Nolan wiederholt den Trinity-Test
Wes Anderson baut seine Asteroid City als echte Stadt in der Wüste. Tom Cruise kämpft auf einem realen fahrenden Zug, der später komplett in einen Abgrund geschmissen wird. Und Christopher Nolan? Der lässt eine Atombombe als Practical Effect entstehen. Dass Hollywood immer öfter wieder auf handwerkliche Spezialeffekte anstelle rein digitaler Kreationen setzt, ist mit Sicherheit auch Nolan und dem Erfolg seiner Filme zu verdanken, die laut Universal Pictures weltweit zusammen mehr als 5 Milliarden Dollar eingespielt haben.
Der britische Ausnahmeregisseur ist so konsequent, nicht nur analog zu filmen, sondern eben selbst den Trinity-Test als detailgetreues Modell vor laufenden Kameras so authentisch wie menschenmöglich zur Explosion zu bringen. Das wird in naher Zukunft wahrscheinlich nur Nolan selbst toppen können, der ja für seinen Science-Fiction-Film Interstellar bereits theoretische Modellvorstellungen eines fünfdimensionalen Tesserakts als Set in Lebensgröße hat nachbilden lassen.
Die Effektspezialisten Andrew Jackson und Scott R. Fisher tüftelten mit Hilfe wissenschaftlicher Berater Wege aus, eine Nuklearexplosion auf kleinerer Skala überzeugend nachzuahmen und dabei gezielt Bilder zu erzeugen, welche die physikalischen Prozesse dahinter visuell repräsentativ sichtbar machen. Wie genau sie dabei vorgingen, hat das Team bis jetzt nicht im Detail verraten. Einzig, dass für die Explosionen sehr viel Benzin und Propangas eingesetzt und optische Effekte wie zu vermuten mit Magnesium und Aluminiumpulver erzeugt wurden, konnte den Beteiligten in Interviews entlockt werden.
Schrecken der Realität bleibt unerreicht
So real die Bombe auf großer Leinwand erscheint, so faszinierend kurze Momente aufzuckender Blitze im dichten Feuer auch wirklich sind, so sehr sich der ganze Aufwand dafür tatsächlich enorm gelohnt hat. Die Szene, mit der Oppenheimer am meisten beworben wird, auf die Zuschauer mit Sicherheit am gespanntesten warten, hat ein Problem, für das sie nichts kann. Wir haben Filmaufnahmen echter Atombombenabwürfe, von nuklearen Testsprengungen und sogar auch vom hier nachgestellten Trinity-Test längst in markerschütternder Klarheit gesehen.
Zwar geht die Kamera hier näher ran, das Bild ist höher aufgelöst, wir sehen ein eskalierendes Flammenmeer in Farbe und ja, es sieht verdammt gut aus. Den Schrecken, den Christopher Nolan damit wecken will, kann er allerdings gar nicht mehr stärker oder bedeutend anders herauskitzeln, als es eben die echte Footage schon getan hat. Jenes Archivmaterial, das in den Köpfen der meisten Menschen bildlich tief verankert, im wahrsten Sinne des Wortes eingebrannt ist. Die Realität hat hier bereits eine Referenz geschaffen, die uns ein Bewusstsein von Tod und Zerstörung vermittelt, welche ohnehin bereits unsere Vorstellungskraft übertrifft. Mehr Farbe und ein paar andere Blickwinkel fügen diesem Albtraum nichts mehr hinzu.
Dennoch ist Christopher Nolan, auch abseits des großen Knalls, hier filmisch etwas besonderes gelungen. Dass wir 180 Minuten lang fast ununterbrochen Dialogen folgen, der Film unsere Aufmerksamkeit aber nicht verliert, uns nicht mit zu vielen Informationen überfordert und wir ihn auch gar nicht als sehr lang empfunden haben, ist ein Beleg dafür, dass meisterhaft angewandte Filmsprache jeden Stoff auch dann spannend lebendig werden lassen kann, wenn nicht ständig etwas Aufregendes passiert.
Wahnsinn, Albtraum und viele Gespräche
Schnitt und Kamera werden bemerkenswert präzise eingesetzt, um in den vielen Gesprächen nie ein Gefühl von Monotonie oder gar den Verdacht aufkommen zu lassen, der Film verschwende in seinen drei Stunden nur gedankenlos unsere Zeit, ohne ein großes Kinoerlebnis bieten zu wollen. Selbst eine gewisse Redundanz in den zahlreichen Verhörszenen hat eine Funktion, soll bewusst den Wahnsinn darstellen, mit dem sich Oppenheimer nach dem Erfolg des Manhattan Projects auf politischer Ebene konfrontiert sah. Dafür stehen auch später im Film eingestreute Albtraumsequenzen, die nachträgliche Schuldgefühle des Physikers intensiv visualisieren und von denen wir uns durchaus mehr gewünscht hätten, um aus Oppenheimer noch deutlicher einen historischen Horrorfilm zu machen.
Die passende Musik zu einem solchen liefert der schwedische Komponist Ludwig Göransson nämlich bereits mustergültig ab. Ewig treibend, unterschwellig mahnend, von Beginn an großes Unheil beschwörend. So muten die Klänge des Soundtracks an. Genau wie die Kinematographie von Oppenheimer spricht auch seine Klangkulisse ohne Unterlass mit uns, während die Menschen miteinander reden und sich ihre Stimmen nicht selten auch mal in der Umgebung verlieren. Ein Markenzeichen von Christopher Nolan, der natürlich klingende Sprachaufnahmen klar verständlichen Dialogen vorzieht. Anders als in Tenet bleiben die Schauspieler in der englischen Originalfassung von Oppenheimer meistens noch gut hörbar, wenn es inhaltlich gerade besonders wichtig ist.
Ein paradoxes Meisterwerk
Wahrscheinlich wird Christopher Nolans Oppenheimer als verhindertes Meisterwerk in die Filmgeschichte eingehen. Eine Melange beeindruckender Filmkunst, die jedoch paradoxerweise nach dem Abspann keinen starken Eindruck hinterlässt. Die uns nicht nachdenklicher stimmt, als wir vorher schon waren. Angesichts nuklearer Massenvernichtungswaffen, ihrer Wirkung auf die Welt und die existenzielle Bedrohung, die noch immer von ihnen ausgeht. Auch die Person Julius Robert Oppenheimer sehen wir nicht mit anderen Augen. Das Dilemma der friedenstiftenden Megabombe ist bekannt und es ist deswegen so schrecklich, weil es so leicht vermittelt und rationalisiert werden kann. Da gibt es filmisch gar nichts mehr Komplexes zu ergründen.
Dennoch sollten wir Oppenheimer im Kino sehen. Nicht nur, weil der Film ein wichtiges Stück Menschheitsgeschichte akkurat wiedergibt und weil die Darbietung des gesamten Casts ein schauspielerischer Leckerbissen ist. Filme wie dieser werden auf solch detailverliebte Weise heutzutage zu selten derart anspruchsvoll gemacht.
Modernes Filmemachen nach traditionellem Handwerk
Oft heißt es, um die Kinos zu retten, sei es ganz wichtig, einfallslose Superheldenfilme wie The Flash oder halbgare Neuaufgüsse wie Indiana Jones 5, mit künstlich aufgeblähten Budgets jenseits der 300 Millionen US-Dollar, nicht an den Kinokassen floppen zu lassen. Doch genau das tun sie aktuell reihenweise. Gerade jetzt ist der Moment so günstig wie lange nicht mehr, als Publikum zu signalisieren, dass wir auch außerhalb von Indie-Produktionen gerne mehr als Popcorn-Kino sehen wollen. Nolan zeigt mit Oppenheimer, dass selbst historische trockene Stoffe in den richtigen Händen packendes Kino sein können, ohne die wahre Geschichte dafür völlig umdichten zu müssen.
Wer eine Kinokarte für Oppenheimer kauft, entscheidet sich für großartige Kunst. Für eine Mischung aus modernem Filmmaking nach traditionellem Handwerk. Und für einen Regisseur, der weiterhin Künstler sein darf, obwohl er im Blockbuster-Format abliefert. Einen sehr guten Film gibt's hier fürs Eintrittsgeld dann sozusagen auch noch mit dazu.
Oppenheimer startet am 20.07.2023 in deutschen Kinos.
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| Oppenheimer: Authentisches Geschichtskino und eine echte Bombe |
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Ich konnte Barbenheimer tatsächlich erleben, als während der Film Barbie lief, der Boden...
Tja. Geschmäcker sind eben verschieden. Interstellar war für mich ebenfalls die größte...
... für diese hervorragend geschriebene Film-Kritik. Hätte nicht gedacht, dass in einer...
Ich würde sagen, eine Kombination aus beidem. Am Ende hätte man das Volk vielleicht noch...