Oxwall: Soziales Netzwerk in Eigenregie
Es klingt verheißungsvoll: Die Software Oxwall(öffnet im neuen Fenster) ermöglicht ein eigenes soziales Netzwerk, das nach selbst formulierten Regeln funktionieren und sich sogar monetarisieren lassen soll. Wir haben es ausprobiert und sind überzeugt. Vor allem die Möglichkeit, die eigene Community durch Plugins fast beliebig zu erweitern, gefällt uns. Allerdings sollte neben all der Einrichtung der Technik eines nicht vergessen werden: Mitglieder anzuwerben, denn sonst wird es schnell einsam im eigenen Netzwerk.
Gegründet wird die eigene Community auf dem eigenen Lamp-Server oder auf Shared-Hosting-Space. Oxwall bietet vielfältige soziale Funktionen: Profile, Freundschaften, einen Livestream, Messaging, Chat und mehr. Einige Funktionen stecken im Programmkern, andere können mit einer Vielzahl von Plugins nachgerüstet werden. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt Undewall(öffnet im neuen Fenster) oder die Demo von Oxwall(öffnet im neuen Fenster) selbst.
Wem die vorhandenen Plugins nicht genügen, kann eigene Erweiterungen entwickeln. Dafür steht ein Grundgerüst(öffnet im neuen Fenster) zur Verfügung. Oxwall wird in den USA entwickelt und unter der Common Public Attribution License (CPAL) angeboten(öffnet im neuen Fenster) . Der Quelltext findet sich auf Github(öffnet im neuen Fenster) .
Geld verdienen
Viele freie Entwickler programmieren aber anscheinend lieber Plugins(öffnet im neuen Fenster) als am Kern mitzuarbeiten. Das könnte daran liegen, dass Oxwall kostenlos ist, während man eigene Erweiterungen im Oxwall Store mit einem Preisschild versehen kann. Für Communitys, die das System nutzen wollen, können daher ein paar hundert Euro zusammenkommen, bis die Plattform bezugsfertig ist.
Verglichen mit den Mitbewerbern hat Oxwall viele Vorteile: Es ist preiswerter als Dolphin(öffnet im neuen Fenster) , kann mehr als Elgg(öffnet im neuen Fenster) und ist einfacher zu konfigurieren als Drupal Commons(öffnet im neuen Fenster) . Und es bietet eine Bezahlschnittstelle, die unter anderem Paypal(öffnet im neuen Fenster) und Sofortüberweisungen(öffnet im neuen Fenster) unterstützt.
Kombiniert mit Benutzerrollen mit unterschiedlichen Zugriffsrechten, lassen sich damit interessante Geschäftsmodelle nach dem Freemium-Prinzip aufbauen. Dazu legt man unter /admin/users/roles mindestens eine zusätzliche "Mitgliedschaft" an. Diese bekommt unter /admin/permissions/roles erweiterte Zugriffsrechte. Damit die Mitglieder gegen Geld in die erweitere Mitgliedschaft wechseln können, wird eins der Plugins Paid Membership(öffnet im neuen Fenster) oder Paid Membership Premium Account Pro(öffnet im neuen Fenster) installiert. Dazu noch eine der Bezahlschnittstellen, und das Geschäft kann losgehen.
Foren sehen alt aus
Wer dabei sofort an Dating denkt: Ja, man kann mit Oxwall auch Dating-Seiten bauen. Aber vielleicht ist für solche Anwendungen Skadate(öffnet im neuen Fenster) besser geeignet. Es stammt vom gleichen Hersteller Skalfa und ist ähnlich aufgebaut, aber auf Partnersuche spezialisiert und grundsätzlich kostenpflichtig.
In großen Firmen werden häufig soziale Netzwerke eingesetzt, die sich nahtlos in die vorhandene IT-Landschaft integrieren. Für solche Fälle ist Oxwall nur geeignet, wenn die Integration zweitrangig ist. Oder wenn der Aufwand, eigene Plugins zu programmieren, in Kauf genommen wird.
Klassische Forensoftware dagegen sieht neben Oxwall alt aus. Da hilft auch kein aufgepfropftes "Social"-Plugin – ein Forum ist eben tendenziell trocken und logisch aufgebaut und orientiert sich vorrangig an Themen. Ein Social Network dagegen orientiert sich an Menschen und ihren Beziehungen. Es wirkt daher schon auf den ersten Blick viel lebendiger. Und, liebe männliche Nerds: Social-Networking-Plattformen werden gerne von Frauen genutzt. Ihr wollt doch mehr Frauen in eurer Community, oder?
Oxwall ist polyzentrisch
Wer allerdings den sachlichen, themenzentrierten Ansatz klassischer Foren schätzt, muss mit Oxwall nicht darauf verzichten: Es gibt ein Modul dafür(öffnet im neuen Fenster) . Auch andere Werkzeuge für sachorientierte Zusammenarbeit können genutzt werden: Wiki, Terminkalender, FAQ, Umfragen oder das Frage-Antwort-Modul(öffnet im neuen Fenster) . Letzteres erlaubt es, Fragen zu stellen und aus den Antworten die beste auszuwählen.
Foren sind, wie der Name andeutet, virtuelle Plätze, auf denen man sich trifft. Sie sind monozentrisch. Social Networks dagegen sind polyzentrische Netze, jeder Benutzer ist sein eigenes Zentrum. Während man in Foren jeden Benutzer sieht und Nervensägen aktiv in den Ignore-Filter stecken muss, kann ein Social Network so eingerichtet werden, dass jeder Nutzer nur Beiträge seiner Freunde zu sehen bekommt. Konflikte entstehen daher seltener, das Klima ist angenehmer.
Vielfalt bändigen
Auch stark divergierende Gemeinschaften mit vielen unterschiedlichen Interessen profitieren vom Social-Ansatz: Weil die Nutzer ihre Freundeskreise selbst organisieren, braucht der Admin sich nicht den Kopf zu zerbrechen, wie er die Inhalte logisch strukturieren soll. In Firmen können solche Freundeskreise sehr effektiv sein: Sie ermöglichen schnelle Absprachen, die Mitarbeiter organisieren ihr Knowledge Management selbst.
Das kommt vor allem in großen Organisationen mit mehr als 1.000 Mitgliedern zum Tragen. Aber auch für kleinere Communitys ist Oxwall eine gute Wahl: Es sieht einfach besser aus als zum Beispiel vBulletin.
Facebook-Gegner bevorzugen oft das Modell des Federated Social Network aus einem offenen Verbund beliebig vieler autonomer Server. Die klassische E-Mail funktioniert so, Projekte wie Friendica(öffnet im neuen Fenster) und Diaspora(öffnet im neuen Fenster) versuchen das Prinzip auf Social-Plattformen zu heben. Oxwall unterstützt diesen Ansatz bisher nicht. Es gibt zwar ein Plugin, das Oxwall-Server miteinander verbindet, es werden aber nur Blog-Beiträge zwischen den Servern ausgetauscht(öffnet im neuen Fenster) .
Oxwall einrichten
Die Systemvoraussetzungen(öffnet im neuen Fenster) zum Einrichten von Oxwall erfüllt heute fast jeder LAMP-Server. Einzig ein Cron-Job, der einmal pro Minute ausgeführt wird, fällt aus dem Rahmen. Bei der Providerwahl sollte vorab geklärt werden, ob ein so häufig ausgeführter Cron-Job erlaubt ist. Er sorgt unter anderem dafür, dass die E-Mails des Systems verschickt werden. Kleinere Communitys können auch auf Shared Hosting laufen, sofern der Cron-Job dort eingerichtet werden kann.
Die Installation(öffnet im neuen Fenster) erfolgt wie bei vielen anderen PHP-basierten Systemen: Datenbank anlegen, deren Zugangsdaten speichern, Oxwall-Dateien in einem Ordner auf dem Server ablegen, diesen im Browser aufrufen, Einstellungen eintragen, ein paar Mal "Continue" klicken. Und den Cron Job anlegen.
Freunde einladen
Wer eine Oxwall-Site aufbaut, sollte frühzeitig einige Freunde oder Kollegen zum Ausprobieren einladen. Alleine, nur mit ein paar Fake-Benutzern, kommt man nicht weit, wenn man soziale Software durchtesten will.
Zentrales Element einer Oxwall-Seite ist der Livestream. Hier erscheint, was auf der Plattform passiert: Anna hat Geburtstag, Bernd gefällt das, Carla postet ein ulkiges Foto, Detlef ein Video, das Erna kommentiert, und so weiter und so fort. Man kennt das.
Den Livestream gibt es in mehreren Varianten: Im zentralen Livestream erscheint fast alles, im persönlichen nur News, die den aktuellen Benutzer betreffen. Beiträge aus Gruppen erscheinen nur in den Livestreams von deren Mitgliedern. Unter /admin/pages/manage lässt sich einstellen, welche Seite der Benutzer als Erstes zu sehen bekommt: seinen privaten oder den allgemeinen Livestream oder eine ganz andere Seite.
Weniger ist mehr
Das alles klingt kompliziert und ist es auch. Eine oft gehörte Klage von Benutzern lautet: "Das ist hier so unübersichtlich! Ich weiß nicht, wohin ich meinen Beitrag schreiben soll." Unübersichtlich kann es vor allem werden, wenn sich der Admin von der Vielzahl interessanter Module dazu verleiten lässt, dies und das und jenes auch noch auf den Server zu packen. Hier ist weniger oft mehr. Ein einmal installiertes Modul lässt sich zwar problemlos löschen. Dabei werden aber auch die dazugehörigen Benutzerbeiträge gelöscht – was meistens Ärger gibt. Nicht nur deshalb sollten neue Plugins vorsichtig eingesetzt werden: Während die Qualität des Oxwall-Kerns sehr gut ist, sind einige Plugins leider fehlerhaft.
Andererseits geht auf Oxwall prinzipiell nichts verloren. Egal, wo der Benutzer seinen Beitrag einträgt, er erscheint im Livestream. Und dort bleibt er, solange die anderen ihn interessant finden: Jede Bewertung, jeder Kommentar spült auch ältere Beiträge wieder nach oben.
Für zusätzlichen Komfort sorgt das Suchmodul Search Pro: Es findet blitzschnell alles, was zum eingegebenen Suchwort passt, seien es Benutzer, Gruppen, Fotos, Forenbeiträge oder Chatnachrichten.
Community aufbauen
Ein Social Network braucht Mitglieder. Am besten funktioniert der Aufbau, wenn die Community schon vorhanden ist. Das können Vereinsmitglieder sein, Kunden oder Mitarbeiter einer Firma, Fans von irgendwas, ganz egal. Je konkreter der gemeinsame Fokus der potenziellen Mitglieder ist, desto besser. Eine Community aus dem Nichts aufzubauen, ist dagegen sehr schwierig und aufwendig.
Oxwall bietet eine Reihe von Werkzeugen, um neue Mitglieder auf die Plattform zu locken. Die Mitgliederliste einer vorhandenen Community lässt sich per CSV-Import einlesen(öffnet im neuen Fenster) . Dabei werden fertige Accounts angelegt. Das sollte im Vorfeld deutlich angekündigt werden, die Leute reagieren sonst leicht verschnupft.
Neue einladen
Wenn die Mitglieder selbst neue Mitglieder einladen, ergibt sich ein exponentielles Wachstum. Wenn dabei noch der Exponent größer eins ist, steht dem Erfolg nichts mehr im Weg. Mit den passenden Plugins kann jedes Mitglied Einladungen per E-Mail(öffnet im neuen Fenster) , Facebook(öffnet im neuen Fenster) oder auf anderen Wegen verschicken.
Es ist gut, wenn ein Social Network viele Mitglieder hat, noch besser ist es dann, wenn sie auch noch aktiv sind. Mit Oxwall kann man aktive Mitglieder belohnen(öffnet im neuen Fenster) und passive per E-Mail anquengeln(öffnet im neuen Fenster) .
Freunde finden
Das Soziale am Social Network baut auf den Freundschaftsbeziehungen der Mitglieder auf. Jedes Mitglied präsentiert sich mit einem Profil. Was für Informationen dort eingetragen werden können oder müssen, legt der Admin fest.
Auch ob Profilfelder sichtbar sind und ob sie in Suchergebnissen auftauchen, lässt sich detailliert festlegen. Auf Wunsch zeigt eine Usermap(öffnet im neuen Fenster) , wo die Leute in der sogenannten Wirklichkeit zu finden sind.
Auf dieser Basis können Benutzer einander finden, sich Freundschaftsanfragen schicken und diese bestätigen oder ablehnen. Wenn sich die Mitglieder in Real Life verabreden möchten, können sie Treffen mit einem kostenlosen schlichten(öffnet im neuen Fenster) oder einem kostenpflichtigen komfortablen(öffnet im neuen Fenster) Events-Plugin organisieren.
Schlichte oder verspielte Optik
Die Oberfläche von Oxwall wird mit CSS-basierten Themes(öffnet im neuen Fenster) gestaltet. Es gibt schlichte(öffnet im neuen Fenster) und verspielte(öffnet im neuen Fenster) Themes. Unter admin/appearance/customize/css kann man das CSS einsehen und ergänzen. Die meisten Themes sind inzwischen responsiv und taugen damit für Mobilgeräte. Wer sich in Oxwall einarbeiten will, findet Unterstützung im deutschen(öffnet im neuen Fenster) und im internationalen(öffnet im neuen Fenster) Oxwall-Forum.
Fazit
Oxwall bietet viele komfortable Möglichkeiten, ein eigenes Social Network aufzubauen und mit Leben zu füllen. Mit Hilfe der vielen Module können sehr unterschiedliche Community-Plattformen gebaut werden: Von der reinen Spaßgemeinschaft über engagierte Hobbyvereine bis hin zu politischen Kampagnen, Kunden- oder Mitarbeiterportalen ist alles machbar. Die eingebaute Bezahlschnittstelle ermöglicht es zudem, damit Geld zu verdienen. Wichtig ist dabei, das Augenmerk nicht zu sehr auf die Technik zu legen: In einem Social Network spielen die Mitglieder immer die Hauptrolle!
Achim Wagenknecht(öffnet im neuen Fenster) schreibt seit 1994 über Computerthemen. Er betreibt mit Oxwall eine geschlossene Community mit 1.600 Mitgliedern für einen Verein und die offene Plattform RoundOF(öffnet im neuen Fenster) als soziales Experiment.



