risiko. Die Software war selbst damals schon frei und ich konnte nicht wirklich sehen, wie sie mir ein sorgenfreies Leben ermöglichen würde. Aber glücklicherweise kauften genügend Leute das Handbuch, so dass es mir eine Weile ganz gut ging. Würde ich heute das Risiko noch mal eingehen? Das ist schwer zu sagen. Das käme darauf an, wie sehr ich an das Programm und seinen Nutzen für die Gemeinschaft glauben würde.

Es ging ja eigentlich nie um das Geld, auch wenn das Geld immer das größte Problem war. Aber wenn ich nicht daran geglaubt hätte, dass meine Software Lösungen für echte Probleme von echten Menschen bieten würde, wäre ich auch kein Programmierer geworden.

Golem.de: Wann kam die Blütezeit von Pegasus Mail und wie ging es danach weiter?

Harris: Es lief super bis ungefähr 1996, als Microsoft eine Sache namens Outlook Express vorstellte. Das war ehrlich gesagt ein mieses Mail-Programm in jeglicher Hinsicht, aber wenn sowas in einem Betriebssystem integriert ist, wird es schwer, dagegen anzutreten. Nachdem es Outlook gab, war klar, dass ich es mir in der Nische bequem machen musste. Es war eine brauchbare Nische, sicher - aber weit entfernt von den frühen Tagen, als ich noch Millionen von Nutzerinnen und Nutzern hatte.

Schmerzte mich das? Ein wenig, ja. Es nervte mich, dass ich den Sprung gewagt hatte, etwas für den Nutzen der Allgemeinheit zu entwickeln, nur damit dann ein multinationaler Konzern daherkam und mich mit einem unfairen Vertriebsmodell aus dem Rennen warf. Aber Geschäft ist Geschäft, wie man sagt - und ich bin einfach kein Geschäftsmann, also habe ich wohl wenig Recht, mich zu beschweren.

Das hat trotzdem einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

Golem.de: Wie war der Kontakt zu anderen Entwicklern und zu Kunden aus der Wirtschaft?

Harris: Da gab es weniger als man annehmen sollte. Ich hatte sporadischen Kontakt zu anderen Programmierern wie Steve Dorner, der durch Eudora bekannt wurde. Ich mochte ihn, er war vernünftig und angenehm. Unglücklicherweise bedeutet das Leben in Neuseeland ohne besonderen Reichtum, dass man nicht so einfach zu Entwicklerveranstaltungen oder Messen im Ausland reisen kann. Also war ich immer etwas weiter draußen, abgeschnitten von den Orten, wo sich Dinge ereigneten, und wenig eingebunden. Ich hätte mich auch gefreut, wenn ich an Sachen wie der Internet Engineering Task Force (IETF) mehr Anteil gehabt hätte - aber auch hier gab es dieselben Probleme: zu weit weg, zu wenig Mittel.

Golem.de: Wann und warum haben Sie beschlossen, die Entwicklung einzustellen?

Harris: Hier muss ich etwas klarstellen: Das habe ich niemals getan! Darüber habe ich 2007 mal geredet, aber ich habe es nicht getan. Es muss wohl so gewesen sein, dass ein paar meiner damaligen Bemerkungen aus dem Kontext gerissen wurden.

2007 war aber auch wirklich ein entsetzliches Jahr. Ich stand unter großem Druck, meine Moral war an einem Tiefpunkt, ich hatte keinen Spaß mehr an der Arbeit und zu allem Überfluss auch finanzielle Probleme. Da wäre es leicht gewesen, alles hinzuschmeißen. Auf der anderen Seite gab es immer eine Gruppe von Leuten , die mich angetrieben haben weiterzumachen. Diese Gemeinschaft im Stich zu lassen, hätte sich falsch angefühlt. Ich weiß immer noch nicht genau wie, aber ich habe es durchgestanden und seitdem meine Motivation wiedergefunden.

Hacking & Security: Das umfassende Handbuch. 2. aktualisierte Auflage des IT-Standardwerks (Deutsch) Gebundene Ausgabe

Nachdem ich begriffen hatte, dass ich mit meinem Geld besser hinkomme, wenn ich einfacher lebe, fiel es mir leichter, aber es war definitiv ein schwieriger Prozess.

Golem.de: Wie ging es dann weiter? Es gab ja seit 2007 regelmäßige Aktualisierungen und die Version 5 ist seit einiger Zeit angekündigt. Wann kommt sie und wie wird sie aussehen?

Harris: Ich musste 2011 eine schwierige Entscheidung treffen: Die Code-Basis stammte ja größtenteils aus den 1990er Jahren und war ehrlich gesagt ziemlich veraltet. Es wurde zu einem echten Problem, sie zu pflegen. Außerdem war es nahezu unmöglich, sie mit den Schnittstellentrends der Zeit auszustatten. Daher hatte ich nur die Wahl, den alten Code aufzugeben und neu anzufangen oder das Vorhandene komplett zu überarbeiten, um es der Zeit anzupassen.

Unglücklicherweise habe ich mich für letzteres entschieden. Das war vermutlich falsch. Ich musste am Ende trotzdem fast alles neu schreiben, ohne die Vorteile eines Neustarts zu haben. Ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass ich fast eine Million Zeilen Kern- und Unterstützungs-Code überarbeiten müsste oder dass ich eine Menge Dinge von Grund auf neu erlernen musste.

Darin bin ich auch nicht besonders gut. Ich komme mit meinem eigenen Code klar, aber es fällt mir wesentlich schwerer, wenn jemand anderes etwas geschrieben hat. Und es ist kein Ende in Sicht. Im Moment quäle ich mich mit Absurditäten wie OAUTH2 herum, während ich mich zugleich damit herumschlage, zwei riesige Programme in eine langfristig wartungsfähige Form zu bringen.

Version 5 ist jetzt ein bisschen peinlich, weil viele Leute vermutlich denken, sie sei Vaporware. Ich bin der Einzige, der weiß, wie viel Arbeit und Aufwand bereits darin stecken. Ich wünschte, es gäbe einen Weg, der Welt zu zeigen, wie überzeugt ich von diesem Wechsel bin und wie viel ich schon getan habe. Aber leider besteht das Projekt aus so vielen verbundenen Einzelteilen, dass es fast unmöglich erscheint, es mit nur einer einzigen Person zu vollenden. Das soll nicht heißen, dass ich aufgebe - aber es dauert wesentlich länger, als mir lieb ist.

Ich bin davon überzeugt, dass das Resultat gut wird und vielen Leuten gute Dienste leisten kann, aber ich habe auch keine Zweifel daran, dass es ein Nischenprodukt bleibt. Ein Programm für Menschen, die große Mengen Mails effizient und schnell verwalten wollen und dabei auf Datensicherheit und Verschlüsselung Wert legen.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed
 Pegasus Mail: "Ich bin einfach kein Geschäftsmann"Die Zukunft von Pegasus Mail 
  1.  
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5.  


Anzeige
Spiele-Angebote
  1. 29,99€
  2. 27,99€

TW1920 05. Jan 2021 / Themenstart

Darum nutzt man auch kein Gmail ...

TW1920 05. Jan 2021 / Themenstart

Das eine (Pmail) wird von einem Entwickler entwickelt, das andere von einem ganzen Team...

TW1920 05. Jan 2021 / Themenstart

Jep, sehe ich auch so. Ein Problem bei vielen alten Programmen ... Das auf jeden Fall...

elknipso 27. Dez 2020 / Themenstart

Bei den irrsinnigen Summen welche die Mozilla Stiftung jedes Jahr verbrennt hoffe ich...

BLi8819 26. Dez 2020 / Themenstart

Was gibt es bei einem Mailprogramm denn groß zu erlernen? Klar, wenn ich ein Mailsystem...

Kommentieren


Folgen Sie uns
       


iPhone 12 und iPhone 12 Pro - Fazit

Beim iPhone 12 und 12 Pro hat sich Apple vom bisherigen Design verabschiedet - im Test überzeugen Verarbeitung, Kamera und Display.

iPhone 12 und iPhone 12 Pro - Fazit Video aufrufen
    •  /