Neue WLAN-Router-Generation: Hohe Bandbreiten mit zweifelhaftem Nutzen

Endlich tut sich wieder etwas beim WLAN: Zur IT-Messe Computex 2015 haben auch Qualcomm und Broadcom ihre Wave-2-Chipsätze vorgestellt - die beiden Chip-Produzenten teilen sich einen großen Teil des WLAN-Marktes. Zwar sind die beiden Unternehmen damit nicht die ersten: Quantenna hatte bereits vor ihnen entsprechende Chipsätze gezeigt. Doch die meisten Hersteller haben lieber konservativ nicht auf den Ersten gesetzt, sondern mit Produkten für 802.11ac Wave 2 gewartet, bis die großen Partner passende Chipsätze herstellen.
| IEEE 802.11ac | Wave 1 | Wave 2 |
|---|---|---|
| Kanalbandbreite | 80 MHz | 160MHz/80+80MHz |
| Streams | 3x3:3 | 4x4:4 |
| Modulation | 256 | 256 |
| MIMO | Single User | Multi User |
| Datenrate Brutto | Maximal 1,3 GBit/s | Maximal 3,5 GBit/s |
Mit den Chipsätzen für den Standard 802.11ac Wave 2 kommt eine Vielzahl neuer Funktionen, die vor allem den Durchsatz in der Luft durch bessere Verwendung des Funkraums erhöhen sollen, die für den Kunden verwirrend sein können. Gleichzeitig kommen Wave-1-Geräte auf den Markt, die schneller als Wave-2-WLAN sein sollen. Wir haben uns angesehen, welche Funktionen wirklich interessant und zukunftsträchtig sind und uns ausführlich damit beschäftigt, wie realistisch die beworbenen Geschwindigkeiten sind, und wo sie zu Problemen führen können.
Neue Router aus beiden 802.11ac-Wellen
Mit neuen Wave-1-Modellen und Wave 2 werden großflächig neue Funktionen in die Router eingebaut, von denen viele die Bruttogeschwindigkeit beeinflussen. Manche sind proprietär, einige sind schon länger bei anderen Chipproduzenten im Einsatz. Zu den wichtigsten gehört 4x4:4, eine Änderung in der Antennen- und Streamkonfiguration. Damit einhergehend gewinnt Multi-User-MIMO als effizientere Aufteilung der Antennenkonfiguration an Bedeutung. Wir betrachten auch die proprietären Modulationsdichten 1024-QAM in 802.11ac, 256-QAM in 802.11n und 160-MHz-Kanäle sowie 80+80-MHz-Kanäle im 5-GHz-Band. Viele dieser Funktionen bieten eine gute Gelegenheit, neue WLAN-Router und Access Points auf den Markt zu bringen und werbewirksam zu verkaufen.
Während auf die Vorstellung von Asus' erstem 4x4-Router Mitte 2014 und einem solchen von Netgear kurz nach der Ifa 2014 zunächst gar nichts folgte, ging es mit der Computex los: Nach der Ankündigung von Qualcomm und Broadcom kam eine große Anzahl weiterer Ankündigungen für Router und Access Points diverser Hersteller. Auffallend dabei: Auch die Hersteller von Profihardware stellten dabei Wave-2-Access-Points vor - ein Zeichen dafür, dass die Hersteller nun von einer stabilen und zuverlässigen Plattform ausgehen.
Profi-Access-Points und Endkunden-Hardware unterscheiden sich im Marketing allerdings sehr. Insbesondere bei Endkundengeräten addieren Hersteller munter die einzelnen Geschwindigkeiten der Geräte.
Dass es so schwierig ist, die angegebenen Geschwindigkeiten zu durchschauen, liegt daran, dass so viele Faktoren darauf Einfluss haben. Die Modulationsdichte, die Anzahl der Streams, die Kanalbreite, das Schutzintervall und die Kodierrate beeinflussen die Geschwindigkeit ab der Antenne. Dazu kommen Details wie die Frequenz, die Leistung, die Gebäudestruktur und auch die Entfernung. Eine bestimmte Geschwindigkeit zu erreichen, ist also äußerst komplex. Einen Überblick bietet eine Tabelle von Cisco(öffnet im neuen Fenster) , die aber nicht vollständig ist.
Die Bruttogeschwindigkeit hat zudem wenig mit der real erreichbaren Geschwindigkeit zu tun. Der Einfachheit halber beschäftigen wir uns in dem Artikel aber mit den Bruttogeschwindigkeiten, da die Nettogeschwindigkeiten ausgemessen werden müssten.
Ein Beispiel dafür, wie Kunden bei der Darstellung der Router-Geschwindigkeit verwirrt werden, ist Asus. Das taiwanesische Unternehmen suggeriert mit seinem neuen AC3200-Router eine Bandbreite von 3,2 GBit/s brutto über das WLAN. Der zu Wave 1 gehörende und trotzdem aktuelle Router wäre damit schneller als die schnellsten Wave-2-Geräte. Die volle Bandbreite kann aber beim Einzelanwender mit einem Gerät gar nicht ankommen, da sie rechnerisch nur durch die Addition dreier Werte für drei Endgeräte zustande kommt. Der Router hat drei Funkeinheiten: 802.11n + 802.11ac-Radio1 + 802.11ac-Radio2. Zusammengenommen ergeben sie tatsächlich 3.200 MBit/s brutto in einer 3x3-Konfiguration.
Eigentlich sollten rechnerisch nur 3.050 MBit/s möglich sein. Asus erreicht den höheren Wert durch eine proprietäre Modulationsdichte, die wir später genauer betrachten. Diese Rechenweise ist keine Erfindung von Asus, zeigt aber, wie weit das Wettrüsten mittlerweile geht, seitdem Routerhersteller unterschiedliche Frequenzbänder einfach aufaddieren und ihre Router etwa statt "802.11n mit 300 MBit/s Dualband" N600 oder N750 nennen.
Und die nächste Generation dieser Broadcom-basierten Router kündigt sich bereits an. D-Link plant, mit dem DIR-895L AC5300 einen MU-MIMO-WLAN-Router auf den Markt zu bringen, der zur Wave 2 gehört und stolze 5.330 MBit/s durch die Luft befördert - natürlich auch hier durch die Addition der Brandbreiten dreier WLAN-Funkeinheiten und den Einsatz proprietärer Erweiterungen.
Auch Linksys' EA8500 gehört zur neuen Wave-2-Hardware, ermöglicht "AC2600" durch ebenfalls fragwürdige Addition und großzügiges Runden. eigentlich müsste er AC2533 heißen. Trotzdem ist dieser Router im WLAN schneller als Asus' AC3200-Router. Warum das so ist? Eine der Additionskomponenten von Linksys erreicht 1.733 MBit/s. Bei Asus ist die größte Additionskomponente nur 1.300 MBit/s schnell. Die Verwirrung für den Kunden ist damit perfekt: 1.700 ist zwar schneller als 1.300, aber 3.200 ist langsamer als 2.600.
Keine Zahlenspielereien bei den Profis
Wie unsinnig das ist, zeigt ein Blick ins Profilager. Bereits die Xirrus-Access-Points, die schon länger auf dem Markt sind, treiben das Kombinieren von Funkeinheiten auf die Spitze. Xirrus nutzt das allerdings nicht für die Vermarktung. In einem einzigen Access Point der 6000er-Serie(öffnet im neuen Fenster) stecken sehr viele Funkeinheiten. Schon jetzt könnte Xirrus das Gerät als AC7200 vermarkten und wäre damit nominal schneller als alle anderen genannten Router. Tatsächlich ist der Xirrus-Access-Point aus Endgerätesicht eben nicht schneller.
Bullshit-Bingo statt Transparenz
Hier zeigt sich, dass das Marketing klar das Ziel hat, den Kunden an der Nase herumzuführen, und dass ein Wettstreit darüber entstanden ist, welcher Routerhersteller seine tatsächliche, praxisrelevante Leistung am besten verschleiert. Auch wenn wir hier beispielhaft Asus und Linksys nennen: Ein großer Teil der Branche im Geschäft der Endkundenrouter treibt dieses Spiel. Einige löbliche Ausnahmen sind das Berliner Unternehmen AVM und Apple, die zumindest im WLAN-Bereich weder um die besten Zahlen wetteifern noch darum, besonders schnell neue Geräte auf den Markt zu bringen.
Das reine Marketing ist aber nicht das einzige Problem der neuen Router-Generation. Wer sich mit Netzwerktechnik auskennt, weiß, dass hier Bruttodatenraten propagiert werden, die auch netto nicht mit bezahlbarer Technik aus dem Gerät zu bringen sind.
Das Ethernet kommt nicht mehr mit
WLAN ist zu schnell geworden: Das ist ein Grundproblem von 802.11ac. Die Nettodatenraten sind dicht an dem, was per Gigabit-Ethernet möglich ist. Wer einen modernen 802.11ac-Dual-Band-Router betreibt, kommt schon dicht an das Limit, denn er hat im Zweifelsfall 450 MBit/s im n-Betrieb und 1.300 MBit/s im ac-Betrieb. Mit Wave 2 werden 1.733 MBit/s üblich. Selbst mit neueren Wave-1-Geräten wie Asus' AC3200-Router erreicht der Anwender schon mehr Geschwindigkeit, als per Gigabit-Ethernet möglich ist.
Also wird die Bündelung zweier Ethernet-Buchsen nötig oder das noch in Entwicklung befindliche 2,5-GBit-Ethernet beziehungsweise das fertige 10-Gigabit-Ethernet. Prinzipiell wäre ein direkt integrierter USB-3-Anschluss oder eSATA-Anschluss natürlich auch möglich, dann blieben die Daten aber technisch gesehen im Gerät.
10GbE wird bei einigen Installationen bereits notwendig
Netzwerkhersteller von Profihardware, die durchaus mehr als eine Funkeinheit auslasten können, sind sich der Problematik bewusst. Die Daten zum WLAN-Controller oder zum zentralen Switch zu bringen, ist nicht mehr so einfach. Ein zweiter Ethernet-Anschluss wird nicht mehr nur der Redundanz wegen verwendet, sondern die Bandbreite wird aggregiert. 2 GBit/s sind bei kleinen Access Points ausreichend. Ein großer Access Point von Xirrus hat aber sinnvollerweise gleich eine Option für 10GbE, also 10 Gigabit pro Sekunde.
Der Heimanwender kann das vergessen. Die Auswahl der Kupfer-10GbE-Switches, die als Schnäppchen schon für unter 1.000 Euro zu haben sind, steigt zwar , doch das ist für Privatanwender außer Reichweite. Bleibt noch die Link-Aggregierung über LACP. Dieses Protokoll beherrschen in der Regel hochwertige Heim-NAS-Systeme. Switches, die das zustande bringen, zählen aber üblicherweise zu den Geräten, die sich managen lassen, bei Heimnutzern aber selten zu finden sind.
Doch Asus' AC3200-Router beherrscht es nicht. Asus erklärte uns dazu, dass es gar nicht notwendig sei, diese Bandbreiten zu erreichen. Zum einen gebe es keine Internet-Anschlüsse, die AC3200 ausnutzen könnten und zum anderen genüge die Unterstützung von LACP in den angeschlossenen NAS-Systemen. Da stellt sich unweigerlich die Frage: Wozu dient dann überhaupt ein Router wie AC3200, der Bandbreiten oberhalb des Gigabit-Ethernet ermöglicht? Doch unnütz ist die Idee der Broadcom-Plattform im Asus-Router nicht.
Broadcoms Router-Plattform reicht als Einzelgerät nicht für große Wohnungen
Wer die Bandbreite ausreizen will, kann das über die Switching-Leistung tun. Sprich: Jede SSID bekommt beispielsweise ihre eigene NAS an jeweils einem Switchport, damit es nicht zu Engpässen kommt. Das Szenario ist im Heimbetrieb allerdings unrealistisch. Wer tatsächlich eine Großfamilie mit Dutzenden Geräten hat, wird mit einem Router mit drei Funkeinheiten schon reichweitentechnisch nicht auskommen. Schlimmstenfalls braucht es alle paar Meter ein neues 5-GHz-Funkradio. Oder wie uns Extreme Networks in einem Workshop mal sagte: Durchschnittlich muss die Anzahl der Access Points um 30 Prozent erhöht werden, um die notwendige Signalqualität bei hoher Modulationsdichte (für 802.11ac, zur Modulationsdichte QAM kommen wir später) und hoher Frequenz (802.11a/n bei 5 GHz) erreichen zu können. Die Großfamilie, die bandbreitentechnisch eine Zielgruppe von Asus' Router wäre, sollte eher auf mehrere Access Points mit je einer Funkeinheit (2,4 und 5 GHz) setzen und die verteilen, statt zentral die Funkeinheiten zu bündeln.
Im Unternehmenseinsatz wäre der Router hingegen interessant, etwa in einer Lobby. Vermutlich lässt sich mit Handarbeit auch über unterschiedliche SSIDs der Traffic trotz des Nachteils von 1GbE ausgleichen. Allerdings ist Asus' Router nicht WLAN-Controller-tauglich und damit für mittlere Unternehmen bereits nicht mehr sinnvoll.
Die Problematik des mangelhaften Kabelanschlusses betrifft prinzipiell alle Endkundenrouter. 1.733 MBit/s (5 GHz) sind bereits zu knapp an dem, was ein Switch weitergeben kann. Kommt dann noch Traffic vom 2,4-GHz-Funksystem dazu und vielleicht ein Backup-Job von einem kabelverbundenen PC zur zentralen NAS, ist der Engpass da.
Unnütze Erhöhung der Modulationsdichte
Den Broadcom-Strategen reichen die derzeitigen Geschwindigkeitssteigerungen im WLAN-Standard allerdings nicht. Das Unternehmen versucht, zusätzlich proprietär die Modulationsdichte im Raum zu erhöhen. Sprich: Es gibt mehr gleichzeitig darzustellende Zustände. Das wurde schon mit 802.11ac im Standard fixiert. Hier ist 256QAM vorgesehen statt 64QAM bei 802.11n, also eine Vervierfachung der Darstellung der Zustände. Und selbst das erhöht bereits die Ansprüche an Funknetze, denn um so viel Zustände zu übertragen, braucht es ein besseres Signal - und das im 5-GHz-Band, das unter einer stärkeren abstandsabhängigen Dämpfung leidet.
Broadcom hat diese Vervierfachung auch auf 802.11n angewandt. TurboQAM nennt das Unternehmen dies und sorgt damit dafür, dass pro Stream prinzipiell 200 MBit/s bei 802.11n möglich sind. Das ist proprietär, doch es gibt WLAN-Adapter, die das beherrschen. Asus nannte uns beispielsweise die PCIe-Steckkarte PCE-AC68(öffnet im neuen Fenster) als idealen Partner für 3-Stream-n-WLAN mit 256-QAM.
Auf Anfrage bei anderen Herstellern zeigt sich aber, dass es keine breite Unterstützung gibt. Weder Intel noch Qualcomm haben Pläne, das proprietäre TurboQAM umzusetzen.
Proprietäre Modulationen mit zweifelhaftem Nutzen
Noch weiter geht Broadcom mit NitroQAM. Auch bei 802.11ac wollen die Chipdesigner den Standard vervierfachen, um die Bandbreite um etwa 20 Prozent pro Stream zu erhöhen. Hier ist ebenfalls keine Unterstützung der Industrie zu erwarten. Qualcomm nannte im Gespräch mit uns 1024QAM sogar unnütz, da der Anwender praktisch neben dem Access Point stehen müsste.
Ganz so schlimm ist es nicht, da WLAN-Systeme bei schlechtem Empfang eine Reduktion der Modulationsdichte vorsehen und das auch tun. Allerdings erhöhen Techniken wie TurboQAM oder NitroQAM noch mehr den Abstand zwischen typischen erreichbaren Nettodatenraten aus der Praxis und Labornettodatenraten unter idealen Bedingungen. Zusammen mit dem Unterschied zwischen Brutto- und Nettodatenraten über die Luftschnittstelle stiftet das noch mehr Verwirrung.
Sinnvoll, aber noch für die Zukunft: Multi-User-MIMO
Eine weitere Neuerung, die sich nun langsam in WLAN-Routern durchsetzt, ist Multi-User-MIMO. Wie der Name es schon andeutet, geht es darum, mehr als nur ein Gerät zu versorgen - und zwar gleichzeitig und nicht hintereinander. Das heißt: Die vorhandenen Streams, in Zukunft sogar bis zu acht Stück, können verteilt werden. Das ist ohnehin sinnvoll, denn Endgeräte mit 8 Streams sind derzeit weit entfernt von der Praxis. Selbst 3- und 4-Stream-Geräte sind selten. Die meisten Smartphones nutzen einen Stream. Zwei Streams sind für Tablets typisch, drei Streams bei Notebooks im Einsatz. Mehr, aber auch weniger kann je nach Gerätetyp durchaus üblich sein.
Da ist schon ein 4-Stream-Access-Point interessant. Per MU-MIMO können beispielsweise zwei 1x1-Smartphones und ein 2x2-Tablet versorgt werden, ohne sich gegenseitig zu behindern. Selbst wenn nicht alle Geräte MU-MIMO können: Eine Gruppierung von SU-MIMO (Single User) und MU-MIMO ist prinzipiell möglich, denn der Router kann die Geräteart erkennen. In dem Beispiel könnte beispielsweise das Tablet ein SU-MIMO-Gerät sein. Der Router würde zwei der Streams dann den Smartphones zuweisen.
Wo sind die MU-MIMO-Geräte?
Doch MU-MIMO existiert derzeit überwiegend nur auf dem Papier. Nachfragen bei Routerherstellern zu Referenzgeräten werden üblicherweise nicht beantwortet. Nur Qualcomm konnte einige wenige Smartphones nennen, die MU-MIMO beherrschen, allerdings überwiegend Geräte für den südostasiatischen Markt: Geräte von Xiaomi, ZTE, LeTV, Sharp und Fujitsu. Einzig das HTC One M8s ist für den europäischen Markt relevant.
Es ist erstaunlich, dass MU-MIMO zwar überall angesprochen wird, doch Geräte Mangelware sind. Zudem konnte Qualcomm zwei Notebookhersteller nennen, die MU-MIMO in ihre Geräte verbauen: Die hierzulande nicht mehr relevanten Samsung-Neuankündigungen betrifft das genauso wie einzelne Laptops von Acers E-Serie. Für den Kunden ist das allerdings kaum herauszufinden, da selbst die technischen Datenblätter bei diesem Punkt nicht detailliert genug sind.
Es wird langsam voll im 5-GHz-Band
In Grenzen sinnvoll ist zudem die optionale Erhöhung der Kanalbandbreite auf 160 MHz. Es klingt nach einem Horrorszenario, dass dies jemand in der Nachbarschaft mit Dutzenden sichtbaren WLAN-SSIDs nutzt - denn es ist nur Platz für zwei 160-MHz-Kanäle. Ähnlich der Carrier Aggregation bei LTE bieten einige Access Points zudem die Aufteilung der 160 MHz in zwei 80-MHz-Kanäle an. Qualcomm verspricht, dass das für Endkundenhardware problemlos ist. Der Vorteil von insgesamt 160 MHz liegt auf der Hand: Es braucht weniger Antennen und der Durchsatz je Stream wird erhöht. Damit würde ein 1x1-Smartphone satte 867 MBit/s erreichen.
Doch in der Praxis müssen die Kanäle erst einmal kollisionsfrei gefunden werden, auch wenn die 80+80-Aggregierung das erleichtern sollte. Die hohe Dämpfung von 5-GHz-Funknetzen ist dabei schon fast von Vorteil. In einem Bürokomplex könnte der Administrator durchaus in jedem Büro einen Access Point aufhängen. Eventuell lohnt es sich, die Leistung zu drosseln und abwechselnd die Kanäle zu bewegen. Die Verwendung von 160-MHz-Kanälen benötigt dann jedoch eine erhebliche Vorplanung.
Im Privatbereich sehen wir die Verwendung so breiter Kanäle kritisch. Die Praxis muss allerdings zeigen, ob durch die großflächige Verwendung wirklich Probleme entstehen.
Also, was bringt's?
1,733 GBit/s werden voraussichtlich tatsächlich praxisrelevant, nicht jedoch über die volle Datenrate zum Client. Dafür braucht es nämlich in der Regel vier Antennen (4x4:4 bei 80 MHz, 256-QAM), und schon heute haben so manche Notebook-Hersteller Probleme mit der Integration von drei Antennen. Beim Smartphone ist das sogar kaum vorstellbar.
Dank Multi-User-MIMO kann der Router aber während eines Zeitschlitzes mehrere Clients versorgen. Er teilt damit, zumindest im Downstream, die Bandbreite auf, switcht gewissermaßen den Datenverkehr, statt, wie ein simpler Netzwerk-Hub, einfach alles überall hinzuschicken. Zudem können moderne Router Single-User-Clients von Multi-User-Clients trennen. Das heißt, selbst wenn der Nutzer von jedem Gerät nur eines hat: Er profitiert bei gleichzeitiger Datenübertragung. Wir gehen davon aus, dass das in diesem Jahr noch passiert, denn Geräte sind bereits angekündigt worden, wenn auch überwiegend für den chinesischen und japanischen Markt.
160 MHz sind ein Problem im 5-GHz-Band
Ob andere Teile des neuen WLANs relevant werden, lässt sich im Moment nicht sagen. Eine Kanalbandbreite von 160 MHz, sei es aggregiert über zweimal 80 MHz oder auch über komplette 160 MHz, müsste erst einmal Unterstützung finden. Wir wären jedenfalls nicht erfreut, wenn wir in der Nachbarschaft so ein Netz sehen würden - es ist eine negative Entwicklung im 5-GHz-Band, das ursprünglich unheimlich viel Platz bot, zumindest, als eine Kanalbreite von 20 bis 40 MHz die Regel war.
Nun ist ein ac-Gerät auch sehr viel schneller fertig mit seiner Datenübertragung als alte n-Geräte, was letztendlich die Luft entlasten könnte. Doch wo Bandbreite ist, da wird sie auch ausgenutzt. Und wenn in Zukunft alle ihre 4K-Videostreams nicht per Kabel, sondern per WLAN zum Fernseher zu bringen, belastet das das Frequenzband.
Die Modulationsdichte braucht viele Access Points
Andere Techniken wie Broadcoms Modulation 1024-QAM in ac-Netzen alias Nitro-QAM, oder Turbo-QAM in n-Netzen, haben wohl wenig Zukunft und werden allenfalls zufällig unterstützt, wenn der Anwender etwa einen Router und ein Smartphone mit Broadcom-Chip hat. Der Kunde findet in der Regel nicht heraus, mit welcher Modulationsdichte seine Geräte gerade funken. Dafür fehlt es an Transparenz in Datenblättern und auch in den Service-Werkzeugen der Access Points. Negativ sollten sie sich wegen der Abwärtskompatibilität nicht auswirken.
Aber viel Sinn in der Praxis wird die Erhöhung der Modulationsdichte auch nicht ergeben. Mit 1.024 gleichzeitig darstellbaren Zuständen lassen sich natürlich noch mehr Daten zu einem Zeitpunkt übertragen, eine Vervierfachung ist aber nicht zu erwarten. Zudem sind die Anforderungen an die Signalqualität - wie schon bei 256-QAM - erheblich höher. Es braucht damit selbst in einer 3-4-Zimmer-Wohnung mitunter mindestens einen weiteren Access Point, um hohe Modulationsdichten halbwegs zu ermöglichen.
Was bleibt, sind zahlreiche Marketingphrasen. Die Leistung pro Stream ist es, worauf es ankommt. Doch das wird von den Herstellern kaum noch hervorgehoben. Und für Anwender ist es schon eine Herausforderung, die Anzahl der Streams eines Endgeräts herauszufinden.
Der Nutzer kauft, ohne durchzublicken
Die ganze Thematik hat eine Komplexität erreicht, die der reguläre Endanwender kaum verstehen kann. Zu viele Faktoren spielen mit. Doch die meisten Anwender kaufen einen Router und setzen ihn ein. Oder er wird vom Netzbetreiber gestellt. Wenn jetzt die Netzbetreiber auf die Idee kommen, ihre Internetanschlüsse mit superschnellem WLAN zu vermarkten, könnte das irgendwann zu einem Problem werden.
Wer tatsächlich Interesse an schnellem WLAN hat, der sollte angesichts der Preise um die 300 Euro für WLAN-Router derzeit einfach noch warten. Es bringt nichts, sich ein Gerät mit so viel oder gar zu viel Leistung ins Heim oder Büro zu stellen, bei dem zum einen ein Preisverfall zu erwarten ist und für das zum anderen die Gegenstellen noch fehlen. Zudem darf auch nicht die interne Hausverkabelung unterschätzt werden, die so hohe Bandbreiten parallel zu anderem Traffic durchbringen muss. 10GbE ist für den Privatanwender noch lange keine bezahlbare Option, auch wenn SSDs, USB 3.0 und nun auch WLAN-Access-Points Datenraten ermöglichen, die der Anwender nicht mehr komplett durchgeschaltet bekommt.



