Onlinehandel: Paketbranche erprobt Paketversand im Nahverkehr

Vor allem Züge sollen dabei helfen, das Verkehrsaufkommen durch den Paketversand in Städten zu verringern.

Artikel veröffentlicht am , /dpa
Mit der Straßenbahn könnten in der Zukunft Pakete transportiert werden.
Mit der Straßenbahn könnten in der Zukunft Pakete transportiert werden. (Bild: Matthias Hangst/Getty Images)

Die Paketbranche will Wege erarbeiten, wie der öffentliche Nahverkehr genutzt werden kann, um Pakete klimafreundlich zu transportieren. Der Logistik-Verband Biek publizierte eine Studie, die sich mit den Möglichkeiten von Pakettransporten im Nahverkehr befasst. "Das Potenzial ist groß, aber es sind noch viele offene Fragen zu klären", sagt Co-Autor Ralf Bogdanski von der Technischen Hochschule Nürnberg.

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Die Bahnen seien immer unterwegs, hätten zu bestimmten Uhrzeiten aber nur wenige Fahrgäste. Liege die Auslastung nur bei 20 bis 30 Prozent, sollte die Zusatzbelegung mit Paketen möglich sein, sagt Bogdanski. Das sei auf den unterschiedlichen Linien normalweise am späten Vormittag, am späten Nachmittag und am Abend der Fall. Morgens könnten die Paketdienstleister ihre Sendungen auf der Schiene in die Städte schicken und abends kämen die Container dann zurück.

Vor allem das Mehrzweckabteil von Regionalzügen hält Bogdanski für ideal, um dort rollbare Pakettransporter mit den Standardmaßen 1,20 Meter mal 0,8 Meter als Grundfläche und etwa 1,50 Meter Höhe abzustellen. Bis zu 100 km weit könnten Pakete klimaschonend befördert werden - und damit eine Strecke zurücklegen, auf der sonst in der Regel Transporter mit Verbrennungsmotoren fahren, sagt er.

Menschen sollen Vorrang vor Paketen haben

Besagtes Mehrzweckabteil ermöglicht die Mitnahme von Fahrrädern, zudem haben dort Rollstuhlfahrer und Familien mit Kinderwagen genug Platz. Zumindest bisher. Was aber, wenn das Abteil schon voll ist mit Paket-Containern? "Menschen sollten immer Vorrang haben", sagt Bogdanski. "Der Pakettransport im Nahverkehr ist kein Allheilmittel für logistische Probleme, aber er kann ein wertvoller Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit sein."

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Der Forscher Michael Frey vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sieht es ähnlich: "Da wird viel Luft durch die Gegend gefahren." Aus seiner Sicht sollten die Transportkapazitäten besser genutzt werden - und zwar für die Beförderung von Paketen. Der Karlsruher Forscher Frey betont: "Die Öffentlichkeit müsste über den Pakettransport gut informiert werden und Verständnis dafür haben."

Mit diesem Schritt müssten weniger Paket-Transporter in die Städte hineinfahren, die Straßen würden entlastet und es würde weniger CO2 freigesetzt als jetzt, prognostiziert der Fahrzeugtechniker. Frey arbeitet in einem Forschungsprojekt namens Logiktram, das vor einem Jahr begann und planmäßig noch zwei Jahre läuft.

Spezieller Paketcontainer für den Nahverkehr geplant

Ein Containerfahrzeug auf drei Rädern soll automatisiert an einer Haltestelle am Stadtrand in die Karlsruher Straßenbahn einsteigen und im Zentrum wieder aussteigen - dort stünde ein Zusteller, um die Fracht auszuliefern oder in eine Paketstation einzusortieren. Der Ladungsträger auf drei Rädern soll ab 2023 auf einem Betriebshof erprobt werden, er soll automatisch in die Straßenbahn fahren. Will zum Beispiel auch ein Vater mit Kind und Kinderwagen einsteigen, soll das Containerfahrzeug diesem automatisch den Vorrang lassen.

Die Paketbranche ist dank des boomenden Onlinehandels schon seit Jahren auf Wachstumskurs, 2021 kletterte das Paketvolumen um elf Prozent auf 4,5 Milliarden Sendungen. Dabei drängt sich die Frage auf, wie der immer größer werdende Warenstrom schonend in die Städte kommt, ohne dass die dortige Luftverschmutzung steigt und ohne dass allzu viele Transporter Parkplätze wegnehmen oder in zweiter Reihe parken.

Bisher werden Pakete noch nirgendwo in Deutschland im Regelbetrieb in öffentlichen Nahverkehrsbahnen transportiert. Die Post testet in Schwerin die Nutzung von Straßenbahnen, um Packstationen zu füllen, die an Haltestellen stehen. Die Nutzung des Nahverkehrs betrachte man "grundsätzlich als zusätzliche Möglichkeit, Pakete klimafreundlich zum Empfänger zu bringen und den Straßenverkehr zu entlasten", so eine Firmensprecherin der Post. Ähnlich äußert sich Wettbewerber DPD.

Spezielle Güterbahnen für Pakettransport denkbar

Pakete könnten aber auch gesondert in eigenen Güterbahnen transportiert werden. Der Frankfurter Logistik-Professor Kai-Oliver Schocke und sein Team testeten 2019 zusammen mit Hermes die Nutzung einer Straßenbahn für den Pakettransport in Frankfurt. In einer Simulation kamen sie außerdem zu dem Schluss, dass der Einsatz von gut ausgebauten Pakettrams 15 Prozent günstiger wäre als Transporter auf der Straße.

Einen "Mischbetrieb" - also Pakete und Fahrgäste in derselben Bahn - sieht Schocke eher skeptisch. Aus seiner Sicht müsste dann ein Logistikmitarbeiter dabei sein, und das wäre teuer.

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sei "grundsätzlich offen für Konzepte, die den Stand der Technik abbilden und auch logistische und finanzielle Fragen klären", wie ein Sprecher sagt. Um den Ausstoß von klimaschädlichen Emissionen zu verringern, sei die Verlagerung von Gütern auf klimafreundliche Verkehrsmittel notwendig. Dafür sollte man "auch auf den ersten Blick ungewöhnliche Ideen durchaus diskutieren und abwägen".

Gesetzliche Regelungen fehlen

Der Verband betont aber auch, dass beim Ein- und Ausladen von Paketen "die Kunden nicht behindert und die Leistungsfähigkeit der Strecken durch Haltezeitverlängerungen nicht beeinträchtigt" werden dürften. Zudem müsste noch gesetzlich geregelt werden, dass der Gütertransport auch in Straßenbahnen und Nahverkehrszügen möglich sei. Eine solche gesetzliche Regelung fordert auch der Logistikverband Biek.

Professor Bogdanski rechnet mit einem ersten Regelbetrieb in fünf bis zehn Jahren. Es sei klar, dass das Paketvolumen weiter Jahr für Jahr stark wachsen werde. "Der Pakettransport im Nahverkehr ist eine sinnvolle Ergänzung zu einem nachhaltigen Verkehr - eigentlich können wir uns gar nicht erlauben, dieses Potenzial ungenutzt zu lassen."

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