Netflix-Doku: Tiefer Blick in den Cyberbunker
Kriminelle Hacker, naive Weltverbesserer oder radikale Internetanarchisten: An der Einschätzung der Cyberbunker-Betreiber von der Mittelmosel in Traben-Trarbach scheiden sich noch immer die Geister. Eine 100-minütige Dokumentation auf Netflix(öffnet im neuen Fenster) versucht nun, dem Phänomen Cyberbunker von seinen Ursprüngen in den 1990er Jahren in den Niederlanden bis zum langwierigen Gerichtsverfahren in Deutschland auf den Grund zu gehen: mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen und umstrittenen Protagonisten.
Nach mehr als einem Jahr Gerichtsprozess in Trier und unzähligen Medienartikeln (g+) gibt es nur noch wenige Aspekte, die der Öffentlichkeit zum Thema Cyberbunker noch nicht bekannt sind. Dennoch ist die Dokumentation sehenswert. Denn sie bündelt wie in einem Brennglas die zahlreichen Perspektiven und Personen, die bei dem Komplex eine Rolle spielen.
Dazu zählen nicht nur die Betreiber wie der inzwischen verurteilte Niederländer Herman Johan Xennt selbst, sondern auch Ermittler wie Generalstaatsanwalt Jörg Angerer, der Betreiber eines Darknet-Marktplatzes, frühere Geschäftspartner, Lokalpolitiker sowie Journalisten, die weltweit zu dem Thema recherchiert haben.
Untergetauchter Kamphuis vor der Kamera
Der größte Coup ist den Filmemachern damit gelungen, den früheren Partner Xennts, den untergetauchten Sven Olaf Kamphuis, vor die Kamera gebracht zu haben. Dieser gehörte nicht zu den Angeklagten in Trier und wurde in dem Verfahren auch nicht als Zeuge befragt. Kamphuis hat nach eigener Aussage im Jahr 2015 maßgeblich die Infrastruktur des Bunkers aufgebaut und für Xennt eine Art Suchmaschine für das Darknet (Onions.es und Cb3rob.org) entwickelt.
Auch Xennt war nach zwei Jahren vergeblicher Anfragen am Ende bereit, vor der Kamera auf vorab eingereichte und von der Gefängnisleitung bewilligte Fragen zu antworten. Mehrere Jahre lang sollen die jungen Filmemacher Max Rainer und Kilian Lieb (beide 29) für die Doku recherchiert haben, berichtet die Lokalzeitung Trierischer Volksfreund(öffnet im neuen Fenster) (Paywall). Produziert wurde die Doku von btf (bildundtonfabrik).
Der Film zeigt anhand von wackligen Videoaufnahmen, wie ein begeisterter Xennt in den 1990er Jahren einem Freund seinen ersten Cyberbunker präsentierte und mit einem Team Gleichgesinnter zu einer Art irdischem Raumschiff ausbaute. Doch zur Tragik seines Lebens gehört wohl, dass er zur Finanzierung seiner visionären und libertären Pläne auf krumme Geschäfte angewiesen war. Der Bunker brannte aus, weil es in einem darin untergebrachten Ecstasy-Labor zu einer Explosion kam. Damals wie heute will Xennt nichts von den illegalen Aktivitäten gewusst haben.

Jahrelange Ermittlungen
Die deutschen Strafverfolger beäugten die Aktivitäten Xennts in Traben-Trarbach seit 2013 von Anfang an kritisch. Denn Kamphuis war 2013 in die Schlagzeilen gekommen, weil er die Server des Schweizer Spamhaus-Projektes mit einer DDoS-Attacke angegriffen hatte. Spamhaus hatte kurz zuvor den Cyberbunker auf seine schwarze Liste von Spamanbietern gesetzt.
Angerer und der Ermittler Tim Henkel schildern ausführlich, wie sie jahrelang versuchten, den Cyberbunker nicht nur vom Netz zu nehmen, sondern auch gegen die dort betriebenen illegalen Seiten vorzugehen. Weder die Observation des Geländes und dessen Bewohnern noch das Abhören von Telefonen und das Mitschneiden des Netzverkehrs lieferten am Ende aber genügend Beweise, um den Angeklagten im Prozess eine Beihilfe nachweisen zu können.
Zwei verdeckte Ermittler eingeschleust
Wie naiv die Cyberbunker-Betreiber teilweise vorgingen, zeigt die Tatsache, dass die Polizei problemlos einen verdeckten Ermittler über das Freiwilligenprogramm einschleusen konnte. Dem vermeintlichen Gärtner gelang es sogar, noch eine weitere Beamtin als Putzfrau in das Team zu holen. Diese hatte Zugang zu sämtlichen Bunkerräumen und konnte die Ermittler unbemerkt mit Fotos versorgen.
Neue Brisanz erhielt der Fall im Jahr 2015, als der irische Mafia-Pate George M. alias Mr. Green an der Mosel auftauchte. Die irische Journalistin Nicola Tallant sagte dazu: "Es ist der letzte Ort auf der Welt, an dem man einen Mafia-Paten erwarten würde." Tallant spürte Mr. Green in Traben-Trarbach auf und präsentierte ihn im November 2015 mit einem Foto auf der Titelseite der Sunday World(öffnet im neuen Fenster). "Der verlorene Pate" lautete die Schlagzeile, weil M. 20 Jahre lang nicht auffindbar gewesen sein soll.
Mehrere Mitarbeiter sagen aus
Der Film geht nicht darauf ein, warum Mr. Green die Nähe von Xennt suchte. Die beiden wollten wohl gemeinsam abhörsichere Mobiltelefone entwickeln. In kriminellen Kreisen gehören diese fast schon zum Standard, wie der Hack von Encrochat, einem Anbieter abgesicherter Android-Smartphones und verschlüsselter Kommunikationsdienste, gezeigt hat.
Mr. Green ist wohl der einzige relevante Beteiligte, der nicht selbst in der Doku zu Wort kommt. Inzwischen ist er wieder untergetaucht. Aus dem Cyberbunker-Team haben der belgische IT-Experte Kevin S. und der ebenfalls verurteilte Bunkermanager Michiel R. ausgiebig Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Die Frage, inwieweit R. tatsächlich nichts von den illegalen Aktivitäten Xennts bemerkt haben soll, kann der Film nicht beantworten. Für Oberstaatsanwalt Angerer ist das jedenfalls nicht glaubwürdig.
Kamphuis hält Kinderpornografie für zulässig
Kein gutes Bild gibt auf jeden Fall Kamphuis ab. Freimütig räumt er ein, kein Problem mit dem Hosten von kinderpornografischem Material zu haben. Das sei vergleichbar mit dem Foto eines Banküberfalls. Zwar sei der Überfall illegal, nicht aber eine Aufnahme davon. Für Kamphuis gelten die staatlichen Regeln und Gesetze nicht. Angerer bezeichnet diese Ansichten als "krank".
Neben vielen Interviews zeigt der Film zahlreiche Originalaufnahmen des Landeskriminalamtes (LKA) Rheinland-Pfalz sowie nachgestellte Szenen, die in anderen Bunkern gedreht wurden. Denn der Cyberbunker selbst ist weiterhin beschlagnahmt. Etwas albern wirken hingegen Aufnahmen mit flackernden roten Straßenlaternen, die das über den Weinbergen von Traben-Trarbach dräuende Unheil andeuten sollen.
Xennt will nach Haftentlassung weitermachen
Die spektakuläre Razzia vom September 2019 mit 650 Beamten nimmt ebenfalls einen gebührenden Raum ein. Die Doku konnte dabei auf die Aufnahmen zurückgreifen, welche die Beamten mit ihren Bodycams bei der ersten Durchsuchung des Bunkers aufzeichneten. Damals lockte der verdeckte Ermittler das ganze Team in eine Gaststätte, während der Bunker nur mit einem Vorhängeschloss abgesichert wurde. Eine Leichtsinnigkeit, die Kamphuis bis heute nicht nachvollziehen kann.
Xennt, der am kommenden Freitag 64 Jahre alt wird, gibt sich in dem Interview in sehr verknitterter Gefängniskleidung kämpferisch: "Ich habe viele Pläne für die Zukunft. Ich weiß, dass es niemanden gibt, der das machen kann oder das machen will, was ich kann. (...) Alles ist schon bereit. Ich muss nur noch raus." Keiner könne ihn davon abhalten, seine Visionen von einer besseren Welt zu verwirklichen.
Wem der alte Nato-Bunker jetzt eigentlich gehört, soll ohnehin noch vor Gericht geklärt werden. Nicht ausgeschlossen, dass es in der Saga um den Cyberbunker noch eine Fortsetzung geben wird.
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