Online-Lernplattformen: Bildung für alle ist eine Illusion

Andrew Ng glaubt immer noch daran, dass das Internet höhere Bildung für jeden bringen kann. Zumindest steht es so auf der Website des renommierten Informatikers(öffnet im neuen Fenster) . Ng ist Privatdozent an der Elite-Universität in Stanford und wissenschaftlicher Leiter der Entwicklungsabteilung von Baidu im Silicon Valley. Man kann sagen: Er hat es geschafft. Und damit auch andere es schaffen können – unabhängig von ihrer Herkunft und ihren finanziellen Mitteln -, hat er 2012 die Online-Lernplattform Coursera(öffnet im neuen Fenster) gegründet. Er wolle, sagte er damals, die Qualität der Stanford-Lehre zu denen bringen, die es niemals nach Stanford schaffen werden. Doch trotz des großen Erfolgs: Ganz gelungen ist das nicht.
Das Prinzip von Ng: Universitäten und andere Bildungseinrichtungen veröffentlichen ihre Massive Open Online Courses (MOOCs) – meist mehrminütige Lernvideos, in deren Anschluss die Teilnehmer Fragen zum Lernstoff beantworten oder Aufgaben lösen sollen – und Coursera verwaltet sie. Fast gleichzeitig gingen noch zwei weitere MOOC-Anbieter an den Start: Udacity(öffnet im neuen Fenster) , das seine Wurzeln ebenfalls in Stanford hat, und edX(öffnet im neuen Fenster) , eine Initiative des Massachusetts Institute of Technology (MIT), der sich wenig später Harvard anschloss.
Nutzer sind schon gut ausgebildet
Die Reichweite war sehr schnell sehr groß. Zu manchem Kurs meldeten sich Hunderttausende an. Es durfte geträumt werden im Land der hohen Studiengebühren: von einer Demokratisierung der Bildung, einer Revolution der Hochschulen. Drei Jahre nach der intensivsten MOOC-Gründungsphase lässt sich jedoch feststellen: Die Zahl der Nutzer und der Angebote wächst zwar weiterhin, aber die Teilnehmer sind eben nicht diejenigen, die aus Geld- oder anderen Gründen nicht auf eine Uni gehen können, sondern eher die ohnehin besser Ausgebildeten, die Berufstätigen. Daphne Koller, die Mitgründerin von Coursera(öffnet im neuen Fenster) , sagte es beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2014 selbst: dass ihre Plattform keine für grundlegende Bildung ist, sondern in erster Linie eine für Weiterbildung.
Zu dem Schluss, dass die hochfliegenden Träume der MOOC-Pioniere nicht wahr geworden sind, kommt auch der Pädagogikprofessor Rolf Schulmeister(öffnet im neuen Fenster) . Überrascht hat ihn das nicht, er hat bei den virtuellen Universitäten in den 1990er Jahren schon einmal eine ähnliche Entwicklung gesehen.
Schulmeister kennt einige Studien, die Auskunft über die Klientel von Coursera, Udacity und den anderen geben: Der überwiegende Teil hat einen Uni-Abschluss, viele stehen im Berufsleben, sind eher Mitte 30 als Mitte 20. Laut der Europäischen Hochschulvereinigung ist es zudem so, dass von den Teilnehmern aus den Schwellenländern Brasilien, Indien und China, die ja zu den großen Profiteuren von MOOCs gehören sollen, 80 Prozent aus reichen und gebildeten Schichten kommen.
MOOCs sind teuer
Für MOOC-Betreiber ist das keine schlechte Nachricht. Denn Berufstätige sind wohl eher bereit, Geld für ihre Weiterbildung zu bezahlen als Studenten. Und dass nicht alle Kurse auf Dauer kostenlos bleiben können, zeichnete sich schnell ab. Spätestens als sich die Prognose, dass sich mit MOOCs Geld an den Unis einsparen lässt, als gewagt herausstellte. Denn gute MOOCs sind teuer. Für die Entwicklung eines Kurses können viele hundert bis hin zu mehr als tausend Arbeitsstunden anfallen, die bezahlt werden wollen. Dazu kommen: Ausgaben für die Technik, das Bearbeiten der Videos, die Arbeitszeit für die Auswertung von Tests für die MOOC-Teilnehmer und allgemein für ihre Betreuung.
Knapp 40.000 US-Dollar müssten für einen MOOC ausgegeben werden, "wenn man es billig macht" , sagt Schulmeister. Wenn man es besser machen will, sei man schnell bei einigen Hunderttausend. Die MOOC-Anbieter haben also relativ schnell gemerkt, dass sie sich Geschäftsmodelle überlegen müssen.
Wertvolle Teilnehmerprofile
Als Erstes wurden die Bescheinigungen für einige Kurse kostenpflichtig, bald danach kamen Kooperationen mit Firmen hinzu. Udacity hat zum Beispiel 2014 den Nanodegree(öffnet im neuen Fenster) eingeführt, eine Art Diplom in einem speziellen Themenbereich. Der Kurs mit dem Ziel Android-Entwickler dauert neun bis zwölf Monate bei einem Zeitaufwand von mindestens zehn Stunden pro Woche. Kostenpunkt: 200 US-Dollar pro Monat. Kooperationspartner ist Google. Coursera will nachziehen und kündigte Anfang des Jahres an, ebenfalls mit einigen Firmen (Google, Instagram und einige andere) zusammenarbeiten zu wollen, um solche kostenpflichtigen Kurse anzubieten.
Es gibt aber noch andere Möglichkeiten, mit MOOCs Geld zu verdienen. Denn auch die Daten der Kursteilnehmer sind für viele Firmen interessant. Dem sozialen Netzwerk LinkedIn ist der Kauf der MOOC-Plattform Lynda.com(öffnet im neuen Fenster) 1,5 Milliarden US-Dollar wert gewesen. Mit den Daten der Lynda-Teilnehmer lasse sich nicht nur gezielter Werbung schalten, es könnten auch mehr Nutzer länger auf der LinkedIn-Seite verweilen, wenn sie dort einen Kurs machen. LinkedIn wird die Daten wohl auch dazu nutzen, seinen Economic Graph(öffnet im neuen Fenster) weiter mit Leben zu füllen. Dieser soll die Arbeitswelt transparenter machen und zum Beispiel zeigen, welche Fähigkeiten im Job im Moment am gefragtesten sind – oder bald gefragt sein werden.
Auch deutsche Anbieter
Die Verknüpfung der für alle offenen Bildung mit konkreten Jobs und Firmen ist also die Richtung, in die es für viele MOOC-Anbieter geht – und nicht nur in den USA. Auch der deutsche Anbieter Iversity(öffnet im neuen Fenster) hat das Gebiet der betrieblichen Weiterbildung bereits für sich entdeckt.
Derzeit sind solche Angebote noch in der Minderzahl. Die größten Anbieter von MOOC-Inhalten sind nach wie vor die Universitäten. Allerdings ist Udacity zum Beispiel schon dabei, sich von den klassischen Universitäten zu lösen, wie ihr Gründer Sebastian Thrun Anfang des Jahres in einem Zeitungsinterview sagte: "Als einzige Online-Universität bauen wir unser Bildungsangebot gemeinsam mit der Wirtschaft auf, mit Unternehmen wie Google und Facebook."
Es ist sogar geplant, einen Master in Informatik anzubieten – für 7.000 statt 45.000 US-Dollar, die das Studium an der Uni kosten würde. Für Thrun ist genau das der Weg zur Demokratisierung des Wissens. "Wer lernen und weiterkommen will, der wird das tun können. Und zwar überall auf der Welt, unabhängig vom Geldbeutel."



