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Im All kaum teurer? Nein!

Denn eine reine Argumentation mit Startkosten, wie Befürworter sie gern führen, vernachlässigt sämtliche weiteren Mehrkosten. Zwar kann man argumentieren, dass eine weitere Industrialisierung der Raumfahrt diese Kosten senken wird. Dennoch ist Bauen im All komplizierter und aufwendiger als Bauen auf der Erde, und das wird sich nicht ändern.

Dinge wie die fast unmögliche Wartung – selbst wenn ein Roboter sie erledigt, müssen dafür erst einmal Ersatzteile ins All – lassen wir einmal außen vor. Im Zweifel kann man einen defekten Satelliten ja einfach entsorgen, indem man ihn in der Erdatmosphäre verbrennen lässt. Nur leider sind dann auch alle Ressourcen futsch. Auf der Erde kann man zumindest Metalle recyceln.

Denke ich zu deutsch?

Ich komme mir, wenn ich so etwas schreibe, immer so schrecklich deutsch vor, nach dem Motto: Das haben wir noch nie gemacht, das kann nicht gehen! Dabei mag auch ich Visionen. Und Raumfahrt. Nur leider bringt es nichts, tolle Ideen zu haben, bei deren Umsetzung aber die schweren Probleme zu ignorieren.

Sicher werden wir in Zukunft noch viel mehr Computer im All haben. Aber das werden Edge-Systeme sein, keine Rechenzentren. Rechenzentren bringen Tausende Computer zusammen, und ein High-End-Desktop – das sind die aktuellen PR-Stunts – ist kein Rechenzentrum.

Ich will auch Visionären wie Elon Musk nicht absprechen, Dinge erreicht zu haben, die viele für unrealistisch hielten. Aber viele seiner Ideen haben sich als überzogen oder zumindest deutlich komplexer als erwartet erwiesen. Und bei Google leistet man sich schon immer Projekte, die möglicherweise nie Erfolg bringen – noch immer soll es die 20-Prozent-Regel(öffnet im neuen Fenster) geben, nach der Mitarbeiter an einem Tag pro Woche Projekten ihrer Wahl nachgehen können.

Aber alles, was ich hier geschrieben habe, spricht gegen Rechenzentren im All und lässt sich in wenigen Stunden recherchieren. Und ich habe nicht einmal Raketenwissenschaft studiert. Menschen mit entsprechendem Hintergrund kommen übrigens zum gleichen Fazit(öffnet im neuen Fenster) .

Ein Hype für die Investoren

Dass Weltraumrechenzentren aktuell so gehypt werden, offenbart für mich eher eine schreckliche Armut an Visionen: Die Annahme ist immer, dass der Infrastrukturausbau für KI im aktuellen extremen Tempo weitergeht. Dass ein Mehr an Rechenleistung automatisch zu besseren Ergebnissen führt. Dass KI am Ende alle unsere Probleme lösen wird. Alles fromme Wünsche.

Ego und Erwartungsmanagement sind hier die wahren Treiber, nicht Bedarf oder Sinnhaftigkeit: Wenn jemand coole Weltraumdinge macht, kann Elon Musk natürlich nicht weniger cool sein. Investoren wollen auch in den nächsten Jahren hohe Gewinne bei Nvidia, Amazon, Google und Meta sehen.

Dafür muss der KI-Zug noch schneller werden, auch wenn die Erde zu klein ist. Und wenn irgendwer von Rechenzentren im All redet, werden Investoren selbstverständlich bei Google nachfragen, was der Hyperscaler denn da plant. Aber die Investoren wissen ja jetzt, dass das eine dumme Idee ist.

Ich hoffe, hiermit meinen Fehler wieder ausgebügelt zu haben, bevor echter Schaden entsteht. Aber vielleicht war der Hype um Weltraumrechenzentren auch gar nicht meine Schuld. Schließlich haben kluge und erfolgreiche Menschen aus der Tech-Branche auch schon Dystopien falsch verstanden.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)


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