Neurotechnologie: Forscher warnen vor Handel mit Gedanken
Ein Forschungsteam der Columbia University um Rafael Yuste hat visuelle Reize direkt in das Gehirn von Mäusen induziert, wie der Autor James Crawford in einem bei Wired veröffentlichten Buchauszug(öffnet im neuen Fenster) schildert. Über holografische Lasersysteme aktivierten die Wissenschaftler Neuronen im visuellen Kortex der Tiere. Die Mäuse reagierten auf die optisch im Gehirn erzeugten Muster identisch wie auf reale Bilder auf einem Bildschirm. Yuste betont laut Crawford, dass sich diese Form der gezielten Manipulation künftig auf den Menschen übertragen lasse.
Parallel dazu machen Systeme zur Auswertung menschlicher Gehirnsignale Fortschritte. Mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRI) und Algorithmen des maschinellen Lernens identifizieren Forschende emotionale Zustände wie Depressivität, Neid oder Schadenfreude und rekonstruieren angeschaute Videoclips. In einer separaten Studie der University of Texas(öffnet im neuen Fenster) um Alexander Huth übersetzte ein KI-Modell nach einem 16-stündigen Podcasttraining Hirnscans in Wörter und Sätze. An der University of California übersetzte ein Team um Edward Chang(öffnet im neuen Fenster) die Neuronensignale einer gelähmten Frau über 253 Implantat-Elektroden in gesprochene Sprache und emotionale Reaktionen eines digitalen Avatars mit einer Geschwindigkeit von 78 Wörtern pro Minute.
Von der Medizin zum Konsumgut
Neben invasiven Methoden gewinnen nichtinvasive Geräte auf Basis der Elektroenzephalografie (EEG) an Bedeutung. Das Unternehmen Emotiv erprobt Headsets und Ohrhörer, die Aufmerksamkeit sowie kognitiven Stress von Büroangestellten erfassen, um Pausen zu empfehlen und die Effizienz zu steigern. In China lieferte das US-Unternehmen Brainco EEG-Headsets an Grundschulkinder, um deren Konzentration zu überwachen. Die Daten wurden auf Firmenserver hochgeladen und waren für Lehrkräfte, nicht aber für die Kinder oder deren Eltern einsehbar; nach einem Bericht des Wall Street Journals wurde das Projekt ausgesetzt. Weitere Anwendungsfelder reichen von Ermüdungswarnungen für Lkw-Fahrer bis zur Auswertung von Hirnsignalen im Marketing, etwa bei der Parfüm-Auswahl von L'Oréal.
Technologiekonzerne wie Meta und Snap arbeiten an der Umsetzung von Befehlen durch mentale Fokussierung, während Apple laut Bericht ein Patent für ein Gerät eingereicht hat, das vermutlich EEG-Sensoren in eine künftige Generation der Airpods integrieren soll.
Forderung nach Neurorights
Die zunehmende kommerzielle Erfassung neuronaler Daten wirft Fragen zum Datenschutz auf. Eine Untersuchung der Neurorights Foundation(öffnet im neuen Fenster) von 30 kommerziellen Anbietern von Neurotechnologie ergab, dass 29 der 30 Unternehmen uneingeschränkten Zugriff auf die Hirndaten ihrer Nutzer haben. Zwei Drittel können die Daten laut ihren Richtlinien mit Dritten teilen, bei zwei Unternehmen deutete die Studie darauf hin, dass sie ihre Daten bereits verkaufen.
Um den Schutz der mentalen Privatsphäre rechtlich zu verankern, fordern Forscher die Erstellung spezifischer Neurorechte. Chile hat bereits entsprechende Schutzbestimmungen in seine Verfassung aufgenommen. US-Bundesstaaten wie Colorado und Kalifornien haben ihre Datenschutzgesetze angepasst, um neuronal verarbeitete Informationen von Konsumenten gesetzlich zu schützen.