Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Nintendo Labo ausprobiert: Licht und Pappen

Pappkameraden für Eltern und Kinder: Nintendos kommendes Switch-Zubehör Labo soll mehr sein als eine neue Videospielmarke. Auf dem Anspiel-Event in Hamburg haben wir gebastelt, gespielt und die Funktionsweise von Karton-Klavier bis Robo-Rucksack erkundet und alles im Video festgehalten.
/ Stephan Freundorfer
34 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Golem.de-Video-Journalist Michael Wieczorek als Labo-Roboter (Bild: Denise Gorenc)
Golem.de-Video-Journalist Michael Wieczorek als Labo-Roboter Bild: Denise Gorenc

"Bauen, Spielen, Entdecken" gibt der japanische Traditionshersteller Nintendo als Motto für seine neue Produktlinie aus: Mit Nintendo Labo will er die erfolgreiche Switch-Konsole mit mehr versorgen als nur einer neuen Videospielmarke. Kinder und Eltern sollen zu gemeinsamer Kreativität animiert, ihre Neugier soll geweckt und befriedigt werden. Dazu werden die ersten beiden Labo-Produkte, die das Unternehmen Toy-Con betitelt, nicht nur aus Gamecards mit Spiele-Software bestehen, sondern auch eine gewaltige Menge an Zusatzmaterial umfassen. Und das ist zum größten Teil aus Pappe.

Im Prototyp-Museum in Hamburgs Hafencity wird zum ersten Mal ein breites Publikum mit Nintendo Labo zusammengebracht, das am 27. April mit zwei Sets in den Handel kommen wird. Presse, Influencer und ausgesuchte Endkunden mit ihren Kindern dürfen einige Stunden bauen, spielen, entdecken - und zwar genau in dieser Reihenfolge. Auch wir setzen uns erst einmal an einen Tisch mit allerlei kindgerechtem Bastelmaterial, einer Nintendo Switch und einem Stück Karton.

Golem.de bastelt, spielt und entdeckt Nintendo Labo
Golem.de bastelt, spielt und entdeckt Nintendo Labo (05:06)

Der Käfer ist ein Auto

Das gestanzte Stück Pappe ist eines von vielen aus dem Toy-Con 01 Multi-Set und aus ihm lässt sich das einfachste der fünf Spielzeuge basteln. Ein dreiarmiges Gebilde wird aus dem Bogen gedrückt, hier und dort geknickt, gefaltet und gesteckt, bis kurz darauf ein rechteckiges Kästchen mit sechs Beinchen vor uns liegt: Das RC-Auto, wie Nintendo es nennt, dem aber auch gut der Name Assel oder Käfer hätten Modell gestanden hätte.

Die Bastelei ist simpel und wird von einem äußerst ausführlichen, fast schon langatmigen Video angeleitet, das ebenso Teil der Multi-Set-Software ist wie das Programm zur Bedienung des Autos. In die Seiten des Vehikels werden die beiden Joy-Con-Controller eingeschoben, die Switch bekommt noch eine Pappantenne aufgesteckt, um Erinnerungen an eine RC-Fernbedienung zu wecken - und ab geht die Fahrt. Via Touchscreen werden die Vibrationsmotoren der beiden Controller angesteuert, ihr Rütteln schiebt das Gebilde überraschend flott nach vorne.

Auf dem Touchscreen der Konsole lässt sich auch ein krudes schwarz-grünes Bild entdecken - es ist die Live-Übertragung von der Infrarotkamera, die sich im rechten Joy-Con der Switch befindet. Die hat in einem Jahr Switch keine Menschenseele interessiert, nun erweist sie sich als Herz des cleveren Labo-Konzepts. Das Auto-Modell nutzt die Kamera beispielsweise im Automatikmodus: Wird dieser eingeschaltet, folgt es selbstständig einer Lichtquelle und lässt sich durch Auslegen von Reflektorstreifen über vorgegebene Bahnen führen.

Auf dem Bogen befindet sich nicht nur ein zweites Auto, sondern auch ein bisschen zusätzliche Verzierung: Eine Baggerschaufel und ein Elefantenkopf lassen sich ans RC-Auto stecken, und natürlich dürfen Kinder ihre Gefährten mit handelsüblichem Kreativkrimskrams wie Farbe, Klebestreifen oder Kulleraugen individualisieren. Anschließend lässt sich zu Wettrennen oder sogenanntem Toy-Con-Sumo antreten. Zwei Spieler können sich dabei eine Switch teilen - alles was der Labo-Haushalt braucht, ist ein zweites Paar Joy-Cons.

Cleveres Kartonklavier

Die Multi-Set-Software lässt wenig Zweifel daran, dass es sich beim RC-Auto um die simpelste Labo-Spielerei handelt. Für die vier weiteren Bausätze werden - statt flotter zehn Minuten - Arbeitszeiten von eineinhalb bis dreieinhalb Stunden prophezeit. Deshalb stellt Nintendo in einem zweiten Bereich bereits diverse fertige Modelle zum Spielen bereit, gibt interessierten Gästen aber auch die Möglichkeit, sich mit ausgiebigem Basteln die Zeit zu vertreiben. Zweifellos der komplizierteste Bausatz ist das Klavier: Aus acht Bögen wird das Papp-Piano zusammengefaltet und gesteckt, wobei allein die Fertigung der dreizehn Tasten einiges an Fingerspitzengefühl und Sorgfalt erfordert.

Das papierne Musikinstrument ist allerdings auch ein wunderbares Beispiel für Einfallsreichtum und Pfiffigkeit der Nintendo-Ingenieure und -Spielemacher. Über der Klaviatur wird die Switch eingelegt, die das Geklimper in eine fröhliche Comic-Optik umsetzt. Links und rechts davon befinden sich Pappschalter, die gedrückt werden, um automatische Liederfolgen zu starten oder Töne zu verändern. Ein Hebel an der Seite sorgt für einen Wah-Wah-Effekt und Pappstifte lassen sich in ein Loch links oben stecken, um Katzen oder Geister jaulen zu lassen.

Wie funktioniert das alles nur, fragt sich der unbeleckte Labo-Nutzer, dem beim Blick in den Pappkorpus schnell ein Licht aufgeht: Der rechte Joy-Con steckt in der Rückseite des Klaviers, die Kamera ist Richtung Tasten gerichtet, die bei Betätigung einen Reflektorstreifen anheben. Auch alle anderen Funktionen werden über solche reflektierenden Aufkleber und ihre unterschiedlichen Muster ausgelöst. Über Bluetooth gelangt das sich beim Spielen verändernde Infrarotbild zur Switch, die es in Musik übersetzt. Der zweite Controller wird hier nicht einmal gebraucht, außer in einem Spezialmodus, bei dem die Töne in Vibrationen umgewandelt werden. Legt man den Controller auf einen Klangkörper, versetzt er diesen entsprechend in (manchmal melodische) Schwingung.

Einfallsreich, aber spielerisch seicht

Drei weitere Modelle beziehungsweise Spiele liefert das Multi-Set, das mit einem Preis von knapp 70 Euro plötzlich gar nicht mehr so überteuert scheint. Die Angelrute ist dabei vielleicht der erwachsenste Inhalt der Packung, weckt sie doch Erinnerungen an kultige Konsolen-Angelspiele wie Sega Bass Fishing. Das Pappmodell setzt sich aus Teleskoprute, Kurbel und schrägem Podest zusammen, in das die Switch eingelegt wird. Hinter der Konsole verschwindet die rote Angelschnur in einem Kästchen. Sie ist aber nur Show, die einzigen videospielrelevanten Elemente sind die Kurbel mit dem einen und die Basis der Rute mit dem anderen Joy-Con.

Nintendo Labo - Trailer (Werkstatt)
Nintendo Labo - Trailer (Werkstatt) (04:12)

Das Angeln nutzt die Bewegungssensoren der Switch-Controller. Sie ermöglichen dem Spieler, die Leine abzulassen und einzuholen, die Beute mit einem heftigen Ruck anzuhaken oder aus dem Wasser zu holen und dem Zappeln des Fisches entgegenzuwirken. Fast noch simpler erscheint das Motorradspiel, für das ein Lenker gebastelt wird, in dessen Mitte die Konsole und links und rechts die beiden Joy-Cons eingelegt werden. Steuern, Gas geben, bremsen, hupen und sich mit Körpereinsatz in die Kurven legen - all das funktioniert problemlos, ist aber wenig innovativ.

Interessanter scheint da schon das letzte Modell des Multi-Sets, das Haus, das sich allerdings mehr an das junge Publikum richtet. Zumindest bei Puppenhausflair und Minispielen - der Bau ist vor allem wegen seiner drei interaktiven Teile gar nicht mal so unkompliziert. Eine Kurbel, ein Druckschalter und ein Hebel müssen gebastelt und mit Reflektoren versehen werden. Der Spieler steckt sie in Löcher links, rechts und an der Unterseite des Hauses, um überraschende Aktionen auf dem Switch-Bildschirm auszulösen. Ist der Hebel rechts eingesteckt, erscheint beispielsweise ein gewaltiger Wasserhahn an der entsprechenden Wand der virtuellen Puppenstube, legt man ihn um, wird sie geflutet.

Wir sind ein Roboter

Auch das Nintendo Labo Toy-Con 02 Robo-Set hat wurde nach Hamburg gebracht, allerdings nur im Komplettzustand. Mit seinen rund zwei Dutzend Pappbögen, Schnüren, Ösen und Riemen wäre er wohl zu komplex und zeitintensiv für den Zusammenbau durch die Besucher vor Ort. Dafür erlaubt Nintendo nicht nur das Ausprobieren an ein paar Spielstationen, sondern auch einen ausgiebigen Blick in das Innere des Papprucksacks, aus dem das Modell zuvorderst besteht.

Auch beim Robo-Set spielt die Infrarotkamera eine entscheidende Rolle: Der zugehörige Joy-Con sitzt in der Mitte der hinteren Wand und scannt das Innere. Das besteht aus reichlich leerem Raum und vier Schächten, in denen reflektorbeklebte Gewichte (die ebenfalls aus Karton gebastelt werden, dafür aber überraschend schwer sind) hängen. Sie werden über Seile hochgezogen und abgelassen, die wiederum zu je zwei Handstücken und Fußschlaufen führen.

Golem.de bastelt, spielt und entdeckt Nintendo Labo
Golem.de bastelt, spielt und entdeckt Nintendo Labo (05:06)

Die Übertragung der Bewegung des Spielers auf die Bildschirm-Action gelingt erstaunlich gut und sorgt für viel Spaß und Schweiß. In der Rolle eines gewaltigen Roboters stapft der Rucksackträger auf der Stelle tretend durch die Straßen und schwingt mit ausladenden Bewegungen die Arme, um Gegner und Gebäude zu zerdeppern. Auch in die Hocke kann er gehen, um sich in Transformers-Manier in ein futuristisches, bewaffnetes Fahrzeug zu verwandeln.

Joy-Con Nr. 2 steckt seitlich im zweiten Bausatz des Robo-Sets: ein Visier aus Pappe, das mittels Stirnband am Kopf befestigt wird. Ist es nach oben gerichtet, findet die Action in Third-Person-Perspektive statt, klappt der Spieler sich das Visier, das nicht mehr ist als ein Rahmen aus Pappe, vors Gesicht, wird in eine ebenfalls umrahmte Ego-Perspektive umgeschaltet.

Ab in die Werkstatt

Wie die anderen Toy-Con-Produkte fasziniert der Robo-Rucksack mit seiner durchdachten Bauweise, und er erscheint auch recht stabil. Wie widerstandsfähig die Pappe aber im Dauer- und Kindereinsatz ist, muss die Praxis zeigen. Der möglichen Problematik ist sich Nintendo jedenfalls bewusst: Im Entdecken-Menü der Labo-Software sind bereits Tipps zur Reparatur vorgesehen, außerdem soll ein Ersatzteil-Service eingerichtet werden, wie uns eine Pressevertreterin mitteilt.

Der Entdecken-Bildschirm liefert dem Nutzer gleichzeitig auch die dritte große Säule, die die neue Nintendo-Produktlinie tragen soll. Hier sollen Spieler die Funktionsweise der Modelle ergründen, alles bauen und ausprobieren, um schließlich Zugang zu der Toy-Con-Werkstatt freizuschalten, was durch einen sich öffnenden Gullideckel symbolisiert wird.

Wir dürfen in einem dritten Bereich der Veranstaltung ebenfalls kurz diese Werkstatt ausprobieren, die vornehmlich aus ein paar Menüs und einer schwarzen Bildschirmfläche zu bestehen scheint. Hier lassen sich die Sensoren und Motoren der Joy-Cons über eine symbolhafte Programmierung ansteuern und miteinander verknüpfen, um neue Einsatzmöglichkeiten und Spielereien zu erschaffen.

Nintendo erklärt die Labo Toy-Con-Garage
Nintendo erklärt die Labo Toy-Con-Garage (02:38)

So verwandelt der Präsentator den Kamera-Controller in eine Knarre, der andere Joy-Con wird einem Pappmännchen, das einen Reflektor im Gesicht kleben hat, auf den Rücken gesteckt, und in der Software ein simple Wenn-dann-Verknüpfung erstellt. 'Treffer' der Kamera -> Vibration des Controllers -> Männchen fällt um. Wir kennen das Beispiel übrigens schon aus einem offiziellen Trailer - so wie vieles, das wir hier in Hamburg live gesehen und selbst gebaut, gespielt und endlich auch kapiert haben. Am meisten fasziniert sind wir dabei nicht von dem, was auf den Bildschirmen abgeht, sondern vom großen Einfallsreichtum, mit dem die Nintendo-Kreativen bei Labo bestehende Technik für neue und überraschende Spielkonzepte nutzen.


Relevante Themen