Onlinelexikon: Warum braucht Wikipedia so viel Geld?

Wollen Sie etwas über Gentechnik nachschlagen? Wissen, wie alt die Schauspielerin Jennifer Lawrence ist? Einen Moment bitte, schnell auf Wikipedia(öffnet im neuen Fenster) nachgeschaut - aber vorher muss man etwas anderes lesen: "Liebe Leser: Über 8 Millionen Mal wird unser Spendenaufruf täglich angezeigt, aber nur 319.721 haben bisher gespendet."
Groß und farbig schiebt sich das Werbebanner in die sonst schlicht und schwarz-weiß gehaltene Website. Der Spendenaufruf lässt beim Leser ein schlechtes Gewissen zurück. Immerhin liest er oder sie gratis ein Lexikon, das in finanziellen Nöten zu sein scheint.
Wikimedia hat Geld
Aber nichts könnte ferner der Wahrheit sein. In der Schatztruhe der Stiftung ruhen mehr als 77 Millionen Dollar. Das ist dreimal so viel, wie Wikimedia in diesem Jahr im Dezember einsammeln will. Laut eigener Aussage visiert Wikimedia 25 Millionen Dollar in dem lukrativen Spendenmonat an, damit die Website weiter "am Netz sein kann und wachsen kann" .
Die Spenden fließen reichlich. Im vergangenen Jahr reichten die Spenden von einem einzigen Tag - dem 3. Dezember 2014 -, um Wikipedia 15 Monate lang auf Sendung zu halten.
Autoren schreiben unentgeltlich
Die Spendenkampagne rechtfertigt die Wikimedia-Stiftung(öffnet im neuen Fenster) (WMF) mit Vorsorge: Das Geld entspricht in etwa dem, was Wikipedia in einem Jahr braucht. Zwar schreiben unzählige Freiwillige ohne Entgelt die Einträge - allein in der deutschsprachigen Version sind es über 1,8 Millionen.
Es müssen aber Server bereitgestellt werden und Gehälter von Stiftungsangestellten gezahlt werden. Sollte es zu Problemen bei der Spendensammlung kommen, wäre die Reserve "ein Sicherheitsnetz" , wie Samantha Lien, Sprecherin der WMF-Stiftung, sagt.
Kritiker sehen das ganz anders. Sie vermuten bei Wikimedia Wachstum um des Wachstums willen. Arbeiteten bei der Stiftung mit Hauptsitz in San Francisco vor neun Jahren lediglich drei bezahlte Angestellte, so sind es heute 240. In dem laufenden Geschäftsjahr soll die Anzahl auf 280 steigen.
Üppige Sonderleistungen für Mitarbeiter
Wikipedia wird fast ausschließlich aus Spenden finanziert. Das Budget steigt kontinuierlich: Kam die Seite im Geschäftsjahr 2007/8 noch mit einem Budget von fünf Millionen Dollar und Ausgaben von vier Millionen Dollar aus, so liegen die Zahlen 2014/15 bei 76 Millionen Dollar und Ausgaben von 53 Millionen Dollar.
"Die Wikimedia-Stiftung ist auf Abwegen" , sagt Pete Forsyth, der früher Spenden für WMF einsammelte und heute die Organisation berät. Für ihn sind die Anzeigenkampagnen "eine Peinlichkeit" . So würde WMF die Spenden der einzelnen Länder auflisten, aber keine Details über die Ausgaben zu regionalen Projekten geben.
Angestellte bekommen Sonderleistungen
Die meiste Kritik stammt aus dem starken Kontrast zwischen den Tausenden ehrenamtlichen Helfern und den Gehältern oder Sonderleistungen wie Kochkurse oder Fitnessstudios, die die Angestellten erhalten. Da kann die WMF noch so oft auf die schwierigen Personalbedingungen im Silicon Valley verweisen, wo Informatiker oder Vertriebsexperten hohe Ansprüche hegen.
Ungewohnt ist auch für die ehrenamtlichen Helfer die Professionalität, mit der die Spenden eingesammelt werden. So führt Wikimedia regelmäßig einen sogenannten A/B-Test durch, bei dem zwei verschiedene Versionen einer Anzeige gegeneinander geprüft werden. Oder sie probiert die Spendenwerbung an Fokusgruppen auf ihre Wirksamkeit aus. Ganze 5,6 Millionen Dollar gibt Wikipedia dafür in diesem Geschäftsjahr aus.
Aber das Geld kommt schon zusammen. Wie heißt es zum Abschluss der Werbung in Deutschland: "Wenn jeder nur einen kleinen Beitrag leistet, ist unsere Spendenkampagne in einer Stunde vorüber" . Zusammen kommen sollen hierzulande 8,6 Millionen Euro, fast zehn Millionen Dollar.



