Netzsperren in Handarbeit: So kriegt man die Pornos (nicht) aus dem Netz

Die Meldung, dass Pornografie auf X jetzt offiziell erlaubt ist, muss sich für viele Nutzer der Plattform etwas merkwürdig gelesen haben. Schließlich war das soziale Netzwerk schon von expliziten sexuellen Inhalten überflutet, als es noch Twitter hieß und nicht dem selbsternannten Verteidiger der freien Rede , Elon Musk, gehörte. 42 Prozent der gemeldeten Inhalte sind pornografisch, wie aus der Transparenz-Datenbank der EU(öffnet im neuen Fenster) hervorgeht.
"Die Verbreitung von einfacher Pornografie" (also solcher, die nicht anderweitig illegal ist, weil sie etwa Kindesmissbrauch zeigt) "ist in Deutschland nach wie vor nur im Rahmen von geschlossenen Benutzergruppen für Erwachsene erlaubt" , schreibt uns die Bayrische Landesmedienanstalt (BLM). Sie ist mittlerweile für X zuständig, das Unternehmen wird in Deutschland nur noch von einer Münchener Kanzlei vertreten.
Geschlossene Benutzergruppe heißt, dass Nutzer ihre Volljährigkeit beispielsweise per Personalausweis nachweisen müssten, bevor sie einfache Pornografie sehen dürfen. Die ZDF-Mediathek(öffnet im neuen Fenster) etwa macht das – nicht für Pornografie, selbstverständlich, sondern um ab 16 freigegebene Sendungen schon vor 22 Uhr streamen zu können. Aber was gilt denn nun für Plattformen, die "einfache Pornografie" anbieten?
X-Millionen XXX-Profile auf X
Pornhub führt bisher keine Altersverifikation durch, weshalb die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) bereits 2020 erfolgreich geklagt hat, auch wenn Pornhub eine Umsetzung bislang noch aussitzt . Die Seite der kanadischen Aylo-Gruppe (denen auch Youporn, Brazzers und Mydirtyhobby gehören) ist mit rund zwölf Milliarden Aufrufen im Monat(öffnet im neuen Fenster) eine der meistbesuchten Webseiten der Welt.
Klickt man sich dort durch die Profile der beliebtesten Darstellerinnen und Darsteller wie Sweetie Fox, Alex Adams, Eva Elfie Candy Love, Angela White, Riley Reid, Johnny Sins und so weiter, findet man auf den meisten davon auch einen Link zurück zu ihren Profilen auf sozialen Netzwerken wie X und Instagram.
Während Beiträge auf Instagram aufgrund von Metas prüden Inhaltsregeln nicht über erotische Unterwäschefotos hinausgehen , landen auf X aber Bilder und Videos, die so auch auf Pornhub veröffentlicht werden. Es ist ein Leichtes, explizite Sexvideos zu finden – sogenannte einfache Pornografie, die per se nicht illegal ist, aber Minderjährigen nicht frei zugänglich gemacht werden darf.
Denn das Digital Services Act und sein Vorläufer, die E-Commerce-Richtlinie, verpflichten Plattformanbieter dazu, ein Meldesystem für unerlaubte Inhalte bereitzustellen. Ein solches hat auch X. Um es zu testen, melden wir eines der aktuellen Videos von Sweetie Fox, die dort mehr als eine Millionen Follower hat.
So funktioniert das Meldeverfahren von Inhalten auf X
In einem zwanzigsekündigen Trailer(öffnet im neuen Fenster) bewirbt Sweetie Fox auf X einen Clip, in dem sie im Cosplay von Comicfiguren aus dem DC-Universum auftritt. Mit explizitem Sex besteht das Beispiel den Pornografietest(öffnet im neuen Fenster) von US-Richter Potter Stewart aus den 60ern: "I know it when I see it."
Wir melden den Beitrag an einem Freitag. Bereits am Montag bestätigt uns eine Meldung auf X nach Klick auf den Link: "Post ist nicht verfügbar." "Gemäß geltenden Gesetzen hat X die gemeldeten Inhalte in Germany zurückgezogen" , schreibt die Plattform in einer automatisierten E-Mail.
Ein anderer Clip, den wir in der kommenden Woche melden, ist sogar innerhalb weniger Stunden verschwunden. Offenbar nutzt X ein automatisiertes System. Eine Handvoll Videos lassen sich so in Deutschland verstecken, auch wenn sie aus anderen Ländern noch verfügbar sind, wie ein Test per VPN schnell zeigt.
Inhalte lassen sich ausblenden, Accounts nicht
Bei der stichprobenartigen Suche nach den Namen verschiedener Darstellerinnen und Darsteller stoßen wir auf ein anonymes Profil mit rund 10.000 Followern. Auf diesem werden vollständige und unzensierte Videos gepostet, Spieldauer zwischen 20 Minuten und mehr als einer Stunde.
Vom mutmaßlichen Urheberrechtsverstoß der eigentlich teilweise nur gegen Bezahlung verfügbaren Inhalte einmal abgesehen, ist auch dieser Account ein weiterer Verstoß gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV). Wir melden diesmal nicht nur einen einzelnen Post, sondern gleich das gesamte Profil.
Diese Meldungen laufen, anders als die einzelner Inhalte, ins Leere – auch wenn die gemeldeten Profile teilweise vollständig aus pornografischen Inhalten bestehen: "Wir haben den Fall geprüft und möchten dir mitteilen, dass [der Account] nicht gegen unsere Regel zu sensiblen Medien verstoßen hat."
Nach Xs eigenen Regeln genügt es nämlich, seinen Account als "sensibel" zu markieren und damit nur eingeloggten und volljährigen Nutzern zugänglich zu machen. Die Volljährigkeitsprüfung von X besteht dabei aus der freiwilligen Angabe des Geburtsdatums.
Was bleibt, ist das Melden einzelner Inhalte. Die BLM hat im Jahr 2023 so 40 vorwiegend pornografische Fälle gemeldet, wie uns die Behörde mitteilt – ein aussichtsloser Kampf gegen Windmühlen, wenn man die frei verfügbare Pornografie aus dem deutschen Netz bekommen möchte.
Eigentlich will auch die Pornoindustrie eine Altersverifikation, aber ...
Dass die KJM in Deutschland zwar Pornhub und Co. mit Netzsperren droht, sollten sie der Verpflichtung zu einer Altersverifikation nicht nachkommen, aber X nicht, liegt am feinen Unterschied zwischen Inhalteanbieter und Plattform. X produziert selbst keine pornografischen Inhalte, sondern stellt nur die Plattform für diese bereit.
Für die Altersverifikation sind nach dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag aber die Anbieter von Inhalten verantwortlich. Und die können kaum technische Maßnahmen von den Plattformbetreibern einfordern. X ist zumindest nach dem JMStV mit seiner Lösung vorerst also auf der sicheren Seite.
Pornhub nimmt Netzsperren in Kauf
Während diese Netzsperren in Deutschland noch nicht durchgesetzt wurden, nimmt Pornhub sie in den USA bereits in Kauf, um gegen einige Gesetze zur Verpflichtung von Altersverifikationssystemen zu protestieren. Dabei ist Betreiber Aylo nicht per se gegen solche Systeme, sondern gegen die bisher vorgeschlagene Umsetzung.
"Letztes Jahr war Pornhub in Louisiana eine der wenigen Seiten, die sich an das neue Gesetz [ zur Altersverifikation(öffnet im neuen Fenster) ] gehalten haben" , schreibt uns das Unternehmen. Seitdem sei ihr Traffic in dem US-Bundesstaat um etwa 80 Prozent zurückgegangen. "Diese Leute haben nicht aufgehört, nach Pornos zu suchen." Stattdessen seien sie "in dunklere Ecken des Internets abgewandert, wo die Nutzer nicht nach ihrem Alter gefragt werden, wo das Gesetz nicht befolgt wird, wo die Sicherheit der Nutzer nicht ernst genommen wird und wo die Inhalte oft nicht einmal moderiert werden. In der Praxis haben die Gesetze das Internet für Erwachsene und Kinder nur noch gefährlicher gemacht."
Europas Taskforce arbeitet an einem neuen System
Die Pornhub-Betreiber wollen auf eine gerätebasierte Lösung(öffnet im neuen Fenster) setzen, bei der das Alter auf Betriebssystemebene überprüft wird. Der Ansatz von Aylo erinnert an das umstrittene deutsche Jugendschutzprogramm Jusprog , das Eltern auf Geräten ihrer Kinder installieren können, um Webseiten nach Altersfreigaben zu blockieren. Jusprog ruft dazu von den Anbietern selbst gesetzte Meta-Tags mit der jeweiligen Altersempfehlung ab.
Die EU-Kommission sieht darin das Risiko, dass sich Anbieter aus der Verantwortung stehlen. Seit Jahresanfang gibt es dazu eine Taskforce, die noch in diesem Jahr einen Vorschlag zur technischen Umsetzung eines Altersverifikationssystems vorlegen soll. Dabei soll der Verifikationsprovider nicht erfahren, welche Webseite ein Nutzer aufruft – und diese im Umkehrschluss keine personenbezogenen Daten über ihn erhalten.
Wenn ein solches System tatsächlich vorgestellt und verpflichtend eingeführt wird, dürfte nicht mehr nur Pornhub, sondern auch X darunterfallen. Denn nach dem Digital Services Act ist X eine große Onlineplattform – und muss sich entsprechend an die Vorgaben zum Jugendschutz halten.



