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Offroader der Zukunft: Elektrisch auf den Rubicon Trail

Nachdem mittlerweile nahezu jede Fahrzeugklasse elektrisch fährt, sind jetzt die Geländewagen dran. Echte Offroad-Fans mögen die Nase rümpfen, allerdings eignen sich die Elektroantriebe für hartes Gelände.
/ Stefan Grundhoff
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Die Zukunft der Geländewagen? Der Elektro-Offroader Hummer EV wühlt sich durch allerhand unwegsames Geläuf. (Bild: GMC)
Die Zukunft der Geländewagen? Der Elektro-Offroader Hummer EV wühlt sich durch allerhand unwegsames Geläuf. Bild: GMC

Die 4x4-Szene ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Man trifft sich am Wochenende in Steinbrüchen oder auf abgelegenen Offroad-Geländen und unternimmt mit Vorliebe Hardcore-Touren in die Pyrenäen oder fliegt gar ins amerikanische 4x4-Mekka Moab, um mit allradgetriebenen Hochsitzen härteste Trails zu bestehen. Für die Offroad-Szene deutet sich aber ein Kulturschock an, denn bald wird es kaum noch neue Geländewagen mit Verbrennungsmotor geben: Land Rover wird bis zum Ende des Jahrzehnts elektrisch, Jeep ebenfalls und auch einer der rustikalsten Offroader, die Mercedes G-Klasse, bekommt 2024 den EQG.

Hummer wurde von GMC bereits neu aufgelegt, mit seinen elektrisch angetrieben Achsen beherrscht er sogar den Krabbengang. Für eine gute Übersicht in unwegsamem Gelände gibt es bei allen Modellen zahllose Offroad-Programme und Kameras für jeden noch so uneinsehbaren Winkel.

Die Szene der jetzigen 4x4-Fans wird sich daher zu großen Teilen ins Klassikgeschäft verabschieden, wo Young- und Oldtimer mit Rammschutz, vergrößerten Federwegen und Stollreifen unverändert auf Erkundungstour gehen – falls die Politik das nicht unterbindet. Doch der Nachschub an neuen Modellen mit Diesel- oder Benzinantrieb wird fehlen, denn auch die Zukunft von Geländewagenklassikern wie Toyota Land Cruiser, Nissan Patrol oder der Billigmodelle Lada Niva/Taiga oder Suzuki Jimny ist ungewisser denn je.

Diese sind nicht nur relativ günstig und haben ein großes Angebot an bezahlbarem Zubehör, sondern lassen sich bei Ausfällen im Gelände vergleichsweise einfach reparieren. Gerade diese Modelle, bei denen Ersatzreifen und Kanister auf dem Dach endlose Kilometer in abgelegensten Regionen ermöglichen, werden bislang als Tourenfahrzeuge genutzt.

Das Argument, dass die Verbrennermodelle die Elektrokonkurrenz im harten Geländeeinsatz hinter sich lassen, wird nicht nur in den Entwicklungsabteilungen der Autohersteller müde belächelt. Elektro-Offroader wie der GMC Hummer EV, ein Rivian R1T oder der kommende Mercedes EQG lassen ihre fossilbetriebenen Vorgänger zumeist in Sand und Regen stehen.

Ein Grund liegt unter anderem in der feinen Dosierbarkeit des Antriebs. Denn wo sonst Differenzialsperren und Untersetzungen wirken, lässt sich der Elektroantrieb mit zwei bis vier einzelnen Motoren so fein dosieren, dass einzig das übergroße Gewicht des Akkupakets bei den Bergabfahrten Probleme bereiten kann. Dabei sind die Akkupakete im Unterboden gut geschützt, bei einem Modell wie dem EQG sind die Lithium-Ionen-Batterien in den robusten Leiterrahmen aus bis zu 3,4 mm dickem Stahl integriert.

Wendekreis = Fahrzeuglänge

Das macht die Karosserie nicht nur noch einmal deutlich verwindungssteifer, es sorgt auch für einen niedrigen Schwerpunkt. Selbst bei extremen Neigungswinkeln bleibt die G-Klasse so auf dem Boden. Als kleiner Nebeneffekt sorgt der Einsatz von vier Motoren für vier Räder für eine deutlich präzisere und engere Kurvenfahrt. Da jedes Rad unabhängig ansteuerbar ist, lässt sich seine Umdrehung mit zur Lenkung nutzen. Zumindest beim Prototyp geht das so weit, dass er sich wie ein Panzer sich auf der Stelle drehen kann – Wendekreis = Fahrzeuglänge.

Der 5,50 Meter lange GMC Hummer EV sieht aus, als würde er fünf Tonnen wiegen und ist mit 4,3 Tonnen tatsächlich kaum leichter. 740 kW (1.000 PS) bei 1.620 Nm sind eine schier unglaubliche Leistung, trotzdem kann man den Hummer filigran steuern.

Nachladen im Gelände? Schwierig

Der Hummer kann sich durch seine vier einzeln angesteuerten Räder wie eine Krabbe auch schräg in eine Richtung bewegen. Die drei Elektromotoren (einer vorn, zwei hinten) werden von einem 1.325 kg schweren Akkupaket im Unterboden mit Energie versorgt. Das Batteriepaket reicht für mehr als 520 Kilometer.

Bei einer Testfahrt auf dem Mildford-Testgelände nahe Detroit waren Hitze und staubige Pisten das kleinste Problem. Doch der Hummer krabbelt ohne jegliche Probleme steilste Anstiege hinauf und wühlt sich durchs unwegsame Geläuf.

Auch wenn sich die Fronthaube steil in den Himmel reckt, behält der Fahrer alles im Blick, denn eine Kameraansicht auf dem Großbildschirm macht den Unterboden sichtbar: So gibt es keine bösen Überraschungen, wenn der Hummer die Kuppe hinter sich gebracht hat. Dank 40 cm Bodenfreiheit bietet der Hummer eine Wattiefe von 81 cm.

Am meisten beeindruckt aber, wie wendig der Wagen trotz des Gewichts von mehr als vier Tonnen und einer Fahrzeuglänge von 5,50 Metern ist. Durch die intelligente Allradlenkung reduziert sich der Wendekreis von 13,5 auf 11,3 Meter.

Mehrfach verschoben wurde der Cybertruck von Tesla. Von Elon Musk bereits 2019 vorgestellt, ist weiterhin unklar, wann er gegen die Hauptwettbewerber Ford F-150 Lightning, Rivian R1T oder GMC Hummer EV antreten wird. Ein Marktstart vor Ende 2023 ist unwahrscheinlich. So polarisierend das Design des Cybertrucks ist, so imposant sollen seine Fähigkeiten im Gelände sein. Ebenso wie der Mercedes EQG oder der GMC Hummer soll er von bis zu vier Elektromotoren angetrieben werden. Selbst tiefe Wasserdurchfahrten und der harte Einsatz im Gelände sollen dank der mehr als 800 PS kein Problem sein. Ein Marktstart in Europa ist aktuell nicht geplant.

Bei Jeep warten indes viele bereits auf den neuen Recon. Die elektrische Offroad-Version des bekannten Wrangler, bei dem sich ebenfalls Dachteile und Türen abnehmen lassen, kommt – wie der Mercedes EQG – 2024. "Der neue, vollelektrische Jeep Recon ist in der Lage, den mächtigen Rubicon Trail, eine der anspruchsvollsten Offroad-Strecken in den USA, zu überqueren und das Ende der Strecke mit genügend Reichweite zu erreichen, um zurück in die Stadt zu fahren und aufzuladen," sagte Jeep-CEO Christian Meunier.

Mit bezahlbaren Modellen ist es wohl mittelfristig vorbei

Ein Problem ist indes das Nachladen. Denn auch wenn die meisten Offroader nur in der Stadt bewegt werden, zieht es den einen oder anderen Geländewagenfahrer doch ins mehr oder weniger harte Gelände. Modelle wie der GMC Hummer EV oder der Rivian R1T haben daher nicht nur große Akkus, sondern können auch schnell laden. Mit 800-Volt-Technik lässt sich beispielsweise der Rivian in knapp 20 Minuten auf 220 Kilometer Reichweite aufladen. Der Verbrauch steigt aber bei hohen Geschwindigkeiten oder beim Ziehen eines Hängers stark an und reduziert die Reichweite erheblich. Das sollten vor allem Käufer in Europa bedenken.

Bleibt die Frage nach dem Preis, denn mit bezahlbaren Modellen wie dem Suzuki Jimny oder dem bereits ausgelaufenen Land Rover Defender wird es mittelfristig vorbei sein. Hier bleibt Fans nur der Weg auf den Gebrauchtwagenmarkt. Die neuen Geländewagen mit Elektromotor werden sich aus den Preisregionen eines Suzuki Jimny oder des ausgelaufenen Land Rover Defender deutlich verabschieden. Das gilt wohl auch für Tourenfahrer, denn mit einem Elektromodell ist in abgelegenen Regionen der Welt bislang kaum etwas zu holen.


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