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Online-Dating: Warum für Tinder und Co. nicht die Liebe zählt

"Die Liebe ist ein seltsames Spiel", sang Connie Francis 1960. Heute haben Dating- Apps aus diesem Spiel ein noch seltsameres Geschäftsmodell gemacht.
/ Lars Lubienetzki
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Online-Dating funktioniert wie ein Spielautomat - ab und an gibt es eine Belohnung. (Bild: djedj auf Pixabay)
Online-Dating funktioniert wie ein Spielautomat - ab und an gibt es eine Belohnung. Bild: djedj auf Pixabay

Dating-Apps machen ihren Nutzern ein großes Versprechen: Dass es noch nie so einfach gewesen sei wie heute, einen Partner fürs Leben zu finden. In den Apps bekommen die User täglich unzählige Menschen angezeigt, die sich verlieben möchten. Da fällt die Auswahl schwer – und das ist schon eines der Probleme bei der digitalen Beziehungsfindung.

"Die Zahl der unfreiwilligen Singles steigt seit Jahren an – zwar leicht, aber eben stetig" , sagt Guido Gebauer. Er ist Psychologe und Dating-Coach und beschäftigt sich seit Jahren mit der massiven Ausbreitung von Dating-Apps. "Wenn es immer mehr Singles gibt, müssen die Apps offensichtlich erfolglos sein. Dabei könnte Technik tatsächlich helfen, Menschen zusammenzuführen. Allerdings steht das Gewinnstreben der Dating-Anbieter diesem Versuch entgegen."

Die Rechnung ist einfach: Jedes Paar, das sich über eine App findet, bedeutet zwei verlorene User. Es kann daher gar nicht im Sinne der App-Anbieter sein, wenn es regelmäßig funkt. Deswegen nutzen sie technische Tricks, um die User so lange wie möglich im eigenen Universum zu behalten.

"Online-Dating funktioniert wie ein Spielautomat"

Thomas R. Köhler beschäftigt sich beruflich normalerweise mit Themen wie Cybersicherheit. Für sein Buch Die Online-Dating-Falle(öffnet im neuen Fenster) hat er sich nun aber die technischen Finessen der Dating-Anbieter näher angeschaut. "Online-Dating funktioniert wie ein Spielautomat" , sagt der Autor: "Ab und an gibt es für die Spieler eine Belohnung. Und während beim Spielautomaten der Druck auf den blinkenden Knopf zum Suchtfaktor wird, ist es beim Dating in der Onlinewelt das Swipen." Bei Interesse nach rechts, oder aber nach links, wenn kein Interesse besteht.

Um die technische Entwicklung aufzuzeigen, die hinter den Dating-Apps steckt, hat sich Köhler auch die Historie des digitalen Datings angeschaut. In den frühen 2000er Jahren gab es erste Anbieter, die das Matching an den Computer auslagerten. Allerdings mussten User dafür zunächst einen Fragebogen ausfüllen, der von Psychologen entwickelt worden war. Wer damals eine Beziehung suchte, musste also einen erheblichen Aufwand betreiben. Kein Vergleich zu den Smartphone-Apps heute, wo man nach Sekunden die ersten Profile angezeigt bekommt.

"Das Smartphone hat den großen Systemwechsel bei der Partnersuche eingeläutet" , sagt Köhler. "Früher saßen die Menschen vor dem Computer, heute gilt mobile first. Die Apps suggerieren mir: Ich kann von jedem Ort aus ganz einfach Menschen kennenlernen, durch die Filter auch noch in meiner unmittelbaren Umgebung." Das klingt verlockend – und das soll es auch.

So funktioniert der Algorithmus

Köhler hat sich die Mühe gemacht und verschiedene Apps mit unterschiedlichen Profilen getestet. Um mehr über die Funktionsweise der Programme zu lernen, hat sich der IT-Experte die Datensätze seiner verschiedenen Dating-Profile heruntergeladen. Bei Tinder ist das zum Beispiel möglich. Mit spezieller Software hat er anschließend die Daten auf typische Muster hin analysiert.

"Dem Algorithmus ist beispielsweise besonders wichtig, wie häufig ich die App nutze" , fasst er die Ergebnisse seiner Datenanalyse zusammen. "Bin ich ein häufiger Nutzer, werde ich auch direkt mit Matches belohnt. Schaue ich hingegen nur selten vorbei, droht mir die App: Sollte ich nicht bald einmal wieder ein Profil liken, werden mir keine Matches mehr angezeigt."

Bei seiner Recherche hat Köhler außerdem herausgefunden: Während Frauen im Schnitt nur bei etwa fünf Prozent der angezeigten Profile nach rechts swipen, sind es bei den Männern 65 Prozent. Auf Basis dieses Verhaltens vergibt jede App eine Art User-Bewertung, die dem Algorithmus mitteilt, wie attraktiv verschiedene Nutzer sind. Sie werden daraufhin in drei Kategorien eingeteilt: oberes Drittel, Mittelmaß, unteres Drittel.

Permanente Bewertung der User

"Anhand meiner verschiedenen Recherche-Profile hat sich dann gezeigt: Wer selektiver nach rechts wischt, bekommt in der Regel andere Profile angezeigt. Ich möchte nicht von besser oder schlechter sprechen, denn das sieht jeder Mensch anders" , sagt Köhler. In jedem Fall aber hat der IT-Experte einen engen Zusammenhang zwischen dem Swipe-Verhalten und den anschließend ausgespielten Profilen aufzeigen können.

User werden also permanent bewertet. Anhand dieser Bewertung bekommt jemand dann immer wieder Personen ausgespielt, die sich auf einem ähnlichen Attraktivitätslevel befinden. "Und manchmal eben auch ein Profil, das eher einer höheren Kategorie zuzuordnen ist. Hier taucht dann wieder das Element der zufälligen Belohnung auf" , sagt der Autor.

So entsteht fast unbemerkt eine Art Abhängigkeitsverhältnis, das am Ende aber nicht unbedingt zum Ziel führt: der großen Liebe. Die spielt für die Anbieter nur eine nebensächliche Rolle. Ihnen geht es am Ende ums Geld. Nicht umsonst sind Dating-Anbieter gleich mit mehreren Apps auf dem Markt. Zum Tinder-Kosmos gehört beispielsweise auch die Hinge-App. Und in Deutschland bündelt die Parshipmeet-Group(öffnet im neuen Fenster) gleich mehrere Dating-Apps unter einer Dachmarke, darunter die Zugpferde Parship und Elitepartner.

Ein toxisches Geschäftsmodell

"Das zeigt das Gewinnpotenzial der gesamten digitalen Dating-Branche" , sagt Köhler. "Ohne einen Premium-Account haben die meisten Männer beim Online-Dating kaum eine Chance. Umgekehrt werden Frauen nahezu überschüttet mit Likes, was wiederum die Frustration bei den weiblichen Usern befördert." Auch das hat Köhler zeigen können. Denn bei der Recherche hat er auch Frauen gebeten, Test-Accounts anzulegen und ihre Erfahrungen zu teilen.

Das Geschäftsmodell des Online-Datings fasst Köhler in einem Satz zusammen: "Als App-Anbieter muss ich die große Gruppe der Enttäuschten möglichst lange auf der Plattform halten." Er spricht von einem toxischen Geschäftsmodell. Denn viele Menschen verlassen sich bei der Partnersuche auf die Unternehmen hinter den Apps, die am großen Liebesglück ihrer Nutzer aber nicht interessiert sind.

Dating-Coach Gebauer: "Der Zufall, der bei der Suche nach einem Partner selbstverständlich zwangsläufig eine Rolle spielt, potenziert sich durch Dating-Apps ins Unermessliche." Dennoch würden sowohl Gebauer als auch Köhler einer guten Freundin oder einem guten Freund nicht grundsätzlich vom Online-Dating abraten.

"Nicht zu lange in der App verharren"

Schließlich gibt es genügend Menschen, die aufgrund ihrer beruflichen oder persönlichen Situation nicht häufig neue Menschen kennenlernen. "Dann kann Online-Dating eine von verschiedenen Möglichkeiten sein" , sagt Köhler. Er rät jedoch: "Auf jeden Fall nicht zu lange in der App verharren, sondern direkt ein erstes Treffen ausmachen."

Auf die Weise bekomme man einen persönlichen Eindruck von den digitalen Bekanntschaften. Denn die Persönlichkeit hinter dem Profil ist beim Online-Dating die große Unbekannte. Bei einigen Apps können Nutzerinnen deshalb kurze Audio- und Videoschnipsel aufnehmen und zu ihrem Profil hinzufügen.

"Das ist noch das größte Manko der Online-Dating-Branche" , sagt Köhler: "Wie lassen sich die Persönlichkeit und der Charakter eines Menschen technisch abbilden?" Das herauszufinden, sei die Aufgabe der nächsten Generation. "Das wird sich technisch nicht so schnell umsetzen lassen."


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