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Oppenheimer: Authentisches Geschichtskino und eine echte Bombe

Christopher Nolan beweist, dass Filmkunst geschichtliche Ereignisse auch spannend zeigen kann, ohne sie zu verbiegen. Und dafür hat er sogar ein Atombombenmodell realitätsgetreu vor Kameras explodieren lassen.
/ Daniel Pook
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Cillian Murphy als Christopher Nolans Oppenheimer (Bild: Universal Pictures)
Cillian Murphy als Christopher Nolans Oppenheimer Bild: Universal Pictures

Am 16. Juli 1945 konnte eine Gruppe namhafter Wissenschaftler in der Einrichtung Los Alamos, New Mexiko nicht komplett sicher sein, ob sie mit einem einfachen Knopfdruck in einem einzigen Moment nicht gleich die gesamte Welt in Brand setzen und alles Leben darauf töten würden. Sie betätigten den Knopf dennoch.

Wenn Regisseur Christopher Nolan über seinen neuen Film Oppenheimer spricht, kommt er immer wieder auf diesen Moment zurück(öffnet im neuen Fenster) , der sich so wirklich abgespielt hat. Und auf seine Faszination dafür, was in den Männern rund um Projektleiter Julius Robert Oppenheimer(öffnet im neuen Fenster) , die brillanten Physiker des Manhattan Projects und alle anderen daran Beteiligten vorgegangen sein muss, als sie besagten Knopf drückten, der den Trinity-Test auslöste. Die Zündung der ersten von Menschenhand geschaffenen Atombombe.

Was danach geschah, ist weitläufig bekannt und hat den Verlauf der Menschheitsgeschichte bis heute entscheidend geprägt. Mit der brutalen Machtdemonstration in Hiroshima und Nagasaki beschleunigte die neue Superwaffe der USA das Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf Kosten Hunderttausender unschuldiger Menschenleben, die mitunter qualvoll sterben mussten.

Und wie von seinen Erschaffern befürchtet, war dies nur der Beginn eines internationalen Wettrüstens, mit immer mehr Bomben, die immer verheerenderes Vernichtungspotenzial mit sich brachten. Eine Ära des Friedens, jedoch auch der ewig präsenten Angst vor dem nuklearen Holocaust schien nun gekommen. Ein Ausgang, mit dem Oppenheimer, jetzt bekannt als Vater der Atombombe, bis an sein Lebensende hadern sollte.

Oppenheimer – Filmtrailer
Oppenheimer – Filmtrailer (03:06)

Der Vater der Atombombe und sein Bedauern

Obwohl Nolans Film sehr zentriert auf die Person Oppenheimer ausgerichtet ist – exzellent gespielt von Cillian Murphy in seiner bisher besten Rolle -, handelt es sich nicht um eine vollständige Biografie. Nur kurz zu Beginn sehen wir ihn als jungen Studenten bei einer ersten Begegnung mit Niels Bohr (Kenneth Branagh). Die Handlung ist gespickt mit Koryphäen der Physik, viele davon bleiben eher im Hintergrund oder tauchen nur ganz kurz auf, darunter der von Matthias Schweighöfer verkörperte Werner Heisenberg. Weitere Darsteller wie Robert Downey Jr. als Politiker Lewis Strauss und Matt Damon als Oppenheimers militärischer Aufpasser Leslie Groves sind großartig besetzt, was die zahlreichen dialoglastigen Szenen essenziell aufwertet.

Ebenso wie mehrere einflussreiche Wegbegleiter Oppenheimers sind wissenschaftliche Erklärungen und der umfangreiche technische Prozess hinter der Entstehung des Trinity-Projekts nur beiläufig von Interesse. Nolan widmet seinen ganzen Fokus einem auf mehrere Zeitebenen verteilten Diskurs über die politische Seite des Manhattan-Projekts und dem schwierigen Abwägen zwischen wissenschaftlicher, ethischer und vom Zweiten Weltkrieg geprägter Sichtweisen.

Auf Basis des biografischen Romans American Prometheus(öffnet im neuen Fenster) geht es dabei besonders um Oppenheimers inneren Zwist als Anhänger kommunistischer Ideale, der seinem Heimatland USA verpflichtet ist und hinterher trotzdem als politischer Verräter denunziert wurde, weil er sein Mitwirken am Manhattan-Projekt bereute und vor weiterer Aufrüstung warnte.

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Das im Film sehr ausführlich gezeigte Verfahren, bei dem Oppenheimer nach dem erfolgreichen Trinity-Projekt seine Sicherheitsstufe aberkannt wurde, die ihn befugt hätte, Entscheidungen über spätere Atombombenprojekte und den generellen Umgang mit nuklearer Energie in den USA mit zu beeinflussen, hat sich zum Großteil genau so abgespielt(öffnet im neuen Fenster) , wie es die Handlung zeigt.

Auch die frühere Erzählebene rund um den ersten Atombombentest ist historisch nicht verbogen worden, wie man es aus anderen Verfilmungen geschichtlicher Ereignisse gewohnt ist. Wenn überhaupt, sind die Dialoge nur viel zu pointiert und zum Wohlgefallen der Zuschauer geschliffen, um so tatsächlich im Wortlaut abgelaufen zu sein, aber das tut dem Film letztendlich nur gut.

So akkurat wie ein spannender Kinofilm nur sein kann

Oppenheimer ist von der Setgestaltung, über wissenschaftliche Geräte und Inhalte(öffnet im neuen Fenster) , bis zum Ablauf seiner realen Geschehnisse so akkurat, wie ein Kinofilm nur sein kann, der gleichzeitig auch ein angenehm rundes Seherlebnis bieten möchte, anstatt sich in Kleinigkeiten zu verrennen oder zu viel auf einmal zeigen zu wollen. Dass es am Ende dennoch 180 Minuten Laufzeit wurden, liegt auch daran, dass Christopher Nolan sich keine erfundenen Abkürzungen in dem ausgesuchten Teil der Geschichte gebastelt hat, den er hier wirklichkeitsgetreu abbildet.

Und das erstmals in Nolans Karriere wirklich komplett mit analogen IMAX-Kameras gedreht(öffnet im neuen Fenster) , für dessen spezielles Seitenformat(öffnet im neuen Fenster) der Regisseur seine Bilder gemeinsam mit Kameramann Hoyte van Hoytema eigentlich konzipiert hat und für das Zuschauer ein solches Kino selbstverständlich extra besuchen müssten. Wir haben Oppenheimer in der Berliner Pressevorführung zwar nicht im IMAX, aber immerhin als 70mm-Projektion(öffnet im neuen Fenster) begutachten könne, fanden auch das schon eindrucksvoll. Das stimmungsvoll klassisch aussehende Filmbild hat Körnung, fantastische Kontraste, unvergleichliche Farben und damit einfach Charakter. Es wird bei einer solchen Projektion mit leichtem Flackern natürlich noch etwas stilechter auf die Leinwand gebracht, als es bei rein digitalen Abspielgeräten der Fall wäre und verstärkt so insbesondere bei einer komplett Schwarz-Weiß gefilmten Erzählebene die gewollte Zeitzeugen-Doku-Ästhetik.

Nolan wiederholt den Trinity-Test

Wes Anderson baut seine Asteroid City als echte Stadt in der Wüste. Tom Cruise kämpft auf einem realen fahrenden Zug , der später komplett in einen Abgrund geschmissen wird. Und Christopher Nolan? Der lässt eine Atombombe als Practical Effect(öffnet im neuen Fenster) entstehen. Dass Hollywood immer öfter wieder auf handwerkliche Spezialeffekte anstelle rein digitaler Kreationen setzt, ist mit Sicherheit auch Nolan und dem Erfolg seiner Filme zu verdanken, die laut Universal Pictures weltweit zusammen mehr als 5 Milliarden Dollar eingespielt haben.

Der britische Ausnahmeregisseur ist so konsequent, nicht nur analog zu filmen, sondern eben selbst den Trinity-Test als detailgetreues Modell vor laufenden Kameras so authentisch wie menschenmöglich zur Explosion zu bringen. Das wird in naher Zukunft wahrscheinlich nur Nolan selbst toppen können, der ja für seinen Science-Fiction-Film Interstellar bereits theoretische Modellvorstellungen eines fünfdimensionalen Tesserakts als Set in Lebensgröße(öffnet im neuen Fenster) hat nachbilden lassen.

Die Effektspezialisten Andrew Jackson und Scott R. Fisher tüftelten mit Hilfe wissenschaftlicher Berater Wege aus, eine Nuklearexplosion auf kleinerer Skala überzeugend nachzuahmen und dabei gezielt Bilder zu erzeugen, welche die physikalischen Prozesse dahinter visuell repräsentativ sichtbar machen. Wie genau sie dabei vorgingen, hat das Team bis jetzt nicht im Detail verraten. Einzig, dass für die Explosionen sehr viel Benzin und Propangas eingesetzt und optische Effekte wie zu vermuten mit Magnesium und Aluminiumpulver erzeugt wurden, konnte den Beteiligten in Interviews entlockt werden(öffnet im neuen Fenster) .

Schrecken der Realität bleibt unerreicht

So real die Bombe auf großer Leinwand erscheint, so faszinierend kurze Momente aufzuckender Blitze im dichten Feuer auch wirklich sind, so sehr sich der ganze Aufwand dafür tatsächlich enorm gelohnt hat. Die Szene, mit der Oppenheimer am meisten beworben wird, auf die Zuschauer mit Sicherheit am gespanntesten warten, hat ein Problem, für das sie nichts kann. Wir haben Filmaufnahmen echter Atombombenabwürfe, von nuklearen Testsprengungen und sogar auch vom hier nachgestellten Trinity-Test längst in markerschütternder Klarheit gesehen.

Zwar geht die Kamera hier näher ran, das Bild ist höher aufgelöst, wir sehen ein eskalierendes Flammenmeer in Farbe und ja, es sieht verdammt gut aus. Den Schrecken, den Christopher Nolan damit wecken will, kann er allerdings gar nicht mehr stärker oder bedeutend anders herauskitzeln, als es eben die echte Footage schon getan hat. Jenes Archivmaterial(öffnet im neuen Fenster) , das in den Köpfen der meisten Menschen bildlich tief verankert, im wahrsten Sinne des Wortes eingebrannt ist. Die Realität hat hier bereits eine Referenz geschaffen, die uns ein Bewusstsein von Tod und Zerstörung vermittelt, welche ohnehin bereits unsere Vorstellungskraft übertrifft. Mehr Farbe und ein paar andere Blickwinkel fügen diesem Albtraum nichts mehr hinzu.

Oppenheimer – Behind the Scenes
Oppenheimer – Behind the Scenes (06:25)

Dennoch ist Christopher Nolan, auch abseits des großen Knalls, hier filmisch etwas besonderes gelungen. Dass wir 180 Minuten lang fast ununterbrochen Dialogen folgen, der Film unsere Aufmerksamkeit aber nicht verliert, uns nicht mit zu vielen Informationen überfordert und wir ihn auch gar nicht als sehr lang empfunden haben, ist ein Beleg dafür, dass meisterhaft angewandte Filmsprache jeden Stoff auch dann spannend lebendig werden lassen kann, wenn nicht ständig etwas Aufregendes passiert.

Wahnsinn, Albtraum und viele Gespräche

Schnitt und Kamera werden bemerkenswert präzise eingesetzt, um in den vielen Gesprächen nie ein Gefühl von Monotonie oder gar den Verdacht aufkommen zu lassen, der Film verschwende in seinen drei Stunden nur gedankenlos unsere Zeit, ohne ein großes Kinoerlebnis bieten zu wollen. Selbst eine gewisse Redundanz in den zahlreichen Verhörszenen hat eine Funktion, soll bewusst den Wahnsinn darstellen, mit dem sich Oppenheimer nach dem Erfolg des Manhattan Projects auf politischer Ebene konfrontiert sah. Dafür stehen auch später im Film eingestreute Albtraumsequenzen, die nachträgliche Schuldgefühle des Physikers intensiv visualisieren und von denen wir uns durchaus mehr gewünscht hätten, um aus Oppenheimer noch deutlicher einen historischen Horrorfilm zu machen.

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Die passende Musik zu einem solchen liefert der schwedische Komponist Ludwig Göransson nämlich bereits mustergültig ab. Ewig treibend, unterschwellig mahnend, von Beginn an großes Unheil beschwörend. So muten die Klänge des Soundtracks an. Genau wie die Kinematographie von Oppenheimer spricht auch seine Klangkulisse ohne Unterlass mit uns, während die Menschen miteinander reden und sich ihre Stimmen nicht selten auch mal in der Umgebung verlieren. Ein Markenzeichen von Christopher Nolan, der natürlich klingende Sprachaufnahmen klar verständlichen Dialogen vorzieht. Anders als in Tenet bleiben die Schauspieler in der englischen Originalfassung von Oppenheimer meistens noch gut hörbar, wenn es inhaltlich gerade besonders wichtig ist.

Ein paradoxes Meisterwerk

Wahrscheinlich wird Christopher Nolans Oppenheimer als verhindertes Meisterwerk in die Filmgeschichte eingehen. Eine Melange beeindruckender Filmkunst, die jedoch paradoxerweise nach dem Abspann keinen starken Eindruck hinterlässt. Die uns nicht nachdenklicher stimmt, als wir vorher schon waren. Angesichts nuklearer Massenvernichtungswaffen, ihrer Wirkung auf die Welt und die existenzielle Bedrohung, die noch immer von ihnen ausgeht. Auch die Person Julius Robert Oppenheimer sehen wir nicht mit anderen Augen. Das Dilemma der friedenstiftenden Megabombe ist bekannt und es ist deswegen so schrecklich, weil es so leicht vermittelt und rationalisiert werden kann. Da gibt es filmisch gar nichts mehr Komplexes zu ergründen.

Dennoch sollten wir Oppenheimer im Kino sehen. Nicht nur, weil der Film ein wichtiges Stück Menschheitsgeschichte akkurat wiedergibt und weil die Darbietung des gesamten Casts ein schauspielerischer Leckerbissen ist. Filme wie dieser werden auf solch detailverliebte Weise heutzutage zu selten derart anspruchsvoll gemacht.

Modernes Filmemachen nach traditionellem Handwerk

Oft heißt es, um die Kinos zu retten, sei es ganz wichtig, einfallslose Superheldenfilme wie The Flash(öffnet im neuen Fenster) oder halbgare Neuaufgüsse wie Indiana Jones 5 , mit künstlich aufgeblähten Budgets jenseits der 300 Millionen US-Dollar, nicht an den Kinokassen floppen zu lassen. Doch genau das tun sie aktuell(öffnet im neuen Fenster) reihenweise. Gerade jetzt ist der Moment so günstig wie lange nicht mehr, als Publikum zu signalisieren, dass wir auch außerhalb von Indie-Produktionen gerne mehr als Popcorn-Kino sehen wollen. Nolan zeigt mit Oppenheimer, dass selbst historische trockene Stoffe in den richtigen Händen packendes Kino sein können, ohne die wahre Geschichte dafür völlig umdichten zu müssen.

Wer eine Kinokarte für Oppenheimer kauft, entscheidet sich für großartige Kunst. Für eine Mischung aus modernem Filmmaking nach traditionellem Handwerk. Und für einen Regisseur, der weiterhin Künstler sein darf, obwohl er im Blockbuster-Format abliefert. Einen sehr guten Film gibt's hier fürs Eintrittsgeld dann sozusagen auch noch mit dazu.

Oppenheimer startet am 20.07.2023 in deutschen Kinos.


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