Machs nicht!: Wirklich, Elon, Rechenzentren im All sind eine dumme Idee!
Hinweis: Wir haben diesen Text überarbeitet und stellenweise aktualisiert.
Eigentlich dachte ich, dass eine Reihe einflussreicher Tech-Milliardäre nur meine Glosse über Rechenzentren im All gelesen und falsch verstanden hätten. Allerdings scheint Elon Musk meinen Versuch, diesen Fehler zu korrigieren, noch nicht mitbekommen zu haben und hält Weltraum-Rechenzentren weiter für eine gute Idee.
Und Musk scheint leider nicht der einzige zu sein, auch Jeff Bezos und Eric Schmidt(öffnet im neuen Fenster), sowie Google und eine Reihe von Start-ups(öffnet im neuen Fenster) sind von Rechenzentren im Orbit überzeugt. Ich muss sie alle noch einmal eindrücklich darauf hinweisen, dass sie im Begriff sind, einen teuren Fehler zu begehen! Und ich entschuldige mich für das Missverständnis, übernehme die volle Verantwortung und versuche zu retten, was noch zu retten ist.
Aber jetzt mal ganz unironisch: Rechenzentren im All sind eine verdammt dumme Idee. Klar: Einige Argumente dafür wirken auf den ersten Blick überzeugend: Im passenden Orbit gibt es rund um die Uhr kostenlosen Solarstrom, und das auch noch ohne atmosphärische Verluste. Außerdem kostet der Platz nichts, es gibt keine nervenden Nachbarn, Immissions- oder Umweltschutzgesetze.
Die Physik lässt sich nicht abstellen
Allerdings haben Weltraumrechenzentren das gleiche Problem wie der hocheffiziente Verbrenner: Die Physik sagt Nein. Nicht etwa wegen der kosmischen Strahlung, die ist in niedrigen Erdorbits (LEO, Low Earth Orbit), in denen die Rechenzentren geplant sind, das kleinste Problem. Vielleicht lässt sich auch die Größe – große Strukturen im All sind rein statistisch anfälliger für Kollisionen – in den Griff bekommen.
Google etwa will im Projekt Suncatcher(öffnet im neuen Fenster) anstelle eines großen Rechenzentrums viele kleine als Konstellation ins All schießen. Das löst vielleicht das Größenproblem, opfert dabei aber die schnelle Kommunikation zwischen einer größeren Menge an Beschleunigern. Es hat einen Grund, warum alle Hersteller immer mehr Beschleuniger in ein Rack packen wollen: Je kürzer die Distanz, desto höher die Bandbreite, mit der sie sich mit vertretbarem Aufwand verbinden lassen. Die wiederum ist fundamental wichtig, um große KI-Modelle, die den Speicher mehrerer Beschleuniger belegen, überhaupt performant betreiben zu können.
Im für Blackwell entwickelten Oberon-Rack vernetzt Nvidia 72 GPUs direkt, mit Rubin Ultra sollen es im Kyber-Rack 572 werden. Der Konstellationsansatz widerspricht diesem Trend, denn bereits 72 GPUs brauchen im All viel Platz, wie wir gleich sehen werden.
Kommunikation ist dabei noch eines der leichteren Probleme, die sich ingenieurmäßig lösen lassen.
Aber Google will doch auch Satelliten starten!
Dass Google 2027 zwei mit seinen Tensor Processing Units (TPUs) bestückte Satelliten starten will, mag erst einmal nach dem Beginn einer neuen Ära klingen. Es wird aber nur ein weiterer PR-Stunt sein, wie der des Start-ups Starcloud, das eine Nvidia H100 im All ein KI-Modell trainieren ließ.
Ähnlich ambitioniert werden auch Googles Satelliten aussehen. Zu denen gibt es noch keinerlei Details, aber dass mehr zu erwarten ist als eine Handvoll TPUs, ist allein wegen des engen Zeitfensters auszuschließen. Denn mehr erreicht, wie wir noch sehen werden, eher die Dimensionen der ISS als eines klassischen Satelliten. Die Entwicklungszeit eines so großen Systems dürfte also geringfügig länger sein.
Ständige Sonne gleich ständige Hitze
Und die harten Probleme, die echten Showstopper, werden immer nur am Rande erwähnt, nach dem Motto: Da müsste man sich noch was überlegen, aber wird schon. Googles Team ist da keine Ausnahme. Das wohl mit Abstand größte Problem ist die Kühlung. Auf der Erde lässt sich dank Konvektion und im Zweifel Verdunstung viel thermische Leistung bequem abführen. Im annähernden Vakuum des Alls bleibt nur Infrarotabstrahlung, was eine wesentlich größere Fläche braucht.
Nicht nur die Hardware heizt dabei, auch die Sonne – das ist der Nachteil permanent verfügbaren Solarstroms. Denn sie strahlt eben auch im Infrarotspektrum – zum Glück, sonst gäbe es wohl niemanden, der sich über Weltraumrechenzentren Gedanken machen könnte.
Aber mich treibt noch eine andere Frage um, die sonst nie gestellt wird: Lohnt es sich überhaupt, den Treibstoff für mutmaßlich viele Raketenstarts zu investieren?
Den Treibstoff lieber in Generatoren verbrennen
Dieser Punkt bleibt immer komplett außen vor: Ein Raketenstart braucht immens viel Energie. Für das Starship von SpaceX finden wir die Angabe(öffnet im neuen Fenster) von 5,12 x 1013 Joule, was rund 14,2 GWh entspricht. Damit sollen sich einmal 400 Tonnen Nutzlast in einen niedrigen Erdorbit bringen lassen. Was bekanntermaßen noch zu zeigen ist.
Würde man den Treibstoff mit einer Effizienz von nur 30 Prozent in Generatoren verbrennen, könnte X.AI damit etwa seinen KI-Supercomputer Colossus zwei Wochen betreiben. Dessen Anschlussleistung wird mit 300 MW angegeben.
Mit diesem Treibstoff kommen aber, wie erwähnt, gerade einmal 400 Tonnen Nutzlast in den niedrigen Erdorbit. Mittlerweile weiß ich, dass ein Vera-Rubin-Rack mit Kühlwasser befüllt über 2,5 Tonne wiegt. Blackwell dürfte ähnlich schwer sein, da hier ebenfalls das Oberon-Rack verwendet wird.
GPU-Server sind schwer, Energie- und Kühlsystem sind schwerer
Dazu kommen dann mindestens 8 Tonnen für das Kühlsystem (so viel würde eine für 72 Blackwell-GPUs dimensionierte Version des ISS-Kühlsystems(öffnet im neuen Fenster) wiegen) plus 5 Tonnen Solarzellen (wieder analog zur ISS(öffnet im neuen Fenster)) plus Strukturkomponenten plus Steuertriebwerk plus Treibstoff für Letzteres.
Und die Struktur wäre riesig: Das Kühlsystem bräuchte eine Fläche von mindestens 600 m2, die Solarpanele kämen auf bis zu 2.100 m2. Das ist mehr als die halbe Fläche, welche die entsprechenden Strukturen der ISS belegen. Verteilt auf mindestens 13 Ausleger. Für ein Blackwell-Rack. Die Hochrechnung auf ein Gigawatt-Rechenzentrum ist Hausaufgabe.
Gehen wir also einmal sehr großzügig von 17 Tonnen für die Weltraumedition eines DGX-B300-Racks aus. Um eine Blackwell-Variante von Colossus mit 100.000 GPUs ins All zu bringen, wären damit mindestens 61 Starts des Starship erforderlich. Rechne ich die für den Start benötigte Energie auf eine solche KI-Raumstation – Satellit wäre hier untertrieben – herunter, komme ich auf rund 623 MWh.
Damit rechnet unser Rack auf der Erde fast 192 Tage bei Volllast. Diese Energie muss erst einmal wieder rein, und zur Erinnerung: Auf der Erde scheint nicht nur die Sonne, es weht auch Wind, es gibt Gezeiten und andere emissionsfreie Energiequellen.
Der Treibstoff allein macht dabei aber nur einen Teil der höheren Energiekosten aus. Raketen, Kühlsysteme und Struktur für die Satelliten müssen auch alle hergestellt werden und sind wesentlich komplexer als ein Rechenzentrum auf der Erde. Das braucht, ganz salopp gesagt, nur eine Wellblechhalle. Rein energetisch betrachtet ist es also schon fraglich, ob ein Rechenzentrum im All jemals einen Vorteil gegenüber einem auf der Erde hat.
Wirtschaftlich lautet die Antwort mit ziemlicher Sicherheit: Nein.
Im All kaum teurer? Nein!
Denn eine reine Argumentation mit Startkosten, wie Befürworter sie gern führen, vernachlässigt sämtliche weiteren Mehrkosten. Zwar kann man argumentieren, dass eine weitere Industrialisierung der Raumfahrt diese Kosten senken wird. Dennoch ist Bauen im All komplizierter und aufwendiger als Bauen auf der Erde, und das wird sich nicht ändern. Auch Gartner-Analyst Henrique Cecci kommt zu dem Schluss, dass Weltraum-Rechenzentren wirtschaftlich nicht tragfähig sind und nicht die Leistung irdischer Varianten erreichen können.
Dinge wie die fast unmögliche Wartung – selbst wenn ein Roboter sie erledigt, müssen dafür erst einmal Ersatzteile ins All – lassen wir einmal außen vor. Im Zweifel kann man einen defekten Satelliten ja einfach entsorgen, indem man ihn in der Erdatmosphäre verbrennen lässt. Nur leider sind dann auch alle Ressourcen futsch. Auf der Erde kann man zumindest Metalle recyceln.
Denke ich zu deutsch?
Ich komme mir, wenn ich so etwas schreibe, immer so schrecklich deutsch vor, nach dem Motto: Das haben wir noch nie gemacht, das kann nicht gehen! Dabei mag auch ich Visionen. Und Raumfahrt. Nur leider bringt es nichts, tolle Ideen zu haben, bei deren Umsetzung aber die schweren Probleme zu ignorieren.
Sicher werden wir in Zukunft noch viel mehr Computer im All haben. Aber das werden Edge-Systeme sein, keine Rechenzentren. Rechenzentren bringen Tausende Computer zusammen, und ein High-End-Desktop – das sind die aktuellen PR-Stunts – ist kein Rechenzentrum.
Ich will auch Visionären wie Elon Musk nicht absprechen, Dinge erreicht zu haben, die viele für unrealistisch hielten. Aber viele seiner Ideen haben sich als überzogen oder zumindest deutlich komplexer als erwartet erwiesen. Und bei Google leistet man sich schon immer Projekte, die möglicherweise nie Erfolg bringen – noch immer soll es die 20-Prozent-Regel(öffnet im neuen Fenster) geben, nach der Mitarbeiter an einem Tag pro Woche Projekten ihrer Wahl nachgehen können.
Aber alles, was ich hier geschrieben habe, spricht gegen Rechenzentren im All und lässt sich in wenigen Stunden recherchieren. Und ich habe nicht einmal Raketenwissenschaft studiert. Menschen mit entsprechendem Hintergrund kommen übrigens zum gleichen Fazit(öffnet im neuen Fenster).
Ein Hype für die Investoren
Dass Weltraumrechenzentren aktuell so gehypt werden, offenbart für mich eher eine schreckliche Armut an Visionen: Die Annahme ist immer, dass der Infrastrukturausbau für KI im aktuellen extremen Tempo weitergeht. Dass ein Mehr an Rechenleistung automatisch zu besseren Ergebnissen führt. Dass KI am Ende alle unsere Probleme lösen wird. Alles fromme Wünsche.
Ego und Erwartungsmanagement sind hier die wahren Treiber, nicht Bedarf oder Sinnhaftigkeit: Wenn jemand coole Weltraumdinge macht, kann Elon Musk natürlich nicht weniger cool sein. Und damit Spacex immer wertvoller wird, müssen natürlich immer mehr Raketen starten. Investoren spielen das Spiel gerne mit, sie wollen auch in den nächsten Jahren hohe Gewinne bei Nvidia, Amazon, Google und Meta sehen.
Dafür muss der KI-Zug noch schneller werden, auch wenn die Erde zu klein ist. Und wenn irgendwer von Rechenzentren im All redet, werden Investoren selbstverständlich bei Google nachfragen, was der Hyperscaler denn da plant. Aber die Investoren wissen ja jetzt, dass das eine dumme Idee ist.
Ich hoffe, hiermit meinen Fehler wieder ausgebügelt zu haben, bevor echter Schaden entsteht. Kann vielleicht noch jemand Elon Musk einen Link schicken? Aber vielleicht war der Hype um Weltraumrechenzentren auch gar nicht meine Schuld. Schließlich haben kluge und erfolgreiche Menschen aus der Tech-Branche auch schon Dystopien falsch verstanden.
Update, 3. Februar 2026, 11:00 Uhr:
Wir haben diesen Artikel in Abschnitten aktualisiert und die Zahlen zum energetischen Aufwand, der erforderlich ist, um ein Blackwell-Rack ins All zu bringen, überarbeitet.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)
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