Peering: Provider-Streit um Netflix-Traffic lähmt unbeteiligte Firmen

Wenn die Leitungen von Mitarbeitern, die über ein Virtual Private Network (VPN) von ihrem Heimbüro aus für ihren Arbeitgeber tätig sind, plötzlich langsamer werden – dann kann das daran liegen, dass für die Anwender fast unsichtbare Provider sich um Geld streiten. Zu diesem Schluss kommt die Juraprofessorin, Journalistin und Netzaktivistin Susan Crawford(öffnet im neuen Fenster) in einem bemerkenswerten und sehr langen Artikel(öffnet im neuen Fenster) auf der Plattform Medium.com.
Sie schildert darin unter anderem eine Situation, deren Klärung die Administratoren des betroffenen Unternehmens NEPC(öffnet im neuen Fenster) insgesamt rund 200 Stunden beschäftigte. Die Firma, die sich mit Finanzberatung beschäftigt, hat nach eigenen Angaben über 230 Beschäftigte an sieben Standorten der USA. Viele davon arbeiten von zu Hause, wofür ein VPN zum Einsatz kommt, das die Verbindung zu den NEPC-Servern herstellt. Darüber laufen auch die internen Telefonate.
Lahmes VPN und unmögliche VoIP-Telefonie
Von November 2013 an gab es Gesprächsabbrüche bei den Heimarbeitern, und auch das Öffnen von Dateien per Remote-Desktop und VPN dauerte nicht Sekunden, sondern bisweilen Minuten. Das wurde bis zum Januar 2014 immer schlimmer, so dass einige Mitarbeiter kaum noch produktiv sein konnten. Analysen am eigenen Netz und der Software zeigten keine Fehler, so dass NEPC dann bei den Übergabepunkten seines eigenen Providers zu den Netzbetreibern nachsah, über welche die Homeoffices angebunden waren.
Und dort wurden die Techniker fündig: Sobald Daten von dem Unternehmen, das die Filialen von NEPC vernetzt, an die privaten Anschlüsse übergeben wurden, gab es massive Paketverluste und Latenzen – Dinge, die ein gut verschlüsseltes VPN recht schlecht verkraftet. Das Unternehmen, das die Niederlassungen verbindet, heißt Cogent(öffnet im neuen Fenster) und war seit Jahren ein verlässlicher Partner. Der Haken war nur: Cogent hatte kurz zuvor eine Kooperation mit Netflix abgeschlossen, das einen Großteil seines Traffics nun über diesen Firmenprovider zu den privaten Anschlüssen brachte.
Solche Unternehmen, hier waren vor allem Comcast und Verizon betroffen, bezeichnet der Artikel als die "eyeball networks" , grob übersetzt: Unterhaltungsprovider. Sie stellen vor allem für Privathaushalte die Verbindung ins Internet her und müssen dazu mit anderen Netzwerkvernetzern wie Cogent kooperieren. Diese Beziehungen, in Deutschland meist Peering genannt, kosten Geld.
Unterhaltungsprovider bauen nicht schnell genug aus
Wenn nun ein großer Partner wie Cogent plötzlich deutlich mehr Datenaufkommen erzeugt, müssten die Unterhaltungsprovider eigentlich ihre Kapazitäten für das Peering mit Cogent ausbauen. Dem Bericht zufolge war das aber nicht der Fall, weil Firmen wie Comcast und Verizon für Privathaushalte von Netflix dafür bezahlt werden wollten, dass dessen Videos auch ohne Stocken bei den Kunden ankommen. Cogent wiederum ist unter Providern bekannt dafür, günstige Angebote an der Grenze der eigenen Kapazitäten zu machen. In diesem Fall ging das offenbar schief.
Das Unternehmen NEPC befand sich also in der bizarren Situation, dass es mehr oder weniger zufällig denselben Provider wie Netflix gewählt hatte und dadurch nun Geschäftseinbußen hinnehmen musste. Bei Standleitungen, wie NEPC sie verwendet, ist auch ein abrupter Wechsel nicht ohne weiteres möglich und mit Wartezeiten und Kosten verbunden. Den Finanzberatern kam gerade noch rechtzeitig zugute, dass Netflix sich mit den für NEPC wichtigen Privatprovidern einigte, inzwischen bezahlt der Streamingdienst alle vier großen US-Provider.
Belege für überlastete Netze
Ohne handfeste Daten könnten solche Erfahrungsberichte nach Verschwörungstheorien klingen, aber die Belege existieren inzwischen. Das Unternehmen M-Lab untersucht alle großen Peering-Punkte der USA auf den Datenfluss zwischen den professionellen und den Unterhaltungsprovidern und konnte in dem für NEPC kritischen Zeitraum genau die beschriebenen Effekte feststellen: Sobald Netflix Kunde bei Cogent wurde, ging bei den Verbindungen zu Comcast und Verizon fast nichts mehr. Dagegen kann ein in der Topologie des Internets mindestens eine Ebene über den Eyeball-Networks stehendes Unternehmen wie Cogent fast nichts tun, so dass der Provider bereits 2013 seine Aktionäre vor möglichen Schwierigkeiten warnte. Die entsprechenden Grafiken sind in Crawfords Artikel(öffnet im neuen Fenster) enthalten.
Dieses Beispiel der Dreiecksbeziehung zwischen Cogent, NEPC und den Unterhaltungsprovidern zeigt deutlich, wie wichtig der sperrige Begriff der Netzneutralität ist: Nur, weil Cogent sich mit einem Unternehmen wie Netflix, das viel Bandbreite belegt , zusammengetan hat, dürften völlig unbeteiligte Firmen bei einem funktionierenden Internet eigentlich keine Nachteile zu erwarten haben. Das wäre möglich, wenn Netzneutralität gesetzlich vorgeschrieben wäre.
Darüber wird in den USA wie in Europa gerade vermehrt gestritten, die US-Regulierungsbehörde FCC tendiert derzeit eher zu einem Zwei-Klassen-Internet . Und wie üblich, wenn zwei Bereiche abgegrenzt werden sollen, gibt es an den Berührungspunkten der beiden Reibungsverluste. Oder: Unternehmen wie NEPC, die ohne eigenes Zutun unter die Räder kommen.