Nextdoor: Das soziale Netzwerk für den Blockwart

Nextdoor, das soziale Netz zwischen Dienstleistung und Denunziantentum, bekommt neues Geld. Das heizt die Diskussion über die Zukunft von Online-Gemeinden und Verantwortung der Tech-Konzerne erneut an.

Eine Analyse von Axel Postinett/Handelsblatt veröffentlicht am
Nextdoor: Das soziale Netzwerk für den Blockwart
(Bild: Martin Wolf / Golem.de)

Es begann mit einem kleinen Web-Eintrag und endete mit einer Schlägerei in einer Bücherei. Ein Hundebesitzer hatte ein Foto seines verängstigten Tieres gepostet, weil offenbar ein Football-Fan in der Nachbarschaft einen Böller gezündet hatte. Sein Team, die Seattle Seahawks, hatte einen Treffer gelandet. Das fand der Hundebesitzer gar nicht gut und schnell bildete sich eine Unterstützergruppe.

Inhalt:
  1. Nextdoor: Das soziale Netzwerk für den Blockwart
  2. Der schwierige Kampf gegen Mobbing und Fake News

Sie wollten das Sport-Team boykottieren oder die Verursacher suchen und öffentlich an den Pranger stellen. Jemand versuchte einzuwenden, es knalle vielleicht zweimal an einem Sonntag pro Monat und man solle mal die Kirche im Dorf lassen, weil das Böllern Tradition sei. Doch da war alles zu spät. Die zwei Parteien gingen, wie die Webseite Seattlepi berichtet, immer wüster aufeinander los.

Der Hundebesitzer organisierte letztlich einen Raum in der lokalen Bücherei, damit sich die erhitzten Gemüter beruhigen und aussprechen könnten. Doch das Ganze endete in einer Schlägerei. Die Folge: ein beschädigtes Auto, Verhaftungen und Bußgelder.

285 Millionen Dollar Gesamtfinanzierung

Willkommen beim freundlichen Nachbarschaftsnetzwerk Nextdoor aus San Francisco. Wem der Tratsch am Gartenzaun zu langweilig und der Hausflur zu provinziell ist, der ist hier willkommen, seine Meinung über Mitmenschen, Nachbarn und Fremden kundzutun. Nextdoor ist ein privates soziales Netzwerk, bei dem sich alle Mitglieder mit ihrer Wohnadresse verifizieren müssen und dann in ein spezielles Nachbarschaftsnetz eintreten, das sich einige Straßenzüge rund um den Wohnort erstreckt.

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Hier wird alles geteilt, was im Viertel so passiert. Das geht von Einladungen zu Straßenfesten über Geschäftseröffnungen und überflüssigem Hausstand, der verkauft oder verschenkt werden soll, bis zu Mitteilungen über Straßenraub, aufgebrochene Autos oder verdächtige Gestalten. Genaue Mitgliederzahlen nennt CEO und Gründer Nirav Tolia nicht, aber derzeit sei das Netz in über 160.000 Stadtvierteln in den USA und auch in Deutschland verfügbar.

Zum illustren Kreis der Investoren gehören Benchmark, Greylock Partners, Kleiner Perkins Caufield & Byers und Insight Venture Partners, alles erste Adressen im Silicon Valley. Eine aktuelle Finanzierungsrunde über 75 Millionen Dollar, berichtet Theinformation.com, bringe die Gesamtfinanzierung jetzt auf 285 Millionen Dollar und die Bewertung auf 1,5 Milliarden Dollar. Das Unternehmen kommentiert den Bericht bislang nicht.

Wie gefährlich sind soziale Netze?

Der Geldsegen kommt zu einer schwierigen Zeit. Netzwerke wie Facebook oder Twitter stehen wegen Fake News, rassistischer oder sexistischer Einträge und Hasskommentaren unter schwerem Beschuss von Öffentlichkeit und Politik. Jetzt wendet sich sogar das Valley selbst immer stärker gegen die unkontrollierbaren Meinungsmaschinen: Chamath Palihapitiya, langjähriger Top-Manager bei Facebook und für Nutzerwachstum zuständig, sagte seinen Zuhörern an der Stanford Graduate School of Business, er fühle "enorme Schuld", weil er Facebook mit aufgebaut habe. "Ich glaube, wir haben Werkzeuge geschaffen, die das Gewebe des sozialen Zusammenlebens zerreißen", zitiert ihn CNBC. Er empfahl den Studenten einen "harten Schnitt" in der Nutzung des sozialen Webs zu machen.

Die "Dopamin-getriebenen kurzfristigen Feedback-Schleifen, die wir geschaffen haben, zerstören die Art, wie Gesellschaft funktioniert", bedauert er. Zivile Diskussionen und Zusammenarbeit würden ersetzt durch Missinformation und Misstrauen. Er verdeutlichte die realen Gefahren dieser Entwicklung mit einem Vorfall aus Indien. Dort wurden jüngst sieben unschuldige Menschen wegen Fake News beim Chatdienst Whatsapp von aufgebrachten Dorfbewohnern gelyncht.

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Der schwierige Kampf gegen Mobbing und Fake News 
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