Netstalking: Lost Places im Netz aufspüren

Urbexer (kurz für Urban Explorer ) sind Menschen mit einem ganz speziellen Hobby: Ausgerüstet mit festem Schuhwerk, Taschenlampe und Weitwinkelobjektiv gehen sie bei Wind und Wetter – und oft am Rande der Legalität – auf historische Spurensuche. Sie erkunden lange leerstehende Häuser, verfallene Industrieanlagen und vergessenen Bunker und dokumentieren den Verfall. Sie fragen sich: Was hat sich hier abgespielt? Und wieso wurde es vergessen? Dass sie dabei keine eigenen Spuren hinterlassen – Ehrensache! Als Belohnung gibt es eindrucksvolle Fotos.
Im Internet gibt es inzwischen eine ähnliche Bewegung: Statt bei Kälte und Regen durch baufällige Ruinen zu stromern, können sogenannte Netstalker ihr Hobby problemlos ganz hyggelig im Pyjama und mit einer Tasse Tee vom Sofa aus betreiben: Sie suchen im Internet nach Lost Places – Inhalten jenseits des üblichen Mainstream-Drittelmixes aus Suchmaschinentreffer, News-Webseite und Social-Media-Plattform.
Was Netstalker ausmacht
Doch was ist eigentlich ein Netstalker? Keineswegs jemand, der im Internet andere Menschen stalkt. Vielmehr bezieht sich der Begriff auf das Videospiel S.T.A.L.K.E.R (2007), das auf dem düsteren sowjetischen Sci-Fi-Film Stalker basiert, der seinerseits eine Verfilmung des Romans Piknik na obochine (deutscher Titel: Picknick am Wegesrand(öffnet im neuen Fenster) ) ist.
Die Stalker in Buch, Film und Spiel dringen in aufgegebene, schwer zu erreichende und gefährliche Gebiete vor und sammeln Artefakte. Netstalker machen das im Internet, ganz bequem mit einem handelsüblichen Webbrowser wie Safari, Chrome oder Edge.
Ihr Ziel: alte und vergessene Webseiten, noch betriebene Uralt-Webcams, Deep-Web-Datenbanken und andere vergessene Inhalte und Kuriositäten entdecken. Genau wie die Urbexer erforschen und dokumentieren sie, was im Netz vergessen wurde, und bedienen sich zum Aufstöbern sogenannter Osint-Strategien.
Open Source Intelligence, eigentlich ein Geheimdienstbegriff, bezieht sich auf das Auswerten öffentlich zugänglicher Quellen zum Erkenntnisgewinn. Genau wie erfahrene Urbexer nach Firmenschließungen oder Erbstreitigkeiten googeln, nutzen Netstalker das öffentliche Internet für ihre Suche. Besondere Fundstücke werden dokumentiert oder festgehalten.
Viel ist weg, Netstalker versuchen zu retten
Was zunächst nach einem obskuren Hobby für Nerds aussieht, hat durchaus einen soliden Hintergrund: Das moderne Internet gibt es seit fast 35 Jahren und es war längst nicht immer der Google- und ChatGPT-verwaltetete Social-Media- und News-Föderalismus mit angeschlossener KI-Slop-Fabrik von heute.
In den 1990er und 2000er Jahren war das Internet nämlich eher Kleinstaaterei: Unternehmen schalteten eigene Server und Dienste, Privatleute bastelten an Webseiten und Blogs, die zum Teil auf NAS-Systemen oder privaten Servern gehostet wurden. Es war schlicht en vogue, irgendeine Form von Onlinepräsenz zu besitzen.
So manches Forum, so manche Website wurden zu dieser Zeit angelegt – und irgendwann vergessen, genau wie zahllose Webcams und Fileserver, die noch irgendwo am Internet angeschlossen ihren Dienst verrichten.
Wie wird man Netstalker?
Natürlich hat das Sterben der großen und kleinen Free-Hosting-Anbieter wie Angelfire, Geocities , Tripod oder Xoom in den 00er und 10er Jahren enorme Mengen alter Inhalte mit ins digitale Nirwana gerissen. Auch DSGVO und vergleichbare Regulierungen haben ihren Teil dazu beigetragen, dass viele Inhalte inzwischen auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind.
Es muss nicht immer Internet-historisch sein
Es müssen aber nicht zwingend historische Inhalte sein: Das Netz ist auch voll von aktuellem Content, der jedoch versteckt ist, ohne versteckt zu sein: Etwa Youtube-Videos, die vom Algorithmus "verschluckt" oder von Nutzern bewusst oder unbewusst "versteckt" wurden. Oder kuriose Fundstücke bei Google Maps.
Tatsächlich ist ein bekanntes und frühes Beispiel für Netstalking das Projekt 9-Eyes(öffnet im neuen Fenster) des Internet-Künstlers Jon Rafman(öffnet im neuen Fenster) : Die Webseite hält seit 2009 Screenshots kurioser Streetview-Fotos für die Nachwelt fest. Der Name 9-Eyes bezieht sich auf die von Google und anderen Anbietern verwendeten 360-Grad-Kameras.
Übrigens haben Netstalker genau wie die Urbexer einen selbst auferlegten Ehrenkodex und handeln nach ethischen Gesichtspunkten: So wie Urbexer keine Schlösser knacken, keine Gegenstände mitnehmen und keinen Schaden am Fundort anrichten wollen, möchten Netstalker den Eigentümern der Fundstücke nicht schaden.
Niedrigschwelliges Hacking und Cracking als Hilfsmittel sind nicht tabu, allerdings unter der Voraussetzung, dass die gezogenen Inhalte für die Eigentümer nicht gefährlich sind (etwa persönliche Fotos und Zugangsdaten enthalten, die dann archiviert und gegebenenfalls gepostet werden), und dass beim Auffinden von Daten und Inhalten, die potenziell problematisch sind, die Verantwortlichen informiert werden. An dieser Stelle haben Netstalker eine gewisse Überschneidung mit der ethisch geprägten White-Hat-Hackerszene.
Netstalker werden: Tipps für den Einstieg
Doch wie wird man Netstalker? Grundsätzlich können natürlich alle, die einen Computer mit Browser besitzen, mit dem Netstalking beginnen. Wer jedoch einfach googelt oder ChatGPT fragt, wird beim Aufstöbern versteckter oder vergessener Inhalte kaum Erfolg haben: KI und Suchmaschine sind dafür gemacht, möglichst hilfreiche und populäre Ergebnisse zu präsentieren, keine obskuren 30 Jahre alten PDFs im hintersten Winkel eines vergessenen Universitäts-FTP.
Allerdings crawlen Suchmaschinen diese Inhalte dennoch: Google selbst kann beim Start helfen, wenn die Suche per Such-Operator(öffnet im neuen Fenster) eingeschränkt wird: Eine blanke Anfrage ohne besondere Richtung wäre "filetype:pdf site:.edu", die allerlei PDF-Dateien von Webseiten mit .edu-Domain zutage fördert.
Tools für das Aufspüren alter oder vergessener Daten und Inhalte
Ein guter Startpunkt ist natürlich ist immer auch die Wayback-Machine(öffnet im neuen Fenster) von Archive.org: Hier kann zum Beispiel gezielt nach obskuren PDF-Dateien, in Pastebins oder nach dem alten Status Quo einer möglicherweise abgeschalteten Webseite gesucht werden.
Auch Archive.org(öffnet im neuen Fenster) selbst ist für Interessierte ein Startpunkt: Der Crawler holt sich seit Jahrzehnten, was er kriegen kann, und kann dadurch beim Aufstöbern von vergessenen Inhalten helfen. Es gibt auch eine ganze Reihe anderer Webarchive(öffnet im neuen Fenster) , die zum Teil von Universitäten oder Bibliotheken gepflegt werden.
Weitere interessante Einstiegspunkte sind etwa das Osint Framework(öffnet im neuen Fenster) mit seiner Baumstruktur sowie große öffentliche Foren, etwa 4Chan(öffnet im neuen Fenster) oder Reddit(öffnet im neuen Fenster) , in denen sich Netstalker oft austauschen, ihre Fundstücke präsentieren und einander Tipps geben. Altehrwürdige Blogdienste wie Livejournal(öffnet im neuen Fenster) , Tumblr(öffnet im neuen Fenster) und Wordpress(öffnet im neuen Fenster) können ebenfalls ein Startpunkt sein. Wer Russisch spricht, kann sich zudem im derzeit einzigen komplett dem Netstalking gewidmeten Forum Darksearch(öffnet im neuen Fenster) austauschen.
Wer tiefer in die technischen Aspekte des Netstalkings eintauchen möchte, kann sich natürlich auch des ein oder anderen Tools bedienen. So eignet sich etwa das Tool Metagoofil(öffnet im neuen Fenster) der Sicherheits-Distribution Kali(öffnet im neuen Fenster) dazu, gezielt nach Metadaten zu suchen, die zum Beispiel in Office- und PDF-Dokumenten enthalten sein können.
Das in der Basisversion kostenlose Osint-Tool Maltego für Windows, MacOS und Linux(öffnet im neuen Fenster) ist ebenfalls ein hilfreicher Assistent, um nach alten oder vergessenen Inhalten zu suchen. Auch klassische Hacker-Werkzeuge können natürlich zum Einsatz kommen, oft reichen aber die üblichen Netzwerk-Tools in der Kommandozeile oder Online-Anwendungen wie die Subdomain-Suche(öffnet im neuen Fenster) der Pentest-Tools.
Netstalking kann ein cooles Hobby sein
Beim Netstalking geht es in gewisser Weise darum, besondere Daten und Inhalte aufzustöbern und zu sammeln, die andernfalls untergehen würden oder niemals sichtbar wären. Damit tragen die Stalker ihren Teil zur Konservierung des Internets bei. Ganz nebenbei ist Netstalking aber auch – anders als etwa Urbexing – ein schönes Hobby für kalte Winternächte.