Neuer EU-Vorschlag: Bessere Klagemöglichkeiten statt Leistungsschutzrecht

Im Europäischen Parlament zeichnet sich eine Ablehnung des Leistungsschutzrechts ab. Die Verlage sollen stattdessen bessere Möglichkeiten bekommen, die Rechte ihrer Autoren durchzusetzen.

Artikel veröffentlicht am ,
Die EU-Abgeordnete Therese Comodini Cachia lehnt das Leistungsschutzrecht ab.
Die EU-Abgeordnete Therese Comodini Cachia lehnt das Leistungsschutzrecht ab. (Bild: Europäisches Parlament/CC-BY-SA 4.0)

Im Streit über die Einführung eines europäischen Leistungsschutzrechts deutet sich ein starker Widerstand im EU-Parlament an. Die Verhandlungsführerin des Parlaments, die maltesische Abgeordnete Therese Comodini Cachia, will den entsprechenden Artikel 11 der geplanten EU-Urheberrechtsrichtlinie komplett ersetzen. Das geht aus dem Entwurf ihres Berichts an den federführenden Rechtsausschuss hervor, der Golem.de vorliegt und von der Initiative Igel veröffentlicht wurde. Comodini bestätigte auf Twitterihre Pläne.

Stellenmarkt
  1. QA-Engineer (m/w/d)
    innus GmbH, Frankfurt
  2. Senior Systems Engineer (m/w/d) Security Operation Center
    Bausparkasse Schwäbisch Hall AG, Schwäbisch Hall
Detailsuche

Der frühere EU-Digitalkommissar Günther Oettinger hatte den Entwurf für die Richtlinie im vergangenen September vorgestellt. Demnach sollen Presseverlage auf europäischer Ebene 20 Jahre lang das ausschließliche Recht zur digitalen Nutzung ihrer Produkte erhalten. Anders als beim gescheiterten Leistungsschutzrecht in Deutschland soll dieses Recht für sämtliche Textausschnitte gelten und sogar die Offlinenutzung in Datenbanken umfassen.

Suchmaschinen wichtig für demokratische Gesellschaften

Doch das geht der EVP-Abgeordneten Comodini zu weit. Ihre Begründung: "Die Nutzung digitaler Technik, um das Auffinden von Nachrichten in veröffentlichten Pressepublikationen zu erleichtern, ist nicht notwendigerweise unverhältnismäßig gegen die finanziellen Interessen von Presseverlagen gerichtet, und in manchen Fällen erleichtern die Verlinkung oder die Verschlagwortungssysteme (wie Hyperlinks), dass Nutzer von Onlinemedien deren Inhalte finden."

Comodini will den Verlagen aber dennoch entgegenkommen. Sie sollen die Möglichkeit erhalten, in ihrem eigenen Namen die Rechte ihrer Autoren gerichtlich durchzusetzen. Comodini will damit die Rechte der Verlage stärken, "ohne andere Industrien zu zerstören". In diesem Zusammenhang sei zu bedenken, "dass die Vielfalt von Nachrichten und Meinungen sowie der breite Zugang zu diesen Nachrichten und Meinungen für eine öffentliche Debatte in demokratischen Gesellschaften wichtig ist". Auch das nicht-gewerbliche Teilen von Nachrichten und Meinungen sei in modernen demokratischen Gesellschaften wichtig.

Golem Akademie
  1. IT-Fachseminare der Golem Akademie
    Live-Workshops zu Schlüsselqualifikationen
  2. 1:1-Videocoaching mit Golem Shifoo
    Berufliche Herausforderungen meistern
  3. Online-Sprachkurse mit Golem & Gymglish
    Kurze Lektionen, die funktionieren
Weitere IT-Trainings

Kritiker des Oettinger-Entwurfs, wie die Piratenpolitikerin Julia Reda, hatten vor den Auswirkungen der Pläne auf das Teilen von Nachrichten in sozialen Medien gewarnt.

Ablehnung im Parlament wahrscheinlich

Mit Comodini hat sich damit eine weitere Ausschussberichterstatterin gegen ein europäisches Leistungsschutzrecht ausgesprochen. Zuvor hatte die Berichterstatterin des Verbraucherausschusses, Catherine Stihler, die Pläne Oettingers abgelehnt. Sollten beide Ausschüsse den Änderungsvorschlägen zustimmen, dürfte das EU-Parlament in erster Lesung ebenfalls das Leistungsschutzrecht ablehnen.

Dann stellt sich die Frage, ob die Mitgliedstaaten und die Kommission im Trilog zumindest eine abgeschwächte Form durchsetzen können. Inwieweit der Wechsel von Oettinger ins Haushaltsressort dieses Vorgehen erschwert, ist unklar. Kommissionsvizepräsident Andrus Ansip, der für digitale Themen zuständig ist, steht einem Leistungsschutzrecht eher reserviert gegenüber.

Reda begrüßt Bericht

Ebenso wie Stihler lehnt auch Comodini die von Oettinger geforderte Pflicht von Inhalteplattformen wie Youtube ab, mit Hilfe von "wirksamen Inhaltserkennungstechniken" das Hochladen urheberrechtlich geschützten Materials zu verhindern. Allerdings sollen die Plattformen verpflichtet werden, "angemessene und verhältnismäßige Maßnahmen" zu ergreifen, damit Vereinbarungen mit Rechteinhabern zur Nutzung ihrer Werke wirksam sind.

Reda begrüßte in einer Stellungnahme den Bericht Comodinis. "Seit heute ist klar: Das europäische Parlament wird Günther Oettinger die Unterstützung für seine Pläne zur Ausweitung des EU-Urheberrechts versagen. Er hat die Zuständigkeit für Digitales abgegeben, das Parlament entfernt nun die Altlasten seiner Amtszeit", sagte Reda. Es reiche jedoch nicht aus, nur die wichtigen Bedenken zu beseitigen. Auch Comodinis Vorschläge führten nicht zu einer wirklichen Harmonisierung des europäischen Urheberrechts. Überraschenderweise sei es der Kulturausschuss des Parlaments, der eine EU-weite Ausnahme für nutzergenerierte Inhalte und Remix gefordert habe. Dies würde die zeitgenössische Netzkultur auf rechtssicheren Boden stellen.

Zufrieden über den Bericht Comodinis zeigte sich auch die Grünen-Medienexpertin Tabea Rößner. "Damit haben nun auch die Konservativen den Plänen von Oettinger eine Abfuhr erteilt", sagte die Bundestagsabgeordnete. Die Bundesregierung sollte daher "den Kampf für dieses sinnlose Gesetz aufgeben und endlich einen Richtungswechsel einleiten".

Hinweis: Golem.de hat sich gemeinsam mit anderen europäischen Verlagen an die EU-Kommission gewandt und in einem offenen Brief vor der Einführung eines europäischen Leistungsschutzrechts gewarnt.

Nachtrag vom 8. März 2017, 17:22 Uhr

Die deutschen Verlegerverbände zeigten sich in einer Stellungnahme "verwundert, dass die Berichterstatterin sich gegen die bekannte Position ihrer Fraktion stelle". Damit werde das Ziel verfehlt, den Presseverlagen einen besseren Rechtsschutz gegenüber Aggregatoren und Suchmaschinen einzuräumen, teilten der BDZV und der VDZ am Mittwoch in Berlin mit. Ein Einschreiten "gegen die Ausbeutung der Leistungen der Presse durch kommerzielle Suchmaschinen und andere Aggregatoren bei der Nutzung kleiner Textausschnitte" bleibe damit unmöglich. Anders als von den Verbänden behauptet, ist die Position von Comodinis EVP-Fraktion zum Leistungsschutzrecht bislang nicht bekanntgewesen.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed


Aktuell auf der Startseite von Golem.de
DSGVO
Amazon bekommt 746 Millionen Euro Datenschutz-Strafe

Die Strafe gegen Amazon ist die wohl größte jemals von einer europäischen Datenschutzbehörde verhängte Summe. Die Kläger freuen sich.

DSGVO: Amazon bekommt 746 Millionen Euro Datenschutz-Strafe
Artikel
  1. Blue Origin: Bezos-Beschwerde zu Mondlandefähre abgelehnt
    Blue Origin
    Bezos-Beschwerde zu Mondlandefähre abgelehnt

    Damit Blue Origin doch noch den Auftrag für eine Mondlandefähre bekommt, hat Jeff Bezos Geld geboten und sich offiziell beschwert. Es half nichts.

  2. Black Widow: Scarlett Johansson verklagt Disney
    Black Widow
    Scarlett Johansson verklagt Disney

    Scarlett Johansson hat wegen des Veröffentlichungsmodells von Black Widow Klage eingereicht. Disney nennt das Verhalten "herzlos".

  3. Luftsicherheit: Wenn plötzlich das Foto einer Waffe auf dem iPhone erscheint
    Luftsicherheit
    Wenn plötzlich das Foto einer Waffe auf dem iPhone erscheint

    Ein Jugendlicher hat ein Foto einer Waffe per Apples Airdrop an mehrere Flugpassagiere gesendet. Das Flugzeug wurde daraufhin evakuiert.

Anonymer Nutzer 09. Mär 2017

Oh stimmt. Hab ich ja glatt das ganze eingekaufte zeug vergessen. ^-^

Rulf 09. Mär 2017

meinst du das ist den verlagen nicht bekannt?... die wollen doch bevorzugte behandlung...

Rulf 09. Mär 2017

ja leider... in schlechtem english noch dazu...

Rulf 09. Mär 2017

weil sie ihren autoren dann im gegenzug auch bessere rechte gegenüber den verlagen...

Anonymer Nutzer 09. Mär 2017

Herr Richter, ich hab (altes Möbelstück) auf die Strasse gestellt und der Angeklagte war...



Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Schnäppchen • Viewsonic XG270QG (WQHD, 165 Hz) 549,99€ • Mega-Marken-Sparen bei MediaMarkt (u. a. Razer) • Saturn: 1 Produkt zahlen, 2 erhalten • Gigabyte X570 AORUS Master 278,98€ + 30€ Cashback • Alternate (u. a. AKRacing Core EX-Wide SE 248,99€) • MMOGA (u. a. Fallout 4 GOTY 9,99€) [Werbung]
    •  /