Eine Handlung, wie es sie im Spiel nicht gibt
Nicht nur sind die meisten Anomalien beim Durchschreiten der Korridorschleife aus dem Film direkt dem Spiel entnommen, auch andere Elemente wurden berücksichtigt. Der mysteriöse Mann mit Aktenkoffer steht plötzlich wie im Idle-Mode nur noch auf der Stelle herum, sobald er seine übliche Strecke durch den Hauptkorridor beendet hat – um dann plötzlich wieder im nächsten Gang aufzutauchen, als habe er sich dorthin teleportiert. Exakt wie im Spiel, dem übrigens umgekehrt per kostenlosem Update ein paar Anomalien hinzugefügt wurden, die der Film hinzuerfunden hat.
Nichts davon ist hohler Fanservice. Alles Gezeigte wird im Verlauf des Films von größerer Bedeutung für die neu eingefügte Handlung, die das Spiel so gar nicht hat. Und eine Art Intro gibt es im Film jetzt auch.
Zu Beginn befinden wir uns in einer überfüllten U-Bahn irgendwo in Japan. Es ist eine ungeschnitten am Stück inszenierte Sequenz aus der Ich-Perspektive des namenlosen Protagonisten (Kazunari Ninomiya), dessen Gesicht wir zunächst nur als Spiegelbild in einer Fensterscheibe des Zugs sehen können.
Kurz pausiert er die sich wiederholenden Klangfolgen von Maurice Ravels Boléro in seinen In-Ear-Kopfhörern und blickt vom Smartphone auf, zu einer Mutter mit schreiendem Baby, die von einem anderen Fahrgast laut zurechtgewiesen wird.
Anstatt Courage zu zeigen und einzuschreiten, lässt der Protagonist schnell Boléro weiterspielen und scrollt gedankenlos durch Social Media. Wiederkehrende Anrufe drückt er weg.
Aus dem Zug ausgestiegen, nimmt er einen Anruf doch entgegen. Am anderen Ende hört er seine Ex-Freundin, die ihm verzweifelt mitteilt, dass sie schwanger von ihm sei und nicht wisse, was zu tun sei. Er hat auch keine Antwort, die Verbindung bricht ab. Der sich wiederholende, plötzlich fast menschenleere Korridor des Spiels beginnt.
Mit neuen Elementen, die wir nicht vorwegnehmen möchten, bereichert die Verfilmung mögliche Lesarten von Exit 8 um ein spezifisches Thema, das nur in der Welt des Films präsent ist. Es sind die Ängste, Verunsicherungen, Gedanken von Flucht vor der Verantwortung, die ein junger Mann durchlebt, der plötzlich von einer ungeplanten Vaterschaft erfährt. Mit surrealer Albtraumlogik wird das gekonnt ins Szenario des wiederkehrenden Korridors der Spielwelt eingebaut.
Die größte stilistische Abweichung im Vergleich zwischen Film und Spiel sehen wir in den Kameraperspektiven. Denn die Spielvorlage erleben wir komplett aus der Egoperspektive. Alles, was im Film aus dem Spiel ist, sehen wir hingegen aus einer Verfolgeransicht, als würden wir schwebend der Hauptfigur folgen.
So können wir uns um sie herum bewegen – oft, um Dinge hinter ihr zu sehen, bevor sie sich dessen gewahr wird. Manchmal wird uns aber auch der Blick auf etwas erschwert, was der Protagonist schon vor uns klar vor sich hat. Als Horrorfilm funktioniert Exit 8 so besser, er kann für seinen Spannungsaufbau mehr mit Perspektive spielen.