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Netzwerken als introvertierter CTO: Fürs Networking muss man keine Rampensau sein

Die Techwelt ist voll von Networking-Events, konzipiert von Extrovertierten für Extrovertierte. Was aber, wenn man genau das Gegenteil ist?
Aktualisiert am , veröffentlicht am / Vadim Kravcenko
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Beim Netzwerken darf man auch Ententainer sein. (Bild: Pixabay)
Beim Netzwerken darf man auch Ententainer sein. Bild: Pixabay

Dieser Text ist eine Übersetzung. Das Original des Entwicklers Vadim Kravchenko ist hier zu finden(öffnet im neuen Fenster) .

Da stand ich nun, auf einem trubeligen, von unserem Unternehmen organisierten Tech-Event, und fühlte mich wie ein Fisch auf dem Trockenen. Im Raum lautes Geplauder – auf Schweizerdeutsch. Wer schon mal versucht hat, die Sprache zu verstehen, weiß, dass sie sich anhört, als wären Deutsch, Französisch und eine Prise einer weiteren Sprache in einen Mixer gegeben worden. Ich konzentrierte mich darauf, etwas zu verstehen und gleichzeitig herauszufinden, wie ich auf all diese Leute zugehen konnte, ohne wie ein ausgesetzter Welpe zu wirken. Es war ein Networking-Event, also sollte ich mit allen reden, oder?

Diese Begebenheit war vor fünf Jahren, es war mein erstes Netzwerktreffen in Zürich. Seither hat sich viel verändert, nur das Schweizerdeutsch ist mir fremd geblieben.

Die Techwelt ist ein seltsamer Ort: brillante Köpfe, bahnbrechende Ideen und unzählige Networking-Events. Veranstaltungen, die anscheinend von Extrovertierten für Extrovertierte konzipiert wurden. Es ist, als ob jemand eine Party schmeißt und nur Leute einlädt, die Ananas auf der Pizza lieben. Wer introvertiert ist, will nur eine gute Margherita.

Ich gehöre zu den Typen, die eine Margherita einer Ananaspizza vorziehen. Ich bin der introvertierte CTO, der solche Veranstaltungen immer gefürchtet hat. Oft saß ich in einer Ecke, nippte an meinem Drink und fragte mich, was ich hier eigentlich mache.

Im Lauf der Jahre habe ich aber das eine oder andere gelernt, wobei ich es nicht einmal als lernen bezeichnen würde. Ich habe eine Antwort auf die Frage gefunden: Was mache ich hier?

Ich habe erkannt, dass meine Introvertiertheit keine Schwäche ist, sondern eine andere Art, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Ich muss nicht die lauteste Person im Raum sein; ich muss einfach, nun ja, ich selbst sein: ein echter Mensch, der versucht, andere echte Menschen zu finden und mit ihnen zu sprechen, um zu sehen, ob wir zusammenpassen. Ich muss niemanden beeindrucken, ich muss mich nur für ihn oder sie interessieren – und umgekehrt natürlich.

Wer also ein introvertierter Entwickler, CTO oder einfach jemand ist, dem beim Gedanken ans Netzwerken unwohl wird, der oder die ist hier richtig. Ich werde einige meiner nicht mal eben gelernten Lektionen und meine Gedanken dazu mitteilen. Es ist aber keine Anleitung zum Netzwerken, überhaupt nicht. Ich möchte lediglich erzählen, wie ich einen Weg fand, der zu mir passt. Spoiler: Es ist das Schreiben.

Nicht nur Mauerblümchen

Es gibt kuriose Vorstellungen vom Netzwerken. In jedem Film gibt es den Verkäufertypus – den natürlichen Netzwerker, der Mittelpunkt jeder Veranstaltung ist, auf Schultern klopft, Witze reißt und Visitenkarten verteilt wie Süßigkeiten an Halloween.

Ich bin nicht sicher, ob sich die Zeiten geändert haben oder ob unsere Verkaufszyklen länger geworden sind; jedenfalls ist dieser Typus nicht der einzige erfolgreiche Netzwerker. Glücklicherweise.

Nicht alle Extrovertierten sind Networking-Ninjas und nicht alle Introvertierten sind zitternde Einsiedler, die sich auf der Toilette verstecken. Wirklich: Nicht alle Introvertierten haben soziale Ängste – jene Angst, die einen davon abhalten kann, auf Menschen zuzugehen.

Introvertiertheit bringt eine Reihe von Superkräften mit sich. Tiefgründigkeit? Check. Einfühlungsvermögen?(öffnet im neuen Fenster) Check. Die Fähigkeit zuzuhören ohne zu warten, bis man endlich selbst an der Reihe ist? Auf jeden Fall. All das ermöglicht es, mit Menschen auf einer Ebene in Kontakt zu kommen, von der die Partystimmungskanone nur träumen kann.

Bei einer dieser Tech-Veranstaltungen, bei der alle dauernd herumlaufen, um mit so vielen Leuten wie möglich zu sprechen, traf ich einen anderen Entwickler, wir verstanden uns sofort. Wir unterhielten uns während des ganzen Abends über Technologie und KI und darüber, wie sein Unternehmen und unsere Projekte davon profitieren könnten.

Keine Tagesordnung, kein Verkaufsgespräch, nur zwei Entwickler, die sich über Technik austauschten. Ich fragte mich, ob jede Netzwerkveranstaltung so sein könnte. Am Ende des Abends hatte ich einen Kontakt geknüpft, der bedeutender war als jede Linkedin-Anfrage.

Das Beste daran: Ich fühlte mich nicht ausgelaugt. Ich fühlte mich energiegeladen, denn für mich ging es nicht darum, ein Bad in der Menge zu nehmen, sondern eine echte Verbindung zu einer anderen Person herzustellen, die meine Leidenschaft teilt.

Wer auf einer Veranstaltung ist und das Gefühl hat, nicht netzwerkfähig genug zu sein, sollte bedenken: Beim Netzwerken geht es nicht um Quantität, sondern um Qualität. Es geht nicht darum, wie viele Hände man schüttelt oder wie viele Visitenkarten man verteilt. Selbst wenn man nur mit einer einzigen Person spricht, die sich zu gegebener Zeit an einen erinnert, ist das ein toller Erfolg.

Was ist das Ziel beim Networking?

Für die meisten Menschen ist der Begriff Networking mit dem Sammeln von Visitenkarten, dem Anpreisen des Namens und dem Versuch verbunden, sich bei den richtigen Leuten einzuschmeicheln. Tatsächlich ist dieser Ansatz falsch, da das Ergebnis wahrscheinlich ein Haufen oberflächlicher Verbindungen ist, die auf lange Sicht keine Bedeutung haben.

Es geht darum, echte, sinnvolle Beziehungen aufzubauen. Es geht darum, Kontakte zu Menschen aus verschiedenen Bereichen zu knüpfen, deren Welt zu verstehen und eine gemeinsame Basis zu finden. Und es geht darum, in Kontakt mit Gleichgesinnten zu sein, die einem später vielleicht helfen können. Das Problem ist jedoch, dass man nie weiß, wer diese Person ist.

Der Praktikant von heute könnte der CEO von morgen sein. Es ist somit ratsam, jeden Teilnehmer zu behandeln, als wäre er oder sie CEO.

Und dann ist da noch der Faktor Zeit. Rom wurde nicht an einem Tag gebaut, eine bedeutungsvolle Beziehung auch nicht. Man kann nicht erwarten, dass man jemanden auf einer Veranstaltung trifft und sofort einen besten Freund findet.

Echte Beziehungen brauchen Zeit, sie beruhen auf Vertrauen, gegenseitigem Respekt und gemeinsamen Erfahrungen. Wer auf der Suche nach der magischen Verbindung von einer Veranstaltung zur nächsten eilt, sollte das lassen, zunächst tief durchatmen und langsam einen Kontakt nach dem anderen aufbauen. Wer ein tolles Gespräch mit jemandem hatte, sollte ein weiteres folgen lassen oder es beim Mittagessen fortsetzen.

Networking ist ein Marathon, kein Sprint. Es geht nicht um die schnellen Erfolge, sondern um das ganze Spiel.

Meine Grundprinzipien fürs Netzwerken

Networking ist keine geheimnisvolle Fähigkeit, die der extrovertierten Elite vorbehalten ist. Es geht nicht darum, jeden, den man trifft, um den Finger zu wickeln. Es ist viel einfacher. Folgende Grundsätze versuche ich zu befolgen, ich hoffe, sie sind für die Leser hilfreich.

Andere Menschen willkommen heißen

Fast jeder kennt das Gefühl, wenn man einen Raum betritt und es scheint, als würden alle einen anstarren und alles an einem beurteilen. Furchtbar, oder? Wäre es nicht super, wenn man selbst die Person wäre, die dafür sorgt, dass andere sich wohlfühlen? Die Person, die sagt: "Hey, alles gut, wir alle versuchen nur unser Bestes. Ich geb dir Rückendeckung."

Einfach mal eigene Unsicherheiten beiseite lassen und sich darauf konzentrieren, dass sich andere willkommen fühlen. Es geht nicht um einen selbst, sondern um die anderen. Denn: Jeder hat den tiefen Wunsch, akzeptiert zu werden. Wenn man selbst die Person ist, die diese Akzeptanz anbietet, ist das wie soziale Magie.

Zuerst geben – und dann noch mehr geben

Ich habe ein Buch mit dem Titel Der Go-Giver gelesen, eine faszinierende Lektüre. In dem Buch werden einfache Dinge beschrieben, für mich war das sehr hilfreich. Zum Beispiel der Rat, zuerst etwas zu geben, ohne Hintergedanken, etwas zurückzubekommen, sondern weil man es kann und nicht viel abverlangt.

So mache ich das auch mit meiner Beratung: Der erste Rat ist immer kostenlos. Okay, bei Drogen läuft es manchmal auch so, aber das ist eine andere Geschichte. Ich gebe Tipps, Einblicke und helfe schon bei der ersten Beratung. Warum auch nicht? Selbst, wenn es nicht zu einer Zusammenarbeit kommt – ich habe jemandem geholfen und wir beide sind mit einem guten Gefühl aus dem Treffen gegangen.

Die Lektion? Beim Führen sollte die Grundhaltung eine gebende sein(öffnet im neuen Fenster) . Netzwerken sollte nicht als ein transaktionales Spiel betrachtet werden, bei dem man versucht, etwas zu bekommen, sondern als eines, bei dem man geben kann. Und dann noch mehr geben. Das sorgt nicht nur für gutes Karma, es ist auch effektiv.

Nicht zu viel nachdenken

Introvertierte haben einen Doktortitel im Grübeln. Bevor wir einen Raum betreten, wissen wir, was schiefgehen kann und haben alle Was-wäre-wenn-Szenarien im Kopf durchgespielt.

Aber die Sache ist die: Netzwerken ist nicht wie Programmieren. Es geht um menschliche Interaktion. Also: Bitte kein Drehbuch und keine einstudierten Sätze, am besten ist man authentisch. Und hat Spaß dabei.

Die Menschen können Bullshit schon aus einer Meile Entfernung riechen. Man sollte nicht versuchen jemand zu sein, der man nicht ist. Man sollte die eigenen Macken und Leidenschaften annehmen und eine Haltung haben. Wer das kann, dabei noch lacht und sich nicht zu ernst nimmt, hat es geschafft.

Networking ist nichts anderes als ein schickes Wort für den Aufbau von Beziehungen. Als Introvertierte verfügen wir über einzigartige Fähigkeiten, die diese Beziehungen tief, bedeutsam und dauerhaft machen können.

Meine Überlebensstrategien

Die meisten Entwickler dürften sich bei der Diskussion über Algorithmen wohler fühlen als beim Smalltalk. Deshalb habe ich eine kleine Liste von Funktionen erstellt. Selbst der introvertierteste Programmierer kann mit diesen grundlegenden Funktionen zu einem Netzwerk-Ninja werden – Schritt für Schritt.

Lächeln und Grüßen

Lächeln und Grüßen? Klingt eigentlich einfach, aber viele Leute machen es einfach nicht. Lächeln ist universell. Es ist so etwas wie das "Hallo, Welt!" der menschlichen Interaktion. Es überwindet Barrieren, lockert Spannungen und macht ansprechbar. Ich sage: "Hallo, ich heiße Vadim. Ich entwickle digitale Produkte."

Fragen stellen

Menschen lieben es, über sich zu sprechen. Deswegen sollte man vor allem zuhören und Fragen stellen, wenn man etwas interessant findet. Das ist wie bei der Suche nach einem Fehler im Code: Ist er gefunden, wird der Rest einfach.

Danke sagen

Wenn jemand einen Rat gibt, eine Erkenntnis teilt oder den Tag besser macht, ist es schön, wenn man sich bedankt – und es ernst meint. Keine Schmeicheleien, sondern aufrichtiger Dank. Es ist eine kleine Geste, aber sie hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Gemeinsamkeiten finden

Ich habe am Anfang des Textes ein tolles Gespräch mit einem anderen Entwickler erwähnt. Es ist ein wunderbares Gefühl, gemeinsam von der gleichen obskuren Programmiersprache oder Ähnlichem zu schwärmen.

Das ist die Kraft der Gemeinsamkeit, die Brücke zwischen Fremden und Freunden. Gemeinsame Interessen, Erfahrungen oder gemeinsame Ärgernisse wie ein nerviges Framework, sind die Grundlage für jede echte Verbindung.

Ein Gespräch richtig beenden

Die meisten von uns kennen die Situation: Man ist in einem Gespräch gefangen, es zieht sich in die Länge, man sucht nach einem Ausweg. Man muss keinen Telefonanruf vortäuschen oder sich plötzlich an ein Treffen erinnern, um rauszukommen. Auch hier ist Ehrlichkeit am besten: Danke für das Gespräch, hoffentlich hören wir uns bald wieder – so lässt sich ein Gespräch durchaus angenehm für alle beenden. Kein Drama, keine Verlegenheit.

Nachbereitung

Die Nachbereitung ist eigentlich das wichtigste. Wenn sie nicht klappt, wird alles ein bisschen entwertet, was davor lief. In der Nachbereitung liegt der eigentliche Zauber.

Man sollte darauf achten, nicht zu viel zu schreiben. Man kann sich auf das vorangegangene Gespräch beziehen und die Tür für künftige Interaktionen ist offen – fertig.

TL;DR; der Algorithmus geht wie folgt:

1. Zu einer Veranstaltung gehen.
2. Auf Person i zugehen, Hallo sagen, sich vorstellen.
3. Fragen stellen.
4. Aufmerksam zuhören, Erfahrungen teilen und nach Gemeinsamkeiten forschen.
5. Zurück zu 3., wenn sich das Gespräch gut anfühlt; ansonsten weiter mit 6.
6. Das Gespräch mit Anstand beenden. Zu 2., falls Lust auf weitere Leute, ansonsten weiter mit 7.
7. Essen, die Veranstaltung verlassen.
8. Allen, mit denen man sich gut verstanden hat, eine Mail schreiben.
9. Fehler in dem Algorithmus gern dem Autor melden.

Meine bevorzugte Art des Netzwerkens

Wir leben in einer Welt, in der man Pizza bestellen, ein Date finden und sogar eine Therapie machen kann, ohne die Wohnung verlassen zu müssen. Warum also behandeln wir Networking noch immer wie ein altmodisches Ritual, das nur von Angesicht zu Angesicht funktioniert?

Willkommen in der digitalen Renaissance. Introvertierte können sich nun auch endlich austoben, denn in unserer hypervernetzten Welt geht das Netzwerken mit Schreiben wahnsinnig gut. Es transportiert die eigene Stimme, die eigene Marke und ist die Eintrittskarte zu globalen Kontakten.

Vor einigen Jahren beschloss ich, es mit dem Schreiben zu versuchen. Nicht, weil ich mich für den nächsten Hemingway halte, sondern weil ich etwas zu sagen habe. Ich begann, meine Gedanken, Erfahrungen und mein Fachwissen aufzuschreiben.

Es geschah etwas Magisches: Die Leute fingen an, es zu lesen; sie kommentierten, teilten ihre Meinung und meldeten sich.

Heute sind meine Artikel oft auf der Titelseite von Hacker News zu finden. Die Leute begannen, zu mir zu kommen, ich war überrascht. Offenbar fanden sie Gefallen an dem, was ich schrieb. Einfach so, ohne es zu forcieren, wurde ich zum Netzwerker.

Ich habe einen Newsletter, halte ich mich aber nicht an einen strikten Schreibplan. Ich nehme mir vor, alle zwei Wochen einen Artikel zu schreiben, doch das Leben kommt mir immer wieder dazwischen. Ich schreibe über Themen, die mich interessieren, zum Beispiel Networking für Introvertierte. Vor allem schreibe ich kontinuierlich. Das hat sich ausgezahlt, und zwar gewaltig.

Menschen reden. Wer gute Arbeit leistet(öffnet im neuen Fenster) , wertvolle Einsichten weitergibt und mit Texten Anklang findet, an den wird auch gedacht. Ich wurde vielfach weiterempfohlen. Menschen, mit denen ich in der Vergangenheit gearbeitet hatte, wiesen nun anderen den Weg zu mir.

Das Beste daran: Viele meiner Leser wurden zu meinen Kunden; sie brauchten kein Verkaufsgespräch, sie hatten sich bereits von meiner Weltsicht, meinen Erfahrungen und meiner Authentizität überzeugt. Wenn Menschen sich an mich wenden, haben sie das Gefühl, mich zu kennen. Das ist in gewisser Weise ja auch so.

Wenn Sie an einer Zusammenarbeit interessiert sind, schreiben Sie mir also eine Nachricht(öffnet im neuen Fenster) .

Übersetzung: Jennifer Fraczek, mit Unterstützung von DeepL

Update:

Der Artikel wurde auf seine Aktualität überprüft.


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