Nokia N900: Das Multitasking-Smartphone mit Linux
Wie auf dem Desktop solle das Linux-Gefühl sein, versprach Nokia vor 15 Jahren der potenziellen Käuferschaft seines neuen Smartphones. Das N900 führte eine im Jahr 2005 mit dem Nokia 770 begonnene Serie von Internettablets(öffnet im neuen Fenster) fort und erweiterte diese um eine Telefonfunktion. Zugleich war das Gerät mit seinen kompakten Maßen und einem Gewicht von 180 Gramm taschenfreundlich.
Die herausschiebbare Tastatur unter dem Display entsprach dem damals noch weitverbreiteten Paradigma, dass physische Knöpfe einer Bildschirmtastatur überlegen seien. Anlass für Kritik boten die winzigen Tasten mit ihrem schwammigen Druckpunkt dennoch. Konkurrenten wie das Android-Smartphone Milestone von Motorola schnitten in diesem Punkt wesentlich besser ab.
Was das N900 besonders machte, waren weder sein 3,5-Zoll-Display mit 800 x 480 Pixeln Auflösung noch sein Hauptspeicher von 256 MByte oder die 32 GByte Gerätespeicher. Allerdings galten diese Spezifikationen ebenso wie die 5-Megapixel-Kamera damals als durchaus respektabel.
Das N900 hob sich durch sein klares Bekenntnis zu klassischen Linux-Distributionen von der Masse der neuen Smartphones ab. Mit Maemo(öffnet im neuen Fenster) hatte Nokia über die Jahre ein eigenes Ökosystem erschaffen, das durch leichte Zugänglichkeit für Entwickler eine gute Integration von Drittanbieterapps bot. Es verknüpfte diverse Open-Source-Technologien, die Standardteile der Linux-Desktops waren. Als Basis kam der Linux-Kernel 2.6.28 zum Einsatz. Auf ihm setzten die als Plattformbibliotheken bezeichneten Komponenten auf, namentlich der X-Server, Matchbox, D-BUS, GTK+ 2.6, GConf und das Gnome Virtual File System (Gnome VFS).

All das mag zunächst klingen, als sei das N900 ein Nerdgerät gewesen, was sicherlich im Nachhinein auch stimmt. Im Jahr 2009 vermarktete(öffnet im neuen Fenster) Nokia das Telefon aber zu Recht mit dem Slogan "Online as it happens" eher als Multimedia -, Multitasking- und Multikommunikationsgerät der Oberklasse. Denn als drahtlose Standards kamen neben GSM auch HSPA, WLAN 802.11 b/g, Bluetooth 2.1, GPS, UKW-Radiosender und -Empfänger sowie Infrarot zum Einsatz.
Der resistive Touchscreen wurde mit einem beigelegten Stift bedient. Ein TV-Ausgang über Audio-Miniklinke und ein Mikro-USB-Port zum Laden und Datenübertragen (allerdings zunächst ohne Host-Fähigkeiten) rundeten die Ausstattung ab.
Später kam ein verstörender Werbespot(öffnet im neuen Fenster) hinzu, der einen jungen Mann in einem Verhörraum zeigte, der sich "Freedom of expression!" schreiend in das Telefon verwandelte. Bezeichnenderweise führte der Link am Ende des Videos dann zu Maemo.com(öffnet im neuen Fenster) , der Entwicklerplattform für das System – und nicht zur Produktseite des Telefons. Aber eigentlich stand ja auch genau dieses System im Mittelpunkt für die Käuferschaft.
Die Freiheit ruft
Die Freiheit, mit dem N900 alles tun zu können, was man wollte, trug dazu bei, dass es eine bastel- und hackfreudige Zielgruppe fand. Dieser waren die schwache Laufzeit des wechselbaren Akkus und das eher gemächliche Tempo von Maemo egal. Schließlich konnte man es bis ins kleinste Detail seinen Vorlieben anpassen und dabei noch damit prahlen, dass das gut 600 Euro teure neue Telefon dank Infrarotsender jetzt auch als Fernbedienung für den Fernseher fungiere.
Natürlich ließ sich das Gerät auch übertakten. Mehrere voll Flash-fähige Browser, Videospielemulatoren und haufenweise Werkzeuge(öffnet im neuen Fenster) und Apps zeugten von der Begeisterung der Softwareentwickler für das zugängliche System.
Dabei hatte es noch ein paar andere Tricks auf Lager, die iOS und Android lange missen ließen. So gab es beispielsweise eine globale Kontaktverwaltung, die es über App-Grenzen hinweg ermöglichte, ICQ-Freundeslisten mit dem Telefonbuch zu vermengen.
Mit dem OVI-Store(öffnet im neuen Fenster) stellte Nokia eine eigene Vertriebsplattform für Apps zur Verfügung, auf der mehrere Zehntausend Programme kostenfrei oder mit einer Anmeldung kostenpflichtig heruntergeladen werden konnten. Die meisten Apps waren jedoch auch klassisch per Download aus dem Netz verfügbar. Eine Schutzfunktion gegen die Installation von Drittanbieterprogrammen hatte das Maemo-System nicht.
Ein Hackerwerkzeug für die Hosentasche
So wundert es wenig, dass der kleine Linux-Taschencomputer mitunter auch als Hackerwerkzeug in die Schlagzeilen geriet. Für kurze Zeit konnte man mit dem N900 im Jahr 2010 seine Playstation 3 zum Abspielen kopierter Spiele nutzen. Dazu musste man lediglich das Telefon per USB mit der Spielkonsole verbinden und von einem eigens entwickelten System booten. Sony reagierte rasch und unterband den Hack in folgenden Firmware-Revisionen.
Die schönen Zeiten des N900 waren jedoch bald vorbei. Schon 2010 verabschiedete sich Nokia von Maemo zugunsten von MeeGo(öffnet im neuen Fenster) , das zusammen mit Intel entwickelt wurde. Damit war das N900 das letzte Gerät mit dem System.
Der Frust in der Nutzerschaft war entsprechend groß, als Nokia bekanntgab(öffnet im neuen Fenster) , dass das neue Linux-basierte Betriebssystem nicht für das N900 erscheinen werde: "Nokia ist sich bewusst, dass diese Nachricht für einige eine Enttäuschung sein könnte. Seien Sie versichert, dass Nokia weiterhin die Kernsoftware Maemo auf Ihrem Nokia N900 unterstützen wird."
Die Community macht weiter
Die letzte offizielle Version von Maemo kam im November 2011 und enthielt vorrangig Sicherheitspatches.
Vor allem wegen seiner Linux-Basis und der Hackerfreundlichkeit war Nokias N900 auch nach dem Supportende weiter in entsprechenden Nutzerkreisen beliebt. So fand sich schnell eine Community(öffnet im neuen Fenster) , die eigenständig weitere Softwareupdates auf Grundlage des Open-Source-Codes von Maemo für das N900 erstellte. Mit Maemo Leste(öffnet im neuen Fenster) existiert sogar eine Community-Distribution basierend auf Devuan Beowulf(öffnet im neuen Fenster) , die derzeit für das N900 entwickelt wird.
Um die Hardware des N900 langfristig lauffähig zu halten und an neue Ansprüche anzupassen, gab es über einige Jahre sogar Pläne und Arbeiten an einem neuen Mainboard mit verbesserter Ausstattung für das Gehäuse des N900. Dieses Neo900 genannte Projekt wurde jedoch nie vollendet.
Startpunkt für neue Projekte
Das N900 war aber auch über seine unmittelbare Software und Hardware aufgrund des gewählten Ansatzes prägend für zahlreiche weitere Linux-Smartphones. Als kommerzielles Projekt mit breiter Zielgruppe ist etwa Jolla zu nennen, das von ehemaligen Nokia-Angestellten gegründet wurde, die mit dem Weg zu Meego und der Abkehr davon nicht zufrieden waren. Aber auch das Librem 5 und das Pinephone, ebenso wie die Idee von Plasma-Mobile als Mobil-GUI für ein freies Linux-Betriebssystem, stehen in der klassischen Tradition des N900.
Wer sich heute noch einmal mit seinem N900 beschäftigt, kann auf PostmarketOS(öffnet im neuen Fenster) zurückgreifen und wie in alten Zeiten frickeln. Mit Chromium lassen sich so auch moderne Webseiten anzeigen, was mit den alten Browsern eher nicht funktioniert. Allerdings ist das System nicht wirklich schneller. Die Zeit war nicht gnädig mit dem 600-MHz-Prozessor des N900. Als Miniserver oder Raspberry-Pi-Ersatz kann das Gerät dennoch dienen.
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