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Industrielles Metaverse: "Es geht um den nächsten Schritt in der Industrialisierung"

Chefs von Devs
Fabian Schmidt ist Head des Digital Manufacturing Team beim Sensorhersteller Sick. So modernisiert er das Familienunternehmen.
/ Daniel Ziegener
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Fabian Schmidt will die papierlose Produktionshalle. (Bild: Sick)
Fabian Schmidt will die papierlose Produktionshalle. Bild: Sick

Dieser Beitrag ist die 11. Ausgabe von Chefs von Devs, dem Golem.de-Newsletter für CTO, Technical Directors und IT-Profis. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Ausgabe. Chefs von Devs kann hier kostenlos abonniert werden .

Bei der Golem.de-Umfrage nach dem besten Arbeitgeber für IT-Profis lag Sick in vielen Kategorien vorn - dabei ist der Sensorhersteller außerhalb seiner Branche kaum bekannt. In Chefs von Devs erklärt der Leiter der Produktions-Digitalisierung, wie ein Unternehmen gefragte IT-Fachkräfte wie ihn über Jahre hinweg trotz aller Abwerbungsversuche halten kann.

Seit über 15 Jahren ist Fabian Schmidt bei Sick, obwohl er laut eigener Aussage eigentlich gar nicht der Typ ist, der lange bei einer Firma bleibt. Als Leiter eines interdisziplinären Teams spürt er den vielbeschworenen Fachkräftemangel selbst.

Fabian Schmidt(öffnet im neuen Fenster) begann 2007 nach dem dualen Studium als Softwareentwickler bei Sick, seit 2021 leitet er das das Digitalisierungsteam der Produktion in dem Breisgauer Familienunternehmen.

Interview mit Fabian Schmidt von Sick

Golem.de: Sie sind bei Sick der "Head of Digital Manufacturing Team". Was steckt dahinter?

Fabian Schmidt: Wir sind circa 40 Leute. Digital Manufacturing bedeutet für uns, dass wir die Fertigung bei Sick digital voranbringen wollen. Wenn man sich in der Produktion auskennt, weiß man: Sie hängt beim Stand der IT-Technik immer ein bisschen der Office Welt hinterher. Wir versuchen, mit der Digitalisierung ganz konkret KPI-getrieben Verbesserungen zu erzielen; es geht um nicht Digitalisierung zum Selbstzweck.

Wir sind ein Hightech-Unternehmen und haben trotzdem bis vor einigen Jahren gerade in der Produktion viel mit Papier gemacht. Es gab immer Zettel mit Auftragsinformationen. Da bringt Digitalisierung einen großen Mehrwert. Wir haben im Prinzip ein webbasiertes Frontend, das dem Werker alle Informationen zur Verfügung stellt, die er bisher in Papierform hatte.

Golem.de: Welche Qualifikationen muss jemand für Ihr Team mitbringen?

Fabian Schmidt: Bei uns sind nicht alle Softwareentwickler oder Application-Experten, wie man vielleicht glauben könnte. Wir haben gemerkt, dass es viel besser ist, wenn wir interdisziplinäre Teams mit Prozessexperten aus der Fertigung und Softwareentwicklern formen, die Probleme gemeinsam lösen.

Sie haben sich erst finden müssen, aber sie haben sich gefunden. Und die Ergebnisse sprechen für sich. Dabei verfolgen wir den MVP-Ansatz, also des Minimum Viable Product. Wir wollen nicht erst nach zwei Jahren merken, dass ein Projekt doch nichts war, sondern wollen in Monatsiterationen schon so früh wie möglich Ergebnisse sehen.

Golem.de: Für ein interdisziplinäres Team brauchen Sie Angestellte aus verschiedenen Bereichen. Spüren Sie den vielbeschworenen Fachkräftemangel da doppelt?

Fabian Schmidt: Alles, was mit IT zu tun hat, ist Mangelware. Das ist ganz brutal. Beim Rest haben wir eigentlich keine Probleme, Leute einzustellen. Ich bin ein großer Fan unserer eigenen Ausbildung beziehungsweise des dualen Studiums hier im Haus. Ich habe das selbst durchlaufen. Aber auch dort spüren wir, dass die Zahl der Bewerbungen auf die nicht-technischen Berufe um ein Vielfaches höher als in der IT ist.

Es ist aus meiner Sicht ein deutsches Problem, dass man immer ein Studium voraussetzt. Ich lege natürlich Wert auf das, was die Person kann. Aber nehmen wir mal einen Studenten, der noch nie programmiert hat. Er wird viel weniger hilfreich sein als ein Fachinformatiker, der schon Turbo-Programmierer ist.

Golem.de: Es gab mal das klischeehafte Bild vom Start-up mit Kickertisch, Obstkorb und Gratisbier nach Feierabend als "gutem Arbeitgeber". Stattdessen hat mit Sick ein alteingesessenes Familienunternehmen gut abgeschnitten. Was bietet Sick Arbeitnehmern?

Fabian Schmidt: Es gibt sehr viele Social Benefits, die reichen von normalen Angeboten wie Sport und Gesundheitskursen, gehen aber auch in den Bereich Mental Health. Das finde ich wichtig. Beispielsweise gibt bei uns interne Trainings zum Thema Resilienz. Da kann man sich eintragen und bekommt Workshops und Einzelsprechstunden angeboten.

Es war aus meiner Sicht überfällig, dass man über Mental Health spricht. Gerade die IT ist eine Branche, wo man mit viel Undankbarkeit im täglichen Doing konfrontiert wird. Es wird nicht gelobt, wenn es läuft und zu 99,9 Prozent läuft's. Aber es wird brutal geschimpft, wenn etwas mal nicht läuft.

Golem.de: Begegnet Ihnen das öfter, dass Ihr Unternehmen unter ITlern nicht so bekannt ist, wie es vielleicht sein sollte?

Fabian Schmidt: Sick ist halt nicht SAP. Als Name kennt man uns deutschlandweit nur, wenn man in unserer Domäne unterwegs ist. Sick ist ein Hidden Champion. Als ich in Karlsruhe studiert habe, kannte niemand Sick. Wir sind ja hier in der Nähe von Freiburg, anderthalb Stunden Autofahrt weg.

Aber ich weiß gar nicht, ob wir bekannter sein sollten. Natürlich wäre es schön, um Fachkräfte zu erreichen. Aber die Firma hat sich ja auch bewusst entschieden, nicht an die Börse zu gehen. Und in unserer eigenen Branche sind wir total bekannt.

Golem.de: Sie sind seit Ihrem Studium bei Sick. Wie hat sich das Unternehmen in diesen 15 Jahren verändert?

Fabian Schmidt: Wir sind in allem größer geworden. Als ich angefangen habe, waren wir nicht mal die Hälfte der Mitarbeiter, wahrscheinlich sogar nur ein Drittel. Aber das Unternehmen hat es durch Krisen geschafft, ohne Leute zu entlassen, was ich im Nachhinein als eine riesige Leistung bewerten würde. Das bindet die Leute auch noch mehr: "Hey, die stehen zu uns!" Dadurch sind wir ein eingeschworenes Team und dieser Spirit hat sich über die Zeit gehalten.

Golem.de: Vermissen Sie nach all den Jahren nicht die Abwechslung, in einem anderen Unternehmen zu arbeiten?

Fabian Schmidt: Eigentlich bin ich nicht der Typ, der lange bei einer Firma bleibt. Aber es gab für mich immer eine neue, spannende Herausforderung bei Sick. Ich bin jetzt seit zwei Jahren Head of Digital Manufacturing. Und der Job erfüllt mich jeden Tag. Mir macht es Spaß, morgens aufzustehen, herzukommen, zu gucken, was geht. Wo wir ansetzen können, wo wir weitermachen.

Golem.de: Sie waren bei Sick schon Data Engineer und Softwareentwickler, sind jetzt bei der Digitalisierung der Produktion. Was kommt als nächster Schritt?

Fabian Schmidt: Es hört sich jetzt vielleicht unseriös an, aber ich habe mich da immer treiben lassen. Ich habe meinen Job immer gemacht, solange er mir Spaß macht. Intern haben sich auch mehrfach Möglichkeiten ergeben, die ich deshalb dann nicht wahrgenommen habe.

Golem.de: Die Digitalisierung beschäftigt Sie auch außerhalb ihres Jobs, seit 2018 schreiben Sie auf ihrer Webseite Homo Digitalis über Zukunftstechnologien. Was ist die Industrie 4.0?

Fabian Schmidt: Industrie 4.0 ist im Jahr 2011 als eine Initiative von mehreren Koryphäen in der Domäne der Automatisierung entstanden. Wir müssen als Standort Deutschland vorankommen. Wir müssen jetzt wirklich mal die großen Sprünge in Richtung Industrialisierung, Automatisierung, Digitalisierung nehmen. Letzten Endes geht es darum, den nächsten Schritt in der Industrialisierung zu gehen mit den Technologien, die man heute hat, wie Mixed Reality und Virtual Reality.

Golem.de: Werden Augmented und Mixed Reality bei Sick schon eingesetzt?

Fabian Schmidt: Ein Standort in Asien hat die Vor-Ort-Expertise nicht, die er gerade braucht, um eine Maschine hochzuziehen. Wenn der Kollege vor Ort so eine Brille aufsetzt und du guckst da durch und kannst markieren, was er sieht und wo er hinfassen muss, dann wäre das eine super Unterstützung. Das ist so zum Beispiel ein Use Case.

Golem.de: Gibt es etwas, das Sie im Laufe ihrer Karriere bei dieser Verbindung von IT und Produktionsbetrieb gelernt haben?

Fabian Schmidt: Ein ganz wesentlicher Punkt für mich ist: Wirklich näher ran an die Domäne und interdisziplinär mit den Fachbereichen gemeinsam bearbeiten. Wenn man aus dem Elfenbeinturm oder aus einer zu weiten Entfernung heraus die Dinge macht, verbrennt man so viel, lässt so viel liegen auf dem Weg dorthin. Den Overhead an Planung, bevor man überhaupt startet und bevor man überhaupt merkt, ob man richtig unterwegs ist, ausgerichtet am Nutzen, am Mehrwert, das ist für mich eines der wichtigsten Themen, mit denen sich jeder beschäftigen sollte.

Was Elon Musk mit dem Fachkräftemangel zu tun hat

Aber spürt ihr den Fachkräftemangel auch? Laut Bitkom können in diesem Jahr 137.000 IT-Jobs in Deutschland nicht besetzt werden: Ein Höchststand, noch über dem bisherigen Negativ-Rekord von 2019. IT-Profis haben also freie Wahl.

Umso wichtiger ist es, seinen Fachkräften etwas zu bieten, damit sie nicht vom nächsten Headhunter abgeworben werden. Dazu zählt im Arbeitsvertrag festgeschriebene Fairness, sagt die Wirtschaftsexpertin Jutta Rump (g+): "Wenn es Unternehmen schaffen, glaubhaft extern zu kommunizieren, dass sie es ernst meinen mit der Fairness, dann gelten sie als attraktive Arbeitgeber für diejenigen, die ins Berufsleben einsteigen oder wechseln wollen."

Wie man es auf alle Fälle nicht macht, zeigt Tesla- und SpaceX-CEO Elon Musk. Für Milliarden übernahm er das Social-Media-Unternehmen Twitter und entließ erstmal als Sparmaßnahme die Hälfte aller Angestellten - nur, um dann zu bemerken, dass er diese Entwickler ja braucht, um das Unternehmen am Laufen zu halten .

Die familiäre Atmosphäre am Arbeitsplatz ist bei Musk nicht einmal mehr ein vorgeschobener Marketing-Euphemismus: Das System Musk funktioniert mit einem rücksichtslosen Führungsstil . Nur scheinen die Twitter-Devs keine Lust auf dieses System zu haben. Nach einem Ultimatum nahmen viele lieber das Abfindungspaket als die Chance, weiter unter Musk zu entwickeln.

Kommt das industrielle Metaverse?

Wenn er nicht gerade für Chefs von Devs interviewt wird, notiert Fabian Schmidt in seinem Blog Homo Digitalis(öffnet im neuen Fenster) eigene Erfahrungen mit der Industrie 4.0. "Schließlich liest in der Realität kein Arbeitnehmer 30 Seiten Papier oder PDFs" , schreibt er dort. "Innovative Unternehmen versuchen, dem Arbeitnehmer mit Hilfe von modularen Arbeitsanweisungen nur die im aktuellen Kontext relevanten Informationen zu vermitteln."

Bei Interesse könnt ihr ihn ja mal nach seinen Erfahrungen mit Augmented, Virtual und Mixed Reality fragen.

Die Buchempfehlung von Fabian Schmidt

Auch wenn Sick bei weitem kein Start-up mehr ist, empfiehlt Fabian Schmidt "Lean Startup" von Erik Gries. Ein Name, der am Ende des Interviews ohne Zögern als Antwort auf die Frage kommt, welches Buch er Kolleginnen und Kollegen empfiehlt. Die darin beschriebene Lean-Start-up-Methodik(öffnet im neuen Fenster) setzt auf kurze Produktentwicklungszyklen und ständige Iteration. Und das funktioniert nicht nur bei Start-ups, sondern offenbar auch in der Produktion bei Sick.

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