Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Neue Gebührenpolitik: Das Netz protestiert gegen die "Gema-Lügen"

Die Verwertungsgesellschaft Gema will ihre Gebühren reformieren und große Musikveranstaltungen um ein Vielfaches teurer machen. Im Netz formiert sich Protest.
/ Timo Herzig
379 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Bild: Reuters/Kacper Pempel

Normalerweise postet das Pacha München keine heiklen Inhalte auf seiner Facebook-Fanpage(öffnet im neuen Fenster) . Da wird zum Beispiel ein David-Guetta-Konzert angekündigt. Oder das Party-Programm des nächsten Wochenendes präsentiert. Vergangene Woche allerdings lud die Diskothek(öffnet im neuen Fenster) ein Bild hoch, das sich mit einem ernsthafteren Thema befasst: "Die Gema-Lügen" ist da in fetten Lettern zu lesen, darunter ein "Gebührenvergleich 2012 und 2013" mit für Diskothekenbesitzer alarmierenden Zahlen. Ein großer Dancefloor soll Clubbetreiber demnach 164.865 Euro pro Jahr kosten statt 9.614 - das wäre eine Steigerung um 1.614 Prozent.

Tatsächlich hatte die Gema, die als staatlich anerkannte Treuhänderin die Rechte von Komponisten, Textern und Musikverlegern vertritt, Anfang April erklärt, dass die bisher elf Tarife ab 2013 auf zwei Einordnungen reduziert würden, die "klar, fair und nachvollziehbar und damit überschaubar für den Nutzer" seien. Ausschlaggebend für die Berechnung der Gema-Gebühren sind demnach zwei Faktoren: die Veranstaltungsgröße - berechnet über die Nutzungsfläche - und die Höhe des erhobenen Eintrittsgeldes.

Für den einen notwendige Maßnahme, für den anderen Bedrohung: Clubs und Diskotheken in ganz Deutschland fürchten um ihre Existenz. "Viele Musikveranstaltungen in Gastronomie und Hotellerie werden nach der geplanten Gebührenerhöhung nicht mehr finanzierbar sein" , erklärte Ernst Fischer, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, unlängst. Die Gema missbrauche ihre Monopolstellung.

Auch im Netz formiert sich Protest gegen die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, die im Web 2.0 ungefähr so beliebt ist wie die GEZ und die Schufa. So wurde das Bild des Pacha München über 1.500 Mal geteilt und mehrere hundert Male kommentiert. "Die geplante Gebührenerhöhung wird dazu führen, dass es weniger Veranstaltungen geben wird. Leidtragender wird neben den Disco-Betreibern, neben den Künstlern und DJs, die nicht mehr gebucht werden, das gesamte Nightlife sein" , macht Thomas Kolaric(öffnet im neuen Fenster) seinem Ärger Luft. Ben Ba versucht es mit Sarkasmus(öffnet im neuen Fenster) : "Ich freue mich auf Gema-freie Aufzugmusik in Discos."

Im Rahmen der Onlinepetition Gegen die Tarifreform 2013 - Gema verliert Augenmaß(öffnet im neuen Fenster) , die zurzeit bei Twitter und Facebook die Runde macht, kamen seit Anfang April rund 150.000 Unterschriften zusammen. Die Petition wurde von Vertretern des Aktionsbündnisses Kultur-retten.de(öffnet im neuen Fenster) online gestellt und wird nach Angaben der Initiatoren vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband befürwortet.

Gema bekommt den Hals nicht voll

Veranstalter, Clubbetreiber, Eventagenturen, DJs, Musiker, Tanzschulen, Verbände und Musikliebhaber, die sich für Kultur-retten.de zusammengetan haben, fordern Politik und Aufsichtsgremien auf, die geplanten Gema-Tarife zu verhindern. "Die Tariferhöhung darf den angemessenen Inflationsausgleich in Bezug auf die aktuellen Tarife nicht überschreiten" , schreiben die Aktivisten auf ihrer Homepage. Die neuen Berechnungsgrundlagen der Gema seien unseriös und führten eine Preisgestaltung, bei der es darum gehe, möglichst vielen Menschen den Zugang zu Kulturveranstaltungen zu ermöglichen, "ad absurdum" .

Musikliebhaber und Clubgänger aus dem ganzen Bundesgebiet sind gleicher Meinung. Zigfach haben sie die Onlinepetition nicht nur unterschrieben, sondern auch kommentiert(öffnet im neuen Fenster) : "Durch diese Reform wird die gesamte Geschäftsstruktur der Diskotheken zerstört. Gewinn macht nur die Gema" , ärgert sich ein Unterzeichner. "Die Gema ist genauso wie die GEZ eine Organisation, die den Hals nicht vollkriegen können" , schimpft ein anderer.

Dass nicht nur Diskotheken von der Gebührenerhöhung betroffen wären, verdeutlicht der Besitzer einer Tanzschule: "Viele Tanzschulen werden geschlossen, weil die horrenden Gebühren nicht mehr umgelegt werden können!" Auch er habe sehr zu kämpfen und werde "alles unterstützen, um eine positive Lösung zu finden" .

Die Initiative Fairplay - Gemeinsam gegen GEMAinheiten der Berliner Clubszene ruft derweil in einem Vimeo-Clip(öffnet im neuen Fenster) und bei Facebook(öffnet im neuen Fenster) zu einer zentralen Demonstration in Berlin auf: Am kommenden Montag, dem 25. Juni, soll ab 18 Uhr vor der Kulturbrauerei protestiert werden. Dort findet nach Angaben des Aktionsbündnisses gleichzeitig das Gema-Mitgliederfest statt.

Unterstützung kommt unter anderem von der Piratenpartei, die die Tarife für Clubs und Diskotheken scharf kritisiert hatte. Und wer weiß - vielleicht postet das Pacha bald wieder etwas Ernsthaftes: "Reformpläne aus der Welt" , zum Beispiel.


Relevante Themen