Neue VDE-Norm 4105: Balkonkraftwerke als permanente Stromerzeuger
Weil in der Norm VDE AR-N 4105 2026:03 keine Begrenzung der Erzeugungsleistung mehr angegeben ist, könnte jede Privatperson allein durch die Meldung im Marktstammdatenregister(öffnet im neuen Fenster) eine Anlage betreiben, die bis zu 19 Kilowattstunden (kWh) pro Tag einspeisen kann, fast 7.000 kWh im Jahr. Die einzige Bedingung ist, dass der Wechselrichter nicht mehr als 800 Voltampere, gleichbedeutend mit 800 Watt, ins Hausnetz einspeist.
Oder andersherum: An ein simples Balkonkraftwerk lassen sich dank der jüngsten Normanpassung so viele Solarmodule wie gewünscht anschließen, die gleichzeitig noch einen Akkuspeicher aufladen. Mit einem solchen Aufbau könnte der Wechselrichter stets mit voller Leistung einspeisen und einen erheblichen Teil des Eigenverbrauchs übernehmen, solange der sichere Betrieb gewährleistet ist.
Ein paar Vorschriften bleiben jedoch zu beachten. Mehr als 7.000 Watt Leistung sollte die gesamte Anlage nicht überschreiten, weil spätestens dann auch eine intelligente Messeinrichtung nötig wird. Und eine Einspeisesteckdose oder ein fester Anschluss, jeweils gesetzt von einem Elektrofachbetrieb, muss für die Einspeisung genutzt werden.
Gleichmäßige Einspeisung, keine Spitzen mehr
Wobei 7.000 Watt als Spitzenleistung zwar theoretisch möglich sind, praktisch aber Unsinn. Eine so leistungsstarke Anlage würde im Sommer Strom erzeugen, den ein vermutlich riesiger Akkumulator erst im Winter einspeisen könnte. Schuld ist hier die Begrenzung beim Wechselrichter.
Allerdings spielt es laut der Norm keine Rolle, woher die Leistung stammt. Neben Solarzellen könnten das ein kleines Windrad, eine Kraft-Wärme-Kopplung oder ein winziges Wasserkraftwerk sein. Mit Blick auf die Anschaffungskosten dürften jedoch nur Photovoltaik und Stromspeicher in Kombination effektiv zur Senkung der Stromkosten beitragen. Insbesondere Windräder an Gebäuden sind teuer und liefern nur einen Bruchteil der theoretisch möglichen Leistung.
Stromnetzentlastung durch die Hintertür
Damit im Sommer möglichst wenig Strom verschenkt und im Winter noch ein bisschen eingespeist wird, wäre eine Anlagengröße zwischen 4 und 5 Kilowatt sinnvoll. Auch der Stromspeicher sollte in diesem Bereich liegen.
Richtet man die Solarmodule, sofern möglich, in verschiedene Richtungen aus, kann der Wechselrichter an einem sonnigen Tag bis zu 10 Stunden nur aus der direkten Umwandlung der Sonnenenergie einspeisen. Das Leistungsmaximum in der Mitte des Tages würde im Akku für die Abend- und Nachtstunden zwischengespeichert.
Mittelweg finden
Auf diese Weise würden an den besten Tagen mehr als 10 kWh eingespeist, allerdings auch 10 kWh verloren gehen. Zu weniger sonnigen Zeiten wäre das System dagegen gut ausgelastet und selbst im Winter würden sich noch 1 bis 2 kWh erzeugen lassen. Der Stromspeicher hingegen wäre in der dunklen Jahreszeit weitgehend beschäftigungslos.
Ist dagegen ein dynamischer Stromtarif verfügbar, könnte der Akku in den Wintermonaten genutzt werden, um Produktionsspitzen bei der Windkraft abzuschöpfen und diesen Strom selbst zu nutzen. Dann könnte der Speicher vermutlich sogar größer ausfallen.
Die Komplexität der Anlage nimmt so natürlich zu, entsprechend auch die Anschaffungskosten. Mit 4 Kilowatt an PV-Leistung und einem ähnlich großen Akku, der ausschließlich über die Solarzellen geladen wird, könnten grob überschlagen 2.500 kWh im Jahr in das eigene Stromnetz fließen. Aufgrund der geringen Einspeiseleistung ließe sich das meiste davon vermutlich sogar selbst verbrauchen.
Netzstrom bleibt allerdings unverzichtbar. Schon der Wasserkocher überschreitet die begrenzte Einspeiseleistung, die Waschmaschine erst recht. Sämtliche Kleinelektronik, Fernseher und Licht hingegen ließen sich aus selbst erzeugtem Strom betreiben, wenigstens im Sommerhalbjahr.
Forderungen aus der Politik finden sich wieder
Weil sich durch die im Raum stehende Abschaffung der festen Einspeisevergütung für private Solaranlagen die Installation von 10 oder 15 Kilowatt PV-Leistung nur noch selten lohnt, stellt ein übergroßes Balkonkraftwerk eine interessante Alternative dar. Anders als bei großen Anlagen würde der meiste Strom selbst verbraucht und eine weitere Verwertung wäre unnötig.
Die Begrenzung der Netzeinspeisung auf 800 Voltampere würde zudem durch die Hintertür eine Überproduktion in sonnigen Mittagsstunden verhindern. Die Verwendung eines Akkuspeichers würde mittägliche Spitzen puffern und dann freigeben, wenn der Strom tatsächlich benötigt würde. So könnte die Norm zusätzlich zur Netzstabilität beitragen und Diskussionen über Einspeisevergütungen überflüssig machen, auch wenn sie die Verantwortung komplett auf die Verbraucher überträgt.
In Summe bedeutend
Für alle lohnen könnte es sich trotzdem. Nur einmal angenommen, dass drei von vier Haushalten die Möglichkeit hätten, eine solche Anlage mit 4 Kilowatt zu betreiben und 2.500 kWh zu erzeugen. Das ergäbe etwa 75 Terawattstunden Strom pro Jahr, rund ein Siebtel der kompletten Stromerzeugung in Deutschland. Bei 30 Cent je kWh ließen sich 22,5 Milliarden Euro im Jahr sparen, 270 Euro pro Kopf.
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