Abo
  • Services:

Netzneutralität: Autonome Autos brauchen Netz und Mikrochips sind knusprig

Das Zwei-Klassen-Internet sei wichtig für autonomes Fahren, behaupten Politiker wie EU-Digitalkommissar Oettinger und Bundeskanzlerin Merkel immer wieder. Dass die Autoindustrie davon nichts weiß, entlarvt den Unsinn als Propaganda der Telekom-Firmen.

Artikel von veröffentlicht am
Google-Chef Eric Schmidt (l.) und US-Verkehrsminister Anthony Foxx testen ein autonomes Google-Fahrzeug.
Google-Chef Eric Schmidt (l.) und US-Verkehrsminister Anthony Foxx testen ein autonomes Google-Fahrzeug. (Bild: Justin Sullivan/Getty Images)

Der Streit um die Netzneutralität tritt in Europa in die entscheidende Phase. Während sich die US-Regulierungsbehörde FCC strikt gegen ein Zwei-Klassen-Internet ausgesprochen hat, versuchen Telekommunikationsindustrie und Nationalstaaten hier, sogenannte Qualitätsdienste durchzusetzen. Maßgebliche Politiker wie EU-Digitalkommissar Günther Oettinger und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reden daher seit Monaten davon, dass diese digitalen Überholspuren für den Autoverkehr der Zukunft unverzichtbar seien. Merkwürdig nur, dass die Autoindustrie davon nichts weiß. In Ermangelung echter Anwendungsbeispiele soll der Öffentlichkeit ein Bedarf vorgegaukelt werden, den es offenbar nicht gibt. Das sollte sich das EU-Parlament in den anstehenden Verhandlungen nicht bieten lassen.

Stellenmarkt
  1. Schaeffler AG, Herzogenaurach
  2. über HSH+S Management und Personalberatung GmbH, Region Rhein-Neckar, nahe München, Frankfurt, Würzburg

Bezeichnend für das Vorgehen der Politik ist eine Äußerung Merkels vom vergangenen November: "Wer wird einen fahrerlosen Autoverkehr organisieren, wenn er nicht weiß, ob ihm mitten zwischen Frankfurt und Mannheim irgendwann das Datennetz zusammenbricht, weil gerade Millionen von E-Mails Vorrang haben und die Sicherheit der Datenübermittlung nicht gewährleistet ist?" Den Vogel schoss Oettinger Anfang März ab, als er auf einer Veranstaltung des Bundesfinanzministeriums von einer "Verkehrssicherheit in Echtzeit" redete und fragte: "Ist es wichtiger, dass im Auto hinten rechts die sechsjährige Tochter hockt und lädt sich Musik runter, Youtube, hinten links hockt der neunjährige Bengel und macht irgendwelche Games. Ist es wichtiger, dass die beiden in Echtzeit oder der Alte vorne links in Echtzeit hört: Von rechts kommt jemand?"

Oettinger spricht von "Taliban-ähnlichem Thema"

Man gewinnt den Eindruck, dass sich Merkel und Oettinger den künftigen Verkehr so vorstellen, als würden die autonom fahrenden Autos per Mobilfunk über das Internet gesteuert. Eine sehr gruselige Vorstellung, dass autonome Fahrzeuge über das Netz in ihrem Fahrverhalten "in Echtzeit" erfasst und gesteuert werden können und der Fahrer so erfahren soll, ob von rechts ein Auto kommt.

Verkehrssicherheit und einige andere Dienste, forderte Oettinger daher, sollten "von der Netzneutralität, von diesem Taliban-ähnlichen Thema, abweichen dürfen". Denn was die Netzneutralität betreffe, "haben wir gerade in Deutschland Taliban-artige Entwicklungen. Da ist die Netzgemeinde, da sind die Piraten unterwegs, da geht's um perfekte Gleichmacherei", ergänzte der EU-Digitalkommissar und fügte hinzu: "Da heißt es: die böse Industrie."

Die Frage ist nur, welche "böse Industrie" Oettinger hier meint. Die Autoindustrie vermutlich nicht. So teilte BMW auf Anfrage von Golem.de mit: "Wir entwickeln das automatisierte Fahren ohne Abhängigkeiten zum Internet. Wir bevorzugen ein zertifiziertes BMW-Backend mit höchster Zuverlässigkeit und integeren Dateninhalten in unserem Konzept." Fragt man Programmierer aus dem Bereich, ob das Internet tatsächlich für autonomes Fahren wichtig sei, erntet man fassungslose Blicke und Kopfschütteln.

Auch von US-Firmen wie Google war in der Netzneutralitätsdebatte kein Wort zu hören, dass solche Dienste für ihre Autos gebraucht würden. Aus dem Unternehmen erfuhr Golem.de, dass das autonome Auto des Konzerns ebenfalls nicht auf eine Internetverbindung angewiesen ist. Eine Teststrecke in den Niederlanden überträgt zeitkritische Daten an die Fahrzeuge per WLAN über den IEEE-802.11p-Standard, während LTE lediglich genutzt wird, um Messdaten vom Auto an das Verkehrsmanagement zu senden. Auch die Auto-zu-Auto-Kommunikation dürfte eher über WLAN realisiert werden.

EU-Parlament sollte nicht nachgeben

Offensichtlich flüstert die Telekommunikationsbranche der Politik den Unsinn vom internetgelenkten Autoverkehr ins Ohr, um ihre Forderungen nach Qualitätsdiensten durchsetzen zu können. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Oettingers Kritik an der Gleichmacherei sehr nahe an der Warnung der Deutschen Telekom vor einem "staatlich diktierten Einheitsnetz" liegt. Im selben Beitrag pries Telekom-Sprecher Philipp Blank ebenfalls die "automatisierte Verkehrssteuerung" an, "die über das Internet Staus vermeidet".

Das alles klingt sehr verdächtig. Wer solche Anwendungen wie das autonome Fahren vortäuscht und Politiker wie Oettinger sagen lässt: "Es geht um unser Leben!", will offensichtlich seine eigentlichen Motive verbergen. Damit ist der Streit um die Netzneutralität auf dem besten Wege, das Niveau der Debatte um das Leistungsschutzrecht noch zu unterbieten. Nach den "Lügen für das Leistungsschutzrecht" folgen jetzt die Lügen gegen die Netzneutralität. Weder die Telekom-Industrie noch die "Netz-Taliban" wissen, wie sich die Einführung von Qualitätsdiensten auf das Netz auswirken wird.

Der Verdacht, dass es letztlich darum gehen soll, für bereits existierende Dienste den Nutzern und Inhalteanbietern doppelt Geld aus der Tasche zu ziehen, ist leider nicht von der Hand zu weisen. Dass Telekomindustrie und von ihr beeinflusste Politiker mit solchen Beispielen argumentieren, sollte ein deutliches Warnsignal sein. Und eher ein wichtiger Grund für das Europäische Parlament, von seiner Position für die Netzneutralität in den anstehenden Verhandlungen nicht abzuweichen.



Anzeige
Spiele-Angebote
  1. 34,49€
  2. (-62%) 11,50€
  3. (-80%) 10,99€

t0ejammer 30. Mär 2015

Nu macht die gute Dame mal nicht schlechter als sie ist. Sicherlich hat sie von...

Tobias Claren 27. Mär 2015

Der wechselt nach seiner poltischen Karriere zu einem Netzbetreiber. In England nehmen...

justathought 26. Mär 2015

unpassende Politiker werden hochbefördert... Ungeachtet von Kompetenzen. Und je grösser...

Fotobar 26. Mär 2015

Also Kühlschränke mit LCD Display gibt es schon mal :D

Okkarator 26. Mär 2015

Schöne Darstellung! +1


Folgen Sie uns
       


Acer Spin 13 - Fazit

Das Spin 13 von Acer ist ein hochwertig verarbeitetes, gut ausgestattetes Chromebook. Nach dem Test fragen wir uns aber, ob wir wirklich mindestens 900 Euro für ein Notebook mit Chrome OS ausgeben wollen.

Acer Spin 13 - Fazit Video aufrufen
Alienware m15 vs Asus ROG Zephyrus M: Gut gekühlt ist halb gewonnen
Alienware m15 vs Asus ROG Zephyrus M
Gut gekühlt ist halb gewonnen

Wer auf LAN-Partys geht, möchte nicht immer einen Tower schleppen. Ein Gaming-Notebook wie das Alienware m15 und das Asus ROG Zephyrus M tut es auch, oder? Golem.de hat beide ähnlich ausgestatteten Notebooks gegeneinander antreten lassen und festgestellt: Die Kühlung macht den Unterschied.
Ein Test von Oliver Nickel

  1. Alienware m17 Dell packt RTX-Grafikeinheit in sein 17-Zoll-Gaming-Notebook
  2. Interview Alienware "Keiner baut dir einen besseren Gaming-PC als du selbst!"
  3. Dell Alienware M15 wird schlanker und läuft 17 Stunden

Begriffe, Architekturen, Produkte: Große Datenmengen in Echtzeit analysieren
Begriffe, Architekturen, Produkte
Große Datenmengen in Echtzeit analysieren

Wer sich auch nur oberflächlich mit Big-Data und Echtzeit-Analyse beschäftigt, stößt schnell auf Begriffe und Lösungen, die sich nicht sofort erschließen. Warum brauche ich eine Nachrichten-Queue und was unterscheidet Apache Hadoop von Kafka? Welche Rolle spielt das in einer Kappa-Architektur?
Von George Anadiotis


    Elektromobilität: Der Umweltbonus ist gescheitert
    Elektromobilität
    Der Umweltbonus ist gescheitert

    Trotz eines spürbaren Anstiegs zum Jahresbeginn kann man den Umweltbonus als gescheitert bezeichnen. Bislang wurden weniger als 100.000 Elektroautos gefördert. Wenn der Bonus Ende Juni ausläuft, sind noch immer einige Millionen Euro vorhanden. Die Fraktion der Grünen will stattdessen Anreize über die Kfz-Steuer schaffen.
    Eine Analyse von Dirk Kunde

    1. Urteil Lärm-Tempolimits gelten auch für Elektroautos
    2. Elektromobilität Nikola Motors kündigt E-Lkw ohne Brennstoffzelle an
    3. SPNV Ceské dráhy will akkubetriebene Elektrotriebzüge testen

      •  /