Open Source: Wer hat die Macht ohne Chefs und Verträge?
In der Welt von Big Tech sind die Verhältnisse klar: Youtube und die Google-Suche gehören zum Alphabet-Konzern. Windows ist ein Microsoft-Produkt. Whatsapp, Instagram und Facebook sind Teil des Meta-Firmenkosmos. Die Unternehmen bestimmen, wer unter welchen Bedingungen die Programme, Betriebssysteme und Dienste nutzen darf. Die Angestellten der Firmen wirken auf Basis von Arbeitsverträgen mit. Im Zentrum des wirtschaftlichen Handelns steht Eigentum: an Domains, Marken, Quellcode und Inhalten.
Dieser Produktwelt steht eine Landschaft freier Digitalprojekte gegenüber. Inhalteportale wie Wikipedia oder Open Street Map zählen dazu, freie Programme wie Firefox oder Libreoffice oder freie Plattformen wie Signal oder Mastodon. Tausende größere und kleinere Projekte formen etwas, das man als digitale Gegenwelt bezeichnen könnte.
Gemeinsam haben all diese Projekte: Es entsteht kein Eigentum, sondern Gemeingüter unter freien Lizenzen. Regelwerke wie Creative Commons und Open-Source-Lizenzen mit oder ohne Copyleft(öffnet im neuen Fenster) sorgen dafür, dass die jeweiligen Güter frei genutzt und weiterentwickelt werden können. Was entsteht, gehört gleichermaßen allen und niemandem.
Wie funktioniert diese Welt, in der nicht Eigentum im Mittelpunkt steht? Wie entstehen jenseits klassischer Unternehmenslogiken digitale Güter, die etwas ganz Neues schaffen oder auf hohem Niveau mit den Produkten der IT-Konzerne konkurrieren? So verschieden die Projekte sind, es lassen sich typische Konstellationen beobachten. Es gibt eine gemeinsame Anatomie der digitalen Gegenwelt.
Die Macht der Community
Egal, ob bei Wikipedia, Open Street Map oder Tor: Die eigentliche Arbeit leistet eine ehrenamtliche Community. Bei Wikipedia ist es das Schreiben von Artikeln, bei Open Street Map das Kuratieren von Geodaten, bei Tor das Zurverfügungstellen von Verschleierungsstationen.
Die Community ist die wichtigste Säule der digitalen Gegenwelt: eine Gruppe von Menschen, lose zusammengehalten durch gemeinsame Interessen und Werte. Die einen treibt der Spaß an Technologie an. Sie lieben es, Software zu schreiben, Quellcode zu analysieren und – wenn nötig – zu hacken. Andere haben vor allem gesellschaftspolitische Motive. Sie glauben, dass Informationen frei zugänglich, Technologie Privatsphäre respektieren und digitale Macht verteilt statt zentralisiert sein sollte.
Einige dieser digitalen Kollektive sind winzig, andere hingegen kleine Massenbewegungen: Die Wikipedia-Community setzt sich aus mehr als 300 Sprachgemeinschaften(öffnet im neuen Fenster) zusammen, in denen ihrerseits teilweise Tausende Aktive mitwirken. In 21 deutschen Städten gibt es Stammtische(öffnet im neuen Fenster) des Kartenprojekts Open Street Map und das WLAN-für-alle-Netzwerk Freifunk ist ein Zusammenschluss von 400 lokalen Initiativen(öffnet im neuen Fenster) im deutschsprachigen Raum.
Schreibrecht und andere Mechanismen
Um die Zusammenarbeit zu koordinieren, haben sich typische Mechanismen herausgebildet. Fast immer gibt es als Minimalstruktur eine Unterscheidung zwischen Nutzerinnen und Nutzern mit und ohne Schreibrecht.
Beiträge vorschlagen können stets alle. Ein Beitrag kann etwa die Verbesserung eines Wikipedia-Artikels oder das Beheben eines Software-Fehlers sein. Teil des Projekts wird der Vorschlag aber erst, wenn er in das Projekt eingebaut wird. Von einem Community-Mitglied, das schon länger dabei ist oder das – bei Softwareprojekten – eine Maintainer-Rolle innehat.
Oft werden Machtpositionen innerhalb der Community über offene Wahlen vergeben, und zu strittigen Themen gibt es thematische Abstimmungen. Daneben strukturieren oft auch Arbeitsgruppen die Zusammenarbeit. Bei Wikipedia etwa kann man sich einer von mehreren thematischen Redaktionen(öffnet im neuen Fenster) anschließen. In denen wird über inhaltliche Lücken, Relevanzkriterien oder zulässige Quellen diskutiert.
Geschlossene Machtgremien
Nicht immer geht es partizipativ zu. Bei einigen Projekten bestimmen die aktuellen Mitglieder eines obersten Community-Gremiums, wer neu aufgenommen wird oder rausfliegt. Das Gremium rekrutiert und kontrolliert sich selbst. Wohlwollend könnte man bei einem solchem Modell sagen, dass eine Gruppe verlässlicher Aktivistinnen und Aktivisten die Integrität des Projekts sicherstellt. Kritisch ließe sich entgegenhalten, dass eine kleine Gruppe die Macht unter sich ausklüngelt und niemandem außer sich selbst Rechenschaft schuldig ist.
Diese Communitys formen eine vielfältige Zivilgesellschaft im Netz. Sie sind gleichsam die digitalen Gegenstücke zu Greenpeace, den Tafeln oder Fridays for Future.
Organisationen: verbindliche Strukturen
Wie in der analogen Zivilgesellschaft steht den Communitys oft eine formale Organisation gegenüber. Die kann als juristische Person Marken- und Domainrechte halten, Spendengelder sammeln sowie Förderanträge einreichen, technische Infrastrukturen bereitstellen und Leute fest anstellen.
Einige Organisationen sind demütige Diener der Community. Die Wikimedia Foundation etwa betreibt die Webseite wikipedia.org sowie die benötigten Rechenzentren und entwickelt die von der Community genutzte Wiki-Software Mediawiki. Das Tor Project entwickelt die Technologie für das Betreiben von Verschleierungsstationen.
In anderen Fällen sind Organisationen die eigentlichen Akteure. Die Mozilla Foundation und die Signal Foundation entwickeln den Firefox-Browser bzw. den Signal Messenger ohne nennenswerte Einbindung einer Community. Streng genommen erledigen sie das über hundertprozentige Tochterunternehmen, die Mozilla Corporation bzw. die Signal Messenger, LLC.
Auch hier gibt es erhebliche Größenunterschiede. Die britische Open Street Map Foundation ist ein Winzling. Die Wikimedia Foundation hat dagegen Hunderte Angestellte, ebenso wie die Mozilla Corporation.
Meritokratie vs. Selbstrekrutierung
Und genau wie die Communitys unterscheiden sich auch die Organisationen in puncto Offenheit und Partizipation. Die Document Foundation – eine deutsche Stiftung, die die Entwicklung des Bürosoftwarepakets Libreoffice koordiniert – setzt auf Meritokratie: Wer mitmacht, darf mitbestimmen. Der Vorstand der Stiftung wird von einem Mitglieder-Kuratorium gewählt. Das steht laut Satzung(öffnet im neuen Fenster) allen offen, die über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten "belegbare oder durch Mitglieder bestätigte, nicht triviale oder offensichtlich geringfügige Beiträge" geleistet haben. Ist die Community mit der Arbeit der Stiftung unzufrieden, kann sie das Führungspersonal regelmäßig durch Wahlen entmachten.
Nicht so beim Tor Project und der Mozilla Foundation: der neun-(öffnet im neuen Fenster) bzw. zwölfköpfige(öffnet im neuen Fenster) Vorstand ist selbstrekrutiert, er kontrolliert und wählt sich selbst.
Macht in Open-Source-Unternehmen
Und dann sind da noch die Unternehmen. Die wirken auf den ersten Blick wie Fremdkörper im Kosmos der digitalen Gegenwelt: Passen Profitorientierung und Gemeingut überhaupt zusammen?
In einigen Fällen funktioniert das erstaunlich gut. Unternehmen beteiligen sich an der Bereitstellung von Gemeingütern, an denen sie keinerlei exklusives Eigentum erwerben. Open-Source-Geschäftsmodelle ermöglichen es, dennoch Geld zu verdienen – in Form von Cloudlösungen, Support- und Beratungsdienstleistungen, nicht-freien Zusatzprodukten oder angepassten Firmenversionen.
Ohne die Beteiligung von Unternehmen wäre die alternative Digitalwelt sehr viel ärmer. Das meistgenutzte Linux-PC-Betriebssystem Ubuntu ist ein Produkt des Unternehmens Canonical Limited mit Sitz in der Steueroase Isle of Man. Mehr als 40 Prozent aller Webseiten basieren auf der Wordpress-Software des US-Start-ups Automattic Inc. Die Stuttgarter Nextcloud Gmbh und die Nürnberger Owncloud Gmbh ermöglichen es, eigene Datenwolken aufzubauen. Und ohne das neuseeländische Unternehmen Innocraft und sein Softwareprodukt Matomo gäbe es keine starke Antwort auf den Datenfresser Google Analytics.
Diese freien Produkte entstehen oft in enger Zusammenarbeit des Unternehmens mit einer Community, die bereitwillig mitarbeitet, weil als Ergebnis hochwertige freie Software herausspringt.
Die Gurus der digitalen Gegenwelt
Communitys, Organisation und Unternehmen mit Open-Source-Geschäftsmodell; das sind die typischen Akteure der digitalen Gegenwelt.
Daneben spielen auch prominente Einzelpersonen eine wichtige Rolle. Diese Gurus der freien IT-Szene haben das jeweilige Projekt gegründet. Die Gurus, fast immer mittelalte Männer aus der Mittelschicht, haben sogenannte Soft Power: Sie halten umjubelte Vorträge auf Hackerkonferenzen. Ihr Wort hat Gewicht, wenn sie auf Mailinglisten oder in Chatsystemen mitdiskutieren.
Oft haben sie auch formale Machtpositionen innerhalb des Projekts inne. Dem Wikipedia-Gründer Jimmy Wales gesteht die Satzung der Wikimedia Foundation einen festen Sitz im Vorstand zu. Der Canonical-Gründer Mark Shuttleworth bezeichnet sich selbstironisch als gutmütigen Diktator, als "Self Appointed Benevolent Dictator For Life" (SABFDL).
Auf einer Governance-Grafik(öffnet im neuen Fenster) schwebt er oberhalb aller Projektgremien und -gruppen. Er sitzt stets im Community Council und dem Technical Board, den beiden obersten Gremien des Ubuntu-Projekts.
Abspaltungen als Korrektiv
Egal, wie die Strukturen innerhalb eines freien Projekts aussehen – das Machtgefüge ist stets zerbrechlich. Die verwendeten freien Lizenzen ermöglichen Forks, digitale Revolten.
Sind Teile der Community unzufrieden, können sie die Software oder Inhalte klonen und unter neuem Namen sowie neuer Struktur weiterentwickeln. über eine solche Abspaltung entstand Libreoffice als Alternative zum kommerziellen Openoffice. Und als sich die deutsche Wikitravel-Community nicht mehr vom Unternehmen hinter dem freien Reiseführer repräsentiert fühlte, kopierte sie die Inhalte und schuf Wikivoyage .
Das alte Projekt gibt es nach der Abspaltung weiterhin. Es steht aber mit empfindlich dezimierter oder sogar ganz ohne Community da. Forks sind die schärfsten Waffen der Communitys.
Die Freiheit eines Neuanfangs
Das ist die vielleicht größte Gemeinsamkeit der digitalen Gegenwelt im Vergleich mit dem nicht-freien Big-Tech-Kosmos. Einfach mal so Whatsapp, Windows oder Tiktok zu klonen, ist undenkbar. Die Freiheit eines freien Projekts hingegen bedeutet stets auch die Möglichkeit, abzuwandern und es anders und vielleicht besser zu probieren.
Wer hat das Sagen, wenn nicht Unternehmen, Hierarchien und Arbeitsverträge den Rahmen setzen? Wer kann bei Meinungsverschiedenheiten entscheiden? In unserer Serie "Wer hat das Sagen bei freien Projekten?" leuchten wir genau aus, wer bei einzelnen freien Projekten die Macht hat. In der nächsten Folge: Bitcoin.
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