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Obey: Mit Kanonen auf Kaninchen schießen

Das Computerspiel Obey ist ein soziales Experiment: Wie sehr sind Spieler bereit, sich zu verbiegen, um den Sieg eines anderen zu verhindern?
/ Achim Fehrenbach (Zeit Online)
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Screenshot aus Obey: wie das Kaninchen vor dem Geschützturm (Bild: Dan Dez)
Screenshot aus Obey: wie das Kaninchen vor dem Geschützturm Bild: Dan Dez

"Zieh sofort dein Halsband an!" Die Stimme aus dem Off klingt herrisch, bedrohlich. Ein greller Scheinwerfer blendet die Sicht des Kaninchens, das ungeschützt mitten auf einer Wiese hockt. Im Gegenlicht zeichnet sich ein riesiger Geschützturm mit roboterhaftem Affenkopf ab, die Mündung der Hauptkanone ist direkt auf das Tier gerichtet. Die Alternativen sind klar: Legt es das Ortungshalsband an, dann ist es vom Turmherrn leichter zu überwachen, so wie seine Artgenossen auf der Wiese. Verweigert es den Gehorsam, wird es wahrscheinlich erschossen. So spielt das Kaninchen erst einmal mit – und hofft darauf, den Diktator bei anderer Gelegenheit zu stürzen.

OBEY – Spieletrailer
OBEY – Spieletrailer (01:23)

Obey ist halb Spiel, halb soziales Experiment. Es installiert ein erhebliches Ungleichgewicht und schaut genüsslich zu, was die Teilnehmer daraus machen. Der Spielverlauf hängt davon ab, wie weit sie sich einer Autorität unterordnen, wie sehr sie gegen ihre eigenen Interessen handeln und wie gut sie kooperieren. Obey ist ein Milgram-Versuch(öffnet im neuen Fenster) im digitalen Gewand und ein höchst spannendes Strategiespiel noch dazu. Seit kurzem ist das Indie-Game auf Steam Early Access verfügbar(öffnet im neuen Fenster) und seinen Preis (15 Euro) schon jetzt allemal wert, auch wenn noch zahlreiche Features hinzukommen werden(öffnet im neuen Fenster).

Nur auf den ersten Blick wirkt Obey simpel. Im Kaninchenkostüm kämpft eine Handvoll Onlinespieler um die Kontrolle über einen Geschützturm, der ein weitläufiges Terrain bewacht. Das Ganze findet auf verschiedenen Karten statt, kommuniziert wird per Headset oder Texteingabe. Wer den Robosaru (japanisch für Roboteraffe) besetzt, versucht, ihn möglichst lange zu halten. Kaninchen, die sich dem Eingangstor nähern, erledigt der aktuelle Overlord mit Maschinengewehrsalven, Flammenwerfer- und Raketenbeschuss. Schafft es ein Bunny trotzdem bis zum Eingang, wird es zum neuen Overlord. Dieses Prinzip – die Verteidigung einer zentralen Position – nennt sich King of the Hill(öffnet im neuen Fenster), man kennt es aus Spielen wie Halo oder Gears of War. Obey jedoch ersetzt die üblichen Ballerorgien durch eine andere Ebene: eine voller Täuschung, Manipulation und Zwang.

In Obey gewinnt nämlich nicht der Spieler, der die meisten Gegner tötet. Sondern derjenige, der am schnellsten 10.000 Cent verdient hat. Egal, ob er dabei im Geschützturm sitzt oder über die Wiese hoppelt. Jeder Spieler erhält pro Sekunde automatisch einen bestimmten Betrag gutgeschrieben, nur ist der um ein Vielfaches höher, wenn man im Robosaru sitzt. Allerdings hat der Turmbesetzer gleich mehrere Probleme. Zum einen beleuchtet sein Scheinwerfer nur einen kleinen Teil des Geländes, während die Kaninchen perfekte Nachtsicht haben und sich zudem hinter Hügeln und Büschen verstecken können. Zum anderen kann er den Ansturm der unbewaffneten Kaninchen nur so lange aufhalten, wie er Munition und Energie für die Verteidigungsanlagen besitzt.

Nachschub kommt aber nicht direkt ins Haus, sondern wird per Frachtflugzeug über dem Gelände abgeworfen. Der Herrscher muss die Mitspieler also überzeugen, ihm die Ressourcen zu bringen, auch wenn ihnen das vordergründig schadet. Der Übergabeort ist die sogenannte Feed Box(öffnet im neuen Fenster): ein Depotschacht mitten im Gelände, in den die Kaninchen ihre Waren einwerfen können, zum Beispiel Raketen, Uran oder Treibstoff. Der Overlord legt fest, wie viel Geld sie dafür automatisch erhalten: Der Auto-Pay reicht in vier Stufen von 25 bis 100 Cent. Zudem kann der Overlord ganz nach Gutdünken Geldgeschenke auf der Karte platzieren und so beispielsweise honorieren, wenn ein Bunny eifrig Gegenstände apportiert oder Mitspieler verpfeift, die sich gerade dem Turm nähern. Tragen Bunnys das Ortungshalsband, bekommen sie automatisch mehr Geld, sind für den Overlord aber auch als leuchtende Punkte auf der Karte sichtbar und damit gut zu kontrollieren.

Strategien der Karnickel

Geld ist nur eines von mehreren Mitteln, die meuternde Horde gefügig zu machen. Ein anderes ist rohe Gewalt. Werden Bunnys getötet, sind sie zwar sofort wieder lebendig, werden aber meist an Bord des Frachtflugzeugs gebeamt. Bis das seine Ladung am Zielort abwirft, vergeht kostbare Zeit, in der die Bunnys weniger Geld verdienen als sonst. Das Dropship(öffnet im neuen Fenster) ist so etwas wie eine Strafrunde beim Biathlon: Der Zeit- und damit auch Geldverlust wird für den Overlord zum wirksamen Druckmittel.

So richtig komplex wird Obey durch die strategischen Möglichkeiten der Bunnys. Im Dropship etwa können sie selbst zusammen so viele Gegenstände kaufen, dass das Schiff überladen wird und abstürzt. Damit schaden sie dem Overlord erheblich, weil er nicht nur die Flugkosten von 1.500 Cent trägt, sondern auch den teuer gekauften Nachschub verliert, den er dringend zur Verteidigung braucht. Eine beliebte Bunny-Strategie ist auch, wertvolle Ressourcen wie Uran nicht abzuliefern, sondern in einem unbeobachteten Moment zu verstecken. Oder sie "melken" den Overlord, indem sie billige Gegenstände in die Feed Box werfen, wenn die Prämie gerade hoch ist.

Obey-Meister spielen mit der Psyche der Gegner

Besonders perfide ist die Corpse Factory. Der Overlord erhält nämlich eine hohe Geldstrafe, wenn Bunny-Leichen in der Feed Box landen. Er wird deshalb nicht tolerieren, wenn Bunnys ihre toten Artgenossen in Richtung Depot schleppen. Gelingt es ihnen aber, direkt hinter der Feed Box einen Laserzaun zu errichten, können sie sich mit voller Absicht dort hineinstürzen und ihre Leichen gefahrlos von den Mitspielern in die Feed Box werfen lassen: Der Kontostand des Diktators ist dann schnell bei null. Selbstmord aus Angst vor dem Sieg des anderen.

Die Corpse Factory ist nur einer von Dutzenden Tricks, die Entwickler Dan Dez in seinem Wiki auflistet(öffnet im neuen Fenster). Der US-Amerikaner hat ein brillantes System aus Kräften und Gegenkräften geschaffen, die Obey zu einem Fest für Strategen machen. Matches unter Neulingen verlaufen zwar oft chaotisch und sind von ständig wechselnder Turmherrschaft geprägt. Doch kennen die Spieler erst einmal ihre Mittel, dann nutzen sie diese auch mit wachsender Virtuosität.

Obey – Gameplay
Obey – Gameplay (00:59)

Die wahren Obey-Meister spielen mit der Psyche ihrer Gegner. Manche regieren als Turmherren mit eiserner Faust und verbreiten Furcht unter den Bunnys, indem sie jede Regelverletzung rigoros bestrafen. Oder sie gerieren sich als gnädige Herrscher, die bereitwillig Privilegien verteilen, bis sie uneinholbar in Führung liegen. Teilen und herrschen kann in Obey ebenfalls gut funktionieren, weil sich immer wieder Untertanen finden, die bereitwillig als Spitzel dienen. Wenn das nicht auf Anhieb klappt, setzt der Nachwuchsdiktator auf kollektive Bestrafung für Einzelvergehen. Er muss dann aber aufpassen, dass nicht irgendwann doch eine Revolution ausbricht.

Sprache kann hochmanipulativ sein: Nur wenige Spiele zeigen das so deutlich wie Obey. Im Voice Chat wird nach Kräften gedroht, gelogen, verpetzt und versprochen. Rhetorik-Talente sind hier klar im Vorteil. Besonders gewiefte Spieler nutzen die Tatsache, dass der Overlord nicht immer alle Stimmen richtig zuordnen kann und stiften zusätzliche Verwirrung, indem sie sich als ihre Mitspieler ausgeben. Private Absprachen sind in Obey nur über den Textchat benachbarter Bunnys möglich. Doch selbst dieses "Flüstern" kann der Overlord mit seinem Bannstrahl anzapfen.

Was ist nun von einem Spiel zu halten, das möglichst hinterlistige Spieler belohnt? "Ich möchte sie zum Nachdenken bringen", sagt Dan Dez Zeit Online. "Jemand in Obey bringt dich dazu, etwas zu tun, was du eigentlich gar nicht tun willst. Dabei fühlst du Erniedrigung und manchmal sogar Angst." Vergleichbare Machtstrukturen gebe es in unser aller Leben, schreibt Dez im Vorwort zum Spiel.


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