Open-Source-Community: Das Wir-Gefühl und seine Probleme
Es gibt viele schwammige Grenzen in der Open-Source-Welt. Menschen engagieren sich persönlich und professionell, freiwillig oder bezahlt, für eine gemeinnützige Organisation oder für ein gewinnorientiertes Unternehmen, aus ideologischen Gründen oder aus wirtschaftlichem Interesse. Trotzdem sprechen sie von einem undifferenziertes "Wir". So hat die Anwältin Karen Sandler auf der Open-Source-Konferenz Fosdem die Community beschrieben – und erklärt, warum dieses Gemeinschaftsgefühl auch Probleme bereitet.
Die starke Verbundenheit der Open-Source-Gemeinde zeigt sich etwa an dem Streit um das Markenrecht von Gnome mit Groupon. Letzteres hatte sich die Marke Gnome für verschiedene Bereiche gesichert und ein Produkt mit diesem Namen vertrieben. Das wiederum hatte die Gnome-Foundation sichtlich überrascht, die ebenfalls Inhaber der Marke Gnome ist. Trotz monatelanger Verhandlungen wollte Groupon nicht auf die Marke verzichten. Deshalb bat Gnome um Spenden, womit juristisch gegen die Marke vorgegangen werden sollte.
Gemeinsam gegen den Feind von außen
Binnen eines Tages wurde mehr als die veranschlagte Summe gesammelt. Und vermutlich wegen des starken öffentlichen Drucks verabschiedete sich Groupon von seinen Markenanmeldungen.
Zu erwarten war dieser Ausgang aber keineswegs. Denn mit der Einführung der Gnome-Shell und der Entwicklung von Gnome 3 haben sich die Entwickler nicht nur Freunde in der Community gemacht. Doch trotz möglicher persönlicher Differenzen oder Abneigungen gegenüber dem Projekt ist diese Auseinandersetzung als Angriff von außen auf die Community wahrgenommen worden.
So riefen auch viele Einzelpersonen oder Organisationen zum Spenden auf, die nicht direkt mit Gnome in Verbindung stehen, aber sich selbst als Teil der Community sehen, wie das IRC-Netzwerk Freenode(öffnet im neuen Fenster). Geteilt wurde der Aufruf aber auch über Reddit, Hackernews oder auf Twitter – mit nahezu einem Retweet pro Sekunde, wie der Gnome-Vorstand ausgewertet hat.
Wie kommt dieser enge Zusammenhalt zustande?
Für eine bessere Welt oder für Geld?
Sandler vermutet, dass dieser Rückhalt vor allem durch Einzelpersonen entsteht, die das gemeinsame Ziel verfolgen, die Welt irgendwie zum Besseren zu verändern – sei es einfach technisch, weil offener Code uns die Maschinen besser verstehen lässt, von denen alle abhängen. Oder sei es tatsächlich aus einem moralischen Anspruch heraus, den die Free Software Foundation begründet hat und der sich in den vielen gemeinnützigen Organisationen zur Unterstützung freier Software widerspiegelt.
Dieser ethische Ansatz ist für Sandler auch aus einer sehr persönlichen Perspektive interessant. Sie beschreibt sich selbst oft als Cyborg, da sie wegen eines Herzfehlers einen implantierten Defibrillator trägt, der, falls das Herz aussetzt, Sandler hoffentlich wiederbelebt. Einsicht in den Code zur Überprüfung der Geräte wurde Sandler jedoch verwehrt.
Auch bei Software, die nicht über Leben und Tod entscheidet, sollte der Code aus Sicht der Gemeinschaft immer offen sein. Offener Code ist langfristig verfügbar, anders als proprietärer Code, der im schlimmsten Fall mit der Pleite eines Unternehmens verschwindet. Zudem werden durch die Überprüfbarkeit Vertrauen und Transparenz geschaffen. Daraus entsteht auch eine ganz eigene Art der Zusammenarbeit.
Das Private ist beruflich
Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten der Zusammenarbeit: In einem Hobbyprojekt oder durch Arbeit für Unternehmen, die etwa durch Support die Entwicklung freier Software ganz oder teilweise finanzieren können. Der Grad der Professionalisierung scheint mittlerweile sehr hoch, was auch an Konferenzen wie der Fosdem sichtbar wird. Hier trifft sich zwar die Community, vielfach aber bezahlt vom Arbeitgeber.
Die Verbindung von Idealismus mit dem kapitalistischen Wirtschaften eines großen Unternehmen ist nicht immer einfach, auch wenn freie Software als reines öffentliches Gut(öffnet im neuen Fenster) angesehen wird und damit eigentlich keinen Marktwert hat. Der offene Code schafft eine besondere Konkurrenz-Situation, bei der Unternehmen zwar häufig die gleiche Basis verwenden, die Software aber an spezielle Kundewünsche anpassen.
Dominanz eines Unternehmens kann Projekte spalten
Dabei bleibt ein leichter Anbieterwechsel häufig erhalten. Den Unternehmen wird teils vorgeworfen, unlautere Mittel einzusetzen, um ihn zu verhindern. Davon unbeeindruckt zeigen sich etwa die Entwickler des Linux-Kernels. Völlig selbstverwaltet arbeiten hier Programmierer zusammen, die bei etwa 200 Firmen angestellt sind. Ein Hobby ist Linux lediglich für circa 11 Prozent aller Beteiligten, wie Statistiken belegen.(öffnet im neuen Fenster)
Wird die Entwicklung aber von einem Unternehmen dominiert, führt das mitunter zu Spannungen, die in Projektspaltungen enden, wie etwa bei Io.js. Das Unternehmen Joyent ist aber bemüht, die abgewanderte Community wieder in Node.js zu integrieren, was mit der Gründung einer Stiftung erreicht werden könnte. Als Vorbild dient die Linux Foundation.
Eine solche Arbeitsweise wie im Linux-Projekt fördert das "Wir"-Gefühl.
Freundschaften als Identität
Die spezielle Arbeitsweise bei der Entwicklung von freier Software führe zu einer besonderen Bedeutung des "Wir"-Gefühls für den Einzelnen, vermutet Sandler. Sie selbst arbeitete wie viele andere zuhause, von ihrem Sofa aus. Dabei ist es nicht unüblich, im Laufe von zehn Jahren bei fünf verschiedenen Firmen zu arbeiten, aber während dieser Zeit immer am gleichen Projekt mitzuwirken.
So entstehen lang gepflegte Freundschaften, Konferenzen wie die Fosdem dienen dazu, diese auch durch persönliche Treffen zu festigen. Um dann aber den angemessenen Umgang zwischen freundschaftlichem Jux und der Professionalität unter Kollegen zu finden, müsse sich die Community selbst Regeln auferlegen, sagt Sandler und verweist auf akzeptierte Praktiken.
Viele Projekte einigen sich etwa auf einen Verhaltenskodex, wodurch inakzeptables Verhalten unterbunden oder zumindest schnell erkannt werden soll, um diesem gegenzusteuern. Sehr deutlich kritisierte Sandler, dass ausgerechnet der Fosdem so ein Kodex fehle. Dieser Missstand hält sogar einige Interessierte von der Teilnahme ab(öffnet im neuen Fenster), da Belästigungen nicht klar entgegengewirkt wird.
Das Ich im Wir verwalten
Trotz allem Wir-Gefühl gibt es natürlich auch Konflikte. Sie müssten aber weniger als Streit denn als Interessenskonflikte aufgefasst werden, sagt Sandler. So könne selbst eine Person durchaus verschiedene Interessen haben, sagt Sandler und belegt dies erneut durch ein persönliches Beispiel. Sie ist im Gnome-Vorstand, arbeitet für die Software Freedom Conservancy (SFC) und hat das Outreach Programm for Women gegründet, das nun Outreachy(öffnet im neuen Fenster) heißt.
Sie sei in allen drei Organisationen involviert und vertrete diese auch juristisch. Bei Verhandlungen zwischen diesen Projekten können sie jedoch nicht mitwirken, da nie ganz klar sei, welche Interessen sie gerade vertrete, sagt Sandler. Außerdem könne sie ja nicht mit sich selbst verhandeln. Diese Interessensfelder einer Person müssten in der Kommunikation klar getrennt werden.
Dafür hat Sandler einige Tipps, die einige bereits umsetzen. Zum Beispiel sollte immer ein persönliches E-Mail-Alias genutzt werden, das nicht mit einer Organisation oder einem Projekt in Verbindung steht. Projekte und Organisationen schließlich sollten sich einen Markenkern schaffen, hinter dem sich Gleichgesinnte versammeln können. Darüber hinaus glaubt sie, dass schon viel erreicht sei, wenn jeder Einzelne über diese Probleme nachdenke.
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