Oberon ETH: Das Schweizer System
Es geht auch in schlank: Warum in den späten 1980ern an einer Schweizer Hochschule eine Programmiersprache, ein OS und eigene Hardware entwickelt wurden.
In einem Keller der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich (ETHZ) stehen mehrere unauffällige beigefarbene Computergehäuse mit der Aufschrift Ceres. Sie stammen aus den späten 1980ern, haben ein 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerk als Massenspeicher, Anschlüsse für einen hochauflösenden Monochrom-Monitor und einen Farbbildschirm sowie ein Betriebssystem, das an der Universität selbst entwickelt wurde. Auch die Hardware entstand hier, ebenso wie die Programmiersprache dazu: Oberon. Ihr Erfinder ist der Informatiker Niklaus Wirth, der mit diesem Eigenbau ein besonders schlankes und verständliches Betriebssystem schuf, das immer noch seine Nische hat.
Die Hardware basiert auf einem NS32032 32-Bit-Prozessor und hat reichlich Videospeicher für die grafische Darstellung des Systems. Die Rechner sind längst ausgemustert, aber die Software in ihren ROMs lebt weiter - obwohl sie inzwischen noch weniger bekannt sein dürfte als zum Zeitpunkt ihrer Entstehung.
1992 erschien ein rund 400-seitiges Buch mit dem Titel "Project Oberon - The Design of an Operating System and Compiler", das im Detail beschreibt, wie sich ein eigenes Betriebssystem mit der Programmiersprache Oberon realisieren lässt. Einer der Verfasser des Werkes ist Niklaus Wirth, der zuvor unter anderem für seine Arbeit an Pascal den renommierten ACM Turing-Preis gewann.
Wirth hatte die Hoffnung, dass er den schon damals übermäßig komplexen Betriebssystemen eine Alternative entgegensetzen konnte. Sie sollte vor allem so einfach sein, dass sie sich im Informatikstudium als Lehrbeispiel verwenden ließ. Wirth war Professor an der ETHZ und wünschte sich, dass bei der Benutzung von Oberon die Lust am Programmieren geweckt würde.
Zu diesem Zeitpunkt liefen die bereits erwähnten Arbeitsrechner in der Informatikfakultät der Hochschule. Sie waren als Workstations für den wissenschaftlichen Gebrauch im Einsatz und prägten eine Generation von Schweizer Studierenden - die dank Oberon die Scheu vor der vermeintlich hohen Komplexität eines Betriebssystems verloren.
Einer, der damals von Oberon erfuhr, ist Paul Reed. Als Programmierer hatte er wie so viele andere hohen Respekt vor Projekten wie dem Schreiben eines Compilers: "Solche Dinge machen Spezialisten in irgendwelchen Elfenbeintürmen, dachte ich." Reed lacht, als er uns die Geschichte seiner ersten Begegnung mit Oberon erzählt.
Er kaufte das Buch in den 1990ern und stellte fest, dass weder Elfenbeinturm noch Spezialwissen vonnöten waren, um mit Oberon zu entwickeln. Noch heute steht der dicken Wälzer im Regal gegenüber seines Schreibtisches, aber eigentlich muss Reed dort nicht mehr nachschlagen. Einen Compiler hat er längst selbst geschrieben.
Reed wurde in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Art Gralshüter von Oberon, er möchte das Projekt bekannter machen. Seine ansteckende Begeisterung für das System rührt auch daher, dass er selbst viele kommerzielle Projekte damit realisierte und weiß, welche Vorteile die Schlankheit des Systems bietet. Wie schlank genau? Reed drückt den Netzschalter eines FPGA-Boards, es vergeht keine Sekunde und Oberon ist gebootet.