Netzabdeckung: Nutzer meckern über die Funkloch-App
Die seit Ende Oktober verfügbare Smartphoneanwendung Breitbandmessung, mit der das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und die Bundesnetzagentur den Funklöchern Deutschlands auf die Spur kommen wollen, fällt bei einem Großteil der Nutzer durch. In den Appstores von Apple und Google kommt das Programm nur auf 2,2 beziehungsweise 2,3 von fünf möglichen Sternen, was unter Durchschnitt ist. In Tausenden Rezensionen lassen Anwender zudem ihrem Frust und ihrer Enttäuschung über die App freien Lauf.
"Es ist die Installation nicht wert", schreibt etwa Andreas W. Die Anwendung verschleiere das wahre Ausmaß der Funklochrepublik Deutschland. "Leider werden weder Netzqualität noch Netzstärke erfasst", kritisiert er wie viele andere Rezensenten. Auch wenn Telefonate abbrechen, gehe das Programm von einer Netzverfügbarkeit aus.
Die App "meldet an manchen Stellen ein Netz, wenn Telefonieren nicht möglich ist" schreibt Franz B. "Eine Klassifizierung der Empfangsqualität wäre dringend notwendig." Es werde nicht geprüft, ob man mit einem Restchen Verbindungsanzeige tatsächlich noch telefonieren könne, beklagt auch Ali A. Er habe den Verdacht, dass die Aktion letztlich als "Alibi für die Netzbetreiber" dienen werde, "sich weiterhin vor einem ausreichenden Ausbau zu drücken". Der Ansatz sei "realitätsfern und damit unbrauchbar!"
Falsche Aufzeichnung
"Leider werden die Statistiken von dieser App entweder wissentlich oder unwissentlich falsch aufgezeichnet", schreibt Marcus F. "Der Zustand dieser App passt zum Zustand des Mobilfunknetzes in Deutschland", urteilt Felix B. Auch die für eine Messreihe erforderliche Ortung eines Mobilgeräts schlägt den Bewertungen zufolge oft fehl, selbst wenn andere Apps über ausreichende GPS-Koordinaten verfügen. Viele Nutzer monieren zudem, dass die Anwendung häufig abstürze oder den Akku geleert habe und im entscheidenden Moment die Ergebnisse nicht übertragbar gewesen seien.
Christina Hegwein, Referentin Digitale Gesellschaft im BMVI, erklärt in einem Video ihres Hauses(öffnet im neuen Fenster): Die Funkloch-App sei dazu da zu schauen,"wo in Deutschland welche Technologie – also kein Netz, 2G, 3G oder 4G – vorhanden ist". Christoph Sudhues von der Ismaninger Entwicklungsfirma Zafaco ergänzt, es werde unterwegs "in regelmäßigen Abständen immer das Netz gescannt." Es werde registriert, ob an der Geoposition des Nutzers ein Netz vorhanden sei und wenn ja, in welcher Technologie.
Nach dem Stopp einer Messreihe werden die Daten laut Sudhues anonymisiert "zur Breitbandmessung" übertragen, der die App eigentlich dient, und seien auf dem Handy zudem weiterhin in einer tabellarischen Ansicht abrufbar. Ziel der erweiterten Funktionalität der App ist es, ein möglichst genaues Abbild von Lücken in den Mobilfunknetzen der derzeit drei Betreiber zu erstellen und diese anschließend gegebenenfalls mit neuen Antennenstandorten zu beheben. Sobald "genügend Daten" vorliegen, will die Bundesnetzagentur diese in einer detaillierten Karte zusammenfassen und veröffentlichen.
Für Zwischenbilanz zu früh
Nach knapp vier Monaten Einsatzzeit ergibt sich aus den bisher gesammelten Messwerten aber offenbar noch kein rundes Bild. Rund 600.000-mal sei die App heruntergeladen worden, erklärte das BMVI dem Tagesspiegel(öffnet im neuen Fenster). Wie oft sie wieder deinstalliert wurde, ist nicht bekannt. Die Publikation einer Übersicht, in der die Ergebnisse dargestellt werden sollen, ist laut der Bundesnetzagentur für die erste Jahreshälfte geplant. Für eine Zwischenbilanz sei es derzeit noch zu früh.
Gut 44 Millionen "Erfassungspunkte" sollen bisher vorliegen. Über die gesuchten weißen Flecken verrät diese Größe jedoch nichts. Ab einer Geschwindigkeit von über zehn Metern pro Sekunde werde im maximalen Abstand von 50 Metern ein Messpunkt registriert, erläutert das Verkehrsressort. Dies sei etwa während Fahrten mit Auto oder Zug der Fall. Bei einer Geschwindigkeit zwischen 4 und 10 m/s bei einer Radtour erfolge die Erfassung im Abstand von rund 25 Metern. Bei geringeren Geschwindigkeiten eines Fußgängers erfolge die Messung im Abstand von rund 10 Metern.
"Ein Funkloch ist im Sinne der App vorhanden, wenn Ihr Handy keine Verbindung zum Netz Ihres Mobilfunkanbieters aufbauen kann", heißt es weiter im Beipackzettel zu der App. Gegebenenfalls könnten an dieser Stelle andere Nutzer Netz haben. Dies sei teils abhängig von der "vereinbarten Leistung des Mobilfunkvertrages" oder von "technischen Einflussfaktoren" wie zum Beispiel dem verwendeten Mobiltelefon. Die tatsächliche Signalstärke wird zunächst nicht ermittelt, was viele Anwender verärgert.
Bundesnetzagentur bedauert Schwierigkeiten
Wenn es bei Nutzern zu Problemen wie Abstürzen gekommen sei, "bedauern wir das sehr", sagte die Bundesnetzagentur dem Tagesspiegel. Betroffene sollten sich in solchen Fällen melden. Schon gleich nach der Auflage der App hat die Regulierungsbehörde nach eigenen Angaben "wichtige Rückmeldungen seitens der Endkunden erhalten". Man greife diese gerne auf.
Obwohl es sich bei der App um ein Prestigeprojekt von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) handelt, um "Jagd auf die weißen Flecken" im Mobilfunknetz zu machen, prescht die CDU in mehreren Bundesländern mit eigenen einschlägigen Projekten vor. So haben die Christdemokraten in mehreren ostdeutschen Bundesländern Projekte gestartet, mit denen Nutzer über eine interaktive Karte selbst von ihnen ausgemachte Funklöcher eintragen können. Möglich ist es dabei auch, die Betreiber zu benoten sowie eine schlechte Sprachübertragung anzuzeigen oder Punkte, an denen gar kein Telefonieren möglich ist.
In Brandenburg sind während der nicht mehr aktiven Initiative 23.237 Stellen ohne Funkverbindung zusammengekommen(öffnet im neuen Fenster), in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind es bei laufenden Sammlungen derzeit über 13.000(öffnet im neuen Fenster) beziehungsweise knapp 63.000(öffnet im neuen Fenster). Belastbar ermittelt und nachweisbar gemessen sind diese weißen Flecken freilich nicht, zudem dürften viele Dopplungen darunter sein.
Scheuer ist optimistisch
Vincent Kokert, CDU-Fraktionsvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern, spricht trotzdem von einem vielversprechenden Ansatz, um den Druck auf die Netzbetreiber und die Bundespolitik zu erhöhen. Die Zeit reiche nicht aus, um verlässlichere Daten zu sammeln, befand der Christdemokrat gegenüber dem Tagesspiegel. Die App der Netzagentur habe zudem zumindest "einige technische Anlaufschwierigkeiten gehabt". Vereinfacht lasse sich sagen: diese "vermisst den Käse, wir zeigen, wo die Löcher sind."
Scheuer hatte vorige Woche im Bundestagsausschuss Digitale Agenda betont: "Auch im Bereich Mobilfunk wollen wir deutlich schneller vorankommen und dem Ausbau von 4G mehr Schub geben." Die Netzbetreiber seien verpflichtet, bis Ende 2021 99 Prozent der Haushalte an dieses Netz anzuschließen. "Digitalisierung flächendeckend gibt es aber nur mit Sendeanlagen", gab der Minister zu bedenken. "Deswegen habe ich mir eine Liste von den Anbietern erstellen lassen, um herauszufinden, woran genau es beim Ausbau hakt."
Mit der vielfach geforderten lückenlosen LTE-Abdeckung wird es aber auch mit den aktuellen LTE-Zielen nichts: Bei 98 Prozent angeschlossener Haushalte würden nicht mehr als 75 bis 85 Prozent des Gebiets der Republik abgedeckt, schätzten Experten jüngst. Selbst 99 Prozent abgedeckte Heime sind so noch weit von einer Republik ohne Funklöcher entfernt.
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