Open-Source-Jahresrückblick 2015: Freie Software macht vieles besser, aber nicht alles
Unternehmen, die noch vor Jahren Open-Source-Software strikt ablehnten oder möglichst vermieden, haben im Jahr 2015 die Idee der freien Verfügbarkeit des Quellcodes im Sinne ihrer Entwickler-Communitys und Kunden deutlich ausgebaut. Dass die Verwendung von Open-Source-Code aber kein garantierter Erfolg ist, zeigt die Mobilbranche, wo einige alternative Betriebssysteme 2015 Probleme hatten oder aus ihrem Nischendasein einfach nicht herauskamen.
Als vorteilhaft erwies sich dagegen die bereits Ende 2014 angekündigte Offenlegung des .Net-Frameworks durch Microsoft. Hatte der damalige Unternehmenschef Steve Ballmer vor etwas mehr als zehn Jahren Open Source noch als Krebs bezeichnet, scheinen heute sowohl das Team als auch der aktuelle Chef Satya Nadella keinerlei Berührungsängste mehr zu haben.
Zu Beginn des Jahres 2015 zogen viele bereits offene Projekt wie etwa der Compiler Roslyn auf Github um, und .Net wurde im Laufe des Jahres immer weiter geöffnet, wie zum Beispiel durch die Bereitstellung der Laufzeitumgebung von .Net. Viele dieser Techniken hat Microsoft in die diesjährige Veröffentlichung von Visual Studio 2015 integriert, wie etwa den Jit-Compiler Ryujit oder das hauseigene Build-Werkzeug MS Build. Der erst im Frühjahr vorgestellte Editor Visual Studio Code ist seit November ebenfalls frei verfügbar .
Im Zuge dieser Entwicklung haben sich auch externe .Net-Entwickler entschieden, ihre Anwendungen offenzulegen. Hervorzuheben ist dabei vor allem die Sprachsynthese-Software , die Intel für Stephen Hawking entwickelt hat. Sie kann nun auch durch andere erweitert und so bei weiteren Erkrankungen des motorischen Nervensystems eingesetzt werden.
Windows-Server mit Unix-Konzepten
Dass sich Microsofts Unternehmensphilosophie klar geändert hat, zeigt auch der im Sommer angekündigte Plan, SSH für Windows und die Powershell bereitzustellen und dafür mit OpenSSH zusammenzuarbeiten. Nach zwei gescheiterten Anläufen konnte das zuständige Team das Management in diesem Jahr von der Arbeit daran überzeugen. Microsoft sponsert dafür auch die OpenBSD-Foundation und erster Code der Technik steht ebenfalls inzwischen bereit.
Darüber hinaus arbeiten die Entwickler von Microsoft an der Umsetzung weiterer Techniken für Windows, die ursprünglich für unixartige Systeme entstanden sind oder dort seit langem genutzt werden. So soll der Windows-Server Container und Docker unterstützen. Mit den sogenannten Nano-Servern gibt es zudem eine Variante des Windows-Servers, der auf das absolute Minimum zum Ausführen einer einzelnen Anwendung reduziert ist, was mit Linux-Servern von je her kein Problem war.
Apple ist stolz auf Open Source
Anders als Microsoft, das wie beschrieben vor Jahren noch einer der größten Open-Source-Gegner war, hatte Apple immer ein zwiespältiges Verhältnis zu Open-Source-Software. So pflegt das Unternehmen zwar mit seiner Unix-Basis, Webkit oder den Beiträgen zu LLVM vergleichsweise viel offene Software, gibt sich ansonsten aber eher geschlossen, was insbesondere für iOS gilt.
Umso mehr überrascht hat deshalb die Ankündigung, die Programmiersprache Swift frei zur Verfügung zu stellen. Swift soll Objective-C als Sprache für Anwendungen auf Apples Systemen langfristig ablösen. Bei der Offenlegung von Swift Anfang Dezember entdeckte die Open-Source-Community Apples etwas überhöhten Stolz auf seine Bemühungen.
Auf einer Webseite pries sich Apple selbst(öffnet im neuen Fenster) als erstes Unternehmen, bei dem "Open Source eine Schlüsselrolle in der Software-Strategie" spiele. Aufgrund der teils harschen Kritik an dieser Aussage änderte Apple schließlich den Text und schrieb stattdessen, dass Open-Source-Software weiterhin das "Herz" der Plattformen von Apple sei.
Open Source für Video, Spiele und Grafik
Zusätzlich zum Öffnen eigener Techniken, um Kundenwünschen zu entsprechen und noch mehr Entwickler an das eigene Unternehmen zu binden, hat Open-Source-Software jedoch auch das Potenzial, für branchenübergreifende Kooperationen zu sorgen und so dem Community-Gedanken gerecht zu werden. Dass dabei Unternehmen gemeinsam zum Wohle aller an einem Ziel arbeiten können, zeigt sich zum Beispiel an der Alliance for Open Media (Aomedia).
Das in diesem Jahr gegründete Konsortium Aomedia vereint die Streaminganbieter Amazon und Netflix mit Microsoft und Intel sowie Mozilla, Google und Cisco. Letztere entwickeln mit Daala, VP10 und Thor neuartige Videocodecs. Sie sollen eine lizenzkostenfreie Open-Source-Alternative zu gängigen Formaten bieten, allen voran HEVC alias H.265. Die Unternehmen haben sich in der Aomedia zusammengeschlossen, um diese Arbeiten zu vereinheitlichen und so künftig einen allgemeinen Videostandard zur Verfügung zu stellen, der möglicherweise die gleiche Bedeutung erreichen könnte wie der Audiocodec Opus.
Neben dem Engagement für die Werte von Open-Source-Software und einer Standardisierung verfolgen die Unternehmen mit dem Zusammenschluss wohl aber auch finanzielle Interessen. So werden die Lizenzkosten für das zurzeit weitverbreitete H.264 zwar als zu hoch erachtet, sie sind aber immerhin gedeckelt. Für H.265 wird erwartet, dass die Kosten zur Verwendung weiter steigen, zumal gleich zwei Konsortien um die Lizenzierung des Videocodecs konkurrieren.
Steam Machines endlich verfügbar
Eine ähnliche Motivation, nämlich von anderen Unternehmen unabhängig zu sein und selbst die Richtung vorgeben zu können, wird Valve wohl vor zwei Jahren dazu bewogen haben, mit SteamOS ein eigenes Betriebssystem zu entwickeln, das hauptsächlich zum Spielen ausgelegt ist. Mit den dazugehörigen Rechnern, den sogenannten Steam Machines, könnte somit eine Konkurrenz zu klassischen Konsolen entstehen.
Seit November sind die ersten Steam Machines im Handel und noch ist ihr Erfolg nicht absehbar. In unserem Test konnte das Gerät von Zotac noch nicht wirklich überzeugen. Das gilt auch für das von Valve erstellte Gamepad, den Steam Controller. Er fordert einiges an Umgewöhnung . Darüber hinaus ist der Controller ohne Steam auf einem Linux-System nur schwer einsetzbar , da die notwendige Treiberunterstützung noch fehlt. Dies könnte sich aber im kommenden Jahr noch ändern.
Freie Grafiktreiber vom Hersteller
Zwei länger vorbereitete Open-Source-Projekte, die in diesem Jahr erste deutliche Ergebnisse vorzeigen können, sind freie Grafiktreiber für das Raspberry Pi sowie der komplett neue Linux-Treiber Amdgpu für aktuelle Modelle von AMDs Radeon-Karten. Der Treiber für Raspberry Pi entsteht seit Sommer 2014 im Auftrag von Chiphersteller Broadcom und ist in Linux 4.4 integriert , das bereits als Vorabversion verfügbar ist und wohl kurz nach der Jahreswende stabil erscheint.
Etwas weniger Zeit zur Entwicklung einer initialen Version benötigten die Programmierer für den im Herbst 2014 angekündigten Treiber Amdgpu. Dieser soll künftig als Grundlage für einen möglichst freien Grafikstack unter Linux für Radeon-Karten sorgen, aber auch einen proprietären Teil des Catalyst-Treibers wiederverwenden können. Zwar stehen diese beiden Treiber im offiziellen Linux-Kernel bereit, voll einsatzfähig sind sie aber noch nicht, da noch einige Funktionen fehlen. Diese werden wahrscheinlich im kommenden Jahr umgesetzt.
Probleme und Neustarts in der Mobilbranche
Die freie Lizenzierung des Mobilbetriebssystems Android gilt gemeinhin als Erfolgskonzept, da sehr viele Hersteller so vergleichsweise schnell Geräte auf den Markt bringen können und zudem eigene Anpassungen durchführen können, um sich von der Konkurrenz abzuheben. In diesem Jahr haben verschiedene Android-Entwickler allerdings kritisch angemerkt, dass dieses Vorgehen auch zu teils schwerwiegenden Probleme führen kann.
So stellte der Sony-Angestellte Tim Bird auf der Linuxcon Japan eine Umfrage vor, aus der hervorgeht, dass viele Geräte-Hersteller eine Kooperation mit der Kernel-Community scheuen. Dies führt wiederum dazu, dass teilweise mehrere Millionen Zeilen Code pro Gerät von den Firmen selbst gepflegt werden müssen, was zu einem teuren Mehraufwand führt.
Viel schlimmer ist an dieser Situation jedoch, dass eine schnelle Reaktion der Hersteller auf gefährliche Sicherheitslücken wie Stagefright dadurch sehr erschwert wird. Auf der Linux Plumbers Conference diskutierten die Teilnehmer mögliche Lösungen dieses Problems. Besonders viel haben diese Gespräche bisher aber nicht bewirkt.
Fast gescheitertes Mobilsystem mit Linux
Alternative mobile Betriebssysteme auf Basis von Linux waren auch in diesem Jahr nicht wirklich relevant. Besonders hart hat es Firefox OS von Mozilla getroffen. So sind die Arbeiten, das System auf Smartphones zu bringen, komplett eingestellt worden . Mozilla hat aber auch angekündigt, Firefox OS im Embedded-Bereich neu ausrichten zu wollen.
Noch nicht völlig eingestellt ist die Entwicklung von Jolla an Sailfish OS. Doch die Zukunft des Projekts ist reichlich ungewiss, da das Unternehmen akute finanzielle Schwierigkeiten hat. Wohl auch deshalb musste die Auslieferung des Jolla-Tablets immer wieder verschoben werden, und das Gerät hat seine Käufer immer noch nicht erreicht. Die Lage ist für Jolla so schlecht , dass das Unternehmen sogar auf Facebook seine Community dazu aufrief, beim Umzug in neue Büroräume zu helfen. Zwar ist die Finanzierung von Jolla vorerst gesichert , jedoch gilt dies nur für das Lizenzgeschäft.
Weiter werkeln oder neu anfangen
Noch unbeeindruckt von derartigen Entwicklungen zeigt sich Canonical, das weiter an Ubuntu Touch arbeitet. Nach fast zwei Jahren mit Prototypen lassen sich nun immerhin Smartphones mit vorinstalliertem Ubuntu kaufen. Die Hardware-Ausstattung des BQ Aquaris E4.5 konnte dabei aber nicht überzeugen. Auch die bessere Hardware des Meizu MX4 zeigte noch einige Schwächen an dem System.
Um Verkaufszahlen, viele Geräte und Finanzen muss sich die KDE-Community dagegen eigentlich nicht sorgen und hat auch deswegen eine Variante seiner Plasma-Oberfläche für Smartphones erstellt. Das Team verfolgt damit explizit das Ziel, ein von der Community getragenes System zu erstellen, das – soweit es eben geht – Open Source ist und allen für Beiträge offensteht. Damit stellt sich KDE klar gegen die von Unternehmen kontrollierten Entwicklungsmodelle der anderen Systeme.
Ob die KDE-Entwickler mit ihrem Smartphone-Projekt wirklich Erfolg haben werden, wird sich wohl schon an den Entwicklungen im kommenden Jahr zeigen. Ebenso wird das Jahr 2016 entscheidend für das Überleben von Jolla. Unabhängig von dieser eher ungewissen Zukunft wird Android weiter wachsen, und die Hersteller werden ihre Arbeiten besser koordinieren. Auch der deutliche Open-Source-Trend bei Microsoft dürfte bestehen bleiben oder sogar noch stärker ausgebaut werden.
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