Mixed Reality: "Das wird sich schneller entwickeln, als wir alle denken"
Das Spannende an der IT ist, dass sich ständig alles ändert. Oder: dass sich ständig alles ändern könnte. Wer weiß, ob nicht morgen der nächste Steve Jobs das nächste iPhone präsentiert und in wenigen Jahren unseren ganzen digitalen Alltag auf den Kopf stellt.
"Aber wer weiß, vielleicht kann Apple mit dem iPhone dem Erfolg des iPod nacheifern und trotz der Mängel die Kunden begeistern?" , fragte der erste Test auf Golem.de vor 15 Jahren. Mit anderthalb Jahrzehnten Besserwissen lässt sich diese Frage leicht beantworten.
Für Tech-Firmen ist es das eine, auf eine neue Entwicklung aufzuspringen. Industriellen Tankern fällt die Wende umso schwerer, wie die Automobilindustrie zeigt. Bis zum Erfolg von Tesla war Elektromobilität eine Randnotiz. Mittlerweile stellen Autofirmen wie Smart und Mini komplett auf Elektroantriebe um (g+).
Und manchmal verschwindet ein innovatives Produkt auch wieder, weil es noch nicht richtig zu Ende gedacht war. Vor einigen Jahren träumte Google noch von Milliarden Nutzern für seinen Cloudgaming-Dienst Stadia, Anfang 2023 stellt das Unternehmen ihn schon wieder ein und folgt damit dem glücklosen Innovationsversuch Magenta Gaming der Telekom (g+).
Manchmal wird man auch zur Veränderung gezwungen. Die Coronapandemie beispielsweise machte Homeoffice vom gelegentlichen Luxus zum erwartbaren Standard, den IT-Fachkräfte jetzt als selbstverständlich erwarten können. Hier sind es nun ausgerechnet die innovativen Tech-Konzerne wie Google und Apple, die sich vehement gegen Veränderung sträuben.
Mit all diesen Problemen befasst sich Dr. Mike Eissele täglich. Als CTO von Teamviewer ist sein Unternehmen auf die Krise vorbereitet gewesen. Jetzt wagt das Unternehmen einen Schritt über seine seit fast 20 Jahren etablierte Fernwartungssoftware hinaus. Wohin genau, erzählt er im Interview.
Teamviewer wendet sich erst seit einigen Jahren der AR- und VR-Technologie zu, CTO Dr. Mike Eissele hingegen ist schon seit fast zwei Jahrzehnten mit der Technologie vertraut. Schon bevor er beim Göppinger Softwareunternehmen die Produktentwicklung leitete, erforschte er an der Universität Stuttgart die Möglichkeiten von Augmented und Virtual Reality.
Heute ist er Chef eines Teams von mehr als 350 Entwicklern und bringt diese Technik tatsächlich in Unternehmen. Teamviewer kennt man als Fernwartungssoftware für alle Geräte mit Bildschirm – aber die nächste Generation von Teamviewer-Produkten könnte auf dem Headset stattfinden.
Interview mit Teamviewer-CTO Mike Eissele
Golem.de: Teamviewer hat mit der gleichnamigen Fernwartungssoftware ein bewährtes Produkt, das gepflegt werden will. Gleichzeitig will und muss sich Ihre Firma weiterentwickeln. Wie viel Ihrer Aufmerksamkeit stecken Sie in Neuentwicklung und wie viel in die Pflege der alten Produkte, mit denen die Firma gewachsen ist?
Mike Eissele: Das lässt sich nicht klar abgrenzen, weil wir natürlich Komponenten wie serverseitige Micro-Services nutzen, die wir so weiterentwickeln, dass sie für neue Produkte genauso zur Verfügung stehen. Aber ich würde sagen, die Hälfte meiner Zeit verbringe ich mit ganz neuen Themen.
Golem.de: Viele kennen Teamviewer als Desktop-Fernwartungssoftware. Geht man jetzt auf Ihre Webseite, sieht man Bilder aus Industriebetrieben und Menschen mit Hololens-Headsets. Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Mike Eissele: Die Initialzündung kam durch unsere Kunden. Wir haben gesehen, was sie mit Teamviewer machen. Sie verbinden sich nicht nur auf Laptops oder Desktop-Rechnern, sondern auch mit einer CNC-Maschine, auf der Windows läuft. Viele kennen Teamviewer wegen der einfachen Nutzung und sie wollten dieses Modell dann für ganz vieles andere auch haben. Da haben wir uns gesagt: Wir können viel mehr erreichen, auch für die Industrie und für große Firmen.
Golem.de: Sie haben in einem Interview mal gesagt, dass es bei Teamviewer über Geräte mit einem Bildschirm hinausgeht. Wohin geht die Zukunft von Teamviewer?
Mike Eissele: Wir sind natürlich mit dem Fernsteuern von PCs groß geworden. Wenn man in Richtung von industriellen Maschinen denkt: Sie haben nicht immer einen Bildschirm, aber trotzdem ein Betriebssystem. Nur mit einer Linux-Shell oder einer Konfigurationsoberfläche, die nur per Webbrowser erreichbar ist. Auch das kann Teamviewer in der IoT-Version tunneln.
Der Augmented-Reality-Use-Case ist dann, wenn sich jemand über eine Kamera einblendet und Marker setzen kann, die in der Realität verortet sind. Da ist natürlich kein Bildschirm mehr, weil da gar kein Gerät mehr für die Verbindung ist. Unser Ziel ist aber nicht, komplett in diese Richtung zu gehen, sondern wir haben den Bereich, den wir mit unseren Produkten abdecken, einfach viel breiter gemacht. Das ist aber wichtig für uns, weil sehr viele Menschen ohne Bildschirm arbeiten. Auch sie brauchen eine moderne Unterstützung.
Golem.de: Vorhersagen über die Zukunft sind immer schwierig, aber ich riskiere dennoch eine Frage: Was ist Ihre Vorstellung davon, wie die Interaktion mit Computern in 10, 20 Jahren aussieht?
Mike Eissele: Das wird sich sicherlich schneller entwickeln, als wir alle denken. Und es kann immer wieder Revolutionen geben, an die wir vorher nicht gedacht haben. Ich denke, dass die Entwicklung, unabhängig davon, ob es einen Evolutionssprung gibt, von Smart Glasses viel weiter gehen wird, so dass eine ganz normale Schutzbrille Informationen wird einblenden können. Es gibt viele Arbeitsbereiche, wo Schutzbrillen oder Helme benötigt werden.
Ich glaube, dass sich dort in Echtzeit wichtige Informationen einblenden lassen, was das Arbeiten erleichtert, wobei gleichzeitig das Gerät, das hilft, in den Hintergrund tritt, damit ich meine Tätigkeit ohne Ablenkung machen kann. Ein Handwerker will ja nicht ständig ein Tablet in die Hand nehmen, scrollen, die richtige Zeile finden und etwas eintippen. Das sollte automatisch passieren: Eine Kamera erfasst es und trägt es in die Datenbank ein.
Golem.de: Ich frage auch, weil Sie schon 2006 zum Übergang von Mixed, Virtual und Augmented Reality in smarten Produktionsumgebungen geforscht haben. Das war lange, bevor diese Technologie im Mainstream ankam. Woher nimmt man den langen Atem, bei so einer Entwicklung nicht zu früh aufzugeben?
Mike Eissele: Damals waren die Geräte in einem anderen Zustand: klobig, niedrige Auflösung, wenig Kontrast, hohe Latenz und dauernd wurde einem schwindlig. Aber selbst damals war für mich klar: Technisch ist es machbar, man sieht den Mehrwert, dass Informationen viel besser und klarer zur Verfügung stehen. Das war relativ offensichtlich. Man muss an der Stelle mit den Kunden arbeiten und immer wieder schauen, wie weit die Industrie und der Markt sind.
Man muss eine Balance finden – jede Firma macht das anders und muss es auch anders machen. Ein Forschungs-Technologieunternehmen muss bei der Hypewelle weiter vorne mit dabei sein, aber darf dann nicht erwarten, dass ein großer Markt da ist. Es ist schwierig, das zu erkennen und dabeizubleiben, bis der Markt da ist.
Wir haben uns vor zwei Jahren mit Ubimax für einen Technologiesprung zusammengeschlossen. Es ergab keinen Sinn, fünf Jahre und hohe Entwicklungskapazitäten zu investieren, wenn andere die Technologie schon haben. Ich glaube, dass man einfach mehrere Themen parallel besetzen muss und nicht zu schnell aufgeben darf.
Man sieht das unabhängig von Teamviewer. Jeder hat gesagt, das Internet of Things sei das große Ding, da gebe es Millionen Geräte und riesige Umsätze. Viele glauben immer noch daran, aber es ist nicht in dieser Geschwindigkeit eingetroffen. Jetzt muss man sich fragen: Glaube ich noch daran oder war es das jetzt?
Golem.de: Wie sehr kann Technologie, eine Software wie Teamviewer oder Teams oder Slack die Zusammenarbeit im Unternehmen wirklich besser machen?
Mike Eissele: Ich glaube, dass wir uns noch immer am Anfang befinden. Wir haben stabile Software, um einen Videoanruf zu machen, vieles geht aber noch besser, beispielsweise der Kamerawinkel. Sie schauen auf mein Bild, aber Sie schauen natürlich nicht in die Kamera. Es gibt jetzt schon Gaze Correction, wo der Blick per KI korrigiert wird.
Das sind Themen, bei denen gar nicht so explizit eine Funktion fehlt, sondern subtile Kleinigkeiten, die ein Meeting weniger anstrengend machen. Seit Beginn der Pandemie weiß jeder: Acht Stunden Onlinemeeting am Tag sind anstrengend, weil man weniger Körpersprache mitbekommt, immer die gleiche Blickdistanz hat und so weiter. Da kann und muss noch ganz viel passieren.
Spannend finde ich, dass man ein Videomeeting immer explizit macht. Wenn ich aber in einem Büro zusammenarbeite, habe ich mein Team um mich und kann es ständig miterleben. Das heißt, ich bräuchte eigentlich so etwas wie ein ständiges Meeting mit allen. Das ist natürlich psychologisch schwierig, denn ich will nicht ständig von einer Kamera beobachtet werden. Aber das Prinzip von Zusammenarbeit kann noch viel weiter gehen, wenn man sagt, man empfindet nach, dass man zusammen im Raum ist. Man sieht, wie der andere interagiert, und kann helfen.
Golem.de: Denken Sie, dass die Veränderungen während Corona nachhaltig sind – oder waren Homeoffice und Remote Work bei vielen Unternehmen nur Notlösungen?
Mike Eissele: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke schon, dass die Pandemie ganz massiv zur Beschleunigung dieser Entwicklung beigetragen hat. Natürlich funktioniert Softwareentwicklung nicht so, dass man sagt: Jetzt gibt es Corona und zwei Monate später haben wir ein besseres Produkt. Aber ich glaube, das Bewusstsein der Menschen und der Arbeiter hat sich dahingehend geändert, dass wir jetzt ganz vieles selbstverständlicher online machen.
Manchmal ist das mehr Aufwand, manchmal sind physische Meetings netter. Aber ich muss nicht immer überall hinfliegen. Gerade die viele Zeit in Onlinemeetings hat aber noch einen anderen Aspekt hereingebracht. Früher hat jeder gesagt: Für eine halbe Stunde Meeting ist es nicht so wichtig, ob jemand genau in die Kamera guckt oder nicht. Aber bei acht Stunden wird es dann halt irgendwie zäh.
Golem.de: Und wo ist das Limit der Technologie?
Mike Eissele: Ich glaube, dass das Limit da erreicht ist, wo man jemandem mal auf die Schulter klopft oder in den Arm nimmt. Das wird natürlich online nicht gehen. Gerade Körpersprache ist eine sehr, sehr große Hürde, die man wahrscheinlich nicht so schnell nehmen wird.
Was ihr sonst noch lesen solltet
Neben der Frage, wie man in seiner Firma ein innovatives Produkt parallel zur etablierten Technik entwickelt, sprach Mike Eissele mit mir auch über die sich verändernden Anforderungen der Personalführung. Als Leseempfehlung gab er seinen IT-Führungs-Kollegen einen echten Klassiker mit. Peopleware: Productive Projects and Teams von Tim Lister und Tom DeMarco ist bereits 1987 erschienen.
Dass die Ratschläge nicht veraltet sind, liegt nicht nur an den Updates der überarbeiteten Versionen (zuletzt 2013), sondern auch an der Zeitlosigkeit der Erkenntnisse. "Die Entwicklung unterscheidet sich von Natur aus von der Produktion" , schreiben die Autoren. Denn hier sind Fehler etwas Gutes: "Wenn die Leute es vermasseln, sollten sie beglückwünscht werden – dafür werden sie ja auch bezahlt."
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Anhaltender Fachkräftemangel, Einschränkungen durch eine weltweite Pandemie, steigende Energiekosten – all diese Krisen haben den Arbeitsmarkt verändert. Die Möglichkeit von Homeoffice und Remote Work etwa sind seit den ersten Lockdowns für viele Angestellte von einem Bonus zur Voraussetzung geworden.
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