Patrouillierende Flugabwehrwaffe 358: Iran setzt Loitering SAM gegen US-Drohnen ein
Als weltweit erstes operatives patrouillierendes Boden-Luft-Flugkörpersystem hat die 358-Rakete(öffnet im neuen Fenster) die asymmetrische Kriegsführung grundlegend verändert: Die Waffe im geschätzten Wert von 20.000 bis 70.000 US-Dollar(öffnet im neuen Fenster) zerstört routinemäßig amerikanische MQ-9-Reaper-Drohnen im Wert von 32 Millionen US-Dollar. Das geschieht offenbar auch im aktuellen Irankrieg, wie Bloomberg berichtet.(öffnet im neuen Fenster)
Seit der Erstbeschlagnahmung durch die US Navy im November 2019 wurde die 358 von Huthis(öffnet im neuen Fenster), Hisbollah(öffnet im neuen Fenster) und irakischen Milizen eingesetzt und schoss nachweislich zahlreiche westliche und israelische Drohnen ab. Iran bestätigte die Existenz der Waffe erst im September 2023 und stellte Anfang 2025 den verbesserten Nachfolger 359 vor.
Die 358 ist primär eine Boden-Luft-Waffe, keine Luft-zu-Luft-Munition im klassischen Sinne. Sie wird von einfachen Schienenstartrampen am Boden abgefeuert.
Eine Rakete, die wartet
Sie besteht aus einem schlanken, raketenförmigen Flugkörper mit Canard-Konfiguration und Schmetterlingsflossen am Heck, die aerodynamisch an die russische R-27-Luft-Luft-Rakete erinnert. Das vollständige System umfasst bis zu 16 Flügel und Flossen, wobei der Bediener die Flügelkonfiguration je nach Einsatzzweck anpassen kann. Die Waffe wird in drei Teilen transportiert und im Feld montiert.
Mit einer Länge von rund 2,7 m, einem Durchmesser von 150 mm und einem Gesamtgewicht von 58 kg ist die 358 kompakt genug, um auf handelsüblichen Lkw transportiert und abgefeuert zu werden.
Der Gefechtskopf wiegt 10 kg und ist als Splitter-Sprengkopf mit einem Wirkradius von rund 30 m ausgelegt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei rund 700 km/h, die Einsatzreichweite beträgt 100 km bei einer Einsatzhöhe von bis zu 8.500 m.
Die Patrouillierzeit wird je nach Quelle mit 15 bis 50 Minuten angegeben, wobei die kürzere Zahl aus unabhängiger westlicher Analyse stammt. Gestartet wird die 358 per Festbrennstoff-Booster, der nach dem Ausbrennen abgetrennt wird. Ein kleiner Turbojet übernimmt danach den Reiseflug.
Der niederländische Turbojet und die Hongkonger Briefkastenfirmen
Das Marschflugtriebwerk der 358 wurde vom UN-Expertenpanel für den Jemen eindeutig identifiziert: Es handelt sich um die AMT Titan, eine kommerziell erhältliche Mikro-Gasturbine der niederländischen Firma AMT Netherlands B.V. aus Geldrop bei Eindhoven.
Dieses Triebwerk wurde ursprünglich für RC-Modellflugzeuge und kleine UAV entwickelt und leistet 392 Newton Schub bei 98.000 Umdrehungen pro Minute. Es wiegt nur 3.350 Gramm und kostet rund 12.000 Euro. Es handelt sich um ein handelsübliches Produkt, keine iranische Kopie, sondern direkt beschafftes Material.
Die Beschaffungskette wurde anhand der Seriennummern der bei den US-Navy-Beschlagnahmungen 2019 und 2020 sichergestellten Triebwerke rekonstruiert. AMT Netherlands hatte die Triebwerke an zwei Firmen in Hongkong geliefert: HSJ Electronics und Vista Automation & Communication.
Beide Unternehmen gehören derselben Person, Zhang Hongfeng. Mindestens eine der Firmen hatte einen in Iran ansässigen Mitarbeiter.
Die niederländischen Exportlizenzen untersagten ausdrücklich den Weiterverkauf oder Reexport – diese Auflage wurde ignoriert. Der Trägheitsnavigationssensor vom Typ Xsens MTi-100 stammt ebenfalls aus den Niederlanden und wurde über ähnliche Kanäle beschafft.
Die konkret nachgewiesene China- und Hongkong-Verbindung bei der 358 betrifft die Weiterleitung niederländischer Komponenten über Hongkonger Scheinfirmen, nicht die Lieferung originär chinesischer Bauteile. Das US-Finanzministerium verhängte zwischen 2023 und 2025 wiederholt Sanktionen gegen in China und Hongkong ansässige Unternehmen(öffnet im neuen Fenster), die Bauteile für Irans Drohnen- und Raketenprogramme beschafft hatten – zuletzt im Februar 2025 gegen sechs Firmen in Hongkong und Shenzhen, darunter Dingtai Industrial Technology und Shenzhen Zhiyu International Trade. Diese Sanktionen betreffen jedoch das gesamte iranische UAV-Programm.
Radarloser Infrarot-Suchkopf
Das Lenksystem der 358 arbeitet vollständig ohne Radaremission – eine Eigenschaft, die sie für konventionelle SEAD-Taktiken, also die Bekämpfung feindlicher Flugabwehr, nahezu unsichtbar macht. In der Nase sitzt ein bildgebender Infrarot-Suchkopf, der Wärmesignaturen von Luftzielen autonom erfasst und verfolgt. Ergänzt wird er durch einen TV-Sensor für sichtbares Licht als Dual-Mode-Fähigkeit.
Hinter dem Nasensuchkopf befindet sich das auffälligste Merkmal der 358: ein ringförmiges Array von Sensoren um den Rumpf. Die New York Times berichtete 2020 unter Berufung auf US-Militärquellen von einem Dutzend Infrarotlinsen in einem Ring um die Rakete, die in der Lage sein sollen, die Infrarot-Gegenmaßnahmen von Koalitions-Hubschraubern zu überwinden.
Experten beschreiben(öffnet im neuen Fenster) 16 Laserziel-Sensoren für eine 360-Grad-Erfassung. The War Zone analysierte, dass es sich möglicherweise um zwei Reihen auf unterschiedlichen Wellenlängen handelt – eine für IR-Lenkung, eine für den Laser-Annäherungszünder.
Die 358 operiert in drei Modi: Im gelenkten Modus lokalisieren bodengestützte Wärmebildkameras oder Radare das Ziel und lenken die Rakete in den Zielbereich, wo der Infrarot-Suchkopf übernimmt. Im autonomen Modus wird die 358 in einen Luftraum mit hoher Wahrscheinlichkeit feindlicher Fluggeräte geschossen und patrouilliert in einer Acht-Formation, bis sie ein vorprogrammiertes Zielprofil erkennt. Im halbautonomen Modus kann ein Bediener über eine Telemetrieverbindung die Flugbahn in der Endphase korrigieren.
Waffenbeschlagnahmungen und westliche Analysen
Die 358 wurde der Öffentlichkeit erstmals durch die bereits beschriebene Waffenbeschlagnahmung der US Navy bekannt(öffnet im neuen Fenster). Am 25. November 2019 stoppte die USS Forrest Sherman die Dhau Al-Raheeb im Golf von Aden und beschlagnahmte zwei 358-Raketen zusammen mit Komponenten von Marschflugkörpern, Seezielflugkörperteilen und rund 13.000 Sprengkapseln.
Centcom bezeichnete die 358 als einzigartig iranisches Design(öffnet im neuen Fenster) – im Gegensatz zu anderen iranischen Waffen, die russische oder chinesische Vorbilder kopieren. Am 9. Februar 2020 sicherte die USS Normandy drei zusätzliche 358-Raketen von einer weiteren Dhau.
Weitere Beschlagnahmungen folgten: Die britische Fregatte HMS Montrose sicherte am 28. Januar und 25. Februar 2022 komplette 358-Bausätze von kleinen Booten(öffnet im neuen Fenster) südlich des Iran. Am 21. Oktober 2021 fand die 52. Brigade der irakischen Volksmobilisierungskräfte eine vollständig montierte 358 nahe dem Militärflugplatz Tuz Khormatu – laut Michael Knights vom Washington Institute eine unverhohlene Drohung gegen Aufklärungsflugzeuge der Koalitionsstreitkräfte(öffnet im neuen Fenster).
Einsatz vom Jemen über den Libanon bis Syrien
Die Huthis bezeichnen die 358 als(öffnet im neuen Fenster) Saqr, arabisch für Falke, und haben sie zur wichtigsten Flugabwehrwaffe ihres Arsenals entwickelt. Operative Feldtests begannen vermutlich bereits 2016 bis 2017. Im Juni 2021 wurde erstmals verifizierbar ein US-Scan-Eagle-UAV über dem Distrikt Serwah in der Provinz Marib abgeschossen. Am 14. Januar 2022 traf eine 358 eine chinesische Wing Loong II der Saudis.
Am 8. November 2023 wurde eine MQ-9 Reaper vor der jemenitischen Küste abgeschossen. Seitdem haben die Huthis nach eigenen Angaben über 20 MQ-9 Reaper abgeschossen, wobei unabhängige Quellen mindestens 14 bestätigte Verluste seit 2022 nennen. Die Huthis paradierten die Saqr-1 erstmals am 21. September 2022 in Sanaa und stellten 2023 die leicht modifizierte Variante Saqr-2 vor(öffnet im neuen Fenster).
Im Libanon setzte die Hisbollah die 358 ab Oktober 2023 gegen israelische Drohnen an der Nordgrenze ein. Am 25. Oktober 2023 wurde eine 358 gegen ein israelisches UAV abgefeuert und von einem US-Patriot-System abgefangen. Am 18. November 2023 veröffentlichte die Hisbollah das Video eines Treffers auf eine Hermes 450. Im April 2024 zerstörten 358-Raketen zwei israelische Drohnen vom Typ Hermes 900 und Hermes 450(öffnet im neuen Fenster).
In Syrien wurde im September 2021 eine Boden-Boden-Variante der 358 durch Iran-nahe Milizen in Idlib eingesetzt(öffnet im neuen Fenster). In einem Fall soll eine 358 eine türkische TAI Aksungur über Syrien abgefangen haben(öffnet im neuen Fenster).
Eine Waffe ohne direkten Vergleich
Das Alleinstellungsmerkmal der 358 liegt in ihrer Rolle als patrouillierende Flugabwehrwaffe. Nahezu alle anderen Loitering Munitions weltweit – Switchblade, Harop, Shahed-136, Lancet – greifen Bodenziele an. Die 358 greift nach oben an.
Der Shahed-136 wiegt mit rund 200 kg fast das Vierfache und ist für Bodenangriffe mit einer Einwegreichweite von bis zu 2.000 km ausgelegt, aber mit nur 185 km/h viel zu langsam, um Luftziele zu bekämpfen. Der US-amerikanische Switchblade 600 ist mit 22,7 kg deutlich leichter und für Panzerbekämpfung konzipiert, kann aber keine Luftziele angreifen.
Der israelische IAI Harop mit 135 kg und bis zu 1.000 km Reichweite ist auf Radarbekämpfung spezialisiert und greift ebenfalls nur Bodenziele an. Die 358 ist mit rund 700 km/h schneller als alle genannten Vergleichssysteme, weil sie bewegliche Luftziele abfangen muss. Ihre Patrouillierzeiten sind deutlich geringer als bei klassischen Loitering Munitions, und ihr Einsatz kann – im Gegensatz zu Switchblade und Harop – nicht abgebrochen und auf ein neues Ziel umgelenkt werden.
Der entscheidende taktische Vorteil bleibt ihre Radarlosigkeit: konventionelle SEAD-Maßnahmen greifen nicht(öffnet im neuen Fenster). Russische Analysten stufen die 358 als wirksam gegen UAV und Hubschrauber(öffnet im neuen Fenster) ein, aber als ungeeignet gegen schnelle Kampfjets, außer bei einer sehr spezifischen Abschussgeometrie.
Die 358 wurde Russland vorgeführt, aber abgelehnt
Im September 2023 besuchte der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu Teheran(öffnet im neuen Fenster) und wurde von IRGC-Luftwaffen-Kommandeur Brigadegeneral Amir-Ali Hajizadeh persönlich durch eine IRGC-Waffenausstellung geführt, bei der die 358 erstmals offiziell vom Iran vorgestellt wurde. Laut Defense Express(öffnet im neuen Fenster) hat der Iran die 358 Russland 2023 aktiv angeboten, Russland lehnte jedoch ab.
Der Einsatz einer 358 wurde in der Ukraine nicht dokumentiert. Im Gegensatz dazu lieferte der Iran nachweislich Tausende Shahed-136 sowie im September 2024 Fath-360-Kurzstreckenraketen an Russland.
Was kommt als Nächstes? – Der Nachfolger 359
Offizielle Kostenangaben zur 358 existieren nicht. Analytische Schätzungen reichen von unter 50.000 bis zu 120.000 US-Dollar. Die Kosten-Asymmetrie – eine 358 für vielleicht 30.000 bis 50.000 US-Dollar gegen einen MQ-9 Reaper für 32 Millionen US-Dollar – zeigt Irans Strategie billiger, aber nützlicher Waffen. Die modulare Bauweise mit kommerziellen Komponenten deutet auf relativ einfache Skalierbarkeit hin. Ob die USA mittlerweile Irans Fähigkeit, die Drohne in Massen zu bauen, dezimiert haben, ist nicht bekannt.
Die wichtigste Entwicklung seither ist die Vorstellung der 359-Rakete(öffnet im neuen Fenster) – eines vergrößerten Nachfolgers mit 150 km Reichweite, bis zu 1.000 km/h Geschwindigkeit, über 9.000 m Einsatzhöhe und einem wahrscheinlich iranisch produzierten Toloue-10-Turbojet. Die entscheidende Neuerung: Die 359 kann per Fallschirm geborgen und wiederverwendet werden. Sie soll AWACS, Luftbetankungsflugzeuge und höher fliegende Drohnen bekämpfen. Erstmals auf iranischem Boden wurde die 359 am 8. Januar 2025 während der Großübung Great Prophet 19 abgefeuert(öffnet im neuen Fenster). Ob sie im aktuellen Krieg eingesetzt wurde, ist unbekannt.
Die 358 hat drei grundlegende Veränderungen bewirkt, die über ihren unmittelbaren taktischen Nutzen hinausgehen. Sie hat nicht-staatlichen Akteuren erstmals eine glaubwürdige Flugabwehrfähigkeit gegeben, die zuvor Staaten mit komplexer Radarinfrastruktur vorbehalten war. Sie hat die Verwundbarkeit westlicher Drohnen schlagartig offengelegt. Und sie zeigt, wie kommerzielle Off-the-Shelf-Technologie – eine niederländische Modellflug-Gasturbine, ein niederländischer Trägheitssensor, einfache IR-Sensoren – zu einer kampferprobten Waffe kombiniert werden kann, die Milliarden-Dollar-Systeme bedroht.
Defense Express argumentierte im Januar 2026, dass die Ukraine das 358-Konzept studieren solle, um russische Jet-Drohnen zu bekämpfen. Die 358 mag als Nischenwaffe begonnen haben – doch sie hat das Potenzial, eine neue Waffenkategorie zu definieren.
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