Open Source Software: "Wir müssen da nichts mehr beweisen"
Dieser Beitrag ist die 6. Ausgabe von Chefs von Devs, dem Golem.de-Newsletter für CTO, Technical Directors und IT-Profis. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Ausgabe. Chefs von Devs kann hier kostenlos abonniert werden .
Im Jahr 2022 kommt man an Open Source nicht mehr vorbei. Selbst große Firmen mit Interesse an Profit tragen mittlerweile zur Community bei. Nvidia kommt den Entwicklern quelloffener Grafikkartentreiber entgegen , die VW-Tochter Cariad hat angekündigt, Teile ihres Auto-Betriebssystems frei zu veröffentlichen . Und Microsoft veröffentlichte sogar seine neuen Emojis als quelloffene SVG-Dateien unter einer MIT-Lizenz .
Ganz so harmonisch ist die Beziehung von Unternehmen und der Open-Source-Community dann aber doch nicht. Ausgerechnet Microsoft wollte den Verkauf von Open-Source-Software in seinem Windows-Appstore untersagen (wenn auch mit vermeintlich guten Absichten). Die Software Freedom Conservancy rief gerade erst dazu auf, keine Open-Source-Projekte mehr auf Github zu veröffentlichen.
Und auch wenn Linux in Unternehmen immer mehr verwendet wird, macht es die eine oder andere Distribution gerade Einsteigern unnötig schwer . So wird das nix mit dem Durchbruch von Linux auf dem Desktop .
Nicht mehr wegzudenken sind dagegen Open-Source-Lösungen im Backend, etwa wenn es um das Deployen mit Kubernetes geht . Und da sind wir auch schon beim Thema, wie sich Linux im Unternehmenseinsatz schlägt.
Wieso Open Source gerade dort eine so gute Sache ist und wo man dennoch mal nicht absolut dogmatisch sein sollte, darum geht es in dieser Ausgabe von Chefs von Devs im Gespräch mit Dr. Gerald Pfeifer, dem Chef der Devs von Suse.
Die SUSE Software Solutions Germany GmbH – oder einfach nur Suse, wie es wohl die meisten von uns nennen – ist ein Urgestein der deutschen IT-Wirtschaft. Seit den 90ern entwickelt die in Nürnberg ansässige Firma Linux-Distributionen, vor allem für den Einsatz in Unternehmen.
Seit 2003 arbeitet Dr. Gerald Pfeifer(öffnet im neuen Fenster) bei Suse, seit 2019 als CTO. Aber nicht nur dort beeinflusst er die Entwicklungen der Open-Source-Welt, sondern auch als Mitglied des GCC Steering Committee und Committer bei FreeBSD sowie Wine. Für Chefs von Devs nahm er sich Zeit für ein Gespräch über freie Software.
Interview mit Gerald Pfeifer von Suse
Golem.de: Herr Pfeifer, Sie sind nach Zahlen, die ich gefunden habe, Chef von Hunderten Devs. Wie organisieren Sie die Arbeit mit einem so großen Team?
Gerald Pfeifer: Die Größenordnung klingt korrekt. Das Spannende bei uns ist, dass der Großteil unserer Entwickler*innen – und wenn ich jetzt sage "unsere", dann meine ich das im breiteren Sinn – keinen Arbeitsvertrag mit Suse hat, denn wir machen ja Open Source. Es gibt da diese Kraft von vielen, die beitragen. Die muss man alle im Auge behalten. Man muss in den Communitys dabei sein und zuhören, was sie machen.
Golem.de: Wie sieht dieses Zuhören in der Praxis aus?
Gerald Pfeifer: Wir haben zum Beispiel den Bereich Suse Labs, der Schlüsseltechnologien wie den Kernel entwickelt. Da treffen sich alle Kolleg*innen üblicherweise einmal im Jahr zu einer Konferenz. Das war natürlich die letzten zweieinhalb Jahre während der Lockdowns und Reisebeschränkungen nicht möglich. Aktuell findet dieses Zusammentreffen online statt.
Seit einigen Jahren setzen wir ein neues Konzept ein. Wir nennen das bei der Suse Distinguished Engineers. Das sind kommunikative Angestellte, die auf dem Level eines Abteilungsleiters angesiedelt sind. Wir haben Engineers für Public Cloud, Security, Container und Kubernetes. Diese Engineers berichten sich dann gegenseitig von ihrem Produktmanagement und ihren Plänen und verbinden alle Bereiche des Unternehmens miteinander.
Golem.de: Berufsbezeichnungen wie CTO werden immer wieder unterschiedlich ausgelegt. Wie würden Sie Ihre Aufgaben beschreiben?
Gerald Pfeifer: Mein Job ist es erstens, viel Wissen und Informationen aufzusaugen, zu verstehen, zuzuhören und zu lernen, vom Kunden und von Partnern. Also zu schauen, was in der Industrie gerade passiert – abgetrennt von Entwicklung und Vermarktung. Der zweite Schritt ist dann zu erkennen, welche Entwicklungen Auswirkungen auf unser Portfolio haben. Der dritte Teil meiner Aufgaben ist es, Konferenzen zu besuchen und Pressegespräche wie dieses mit Ihnen zu führen.
Das Schöne an meinem Job ist, dass ich nichts verkaufen muss. Da tun mir die Kolleg*innen vom Verkauf manchmal schon leid. Ich habe a priori höhere Glaubwürdigkeit, weil ich eben nichts verkaufen muss.
Golem.de: Bevor Sie CTO wurden, waren Sie lange im Produktmanagement bei Suse. Vermissen Sie Ihre alten Aufgaben?
Gerald Pfeifer: Ich mache beides gerne und wenn ich noch mal neu entscheiden müsste, könnte ich mich nicht für eine Seite entscheiden. Aktuell gefällt mir die breite Sicht und die damit verbundenen Freiheiten als CTO. Es macht Spaß, weiter denken zu können und das große Ganze anschauen zu können, also nicht einfach in der nächsten Woche, dem Monat oder Quartal zu denken, sondern noch darüber hinaus. Gerne unterstütze ich die Kollegen im Vertrieb, aber Einkauf und Verträge sind eigentlich für mich kein Thema.
Golem.de: Suse entwickelt Produkte, die vor allem in Unternehmen eingesetzt werden. Das sind andere Anforderungen als nur Linux auf dem Desktop. Was sind die Unterschiede, wenn Open-Source-Lösungen im Unternehmen eingesetzt werden?
Gerald Pfeifer: Themen wie Supply Chain Security kommen sehr oft im Unternehmenskontext auf. Das heißt, ob die Software wirklich von der Suse kommt und nicht jemand etwas hineingeschmuggelt hat. Ich verwende gerade Open Suse auf meinem Notebook, und Sicherheit, Verfügbarkeit, Performance und Stromsparen – das ist mir als Privatanwender genauso wichtig.
Was natürlich im Enterprise-Bereich extrem wird, ist die Skalierbarkeit. Ich meine, wer hat zu Hause Systeme mit 128 Cores oder mehr als zehn Terabyte Speicher? Und wenn ich sage Terabyte an Speicher, dann meine ich nicht die SSD oder die Festplatten. Wir haben Kunden, die mehr als zehn Terabyte Hauptspeicher in einem System haben.
Golem.de: Müssen Sie bei Unternehmen noch Überzeugungsarbeit für Open-Source-Anwendungen leisten?
Gerald Pfeifer: Da haben sich die Gespräche gewandelt. Diese Gespräche, ob Open Source tauglich, sicher und performant ist, habe ich fast nicht mehr. Es kommt manchmal noch eine Frage dazu, wenn jemand ein bisschen Außenstehender ist, etwa aus dem Management. Aber Open Source muss sich nicht mehr beweisen.
Schauen Sie sich beispielsweise SAP an: Hana läuft ausschließlich auf Linux und in wenigen Jahren werden alle SAP-Kund*innen darauf umgezogen sein. Oder schauen Sie auf Container. Welche Container-Orchestrierung kennen Sie, die nicht Open Source ist?
Golem.de: Gibt es eine?
Gerald Pfeifer: Ja, schon, aber ich habe vergessen, welche. Die sind kaum mehr relevant. Oder zeigen Sie mir ein Handy, in dem nicht wesentliche Open-Source-Komponenten drinstecken, sei es Android oder Apple. Die Frage ist dann nicht, ob, sondern eher welches Open Source und wie man es einsetzen kann. Ich glaube, wir müssen da nichts mehr beweisen – wir haben's schon.
Golem.de: Sie tragen neben Ihrer Arbeit bei Suse sowohl zu FreeBSD als auch GNU bei. Diese Open-Source-Projekte unterscheiden sich, beispielsweise bei der Lizenzierung: FreeBSD ist relativ offen, GNU restriktiver. Wie ist es zu dem Engagement für beide gekommen?
Gerald Pfeifer: Das ist eine große Falle, in die man reinrutschen kann. Ich mache Open Source ja schon länger, als es den Begriff gibt. Die Begrifflichkeiten kamen erst viel später. Ich bin im Laufe meiner Dissertation auf Probleme bei der GNU Compiler Collection gestoßen. Die Doku war nicht ganz eindeutig und ich habe das angemerkt, damit der Nächste es leichter hat. Um das Jahr 2000 herum wurde ich dann in das Steering Committee eingeladen. Ähnlich war das bei FreeBSD. Weil die Unix-Systeme schon damals sehr teure proprietäre Hardware hatten, kauften wir damals günstige Hardware – nämlich Personal Computers.
Golem.de: Sie tragen in und sogar neben Ihrem Job zur Weiterentwicklung von Open-Source-Software bei. Dieses Interview findet aber gerade über einen Microsoft-Teams-Account von Suse, eine proprietäre Anwendung, statt. Wie passt das zusammen?
Gerald Pfeifer: [Lacht.] Wie Sie auf meinen Linkedin-Profil lesen können, bin ich pragmatisch, aber nicht dogmatisch. Ich bin ein Open-Source-Mensch. Ich verwende Linux auf meinem Desktop, ich habe kein Windows auf meinem Notebook. Ich verwende Libre Office und berichte den Entwicklern von Fehlern. Aber man muss auch realistisch bleiben.
Wir müssen nah am Kunden sein und die verwenden eben Microsoft Teams und andere proprietäre Software. Dazu zählt auch unser Marketing-Team bei Suse. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es würde mich freuen, wenn wir etwas anderes als Teams verwenden würden. Ich verstehe meine Arbeit aber auch im Kontext. Der Pragmatiker in mir sagt: Es geht ja. Ich kann auch unter Linux Microsoft Teams verwenden. Ich sehe Sie, ich höre Sie und Sie hören und sehen mich. Alles funktioniert. Das ist für mich das Wichtigste.
Der Branchenverband Bitkom befragt für seinen Open-Source-Monitor regelmäßig deutsche Unternehmen. Trotz des Zoom-, Slack- und Teams-Booms während der Pandemie hat die Nutzung von quelloffener Software hier zugenommen.
Wie alle Gesprächspartner bei Chefs von Devs haben wir auch Gerald Pfeifer nach Leseempfehlungen gefragt. Eine, die wir hier an euch weiterreichen, ist ein Newsletter: Friday Forward von Robert Glazer(öffnet im neuen Fenster) . Dieser begann als interne Rundmail an die Mitarbeiter seines Unternehmens – und versendet seine inspirierenden Geschichten nun jeden Freitagmorgen an Hunderttausende Abonnenten. Ein lesenswerter Einstieg ins Ende der Arbeitswoche.
Dass Open Source und die Bequemlichkeit proprietärer Software sich nicht gegenseitig ausschließen, hat der undogmatische Suse-CTO Gerald Pfeifer im Interview bereits gesagt. Wie das in der Praxis beispielhaft funktionieren kann, erklärt Golem.de-Redakteur Moritz Tremmel in seinem How-to zum Verschlüsselungstool Cryptomator . Mit dem lassen sich zum Standard gewordene Dienste wie Onedrive oder Dropbox nutzen, gleichzeitig aber alle Dateien mit einem quelloffenen Tool vor deren neugierigen Zugriffen verschlüsseln.
Was ihr euch noch kurz anhören solltet: Dieses Video darüber, wie der Firmenname von Suse richtig ausgesprochen wird(öffnet im neuen Fenster) , ist nicht einfach nur eine langweilige Lektion, sondern ein schlimmer Musical-Ohrwurm.
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