Netzneutralität: IT-Rechtler gegen komplettes Verbot von Spezialdiensten

Die Entscheidung des EU-Parlaments zur Netzneutralität wird von den Providern nicht gerade bejubelt. Der IT-Rechtsexperte Thomas Fetzer sieht im Interview mit Golem.de aber noch genügend Spielraum für Innovationen.

Artikel veröffentlicht am ,
Jura-Professor Thomas Fetzer von der Universität Mannheim
Jura-Professor Thomas Fetzer von der Universität Mannheim (Bild: privat)

Die geplante EU-Verordnung zum digitalen Binnenmarkt garantiert nach Ansicht von IT-Juristen einen ausreichenden Schutz der Netzneutralität. "Die europäische Entscheidung ist im internationalen Kontext gesehen ein sehr weitreichender Schutz", sagte Thomas Fetzer, Professor für Regulierungsrecht an der Universität Mannheim, im Interview mit Golem.de. Es sei extrem wichtig, "dass man ein offenes Internet schützt, zugleich aber auch Raum für neue innovative Dienste lässt". Das Europäische Parlament hatte am Donnerstag überraschend für eine deutlich stärkere Festschreibung der Netzneutralität gestimmt als erwartet. Während die Bundesregierung das Votum begrüßte, äußerte sich die Wirtschaft skeptischer.

Stellenmarkt
  1. Softwareentwickler IoT (m/w/d)
    Bertrandt Ingenieurbüro GmbH München, München
  2. System Engineer - Azure Cloud (m/w/d)
    Interhyp Gruppe, München
Detailsuche

Netzaktivisten befürchten, dass mit der Zulassung sogenannter Spezialdienste der Weg für ein Zwei-Klassen-Internet freigemacht wird. Zahlungskräftige Firmen wie Google, Facebook oder Amazon könnten so die Möglichkeit haben, sich eine "Überholspur" im Internet zu reservieren. Nach Ansicht Fetzers, der im Auftrag der Bundesregierung die rechtlichen Aspekte der Netzneutralität untersucht hat (PDF), ginge ein völliges Verbot von Spezialdiensten jedoch zu weit: "Es ist nötig, dass man Entdeckungsmöglichkeiten offen lässt und Inhalteanbieter und Netzbetreiber, die etwas Neues machen wollen, das machen können. Es muss beides möglich sein."

Spezialdienste erfordern definierte Bandbreite

Der Verordnungsentwurf sieht nun vor, dass Spezialdienste über "logisch getrennte Kapazitäten" und "strenge Zugangskontrolle" verfügen. Sie sollen "durchgehend kontrollierte Qualitätsmerkmale" gewährleisten, aber "als Substitut für den Internetzugangsdienst" weder vermarktet noch genutzt werden können. Fetzer räumte ein, dass diese "logisch getrennte Kapazität" dann zulasten der übrigen Bandbreite gehen würde. "Wenn wir aber davon ausgehen, dass beispielsweise ein Videostreamingdienst wie Netflix eine bestimmte Bandbreite von sieben bis acht MBit/s braucht und bundesweit in einigen Jahren 50 MBit/s zur Verfügung stehen sollen, dann ist schon noch eine Menge Raum." Spezialdienste würden daher nicht zwangsläufig eine Verschlechterung des Internetzugangs herbeiführen. Auch nach Ansicht des Verbands Deutscher Kabelnetzbetreiber (Anga) erfordert die Regelung "ein Vorhalten von Kapazität, die sonstigen Anwendungen nicht zur Verfügung steht".

Für die Kabelnetzbetreiber ist zudem unklar, ob die Netzbetreiber "überhaupt entsprechende Vereinbarungen mit Inhalteanbietern abschließen dürfen". Der Entwurf sieht vor, dass die Spezialdienste lediglich Endnutzern angeboten werden dürfen. Auch Fetzer rechnet derzeit nicht damit, dass nun im großen Stil solche Spezialdienste entwickelt werden. Der Grund: "Anders als in den USA haben wir sehr viel Wettbewerb am Markt für Internetzugangsdienste. In den USA gibt es regelmäßig einen Kabelmonopolisten in bestimmten Gebieten, oder es gibt ein Glasfasernetz. Bei uns gibt es vergleichsweise viele Infrastrukturnetze und dank der Regulierung durch die Bundesnetzagentur Wettbewerb im Netz." Seine Befürchtungen seien im Moment "überschaubar". Zudem sehe die Verordnung vor, dass die Regulierungsbehörde das Verhältnis von Spezialdiensten und normalem Zugang beobachten müsse.

Keine starke Abschwächung zu erwarten

Golem Akademie
  1. Cloud Computing mit Amazon Web Services (AWS): virtueller Drei-Tage-Workshop
    14.–16. Februar 2022, virtuell
  2. Linux-Shellprogrammierung: virtueller Vier-Tage-Workshop
    8.–11. März 2021, Virtuell
Weitere IT-Trainings

Wobei der nun vorgelegte Entwurf noch nicht die endgültige Version der Verordnung darstellt. Die Mitgliedstaaten, die mit Parlament und Kommission über den Text verhandeln müssen, haben sich noch nicht auf eine gemeinsame Position festgelegt. Fetzer erwartet in den kommenden Verhandlungen aber keine starke Schwächung der Netzneutralität: "Ich glaube nicht, dass das im Kern aufgebohrt wird." Der Grundgedanke werde wahrscheinlich beibehalten. "Das 'best effort Internet' wird geschützt, Spezialdienste sind grundsätzlich zulässig", sagte Fetzer. Das Gesetzgebungsverfahren in der EU sei aber "ein wenig erratisch verlaufen", daher seien Prognosen schwierig.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed


Kasabian 04. Apr 2014

Ok Bauchgefühl kann ja auch täuschen. Trotzdem wird dieses durch seine Aussage...

nudel 04. Apr 2014

Der Telekom gehören doch auch die meisten Kabel, 1&1, vodafone, O2 und die anderen...

caldeum 04. Apr 2014

Wieviel Geld ist denn Anbietern von Internetdiensten bisher entgangen, weil der Carrier...

Kasabian 04. Apr 2014

... bei einen neuen Internetanschluss fragen sie ihren Anwalt. WERBUNG: "Versichern Sie...



Aktuell auf der Startseite von Golem.de
Ada & Zangemann
Das IT-Märchen, das wir brauchen

Das frisch erschienen Märchenbuch Ada & Zangemann erklärt, was Software-Freiheit ist. Eine schöne Grundlage, um Kinder - aber auch Erwachsene - an IT-Probleme und das Basteln heranzuführen.
Eine Rezension von Sebastian Grüner

Ada & Zangemann: Das IT-Märchen, das wir brauchen
Artikel
  1. HMD Global: Nokia 9 Pureview bekommt doch kein Android 11
    HMD Global
    Nokia 9 Pureview bekommt doch kein Android 11

    Wer ein Nokia 9 Pureview besitzt, erhält vom Hersteller als Ausgleich beim Kauf eines anderen Nokia-Smartphones einen Rabatt.

  2. TTDSG: Neue Cookie-Regelung in Kraft getreten
    TTDSG
    Neue Cookie-Regelung in Kraft getreten

    Mit jahrelanger Verspätung macht Deutschland die Cookie-Einwilligung zur Pflicht. Die Verordnung zu Einwilligungsdiensten lässt noch auf sich warten.

  3. Prozessoren: Intel lagert zehn Jahre alte Hardware in geheimem Lagerhaus
    Prozessoren
    Intel lagert zehn Jahre alte Hardware in geheimem Lagerhaus

    Tausende ältere CPUs und andere Hardware lagern bei Intel in einem Lagerhaus in Costa Rica. Damit lassen sich Probleme exakt nachstellen.

Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Daily Deals • Last Minute Angebote bei Amazon • Crucial-RAM zu Bestpreisen (u. a. 16GB Kit DDR4-3600 73,99€) • HP 27" FHD 165Hz 199,90€ • Razer Iskur X Gaming-Stuhl 239,99€ • Adventskalender bei MM/Saturn (u. a. Surface Pro 7+ 849€) • Alternate (u. a. Adata 1TB PCIe-4.0-SSD für 129,90€) [Werbung]
    •  /