Der Korridor repräsentiert den Alltagstrott – und mehr
Ausgerechnet die Sequenzen und der Schauplatz in der fahrenden U-Bahn, die es im Videospiel nicht gibt, erleben wir im Film aus der vom Game gewohnten Egoperspektive. Der Regisseur versetzt uns in der Ebene, die ohne Zweifel die Realität darstellt, mitten ins Geschehen. Er zeigt hier eine typische Alltagssituation und mit der passiven Rolle des Protagonisten darin sollen wir uns so intensiv auseinandersetzen, als ginge es gerade um uns selbst. Ein gewollter Bruch zwischen Einstieg und unwirklichem Rest des Films, den wir deutlich fühlen und auch sehen sollen. Als diene das neue Intro einer Überführung von den gewohnten Eindrücken unserer Wirklichkeit in die albtraumhafte, metaphorische Zwischenwelt des Films.
Der Ort des eigentlichen Geschehens, der redundante Korridor, repräsentiert den typischen Alltagstrott und dessen Tücken, die viele kennen dürften. Müssten uns beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit kleine Veränderungen nicht immer sofort auffallen, oder tun sie das gerade deswegen so selten, weil wir routiniert und schon beinahe blind an allem vorbeigehen? Diese Frage haben wir uns beim Spiel Exit 8 oft gestellt.
Ignoranz unserer Umgebung gegenüber und die Bequemlichkeit, lieber in Routinen zu verfallen, sind jedoch nur die oberflächlichen Interpretationen der Spielvorlage. Intensiver betrachtet liegt bereits im Titel viel mehr mögliche Bedeutung. Die Acht als Symbol ist eine unendliche Schleife; sie könnte zusätzlich auf den Edlen Achtfachen Pfad(öffnet im neuen Fenster) des Buddhismus verweisen.
Diese Interpretation(öffnet im neuen Fenster) drängt sich durch die Verfilmung, an deren Drehbuch der Spielentwickler mitgearbeitet hat, stärker auf. Der Korridor von Exit 8 entspricht deutlicher der buddhistischen Hölle Narake, in der Seelen schlechtes Karma abarbeiten, um schließlich gereinigt wiedergeboren zu werden.
Es ist ein leidvoller Prozess in acht spirituellen Stufen, die nur erfolgreich durchläuft, wer sich der Wahrheit stellt und seine Verfehlungen anerkennt. Achtsamkeit allem gegenüber wird dabei als Grundregel gefordert, während ignorantes Verhalten zu ewiger Gefangenschaft in der Unterwelt führt.
Als Film manifestiert Exit 8 diese Interpretationsebene nicht nur mit seinem Protagonisten, sondern auch mit anderen Figuren. Dazu gehört der Aktentaschenmann, dem hier endlich eine Hintergrundgeschichte gewidmet wird. Er war nicht immer nur ein seelenloser NPC.
Gelungene Adaption, die das Spiel noch bereichert
Die Handlung bereichert Exit 8, erfüllt die sterile Spielwelt mit Leben und vielen Emotionen, ohne deren eigene Wirkung und das durchs Spiel etablierte Grundgefüge irgendwie zu stören. So stellen wir uns gelungene Adaptionen vor. Leider gelingt Vergleichbares besonders bei Games-Umsetzungen zu selten.
Wer Exit 8 als Spiel bisher nicht kennt, kann sich den Film trotzdem bedenkenlos ansehen, wird dessen absurd ungewöhnliche Welt ähnlich faszinierend und spannend zu entdecken finden wie zuletzt die im Kino so erfolgreichen Backrooms. Die erfordern ja auch nicht zwingend Vorwissen über ihre Ursprünge als Creepy Pasta(öffnet im neuen Fenster).
Maßgeblich dafür ist der ebenso faszinierende wie unheimlich anmutende Reiz liminaler Räume.(öffnet im neuen Fenster) Der scheint für viele Menschen so universell effektiv zu funktionieren, dass dieses Konzept für Horrorfilme, angestoßen durch die Erfolge von Backrooms(öffnet im neuen Fenster) und Exit 8, der nächste große Trend werden dürfte. Letzterer war in seinem Heimatland Japan schon unerwartet ein großer Kinoerfolg(öffnet im neuen Fenster), während Backrooms weltweit ein Vielfaches des Produktionsbudgets wieder eingespielt hat(öffnet im neuen Fenster).
Die A24-Produktion von Kane Parsons, der über seine Verfilmung hinaus als eine Art Schirmherr des Backrooms-Phänomens gesehen wird, erfährt mehr Hype als Exit 8 und wird auch der finanziell erfolgreichere Film bleiben. Wir finden Exit 8 trotzdem besser, weil er als abgeschlossener Film runder und konsequenter durchdacht funktioniert. Backrooms im Kino mutet mehr wie eine gelungene Einführung fürs Mainstream-Publikum in ein größeres Universum an, bei der einige Fragen bewusst offenbleiben.
Internetforen und die Indie-Spieleszene bieten zuhauf weitere Ideen rund um liminale Räume, oft mit schon etablierter Fanbasis.


