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Netzaktivismus: Anonymous braucht ethische Grundlagen

Re:publica 2012
Ob der Aktivismus von Anonymous sinnvoll oder gar ethisch ist, darüber ist auf der Re:publica 2012 diskutiert worden. Die Meinungen waren so unterschiedlich wie die des Kollektivs.
/ Jörg Thoma
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Frank Rieger vom CCC im Interview mit Golem.de über Anonymous (Bild: Daniel Pook/Golem.de)
Frank Rieger vom CCC im Interview mit Golem.de über Anonymous Bild: Daniel Pook/Golem.de

Sind Aktionen wie DDoS-Angriffe von Anonymous gerechtfertigt und basieren sie auf einer gemeinsamen Grundlage? Diese Frage haben Jakob Applebaum, Frank Rieger und Carolin Weidemann auf der Re:publica 2012 diskutiert. Für Applebaum sind DDoS-Angriffe und Server-Hacks auf legitime Ziele vertretbar. Rieger hingegen vertritt die unbedingte freie Kommunikation im Netz. Mit ihren Aktionen gefährdeten sich die Aktivisten von Anonymous unnötig, sagt er. Weidemann vergleicht Anonymous mit der Occupy-Bewegung: Anonymous agiert trotz der losen Struktur oftmals schneller und effektiver.

Frank Rieger vom CCC über Anonymous - Republica 2012
Frank Rieger vom CCC über Anonymous - Republica 2012 (03:37)

Aktivisten von Anonymous wollen anonym bleiben. Das gelinge aber nicht, weil sie kein Vertrauensnetzwerk hätten, kein Web of Trust, sagte Frank Rieger, Sprecher des CCC. Der größte Fehler, den Anonymous bislang begangen habe, sei, sich infiltrieren zu lassen. Außerdem fehle Anonymous eine klare ethische Grundlage, mit der Aktivisten des Kollektivs letztendlich klare Entscheidungen treffen können, ob Aktionen gut oder schlecht sind. Ohne diese Grundlage sei Anonymous als Gruppe zum Scheitern verurteilt. Rieger warnte nochmals, einzelne Aktivisten blieben nicht anonym, nur weil die Gruppe es vielleicht sei.

Gefährlicher Idealismus

Durch ihre Aktionen habe die Gruppe nicht nur eine mediale Wirksamkeit erreicht, sondern längst auch Sicherheitsbehörden auf den Plan gerufen, die die lose und teils unkontrollierte Gruppe leicht unterwandern könnten. Junge Aktivisten, die aus Idealismus handelten, seien sich nicht bewusst, welche Konsequenzen ihr Tun nach sich ziehe, sagte Rieger.

Das bestätigte eine junge ehemalige Anonymous-Aktivistin in einem Gespräch, wie die Journalistin Carolin Weidemann berichtete. Die Aktivistin war wegen der Beteiligung an der Operation Payback festgenommen worden . Weidemann hob auch hervor, dass bei der anonymen Struktur der Netzaktivisten Geschlecht und Herkunft keine Rolle spielt. Laut Weidemann hat Anonymous zwar bereits ein gemeinsames Ziel, nämlich den freien Zugang zum Netz, sie plädiert allerdings ebenfalls für eine klare ethische Grundlage, damit dessen Anonymous-Aktivisten einfacher entscheiden können, welche Aktionen sie unterstützen wollen.

DDoS-Angriffe sind willkürlich

DDoS-Angriffe lehnt Rieger auch im Namen des CCC ab. Er plädiert für die ausnahmslose freie Kommunikation im Netz. Der CCC habe darüber lange diskutiert und sei aus eigener Erfahrung zu dem Schluss gekommen, dass politische Aktionen weitaus sinnvoller seien, etwa wie sie Anonymous in seinen Gründungszeiten gegen Scientology organisierte. DDoS-Angriffe seien willkürlich und träfen oft Unbeteiligte.

Jakob Applebaum, der als Experte für Computersicherheit unter anderem an der Entwicklung des Tor-Netzwerks beteiligt ist, bekräftigte, dass Hacker-Aktionen eine legitime Form des modernen Protests im Netz seien. "Wenn HBGary Rechner ausspioniert, müssen sie damit rechnen, selbst ausspioniert zu werden." Aktivisten hatten Server des US-Sicherheitsunternehmens gehackt, nachdem es HBGary offenbar gelungen war , in die Organisation einzudringen. HBGary-Chef Aaron Barr hatte sich damit gerühmt, die Köpfe von Anonymous enttarnt zu haben.

Jeder könne bei Anonymous mitmachen, das sei der große Vorteil des Kollektivs. Das Kollektiv ermögliche beispielsweise den freien Zugang zu Informationen, etwa wenn wichtige Dokumente von gehackten Servern an die Öffentlichkeit gelangten, sagte Applebaum, der auch Wikileaks unterstützt. Anonymous ermögliche auch Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz Unrecht aufdecken, sich dagegen zu wehren, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.

Demokratisch und gewaltlos

"Im Großen und Ganzen ist Anonymous gut und demokratisch und vor allem gewaltlos" , sagte Applebaum. Es gehe um soziale Veränderungen, die die neue Netzkultur ermögliche und fordere. Dass die FBI-Agenten, die Anonymous unterwandert hatten, auch illegale Taktiken angewendet hätten, würde irgendwann aufgedeckt.

Eine weitere Occupy-Aktivistin, die Weidemann interviewt hat, zog auch einen Vergleich zwischen der Occupy-Bewegung und Anonymous. In der Occupy-Bewegung werde lange und ausführlich in großer Runde oft tagelang über mögliche Aktionen diskutiert. Bei Anonymous würden Aktionen auf Vorschlag einzelner Aktivisten oft nur wenige Minuten später umgesetzt. Die Aktivistin sieht bei Occupy eine größere basisdemokratische Tendenz. Anonymous sei aber oftmals einfach schneller und effektiver.


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